Such wer da will ein ander Ziel

Die Gemeinde hat sich zum Gottesdienst versammelt. Irgendwo in Kleinasien auf dem Gebiet der heutigen Türkei ist sie in einem Wohnhaus zusammengekommen, Christinnen und Christen. Wenige werden sie gewesen sein – weniger als wir hier heute morgen. Die junge Kirche ist noch klein vor 1950 Jahren. Das Christentum erscheint den gelehrten Griechen in der Nachbarschaft lächerlich. Ihre Weisehit tausendfach überlegen. Viele Gemeindemitglieder haben Angst. Sie sind verunsichert, ob der neue Glaube wirklich trägt. Was er bringt. Und ob er hält, was er verspricht. Sie sehen die Gefahren, die kommen.

Vielleicht haben sie gerade nachgedacht über die Erinnerung an Jesus. Da sind die Geschichten, die von der Macht seiner Stärke berichten. Einmal, so weiß einer zu erzählen, (und ich habe es vorhin vorgelesen), da war Jesus mit seinen Jüngern im Boot auf dem See unterwegs. Ein großer Windwirbel fegte über das Wasser. Die Wellen schlugen schon in das Boot, so dass es unterzugehen drohte. Und Jesus bedrohte den Wind. Und der Wind legte sich. Und es entstand eine große Stille.

Im Auftreten Jesu zeigt sich die Macht des Heiligen Geistes in ihm. Man kann es doch merken: Im Sturm, der sich legt. In der Angst, die sich zum Vertrauen wendet. In dem Gefühl, nicht allein zu sein. Das ist es, was das Leben "in Christus" ausmacht. Der auferstandene Herr ist da in der Gemeinde, in der Kirche, inmitten der stürmenden und wogenden Welt. Christus ist hier gegenwärtig mit seiner Macht, die "alles in allem erfüllt" (1,23). So wie er den Sturm beruhigt hat, so will er auch diese kleine bedrohte Gemeinde beruhigen – und vielleicht auch uns in unserer Kirche, deren Zukunft so vage erscheint.

Da erhebt sich einer und liest aus einem Brief des Apostels Paulus (oder eines Schülers), der eben angekommen ist, einem Brief, dem man anmerkt, dass er im Gefängnis geschrieben wurde, abstrakt, aber doch voller Nähe:

[TEXT]

Feierlich klingen die Worte, mit denen der Apostel seinen Dank ausspricht: Dank für den Glauben, Dank für die Menschen, die Schwestern und Brüder sind im Glauben. Dank für die Kraft Gottes, die in uns allen wirkt. Wie gesagt: Er schreibt da nicht an eine christliche Vollversammlung, die voller Selbstvertrauen gerade an der Neuauflage der 10 Gebote arbeitet, sondern an eine kleine verängstigte Gemeinde, die ihren Apostel im Gefängnis weiß und sich selbst bedroht fühlt – bedroht im Glauben, bedroht von einer nichtchristlichen Umwelt. Für diese Menschen dankt er. Ich bewundere dieses Souveränität, die dahinter steht. Danken für eine Gemeinde, deren Schwächen ich kenne, an denen ich Anteil habe. Allzu oft spüre ich, wie wenig mir das reicht, was Gemeinde, was Kirche heute leistet. Ich spüre, wie ich viel Anteil habe an dieser Gemeinde des ersten Jahrhunderts und wie viel mir fehlt von der Souveränität, dankbar zu sein für die Menschen, die da zusammensitzen, die schwachen Menschen in kleiner Zahl.

Ich möchte auch so dankbar werden und lernen zu sagen: Danke: ‚Gott sei Dank, dass es Euch gibt.’

Das heißt ja nicht, dass er sich zufrieden zurück lehnen würde. Aber er ist erst einmal dankbar für die Menschen, die zusammen sind, ihre Spannungen überwinden durch die Liebe, von der es heißt, dass sie das Band der Vollkommenheit sei. Er kennt ihre Schwächen und auch ihre Fehler. Er weiß, wie ängstlich sie da sitzen und sagt erst einmal: Danke, dass es Euch gibt!

Danach betet er für die Menschen, nicht, dass sie alle seinem Vorbild nacheifern, sondern dass sie von Christus den Geist der Weisheit verliehen bekommen. Es geht weder um Größe der Gemeinde noch um politischen Einfluss oder Reichtum, sondern allein um den Geist Christi, der in ihr wohnen soll, den Geist der Liebe und Fürsorge.

Und um das Lob einer Gemeinde, die trotz allem Druck ihren Glauben lebt. Diese Gemeinde nennt er Heilige. So wie wir im Glaubensbekenntnis die Gemeinschaft der Heiligen bekennen und damit meinen: Heilige sind alle, die im Glauben leben. Sie sind alle Vorbilder im Glauben. Wir könne sie nehmen als Vorbilder, aber Vorbilder sind Menschen von denen man sich emanzipieren muss. Es reicht nicht seinem Vorbild nachzueifern, sondern man muss seinen eigenen Weg finden, Glauben zu leben.

Wir sind Heilige, zur Hoffnung berufen. Ein reiches Erbe ist uns versprochen, dass sich nicht in Euro ausdrücken lässt. Neues Leben und neue Hoffnung ist uns geschenkt.

Wenn Menschen gefragt werden, was sie von der Kirche erwarten, so antworten mehr, als manche meinen: ‚Dass sie betet’. Das Gebet der Kirche erscheint manchen Menschen wundermächtig. Das Gebet der Kirche oder ihrer professionellen Vertreter: ‚Herr Pfarrer, beten sie am Sonntag für mich.’. Diese Bitte erreicht mich häufiger bei Krankenbesuchen. Die Antwort: beten sie doch selber für sich’, würde dann wohl eher als unverschämte Verweigerung gehört.

Zu Recht, wenn sie nicht einfach nur meinen, der Pfarrer könnte das besser, sondern wenn sie in mir den Bruder rufen, der mit ihnen betet, weil dem gemeinsamen Gebet von Brüder und Schwestern soviel Verheißung innewohnt.

Das Gebet ist nicht nur grundlegendes Strukturelement christlichen Gottesdienstes. Oft ermessen wir gar nicht, was das für Menschen bedeutet, dass wir für sie beten und mit ihnen beten. Oft sehen wir nicht, welche Vollmacht uns damit verliehen ist, dass wir beten dürfen für die Menschen. Oft scheint es nur eine lästige Pflichtübung wenn am Ende eines Gottesdienstes gebetet wird für Menschen. Aber wir haben die Verheißung, dass diese Gebete erhört werden und etwas bewirken. Das ist ein Pfund mit dem wir leben und arbeiten dürfen.

Wir dürfen für die Menschen beten und sie als Geschenk wahrnehmen.

Die Versuche, Sinndeutung zu finden, sind Legion. Für die christliche Gemeinde liegt das Ziel darin, zu beten für die Menschen und ihrer Berufung zur Hoffnung gerecht zu werden: „Such wer da will ein ander Ziel …“

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