Ich danke Gott und freue mich

Liebe Gemeinde!

Mit den Augen des Herzens sehen und im Glauben erkennen. Das ist eine Sache. Mit den Augen im Kopf, also mit dem Verstand etwas wahrnehmen, das ist offenbar etwa ganz anderes. Zwei Beispiele dafür:

Als in den letzten Jahren die Frauenkirche in Dresden wieder aufgebaut wurde, gab es zunächst Zweifel, Bedenken und kritische Stimmen. „Eigentlich braucht die evangelische Kirche keine so prächtigen Gotteshäuser“, so hieß es von verschiedener Seite. „Um Gottesdienst feiern zu können, brauchen wir Protestanten keine Dome und Kathedralen“. So etwas sagte der Verstand. Aber das Herz und die Augen des Herzens vieler Menschen reagierten ganz anders. Und so überwiegte am Ende die Begeisterung, und ganz sicher können wir uns darüber freuen, dass diese Kirche wieder steht – und dass wir überhaupt so viele schöne Kirchen haben, in denen wir zum Gottesdienst zusammenkommen. Besondere Räume sprechen eben ihre eigene Sprache, sie verkündigen und sie prägen uns Menschen. Und darum können und sollten wir nicht auf sie verzichten.

Was für Gebäude gilt, gilt um so mehr für Menschen und die Art, wie wir sie sehen. Als im vergangenen Jahr der im Münsterland besonders bekannte Bischof und Kardinal von Galen, der in der Zeit des Nationalsozialismus sehr deutlich seine Stimme erhoben hatte, in Rom selig gesprochen wurde, hieß es entsprechend in manchen evangelischen Publikationen: „Wir Evangelischen brauchen keine Seligen und keine Heiligen“. Das sagte der protestantisch-nüchterne Verstand. Und doch können auch wir als Protestanten von Herzen froh und dankbar dafür sein, dass es auch in unseren Reihen immer wieder ganz besondere Menschen gab und gibt, solche, die uns durch ihr Lebenszeugnis Glaubensgewissheit und Hoffnung schenken können. Dietrich Bonhoeffer, dessen 100. Geburtstag wir in diesen Tagen gedenken, ist einer davon. Und weil wir ihn und andere für unseren Glauben brauchen, darum ist es auch gut, seinen Geburtstag würdig zu begehen, ja vielleicht sogar ein wenig zu feiern, und ich denke, wir Evangelische können uns freuen, wenn wir durch das Hauptportal die Westminster Abbey in London betreten und hoch über diesem prächtigen Eingang in einer Reihe mit anderen christlichen Märtyrern des 20. Jahrhunderts auch die Statue Dietrich Bonhoeffers erblicken, die dort seit 1998 steht. Auch ohne heilig oder selig gesprochen worden zu sein, ist er doch jemand, der für unsere Kirche und darüber hinaus von bleibender Bedeutung ist. Auf ihn können wir nicht verzichten. Die Augen des Herzens sagen uns: Er ist mehr als ein bedeutender Theologe des 20. Jahrhunderts. Er hilft uns vielmehr, unseren Glauben heute zu bezeugen und zu leben.

Dass ihr mit den erleuchteten Augen des Herzens erkennen könnt. Darum bittet in unserem Text aus dem Epheserbrief der Apostel für die Gemeinde in Ephesus. Darum bitten auch wir im Grunde genommen in jedem Gottesdienst. Wir bitten um Weite unserer Sichtweise und um Tiefe unseres Glaubens. Mit den Augen des Herzens erkennen – das ist mehr, als mit den beiden Augen, die wir im Kopf haben, optische Reize in uns aufzunehmen. Wenn wir nur sehen, was vor Augen ist, bleiben wir beim Vordergründigen. Im Blick auf Bonhoeffer hieße das: Wir nähmen nur seine biographische Daten wahr, sein Bücher und Schriften, und all die Denkmäler, Schulen, Gemeindehäuser und Kirchen, die seinen Namen tragen. Mit den Augen des Herzens erkennen dagegen heißt, hinter dem berühmt gewordenen Namen einen Menschen zu sehen, der im Leben wie im Sterben auf Jesus Christus vertraute, der dieses Vertrauen weiter gab und selbst hinter Gefängnismauern sehr viel freier und ungebundener war also so mancher, der draußen frei herumlaufen konnte.

