Gottes Weisheit als tragende Kraft

<i>[Anregungen für diese Predigt verdanke ich Heinz Behrends (Predigtentwurf in den Göttinger Predigtmeditationen) und Klaus Eulenberger (Gottesdienst Praxis Serie A).]</i>

Liebe Gemeinde,

schon haben wir Mitte Januar – das Jahr 2006 nimmt seinen Lauf. Die Neujahrsreden sind gehalten, die Empfänge und Dreikönigstreffen aller Art vorbei. Verschiedene große Reden waren zu hören, Worte, die uns aufrütteln oder Mut machen wollten zum neuen Jahr. Manches tat gut zu hören, an anderen Stellen fragten wir uns vielleicht: War das der Weisheit letzter Schluss? Kann mich diese Botschaft tragen im neuen Jahr?

Und es bleibt wohl auch der Eindruck, dass unser Alltag ziemlich selten von tiefer Weisheit bestimmt wird, sondern vor allem von den so genannten Notwendigkeiten und vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten, wie z.B.:

– Die Gürtel müssen enger geschnallt werden

– Wenn du oben bleiben und Erfolg haben willst, musst du erfolgreich sein, außerdem jung, gesund und dynamisch

– über 40 hast du keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt

– Man beachte immer die Gesetze des Marktes – der Markt ruft nach Rationalisierung und Profit, nach Leistungs- und Kaufkraft …

Ist das der Weisheit letzter Schluss?

In unserem heutigen Predigttext setzt sich der Apostel Paulus mit menschlicher Weisheit und ihren sogenannten Gesetzmäßigkeiten auseinander. Als inneres Thema des ganzen Textes fallen zwei Pole auf: menschliche Weisheit und Gottes Weisheit. (letzte Woche) Dieses Gegenüber ist das eigentliche Anliegen für Paulus, und darauf beziehen sich alle anderen bedeutungsvollen Begiffe.

Ich lese jetzt Teil 1 unseres Predigttextes aus dem 1. Brief an die Korinther 2, 1-10:

[TEXT Verse 1-5]

Liebe kluge, christliche Gemeinde in Korinth, so Paulus. Mit großen Worten und imponierender Weisheit kam ich nicht zu euch. Ich habe kein philosophisches Gedankengebäude vor euch aufgebaut, keine Analyse der Zeit. Der Inhalt meiner Predigt war klar und eindeutig: Jesus, der Gekreuzigte.

Ich kam auch nicht mit überragendem Selbstbewußtsein oder scharf geschliffener Zunge, sagt Paulus über sich selbst, sondern schwach, furchsam, sogar zitternd. Meine Predigt war kein rhetorisches Glanzstück, gebaut nach den klugen Regeln der griechischen Redekunst, sondern in Erweisung der Kraft und Weisheit Gottes.

Denn die Welt mit ihrer Weisheit oft am Ende – das weiß Paulus – und kein menschliches Gedankengebäude bietet im Leben und Sterben letzten Halt.

Auch wir modernen Menschen im Januar 2006 sind mit unserer Weisheit leider oft am Ende:

– bei allem menschlichem Zutrauen in Wissenschaft und Technik fragen wir uns angesichts zunehmender Umweltkatastrophen, wie wir das ökologische Gleichgewicht der Erde erhalten können. Um nur ein Beispriel zu nennen: um die weitere Verbreitung von Tierseuchen einzudämmen, kann es ja nicht die Lösung sein, massenhaft und immer häufiger Tiere wegzusperren oder zu töten.

– Wir sind mit unserer Weisheit oft am Ende – auch in der Politik. Dass Frieden nicht durch Bomben oder Terror herzustellen ist, wissen wir. Aber wie kommen wir zu echtem dauerhaftem Frieden, wie im furchtbar zerrütteten Irak, wie ganz aktuell gerade jetzt wieder in Israel/Palästina.

– Wir sind mit unserer Weisheit oft am Ende: Dass der Hunger im letzten Jahr weltweit nicht eingedämmt wurde, haben als Zeitungsmeldung wohl viele gelesen. Welche Ideen und Taten setzen wir dagegen? Uns mit neuen Mauern gegen die Hilfe suchenden Armen abzugrenzen, kann ja keine wirkliche Lösung sein. Wir sind mit unserer Weisheit oft am Ende.

Paulus sagt: Auf menschlicher Weisheit kann sich unser Vertrauen in den Sinn des Lebens letztlich nicht gründen. Da fehlt etwas Entscheidendes: eine ganz andere Dimension der Wirklichkeit.

