Warum glauben Menschen?

„Warum glaubt der Mensch?“ fragt die Januarausgabe der Zeitschrift GEO nicht zum ersten Mal. Hilft Religiosität über Vergänglichkeit hinweg? Macht Sie gesünder? oder: gibt es ein Gottes Gen?

Ich glaube hinter diesen Fragen steckt nicht nur das Staunen darüber, dass die Religiosität allen Prophezeiungen zum Trotz immer noch nicht ausgestorben ist, wir vielmehr eine Rückkehr des Religiösen beobachten können (so W.Huber). Es ist auch der alte Wunsch zu begreifen, warum wir Menschen ohne dieses Phänomen „Gott“ nicht so recht auskommen, warum Menschen dort, wo sie „Gott“ nicht mehr zu sagen wagen, nach Ersatzlösungen und Ersatzritualen suchen, die ihrem Leben Sinn und Struktur, Halt und Richtung geben.

Die pseudoreligiöse Ritualisierung gerade der sog. sozialistischen Gesellschaft ist schon ein Phänomen! Warum also glaubt der Mensch, oder noch viel konkreter gefragt: warum haben sie sich heute morgen entschlossen, den Sonntagvormittag mit einem Gottesdienst zu begehen, obwohl es kalt und glatt ist und so viele mit ihrer Zeit anderes, vermeintlich Besseres anfangen können?

Die Autoren der GEO sind keine Theologen, ob sie Christen sind, verraten sie nicht, sie wollen ja sauberen und unabhängigen Journalismus bieten und haben deshalb ihre eigenen Antworten: „Der moderne Mensch glaubt, weil er sich mit wissenschaftlichen Erklärungen das Leben nicht erklären kann.“

Wohl wahr – die Wunder des Lebens auf wissenschaftliche Kausalzusammenhänge, biochemische Vorgänge und Zufallsprinzip zu reduzieren, hinterlässt eine merkwürdige Leere. Das Staunen kommt zu kurz, das Staunen, das in unserer Welt nicht nur etwas Gegenständliches zu Gebrauchendes sieht, sondern Schöpfungswerk, Abbild der Kreativität Gottes: Kommt her und seht an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern (Psalm 66,5)

„Der Mensch glaubt, weil er spüren will“ sagen die Autoren und erklären unser Jahrhundert zu einem spirituellen und metaphysischen auf der Suche nach der Erfahrung, was unsere Welt zusammenhält. „Der Mensch glaubt, weil er auffahren will“, weil er sich befreien möchte von der Angst überflüssig und zufällig zu sein. Ja es tut gut aus dem Munde Jesu zu hören: Freut euch, das eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Es tut gut, den Propheten Jesaja beim Wort zu nehmen: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen , du bist mein!“ (Jesaja 43,1). Und es werden noch viele andere Antworten gegeben. „Der Mensch glaubt, weil er gemeint sein will. Der Mensch glaubt, weil er gesehen werden will. Der Mensch glaubt, weil er hoffen und vertrauen will.“ – und der Mensch glaubt „weil Gott im Scheitellappen wohnt.“

Manche Antworten gefallen mir, manche Antworten befremden mich. Gott als neuropsychologische Funktion, Glaube als genetische Bestimmung – das passt nicht damit zusammen, dass mir Gott immer wieder als der Fremde, der Unbegreifliche, der Große gegenübertritt und sich meinem Denken und Fühlen entzieht. Und außerdem: wenn Glaube unsere genetische Bestimmung ist, warum haben sich dann so viele entfremdet?

Biblisch sind die Antworten unvollständig, das macht mir gerade der uns aufgegebene Abschnitt aus dem Epheserbrief deutlich. Glaube ist vor allem Grund zur Dankbarkeit und zum Staunen. Der Überlieferung nach ist es Paulus, der an die Christen in Ephesus schreibt und voller Freude über all das ist, was ihm zu Ohren gekommen ist. Die Menschen sind beseelt von einem tiefen Vertrauen zu Jesus Christus, sie haben ihr altes Leben mit all den alten heidnischen Göttern und deren Verehrung hinter sich gelassen. Sie haben sich taufen lassen, sie fallen auf in ihrer Umgebung mit ihrem Glauben und ihrem Gottesdienst und sie zeigen eine unglaubliche Verbundenheit untereinander. Das ist mehr als nur das Zusammenhalten einer eingeschworenen Gemeinschaft, die sonst im Pluralismus der Gesellschaft in Ephesus untergeht, die ihre Identität als Minderheit wahren muss. Das ist Liebe – sagt unser Predigttext, – ist unlösbar verbunden mit der Erfahrung, dass wir zuallererst von Gott geliebte Wesen sind. Das ist eine Verbundenheit, die über die Familie, die Sippe, die Nationalität, die alten Religionsgrenzen hinausgeht. Es ist eine Liebe, die aus dem Vertrauen auf Jesus Christus entspringt, in dem alle trennenden Unterschiede hinfällig werden.