Freiheit ist nicht in erster Linie eine Frage des möglichen Aktionsradius’, den ein Mensch hat, sondern der inneren Einstellung, und somit auch des Glaubens. Stationen auf dem Weg zur Freiheit, so heißt bekanntlich einer der großen, wichtigen Texte Dietrich Bonhoeffers, und diese Stationen führen uns nun nicht Schritt für Schritt zu ungeahnten Weiten, Höhenflügen, Möglichkeiten und Erfolgen, sondern, wie wir es in einem seiner ganz bekannten Texte lesen, sehr bescheiden und tiefgründig zugleich von der Zucht über die Tat durch das Leiden hin zum Tod. In ihm aber, so wissen wir, sah Bonhoeffer nicht das Ende, sondern erst den eigentlichen Anfang.

Nachdem ich von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus gehört habe und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke eurer in meinem Gebet. Wir haben diese Worte aus dem Epheserbrief eben gehört, sie stammen vom Apostel Paulus oder wurden von einem seiner Schüler in seinem Namen und in seinem Geist aufgeschrieben. Sie könnten auch von Dietrich Bonhoeffer stammen, der doch aus dem gleichen Geist heraus lebte und schrieb – bis zuletzt. Und wenn wir gerade das, was er aus der Gefängniszelle heraus geschrieben hat, mit den Augen des Herzens lesen, erkennen wir auch, dass hier aus dem Herzen heraus geschrieben wurde. Sicher oft schweren Herzens hat Bonhoeffer dagesessen, umgetrieben von Zweifeln und Ängsten, aber doch als einer, der getragen und gehalten wurde von Hoffnung und überschwänglich großer Kraft, wie sie mit den Worten des Epheserbriefes für die Christen in der Bedrängnis erbeten wird.

Dietrich Bonhoeffer wird von allen, die ihm begegneten, als ein ganz besonderer Mensch geschildert. Und ich selbst bin froh und dankbar darüber, hier in Forest Hill und anderswo noch einer Reihe von Menschen begegnet zu sein, die zu seiner Familie, seinem Freundes- und Schülerkreis und zu seiner Gemeinde gehörten. Wer war Dietrich Bonhoeffer? Einer, der mit nahezu allen Fähigkeiten ausgestattet war, die man sich nur denken kann, von seinen Anlagen her mit allem begabt, und von seiner Herkunft her in allem gefördert. Ein Mann mit klarem, scharfen Verstand, schneller Auffassungsgabe, voller Fröhlichkeit und zugleich fähig zu Ernst und strenger Disziplin, musikalisch, sportlich, weltgewandt, offen, seinen Angehörigen und Freunden ein unvergesslicher und prägender Begleiter, Seelsorger und Lehrer, seinen Gegnern und Bewachern, denen er geistig und moralisch weit überlegen war, ein beeindruckendes und starkes Gegenüber. Das alles war Dietrich Bonhoeffer. Doch: Wer bin ich? So fragt er sich selbst in einem anderen Text. Bin ich wirklich, was andere über mich sagen? Und schließlich, nachdem er in diesem Text seine eigenen Zweifel und Unsicherheiten über sich selbst ausgesprochen hat, die Schlussfolgerung: Dein bin ich, o Gott.

Damit dringt er sich – durch alle Lebens- und Todesangst – zu jener Hoffnung durch, von der auch im Epheserbrief die Rede ist. Worin aber besteht die Hoffnung der Christen? Diese Frage wird man ihm, Dietrich Bonhoeffer, immer wieder gestellt haben. Vor allem hinter den Gefängnismauern. Viele der Antworten, die er gegeben haben wird, kennen wir nicht, sie blieben Gespräch und sie blieben Erinnerung einzelner. Andere seiner Antworten kennen wir. In einer seiner ersten Predigten, die Dietrich Bonhoeffer hier an dieser Stelle, in der alten Kirche in Forest Hill gehalten hat, und zwar zum Bußtag 1933, sagt er im Blick auf das jüngste Gericht:

„Gott will nicht, dass der Mensch sich fürchtet. Auch nicht vor dem letzten Gericht. Sondern er lässt den Menschen das wissen, damit er erkenne, was das Leben ist. Er lässt es heute schon wissen, damit er heute schon ein Leben in Offenheit und im Licht des letzten Gerichtes führe. Er lässt uns wissen – nur darum, damit wir den Weg zu Jesus Christus finden, … damit wir ihm begegnen … und … erkennen, dass wir vor Gott nicht bestehen aus eigner Kraft,… dass er trotz allem nicht unseren Tod, sondern unser Leben will.“

