Alternativen

Liebe Gemeinde,

die Lösungen für unser Leben scheinen uns auszugehen. Wenn Sie das Geschehen in der Wirtschaft und in der Politik verfolgen, dann können Sie es spüren: diese Ratlosigkeit und diese Rastlosigkeit. Auf einmal leuchten da so genannte alte Werte auf: „Anstand und Ehrlichkeit“ wird proklamiert, ganz so, als ob die Politiker ihren eigenen Vorgaben nicht mehr trauen würden. Der englische Premier schlägt sogar vor, soziales Verhalten durch Strafen wieder verstärken zu wollen. Die Wirtschaft, in diesem Falle, die großen Konzerne und die Planer, die dahinter stehen, schreien seit Jahren nach mehr wirtschaftlicher Freiheit, das ist für sie v.a. die Lockerung des Kündigungsschutzes, Lohnnebenkosten zu senken, mehr „Eigenverantwortung“, das heißt Risikoübernahme bei den Arbeitnehmern und natürlich das Zauberwort schlechthin: Wachstum und Konsumanschub!

Mit einem Wort, liebe Brüder und Schwestern, es ist erschreckend, wie wenig echte Alternativen angedacht werden. Es herrscht, um ein Fachwort zu verwenden, die Tina-Stimmung. TINA übersetzt als „there is no alternative“: hier gibt es keine Alternative.

Christlicher Glaube behauptet jedoch, Alternativen zu bieten, neue Wege beschreiten zu lernen. Wie kann das gehen in einer Zeit, in der wir doch schon längst akzeptiert haben, dass das „Höher, Schneller, Weiter“ zu einer Art zweiten Glaubensbekenntnis geworden ist?

Paulus, der große Missionar der Christenheit, war auch in Korinth, einer griechischen Hafenstadt, mit der Verkündigung des Jesus von Nazareth erfolgreich. Aber seine Botschaft dort war nicht ungefährdet. Die Menschen neigen eben zum Rückfall in die alten Denkmuster, ganz so, wie wir es heutzutage eben auch wieder beobachten können. Die Menschen glaubten, mit diesem Christus wäre ihnen eine Kraft gegeben, die sie nun noch mehr befähigen würde, Gewinn und Ansehen zu erlangen. Sie missverstanden Paulus Verkündigung: mit diesem verkündigten Christus kam kein magisches Fluidum, keine höhere Kraft in die Welt, die die anderen überflügeln würde. Dieser Christus machte aus den Gläubigen keine zweiten Götter.

Ganz im Gegenteil, liebe Gemeinde: als Paulus von den Missständen in Korinth hörte, musste er – bevor er selber kommen konnte – Briefe an die Gemeinde schreiben, und versuchen, aufzuklären, um was es sich bei diesem Jesus wirklich handelt. Was er schreibt, liebe Gemeinde, ist erstaunlich. Hören Sie mit mir diese Worte des Paulus aus dem ersten Korintherbrief im ersten Kapitel, die Verse eins bis zehn:

[TEXT]

Dort lesen und hören wir: es sind nicht die hohen Worte, nicht die Weisheit der Welt, die Paulus mitbrachte, sondern er kam in Schwachheit und in Furcht, menschlich eher armselig und erbärmlich daher. Warum? Warum kann es nicht diesen Christus geben, den uns schon die Nationalsozialisten schmackhaft machen wollten: den strahlenden Sieger! Den heldenhaften Germanenjüngling, blond und muskulös und reinen Blutes? Es kann ihn nicht geben, weil Form und Inhalt, Gefäß und Botschaft übereinstimmen müssen, wenn sie denn in Wahrheit reden wollen. Dieser Jesus von Nazareth verkündet nämlich eine Alternative, einen anderen Weg, als ihn die Welt bisher gegangen ist und als ihn die Welt immer noch geht. Er sagt: messt eure Gemeinschaft an dem Schwächeren – hat er alles, was er zum Leben braucht? Ist die Verteilung der Güter gerecht? Kann er in Freiheit und Selbstbestimmung leben? Für Korinth damals hieß das: Sklaven und Herren feiern zusammen Abendmahl und weil die einen weniger hatten als die andern sollte man lernen, aufeinander zu achten, aufeinander zu warten, damit aus dem Nebeneinander ein Miteinander würde. Paulus verweist auf dabei auf einen Jesus, der nicht den Strahlenkranz des Sieges trägt, denn den gibt es nicht. Weder beim Einzug in Jerusalem mit Gefolgschaft und hoch zu Ross, sondern auf einem Esel kam er daher, noch in seinen Wundertaten, in guter PR-Manier ausgeschlachtet und hinausposaunt, sondern im Geheimen, im Kleinen, nicht abrufbar für diejenigen, die nur an Zeichen und Wunder glauben, sondern für die Menschen in Not und Elend. Paulus verweist auf Jesus, den Gekreuzigten. Es ist ja doch eine schwer verständliche Tat: dass durch den Tod und das Leiden eines Einzelnen, sich etwas ändern kann für eine große Gemeinschaft, ja für uns alle, für jeden einzelnen von uns. In Jesu Auferstehung der Tod besiegt, die Sünde beseitigt, die den Graben zwischen Mensch und Gott bildetet und nun eine Brücke gespannt in diesem Kreuz, jeder eingeladen, diese Brücke zu benutzen, wenn er denn dem Gekreuzigten folgen mag! Der andere Weg, liebe Gemeinde, der uns gewiesen wird, ist der Weg des Gekreuzigten, der Weg des Leidens und der Schmach, nicht des Gloria und nicht des Ruhmes. Ein unbequemer Weg, ein unschöner Weg. „ Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“, sagt Paulus. Das Kreuz allein reicht also aus, um diesen Weg zu gehen.

