Die Begrenztheiten fallen

Ich gebe zu, die Geschichte von Naeman und seiner Sklavin ist für mich eine der faszinierendsten Geschichten der Bibel. Sie erzählt von Menschen und ihren Grenzen, erzählt von Missverständnissen und Verstrickungen, von Erwartungen und enttäuschten Hoffnungen, sie erzählt davon, dass Menschen ihre Grenzen überwinden und wie ein Wunder geschieht, das noch einmal alles verändert. Es ist eine Geschichte über Männer und Frauen und ihre unterschiedlichen Werte. Sie schildert Kontraste ohne das eine gegen das andere auszuspielen. Sie erzählt bekanntes und Vertrautes und sie erzählt Ungewöhnliches in vieler Hinsicht.

Im Norden von Israel leben die Aramäer. Das nachbarschaftliche Verhältnis ist alles andere als gut. Grenzverletzungen sind an der Tagesordnung. Bei einem der Überfälle entführen die Aramäer eine junge Frau. Sie wird Haussklavin der Frau eines hochgestellten Beamten. Abgeschnitten von ihrer Herkunft und ihrer Familie lebt sie in der Fremde tut ihre Pflicht und ergibt sich in das unabwendbare Schicksal. Es könnte schlimmer sein und schließlich ist sie ja noch am Leben. Da tritt eine Situation ein, die im Haus des Naeman einiges aus dem Lot bringt. Naeman, einer Mann der Öffentlichkeit wird krank. Das ist oft nicht so schlimm, es macht nichts aus, wenn ein Mächtiger krank ist, solange niemand es sieht. Aber bei Naeman ist es anders, er ist ein gezeichneter. Seine Krankheit sieht man. Nicht nur die Kammerdiener. Den Symptomen nach ist anzunehmen, dass es sich um eine schlimme Form der Schuppenflechte handelt. Naemann kann sich nicht mehr vor den Leuten sehen lassen. Ärgerlich. Seine Position ist gefährdet. So etwas ist Naeman nicht gewohnt. Es ist durchaus denkbar, dass er sich auflehnt, wütend und aufgebracht durch den Palast stampft. Jeder duckt sich, und hofft, ihm nicht in die Quere zu kommen. Nein, man sollte sagen: jede duckt sich. Aber auch das stimmt so nicht. Sie schauen sich die Sache an, scheinen die Nerven zu behalten, während er wild gegen sein Schicksal anrennt. Vorsichtig, die Form wahrend mit reichlich Diplomatie bringen sie die Sache auf den Weg. Aber wer denkt, damit ist die Sache gelaufen, der kennt Naeman schlecht. Eine Empfehlung von einer Frau annehmen, das ist das eine. Wie die Sache dann durchzuführen ist, das regelt Naeman auf seine Weise und ist dabei mehr als einmal kurz davor alles zu verderben. Statt zum Profeten wie aufgetragen, zieht er mit Pomp und Gefolge vor den Königspalast und beschwört eine Diplomatische Krise herauf. Mit dem Profeten, dessen Hilfe er erbittet, legt er sich an und muss durch seine Diener zur Vernunft gebracht werden. Er kommt mit dem, was da von ihm gefordert ist, nur sehr schlecht zurecht. Armer Naeman. Welterfahren wie er sonst ist, mit allen Wasser gewaschen, nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, zeigt er sich völlig überfordert. All das worauf er bisher gebaut hat und was für ihn gegolten hat, hilft ihm nicht weiter. Doch vorläufig hört er nicht auf dagegen anzurennen und anzukämpfen. Seine Stärke ist verloren, mehr noch, was er für Stärken seiner Person gehalten hatte, erweist sich als wenig nützlich ja hinderlich.

Nun wäre es sicher einfach zu sagen: Seht her, Naeman, wie groß er von sich gedacht hat, und wie tief er herunter muss. Es wäre einfach ihn stellvertretend für andere zu sehen, von denen wir denken, dass sie dabei sind die Welt zu gewinnen und dabei Schaden nehmen an ihrer Seele. Seht hin, so sind sie und das haben sie dann davon. Oder wir könnten uns selbst bezichtigen oder bedauern, unserer falschen Lebensweise, unser Leiden an den Festlegungen, die situationen beklagen, wo wir meinen nicht anders zu können oder nicht aus und ein zu wissen. Könnten feststellen, dass die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau beide Geschlechter in ihren Möglichkeiten einschränkt und beeinträchtigt. Aber was wäre damit gewonnen. Das wissen wir und ahnen wir oft genug auch so.

