Erleuchtete Herzen

In zwei Sätzen, liebe Gemeinde, ist für heute eine ganze Dogmatik verpackt worden. Zwei Sätze, die so lang und verschachtelt sind, dass wir Heutigen sie erst einmal zerlegen müssen in die Hauptbestandteile, über die wir an diesem Sonntag zu reden haben. Dazu hilft uns unser Wochenspruch aus dem 66. Psalm: „Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.“ Denn, liebe Gemeinde, es ist zunächst einmal eine Einladung, die wir heute lesen und hören: „Kommt her, liebe Gemeinde, liebe Gotteskinder und seht, was Gott alles Wunderbares tut!“ heißt es in unserem Predigtwort. Seht euch an und seht die Welt an in all ihren kleinen und großen Wundern und begreift, dass es Gottes Tun und Walten ist, das euch wundersam widerfährt. Im Anschluss an diesen Gottesdienst wird ein Taufgottesdienst stattfinden – vielleicht die schönste Gelegenheit, diese Sätze an seinem eigenen Leben zu erfahren. Etwas Wundersames ist geschehen: ein Kind ist geboren, ein kleiner Mensch, noch völlig angewiesen auf die Fürsorge und Obhut seiner Eltern, aber dennoch schon vollständig, mit eigenem Willen, eigener Persönlichkeit, ja – ich sage sogar – mit einem eigenen Glauben. Und wer schon einmal Kinder hat aufwachsen sehen, sie begleitet und gefördert hat, der weiß diese schönen Seiten auch aus eigener Anschauung. Im Kind erahnt man noch, wie der Mensch eigentlich geschaffen worden ist. Der Verfasser unseres Predigtwortes lädt also ein, sich diese Wunder in seinem eigenen Leben wieder bewusst zu machen: „erkennt, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns!“ Und wie soll das gehen, liebe Gemeinde? Unser Predigtwort gibt dazu eine Vorlage, die Sie alle wahrscheinlich schon viel besser in der Aufnahme durch einen Schriftsteller kennen, als aus dem Original, der Bibel. Der Schriftsteller, den ich meine, Antoine de Saint-Exupéry, hat es in seinem bekanntesten Buch, „Der kleine Prinz“ den Fuchs so formulieren lassen: „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.“

„Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.“ – so sagt es unser Predigtwort. Mit dem Herzen also darf man diese Wunder Gottes in unserem Leben erkennen. Das ist das Geheimnis: mit den erleuchteten Augen des Herzens in unsere Welt, die uns umgibt blicken. Denn das Wesentliche ist unsichtbar – darüber haben wir ja bereits am zweiten Sonntag nach Epiphanias aus unserem Predigtwort gehört. Wer aber kann denn mit dem Herzen sehen? Ich nehme wieder das Beispiel von vorhin: es kann z.B. die Mutter, die ihr neugeborenes Kind in den Händen hält – in aller Regel wird sie es anblicken mit der Liebe, die einer Mutter für ihr Kind geschenkt ist und sie wird in diesem Kind etwas so Schönes und so Vollkommenes erblicken, wie sie es sonst noch nicht gesehen hat. Und die Mutterliebe wird in aller Regel sich ein Stück weit erhalten im Leben dieses Kindes, selbst wenn es erwachsen geworden ist und eigene Wege geht, sieht doch die Mutter in ihrem Kind immer ein bisschen mehr als das, was jedermann von außen her erkennen kann. Und noch ein Beispiel für die Liebenden unter uns: wer einen anderen Menschen liebt, wird ihn ansehen mit diesen erleuchteten Augen des Herzens, die in jenem Menschen vor allem das Gute und Schöne hervorkehren, seine Besonderheiten betonen und das zum Strahlen bringen, was in ihm verborgen ist. Nur deshalb, liebe Gemeinde, weil das Bild der Liebe, wie wir es unter den Menschen kennen und erfahren ein so eindringliches ist und so gut veranschaulichen kann, wie es ist, nicht auf das Äußere, sondern auf das Wesentliche zu blicken – nur deshalb wird auch von Gott gesagt: er ist die Liebe! Ein Bild, liebe Gemeinde, welches helfen kann, mit dem Verstand zu begreifen, was das Herz in sich schon weiß.