Aus dieser Hoffnung heraus hat Dietrich Bonhoeffer gelebt. Und er hat gerne und intensiv gelebt, das wissen wir. Geboren in großbürgerlichen Verhältnissen, aufgewachsenen in einer hervorragenden, großen Familie, belesen und weit gereist. Wer von seinen Zeitgenossen war schon so viel herumgekommen wie er? Italien, Spanien, die USA, und immer wieder England, dann Skandinavien und die Schweiz gehörten zu den Zielen seiner Reisen. Doch nicht Tourist war er, sondern Suchender und Botschafter zugleich Mit Ozeandampfern und der JU 52 war er unterwegs, anglikanische und katholische Klöster suchte er auf, auf großen Tagungen und in kleinen, verborgenen Zirkeln war er anzutreffen, an Hochschulen wie in Arbeitervierteln wusste er sich zu bewegen und zu verständigen. Das alles gehörte zu seinem Lebensumfeld,. Nichts war ihm fremd, und er verlangte sehr viel von sich selbst und von anderen auch. Und doch – wie hatte er selbst gesagt: „Vor Gott bestehen wir nicht aus eigener Kraft. Es geht darum, den Weg zu Jesus Christus zu finden.“ Und dies eindeutig in der Wendung nach innen und außen zugleich, im Beten und Tun des Gerechten, wie er es einmal schrieb.

Darin, so könnten wir mit den Worten des Epheserbriefes ergänzen, liegt die Macht der Stärke Gottes, die in uns wirksam wird. Darin, dass ein Mensch wie Dietrich Bonhoeffer in allen Bezügen seines Lebens, an allen Stationen seiner nur 39 Jahre, und mit all seinem Verstand und seiner inneren Kraft daran festhielt, dass Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Bonhoeffers theologischen Gedanken verlangen viel von denen, die sich mit ihnen beschäftigen, sie führen so manchen auf eine Gratwanderung zwischen Widerspruch und Nachfolge, zwischen Widerstand und Ergebung. In seinen ganz persönlichen Glaubenszeugnisse in Briefen, Gedichten und anderen Texten kommt und bleibt er uns aber auf jeden Fall ganz nah.

Dass sich in der Nachkriegszeit in der evangelischen Kirche und der protestantischen Theologie die Geister an Dietrich Bonhoeffer schieden, das, so könnte man sagen, hat er posthum überlebt. Die Kirchen übergreifende, ökumenische Weite seines ganzen Lebens, seines Denkens und Glaubens hat mittlerweile alles Enge und Engstirnige überwunden und hilft uns, den Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Wir müssen sicher immer wieder neue Antworten finden, wir müssen selbst Rechenschaft geben über die Hoffnung, die uns trägt, und über die Ziele, die wir haben. Wir können dabei nicht immer nur das wiederholen, was Bonhoeffer gesagt hat, wir müssen eigene Worte finden, aber wir können von ihm lernen. Und dabei können wir uns immer wieder stärken lassen von all dem Wichtigen und dem Schönen, was er uns schriftlich hinterlassen hat, und wir können uns Mut machen lassen von dem Geist und der Kraft, die sein Leben geprägt haben – vom Anfang bis zum Ende – und die ausstrahlen bis heute. Seine Gedanken helfen uns, eigene Auseinandersetzungen, Krisen und Tiefen des Lebens nicht irgendwie zu überwinden, sondern mutig und bewusst zu durchleben, ja zu gestalten und zu meistern. Mit Gottes Hilfe.

Vor nun genau einhundert Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer geboren. Sein Leben und Werk stehen uns in diesen Tagen besonders deutlich vor Augen. Nicht nur verstandesmäßig sollten wir aufnehmen und mitnehmen, was er uns hinterlassen hat, sondern vor allem mit den Augen des Herzens, mit den Augen des Glaubens wollen wir das tun. So können wir in diesen Tagen voller Dankbarkeit seiner gedenken, uns an ihn erinnern, das heißt, in unser Inneres aufnehmen, in unser Leben aufnehmen, was er für uns bedeutet, was uns Gott durch einen Menschen wie ihn hat sagen lassen.

Erinnern wir uns zum Schluss mit Dietrich Bonhoeffers eigenen Worten, die wir im Rückblick auf sein eigenes Leben und seinen Tod beziehen können: Er hat einmal geschrieben: Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Also: Danken wir Gott dem Herrn für dieses kostbare Geschenk, den Menschen Dietrich Bonhoeffer, den mutigen und glaubwürdigen Zeugen Jesu Christi.

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