Hören wir Teil 2 unseres Textes:

[TEXT Verse 6-10]

Einen geheimnisvollen Schatz bietet uns Paulus als Alternative zum Weg durch unser Leben – die verborgene Weisheit Gottes. Sie kommt nicht marktschreierisch daher, diese Weisheit. Sie kommt im Verborgenen. Und doch ist sie seit der Geburt Jesu kein Geheimnis mehr. Denn Jesus selbst – so hat es die frühe christliche Gemeinde formuliert – war die menschliche Verkörperung der Weisheit Gottes. Er lebte das, was schon vor allen Zeiten von Gott den Menschen verheißen war. Ich nenne einige Kennzeichen dieser Weisheit Gottes:

– Gott hat dich geschaffen. Jeden Menschen hat Gott geschaffen, hat ihm, ob klein oder groß, jung oder alt, mit weißer oder schwarzer Hautfarbe, leistungsstark oder schwach, Würde und Ehre gegeben

– Weisheit Gottes: Menschliches Leben läuft nicht glatt von unten nach oben mit der höchsten erreichbaren Karriereposition als Lebensziel. In jedem Leben gibt es Irrwege, gibt es Brüche, gibt es Schuld. Du darfst diese Brüche in dein Leben einordnen. Vertraue dich Gott an und beginne in diesem Vertrauen neu.

– Weisheit Gottes: Niemals hast du dein Leben endgültig in der Hand. Niemand hat endgültige Sicherheit, was noch geschehen wird mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele, mit den Menschen um mich herum, mit Beruf und Arbeit und äußeren Sicherheiten. Du bist und bleibst angewiesen auf andere, und im letzten angewiesen auf Gott. Diese Bindung ist die allerwichtigste in deinem ganzen Leben. Sie bleibt dir, wenn alles andere wegbricht.

Das waren drei Perlen aus dem Schatz der Weisheit Gottes. Gottes Weisheit klammert das Leiden nicht aus. Wir wissen, dass der Weg Jesu ihn ans Kreuz führte. Da lag Gottes Macht verborgen in der Ohnmacht Jesu. Paulus sagt an anderer Stelle: „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das Kreuz verkörpert diese verborgene Weisheit Gottes wohl am stärksten. In diesem Sinn fasst auch Paulus seine Botschaft zusammen. Er schreibt nach Korinth: Das, was ich euch immer wieder verkündigt habe, war Christus, der Gekreuzigte. Zugegeben, man kann sich wohlklingendere Ansprachen zum neuen Jahr vorstellen. Diese Botschaft klingt wenig ästhetisch, passt nicht zu Kaviar und Champagner.

„Jesus, der Gekreuzigte“ In jüdischen Ohren war diese Botschaft ein Ärgernis – man erwartete keinen Messias, der am Kreuz hängt, sondern den König für Israel. Und in griechischen Ohren war es einfach eine Dummheit. Im griechischen Weltbild lenkten und leiteten die Götter die Menschen, unterstützten oder vernichteten, aber sie starben nicht selbst. Paulus weiß das, kurz vorher hat er im selben Brief davon geschrieben.. Und trotzdem setzt Paulus Jesus, den Gekreuzigten als Weisheit Gottes allen unseren menschlichen Weisheiten entgegen.

Verborgen in Dunkel und Geheimnis liegt der tiefe Glanz Gottes. Kann man sich das vorstellen, dass in der tiefen Schwäche Jesu am Kreuz Kraft liegt? Ist das denkbar, dass sich hinter der Ohnmacht Jesu Gottes Macht verbirgt? Ist es fassbar, dass aus dem Tod Jesu neues Leben hervorging? Nach menschlichen Denkkategorien kaum; doch genau darauf gründet sich die Entstehung der christlichen Gemeinde. Aus dieser ungeheuerlichen Erfahrung, die alle menschlcihen Weisheiten überstieg, erwuchs ihr Glaube. Durch Schwäche und Tod hindurch schenkte Gott neues Leben.

Bertold Brecht, der große Skeptiker, notierte gegen Ende seines Lebens: „ Traue nicht deinen Augen, traue deinen Ohren nicht! Du siehst Dunkel – vielleicht ist es Licht.“

Verborgene Weisheit Gottes! Dass Gottes Kraft in Jesus Ohnmacht und Tod überwand, wurde zum Bild der Hoffnung für alle Erniedrigten und Verworfenen. Der gekreuzigte Gott hat sich an die Schwachen und Ohnmächtigen gebunden und verleiht ihnen damit eine ganz neue Würde. Gott hält in Jesus Christus den Raum offen: für alle Menschen, die nicht erfolgreich sind, für alle, die nicht perfekt sind, die voller Angst oder von Krankheit gerüttelt, von Sorgen gebeutelt, von Schuld belastet ihren Weg gehen. Für alle die, die mit ihrer Weisheit am Ende sind.

Kommt her zu mir – antwortet uns die Stimme der göttlichen Weisheit! Kommt her mit euren Unvollkommenheiten, Fragen und Ängsten. Ich will mit euch gehen in diesem neuen Jahr und euch Halt geben. Ihr seht um euch Dunkel – vielleicht ist es Licht. Der Gott, der im Kreuz zu Jesus stand und ihm neues Leben schenkte, hat Leben auch für euch bereit.

Vielleicht doch eine gute Neujahrsbotschaft, diese Weisheit Gottes hinter den Dingen?! Lasst uns ihr vertrauen als einer Kraft, die uns tragen will, wenn das Jahr seinen Lauf nimmt, wenn die schönen Reden verklungen sind und der Champagner längst geleert ist. Gott bleibt mit seiner Weisheit.

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