So also kann es gehen, die Wunder der Welt und die Wunder für sich selber zu erkennen und sie in Verbindung zu bringen mit dem, der uns alle geschaffen hat und noch erhält. Das bleibt aber kein Selbstzweck – der Autor des Epheserbriefes hält uns nicht dazu an, zu Romantikern zu werden oder in egoistischer Selbstbespiegelung zu versinken. Er lenkt unseren Blick weiter, hin zu den anderen und zu einem höheren Ziel. Das höhere Ziel, das kennen Sie alle. Es soll und darf in uns die Hoffnung wachsen und gewiss werden, die uns seit Christus Jesus durch die Zeit begleitet: nämlich, dass in Christus dereinst die Zeit aufgehoben sein wird. Und, dass der Tod sein eigenes Ende gefunden hat. Die Hoffnung, liebe Gemeinde, die uns auf dem Friedhof zusammen kommen lässt, wenn eine Schwester oder ein Bruder verstorben ist. Die Hoffnung, dass Leid, Gewalt, Schmerz, Ungleichheit und eben der Tod nicht das letzte Wort haben in unserem Leben, sondern dass unser Leben in ein neues Leben, eine neue Schöpfung überführt wird. Und, dass diese neue Schöpfung so gestaltet ist, dass der Abstand zwischen Gott und Menschen, den wir hier immer noch so schmerzlich spüren – dass dieser Abstand aufgehoben wird und wir, um es im biblischen Bild zu sagen: „Gott schauen dürfen von Angesicht zu Angesicht“. Unser Predigtwort verlässt damit die Gegenwart, so wie die meisten Menschen sie wahrnehmen. Es sagt nicht, wenn ihr die Liebe gefunden habt unter den Menschen, dann seid ihr schon vollkommen oder habt alles gefunden, was in der Welt zu finden wäre. Sondern es sagt: wenn ihr gelernt habt, mit dem Herzen zu sehen, mit der Liebe des Herzens, dann habt ihr die gute Chance, die gute Aussicht, dass ihr auch noch sehen könnt wer und was dahinter steht. Dann könnt ihr dem Geheimnis der Schöpfung auf die Spur kommen. Denn diese Hoffnung auf Überwindung aller Ungerechtigkeit und allen Leidens kommt nicht aus der Welt. Das merken Sie allenthalben: es gibt so viel ungezähltes und sinnloses Leid, Schmerzen vor denen wir stehen und uns vergeblich nach einem Sinn fragen. Vergeblich, weil es keinen Sinn gibt, weil es keine Erklärung gibt, weil es nicht verstehbar ist. Das übrigens, liebe Gemeinde, heute ganz am Rande: wenn wir vom Teufel reden, auf Griechisch: diabolos, dem Durcheinanderwerfer, dann ist das damit gemeint: der Sinn ist abhanden gekommen, das Leid ist nicht erklärbar – die Zusammenhänge von Tun und Ergehen sind durcheinander geworfen.

So merken wir: diesen Sinn des Leides können wir nicht herstellen, wir können ihn nicht einmal finden und deswegen kommt auch die Hoffnung auf die Überwindung dieses Leides nicht von innen, nicht aus der Welt – von keinen Parteiprogrammen und von keinen noch so interessanten menschlichen Ideologien. Sondern es ist eine Erfahrung, die von außen in unser Leben kommt und uns einlädt, auf sie zu trauen, auf sie zu hoffen: die Überwindung des Todes und Leidens in Gott-Sohn, in Christus Jesus. Deswegen unser Heiland am Kreuz, deswegen unser Altarbild: der Tod, den wir selbst sehen, von Christus erlitten, damit der Tod ein Ende habe. Diese Hoffnung, dieses Ziel möchte unser Predigtwort uns wieder vor Augen stellen, weil wir Menschen so schnell geneigt sind, sie über unserem eigenen Leid zu vergessen oder hinten an zu stellen. Wer die Hoffnung, die der Glaube bereit hält aber in seinem Herzen tragen darf, der hat der Welt des Leides und der Schmerzen etwas entgegen zu halten. Freilich befreit es ihn nicht von Leid und Schmerz, vielleicht führt es ihn oder sie manchmal nur um so tiefer hinein, aber dieser Mensch wird nicht davon verschlungen, er wird nicht untergehen in der Welt, sondern er wird hindurch getragen werden – er ruht in Gottes Hand, um ein weiteres biblisches Bild zu verwenden.

Und nun das letzte, was wir heute aus unserem Predigtwort herausgreifen wollen. Wer diese Hoffnung für sich halten kann, der ist gerade deswegen befreit von aller Selbstsucht. Er muss nicht an seinem eigenen Leben beweisen, dass er die Gestalt ist, die der Welt widerstehen kann oder besser noch in ihr auftrumpfen kann. Wer diese Hoffnung hält, der wird frei von sich und damit frei für den anderen. Etwas, was die christlichen Gemeinden übrigens auch immer wieder erfahren haben: dass man den Blick auf den anderen werfen kann, dass man Verständnis haben kann für das Leid, in dem er oder sie gerade steckt, für die Sorgen, die ihn oder sie umtreiben, für das alles eben, was jenem Menschen das Leben in der Welt schwer macht. Und dann: auch handeln für diesen Mitmenschen – mit all dem, was auch wir heute noch tun: Zuwendung, Hilfe in Wort und Tat, sich einsetzen für diejenigen, die keine Fürsprecher mehr haben und: im Gebet. Der Autor unseres Predigtwortes macht es uns vor: Fürbitte halten für andere – so wie wir es tun in jedem Gottesdienst: für den anderen beten – so betet er für uns: „ich gedenke eurer in meinem Gebet“.

Das wünsche ich euch, liebe Gemeinde, im Sinne unseres Predigtwortes: dass ihr erleuchtete Herzen bekommt, zu sehen, was eure Hoffnung ist, damit ihr frei werdet aus eurer eigene Sorge und Mut und Kraft bekommt, euren Mitmenschen in dem Blick zu nehmen.

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