Sicher ist unser Weg zum Glauben ein anderer. Nur die wenigstens haben einen Wendepunkt in ihrem Leben, an dem sie Altes im Augenblick der Entscheidung hinter sich lassen mussten. Die meisten sind hineingewachsen in den Glauben der Väter und Mütter, erinnern sich an das Vertrauen, dass die Eltern oder Großeltern vorgelebt haben, ohne das dazu ein Damaskuserlebnis nötig gewesen wäre. Und sie haben sich diesen Erfahrungen, die schon unsere Vorfahren getragen haben, angeschlossen. Aber das ist nicht minder Grund zur Freude. Im Allgemeinen ist allerdings unser Grundton eher nüchtern und pessimistisch. Warum aber?

Paulus und all die anderen engagierten, manchmal auch besorgten oder nachdenklich gestimmten Briefeschreiber beginnen immer mit einem Dank für den Reichtum und Glauben und Gaben, den sie in den Gemeinden finden. Auch wir sind reich!

Auch wir haben allen Grund zu danken und Gott zu loben. Gottes Kraft ist auch an uns groß. Unter uns entdecke ich soviel Bereitschaft Lasten und Aufgaben zu begleiten und mitzutragen, dass mir eigentlich der Mund übergehen müsste. Ich erlebe wie Menschen aus ihrem Glauben den Mut fassen, neue Aufgaben anzupacken, schwierige Situationen zu meistern, mit Schicksalsschlägen zu leben, ohne zu verzweifeln. „Wie überschwänglich groß ist seine Kraft an uns, mit der er in Christus gewirkt hat. Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel.“

Wir können dieser Kraft also noch viel mehr zutrauen, als wir dies im Alltag normalerweise tun, wo wir glauben immer alles alleine bewältigen und meistern zu müssen. Nein, gerade dies müssen wir nicht tun! Vor allem müssen wir nicht allein die Sorge dafür tragen, dass der Glaube unter uns nicht aufhört. Das ist ja unsere größte Sorge. Wir beklagen den Traditionsabbruch, den Glaubens- und Werteverlust und suchen nach Wegen und Konzepten. Und irgendwie klingt auch bei dieser Suche immer diese eine menschliche Frage durch: warum glaubt der Mensch? Wie komme ich an ihn heran, um ihn zum Glauben zu verführen? Glaubenskurse, Zeltmission, Pro Christ, besondere öffentliche Predigtreihen, Anzeigenkampagnen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Aber wir dürfen uns bei dieser Aufgabe entlasten lassen. Letztlich ist es Gott, der uns zum Glauben verführt, der uns neugierig macht, der uns die Augen öffnet, vor allem die Augen des Herzens, mit denen allein wir sehen können, wie gegenwärtig, wie mächtig, wie nah er uns ist. Gott gibt uns den Geist der Weisheit und der Offenbarung. Gott gibt sich zu erkennen. Gott pflanzt eine unaussprechliche Hoffnung in unsere Herzen, die die Wirklichkeit sprengt und unser Leben in den Raum einer weiten, unvorstellbaren Verheißung stellt: Leben in seiner Ewigkeit.

Nur eines dürfen wir nicht tun – und vielleicht ist das unser größtes Versäumnis in der Vergangenheit und in der Verantwortung für unsere Kinder und unsere Gesellschaft. Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass dies alles von allein geschieht. Sicher verantworten wir nicht den Glauben. Den schenkt Gott mit seinem guten Geist. Er schenkt die erleuchteten Augen des Herzens. Wir aber werden vom Dank und Lob über den Reichtum des Glaubens unter uns zum Gebet um Glauben in dieser Welt geführt.

Diese wunderschönen, überschwänglichen Sätze des Epheserbriefes münden in dem nicht mehr enden wollenden Gebet um Glaube und Erkenntnis unter uns. Es ist so als, ob das Gebet des Apostels Paulus noch immer uns meint und uns trägt, damit unter uns Augen und Herzen geöffnet werden.

Ich bin überzeugt, dass dies unsere vornehmste Aufgabe, unser größter Dienst an dieser Welt ist, einzustimmen in den immer wiederkehrenden Ruf des Apostels : „Ich gedenke eurer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen.“

Warum glauben Menschen? Weil Gott sich vor den Menschen nicht länger verborgen hält, sondern mit seinem Geist unsere Herzen öffnet und weil das Gebet um Glauben in dieser Welt nicht abreißt. Stimmen wir mit ein und beten wir ohne Unterlass. Gott wird sich zeigen und Gottes Kraft wird unter uns mächtig werden, wie sie es im Leben Jesu Christi auch war.

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