Weisheit Gottes – Geheimnis des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Ich will heute von der Weisheit Gottes sprechen.

Aber ist Gott denn weise? Eine jiddische Geschichte erzählt folgendes. Schamschel, ein Philosoph mit gutem Herzen, wandert durch sein Dorf. Auf der Wiese sieht er eine Kuh. Sie ist an einen Pflock angebunden und müht sich, loszukommen. Da diesen gläubigen Philosophen alles anregt, um über Gott nachzudenken, sieht er sich die Sache näher an und lässt seinen Gedanken Lauf:

„Sie sagen, Gott ist weise! Nun, ist Gott weise? Wieso ist er weise? Ist es denn weise, eine Kuh zu schaffen, die man mit einem Strick anbinden kann? Was hat die Kuh davon? Sie kränkt sich, sie quält sich, sie müht sich. Warum kann eine Kuh….nicht fliegen wie diese Schwalbe dort? Wäre es nicht besser, Kühe könnten fliegen?“ Indem er so nachsinnt und immer tiefer in Gedanken gerät, fliegt die Schwalbe über ihn hinweg, und aus der Luft fällt ein feuchtes Klümpchen Schamschel gerade auf den Kopf. Da ruft er:“ Allmächtiger, du gibst mir ein Zeichen. Du bist wirklich weise. Gott behüte, dass eine Kuh könnte fliegen wie ein Vogel!“

HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Das weiß auch der Psalmbeter so zu sagen, vielleicht auch ohne die Erfahrung, die Schamschel gemacht hat.

Wenn Paulus im heutigen Predigttext über die Weisheit Gottes ins Schwärmen gerät, dann nicht aus der Freude und dem Staunen über Gottes weise Ordnung der Schöpfung. Paulus dringt zu einer tieferen Weisheit Gottes vor, einer Weisheit, die über die menschliche Weisheit der Vernunft weit hinausgeht. Eine Weisheit, die über die menschliche Vernunft hinausgeht hat es schwer in der Welt. Das war damals so in einer Umwelt, die von der griechischen Philosophie geprägt war, und das ist heut e immer noch so, da die Menschen ihrem Denken mehr vertrauen, als ihrem Fühlen und Glauben. Als ein Zuhörer Albert Einsteins diesem sagte, dass sein Menschenverstand nur zulasse das zu glauben, was er sehen könne, soll Einstein geantwortet haben: „ Dann legen sie ihren Menschenverstand mal sichtbar auf den Tisch.“

Glauben kann nur, wer neben dem menschlichen Verstand der Vernunft auch eine Weisheit gelten lässt, die über die Wahrnehmung des Verstands hinausgeht. Wer glaubt, vertraut darauf, dass es neben der Wahrheit, die sich dem Verstand über die Wissenschaft erschließt, eine offenbarte, eine von Gott offenbarte Wahrheit gibt, die in eine Tiefe hinragt, in der wir dem Sinn des Lebens begegnen. Diese Wahrheit zu glauben ist eine Gabe und ein Geschenk des heiligen Geistes.

Hören wir einmal zu, was der Apostel Paulus der Gemeinde im griechischen Korinth zu sagen hat; die Passage ist ein wenig länger als sonst:

[TEXT]

Paulus spricht mehrmals davon, dass Gottes Weisheit sich in einem Geheimnis, offenbart wird. Ein Geheimnis, das sich uns im Glauben erschließt. Von welchem Geheimnis spricht er?

Er spricht von dem Geheimnis, dass sich Gott in Jesus Christus, dem Gekreuzigten offenbart. Man darf ergänzen: dass er sich in einem Kind offenbart, das in Armut geboren wird, dass er sich durch das größte aller Geheimnisse offenbart, in der Auferstehung Jesu Christi. Gott, dieser Name weckt überwiegend zunächst Gedanken an Attribute wie Größe, Macht, Herrlichkeit und eben auch Weisheit. Aber ist es denn weise, ist es herrlich, mächtig und groß sich in einem ärmlichen Kind zu zeigen, in einem Menschen, der alle weltliche Macht von sich weist, der eher bescheiden als mächtig daher kommt, der lieber dient als sich bedienen lässt, der Qualen erduldet, den man ans Kreuz schlägt?Und dann die Auferstehung selbst. Sie übersteigt alle menschliche Weisheit und Vernunft. Spätestens an ihr entzweien sich die Geister, und wer nur der menschlichen Vernunft traut, kann der unbeweisbaren Auferstehung nicht trauen. Und doch trauen wir Christen gerade und insbesondere darauf: Christus ist auferstanden. Das ist und bleibt ein Geheimnis. Es ist kein Rätsel, das die Wissenschaft einer Tages auflösen könnte, es ist ein Geheimnis. Es ist das Geheimnis des Glaubens. Der Unterschied zwischen dem Rätsel und dem Geheimnis liegt darin, dass ein Rätsel oberflächlich bleibt. Es will gelöst und damit aufgelöst werden. Ein gelöstes Rätsel hat keine Tiefe. Wenn ein Rätsel geknackt ist, wirft man es weg die Schale einer geknackten Nuss.