Weit wichtiger ist die Frage, wie denn dieses Wunder an Naeman zu stande kommt. Dieses Wunder, das auch für uns so nützlich wäre. Das Wunder, dass in all dem und trotz all dem Begegnung und Lebendigkeit möglich sind. Das Wunder, das frei macht und öffnen kann.

Sehen wir uns dazu Naeman an. Als er aus den schlammigen Fluten des Jordan steigt, ist nicht nur der Makel der Krankheit von ihm abgefallen. Er ist ein anderer geworden. Er, der vorher nichts und niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig war, der fast unantastbar über den Dingen stand, fühlt sich mit einem mal verantwortlich, spürt Konflikte, die ihn vorher nicht berührt haben. Er der glaubte, auf nichts und niemanden angewiesen zu sein, zeigt sich bedürftig und tut, was ihm vorher nicht in den Sinn gekommen wäre, er bittet. Er sieht sich bei seinen Amtsfunktionen in der Ausübung des Staatskultes, im Tempel Rimmons und weiß, dass er dort nicht mehr so stehen kann, wie er es bisher getan hat. Erde will er haben aus dem Land, in dem er seine Heilung erfahren hat, damit er auch weit weg dem Gott seiner Rettung nahe sein kann. Er begreift, dass sein Leben und damit auch sein Amt und alles, was er tut, einen Grund hat, von dem er bisher nichts geahnt und den er nicht beachtet hat. Er begreift, dass er nicht aus sich selbst das alles ist und sein kann, sondern darauf angewiesen ist, dass ihm jemand diese Grundlage gewährt.

Worum geht es für uns, wenn der Panzer der Prägungen und Anpassungen, das Gefängnis der Sachzwänge von uns abfallen soll wie von Naeman die Hautschuppen? Wenn wir einander anstatt uns in Konventionen und Funktionen einzumauern frei begegnen wollen, von Mensch zu Mensch. Dannn werden auch wir nicht darum herum kommen, uns in unserer Bedürftigkeit und Blöse zu entdecken. Nicht nur zuzugeben, sondern es zu leben, dass wir aufeinander angewiesen sind, dass einer den anderen braucht. Das Lächeln eines anderen, seinen Witz, seine Ideen, seine Art die Dinge zu sehen. Nicht private Genügsamkeit, sondern geteilte Bedürftigkeit. Ich kann es nicht alleine ich brauche dich, bitte hilf mir. Ich bin nicht ohne den anderen. Ich bin angewiesen, auf ihn als Gegenüber, ich brauche die Begegnung mit dem anderen wie die Luft zum Atmen. Solange jeder sich für den Nabel der Welt hält, wird es keinen Frieden geben, kann einer nicht glücklich sein, wird das Leben verfehlt. Wie wäre das: geteilte Bedürftigkeit, statt private Sicherheit. Wie wäre das, gemeinsames Interesse am Überleben der Menschheit statt Gleichgewicht des Schreckens. Frauen und Männer definieren ihre Rollen neu und schaffen gemeinsam eine überlebensfähige und lebenswerte Welt. Die Generationen lassen ihre Vorurteile bleiben und entdecken, dass sie dasselbe wollen. Die Alten freuen sich am Elan der Jugend und stellen ihre Reife und ihre Gelassenheit zur Verfügung, dass die Zukunft gebaut wird. Eine Utopie, das ist unbestreitbar. Aber auf der anderen Seite erzählt uns die Geschichte von Naeman und seiner israelitischen Sklavin aus dem Feindesland, dass es auch anderes geht. Das Wunder kommt in Gang, als diese einfache Frau, ihr Wissen und ihre religiösen Traditionen, die Kultur ihres Volkes nicht für sich behält, sondern, dem anbietet, der es nötig hat. Nach dem Motto: ich wüsste vielleicht einen Weg.

Überlassen wir also das Wunder nicht dem Zufall. Bringen wir ein ins Leben der Gemeinschaft, was wir haben und was uns Gott anvertraut hat. Gehen wir einen Schritt auf den anderen zu. Es muss nicht gleich die zweite Meile sein. Vielleicht beginnt es mit einem Lächeln, oder einem aufmerksamen Blick auf das, was für den anderen notwendig ist. Dann kann auch bei uns das Leben erblühen und das Wunder geschehen, dass die Begrenztheiten fallen.

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