Das Geheimnis aber hat Tiefe. Es lädt dazu ein sich in seine Tiefe hinein zu begeben. Und hinter jeder Tür, die man öffnet, findet man mindestens eine neue. Immer entdecken wir hinter dem Raum, den unser Erkennen durchschritten hat, einen neuen Raum. Das Geheimnis weitet und vertieft sich. Das ist auf der einen Seite unheimlich und doch dürfen wir uns im Geheimnis Gottes zuhause fühlen. Denn es ist das Geheimnis seiner Liebe, das sich uns erschließt. Also: keine Angst drauf zu zu gehen. Wer über Jesu Geburt, Kreuz und Auferstehung beginnt nachzusinnen, der beginnt eine neue Seite an Gott wahrzunehmen. Ein Gott, der auf der Seite der Schwachen steht, auf der Seite derer, die Pech haben, auf der Seite derer, die leiden, die Angst haben, die drohen, die Hoffnung zu verlieren. Das ist eine Liebe, die das Leid nicht scheut, die den Tod aushält, die aber auch den Tod überwindet.

Unser christlicher Glaube ist eine Meditation des Kreuzes, und ich glaube nicht, dass ich bis zum Ende meines Lebens damit an ein Ende käme, hoffe vielmehr, dass sich mir immer neue Türen und Räume öffnen, in denen ich neues von Gott wahrnehme. Diese Weisheit, die die menschliche Vernunft übersteigt entspringt nicht dem Kopf, sondern der Glaube entspringt dem Herzen. Aus der Mitte unseres Herzens entspringt ein Fluss, entspringen Ströme lebendigen Wassers, von dort aus beginnt die Liebe zu fließen.

„Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt …“ rät uns das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten …“ Still werden und in sich hinein horchen, in die Welt hinein horchen, dem Strom des Lebens lauschen, sich in den Strom der Liebe hinstellen und daraus vergnügt werden, das ist eine Übung, in der wir viel über Gottes Weisheit lernen können.

Wir stehen am Anfang des Jahres. Es ist noch Zeit für gute Vorsätze. Ich habe mir folgendes vorgenommen. Ich will möglichst oft in dem, was ich wahrnehme, an Gott denken, genauer noch: meine Gedanken mit ihm teilen. Wenn ich traurig bin, will ich ihm das sagen, und ihn bitten, mir zu helfen, die Trauer mit zu tragen oder das Leid zu wenden. Wenn ich froh bin, will ich es ihm danken. Wo mich Schuld drückt, bitte ich ihn um Vergebung. Gott freut sich, wenn wir ihm unsere Fehler übergeben, denn dann können wir anfangen, uns zu wandeln. „Im Himmel herrscht mehr Jubel über einen Sünder, der bereut als über 99 Gerechte“, sagt Jesus. Er will nicht, dass wir an vergangenen Fehlern auf Dauer leiden, sondern dass wir befreit werden zu neuem, erfüllten Leben. Wenn ich gehe, will ich darin die Kraft spüren, die Gott mir gibt, wenn ich atme, das Leben, das er mir schenkt. Ich will ihn wahrnehmen, in dem zufriedenen Schnurren der Katze, im Rauschen des Windes, im Schein einer Kerze, in dem wunderbaren Geschmack von Wein oder Wasser. Und ich will an Gott denken, wenn ich Menschen begegne, will wahrnehmen, wo mir Gutes geschenkt wird, will mit Gedanken des Segens die Menschen ansehen, denen anzumerken ist, dass sie Leid tragen. Wer versucht, möglichst oft an Gott zu denken, dem wird sich Gott auch in vielen Dingen zeigen, zu dem wird er beginnen zu sprechen, versichern uns die Heiligen.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte so hinein wachsen in die Weisheit und das Geheimnis Gottes, hoffe, dass es sich mir und Euch mehr und mehr erschließt und ich und wir darin Geborgenheit finden. Dieser Weg kann für mich und Euch schon heute neu beginnen, wenn wir Abendmahl feiern. Darin begegnet uns das Geheimnis des Glaubens, dass Jesus Christus uns in Brot und Wein gegenwärtig ist. Er lädt uns ein. Lasst Euch mit hinein nehmen, es öffnet sich das Geheimnis seiner Liebe. Wer’s glaubt – in der Tat – wird selig.

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