Es ist gut, dass wir dieses Predigtwort hören, so nah noch an Weihnachten. Denn Weihnachten in allem Glanz, wie wir es feiern legt dies Missverständnis nahe, als ginge es um satte und selbstzufriedene Wohlstandsharmonie, die wir oft in unseren Häusern inszenieren und nicht darum, dass sich Gott selbst in das Leid der Welt begeben hat.

Paulus schreibt weiter von dem Geheimnis Gottes und meint damit etwas, was für uns schwer zu verstehen ist. Es ist die Frage, die mir oft in der Schule gestellt wird: „Wenn Gott doch so mächtig ist, warum hat er dann nicht mit einem Fingerschnipp alles wieder heil gemacht, warum nicht wie der große Zampano mit dem Zauberstab die Welt ins rechte Lot gebracht?“ Es ist abgewandelt die gleiche Frage nach dem Leid in der Welt – warum mussten in Bad Reichenhall so viele Unschuldige, ja sogar außerdem noch junge Menschen sterben? Wo war da Gott? Warum hat er es nicht verhindert? Wir können darauf keine Antwort geben, die befriedigend wäre, keine die alles erklärt und in einen für uns logisch verstehbaren, kausalen Zusammenhang einordnet. Das machen andere, oft esoterische Systeme, die behaupten, es gäbe da eine Schuld aus dem letzten Leben, die eben nun beglichen werden müsse usw. Wir Christen wollen solche Antworten nicht geben und müssen schweigen vor allen Erklärungsversuchen. Paulus spricht vom Geheimnis, wenn er versucht zu beschreiben, dass es notwendig, im wahrsten Sinne die Not-wendend war, dass Gott selbst ganz tief hinab gestiegen ist in das Leid der Menschen, in ihre Not, in ihre Unwissenheit und in ihre Armut. Gott selbst in Jesus von Nazareth hat das Leid und die Not erfahren, er ist einen menschlich-schändlichen Tod gestorben und uns Menschen somit näher gekommen, als es je für einen Gott vorstellbar gewesen wäre.

Nun aber, und das macht Paulus in seinem Schreiben an die Korinther deutlich, nun aber sind wir eben dadurch keine Götter geworden. Wir stehen eben nicht über den Dingen als Christen, sondern andersrum: wir stehen mittendrin. Wir sind aber auch nicht Christus, wir sind nicht die Erlösergestalten, nur weil wir seinen Namen tragen. Denn wir sind weiterhin anfällig, dem Großen nachzurennen, auf eigenen Ruhm und Ehre zu bauen, zu schauen, ob wir auch in dem besten Licht erscheinen. Aber der Weg Jesu ist uns doch geblieben, als Hinweis, als Einladung, ihm nachzufolgen. Werdet meine Jünger, folgt mir nach!

Wie es schon die Korinther lernen mussten, müssen es auch wir immer wieder neu lernen: nicht an das sein Herz hängen, was den Glanz der Welt verspricht, nicht nur nach dem Reichtum blicken und den eigenen Vorteilen, nicht nur darauf sehen, was dem eh schon Starken hilft, sondern anders herum: was macht meine Gemeinschaft mit den Menschen, denen es nicht gut geht, zu einer wahren Gemeinschaft? Das ist nicht nur die Fürsorge: der Reiche spendet etwas dem Armen. Das ist nicht falsch, aber es ist ein Ansatz, der im Grundsätzlichen nichts verändert. Es muss weiter gehen: wie kann der Arme in die Lage versetzt werden, dass er seine Rechte, die er als Mensch vor Gott genauso hat wie ich, überhaupt erst wahrnehmen kann? Da hilft der Anschub des Konsums erst einmal nichts. Da hilft auch erstmal nicht, dass ein freieres Wirtschaften möglich wird. Sondern da wird gesucht werden müssen nach anderen Wegen, Wegen, die es wagen, den Blickwinkel zu verändern. Wegen, die es wagen Besitz und Geld wieder zu verstehen als Dinge, die zum Leben einer Gemeinschaft helfen sollen und nicht nur Einzelne belohnen für das, was sie angeblich dafür aus eigenen Stücken geleistet haben.

Es ist ein Blickwinkel, den Jesus von Nazareth eingenommen hat, wenn er die Kinder Gottes beschreibt als eine Gemeinschaft im Reiche Gottes. Die Unterschiede, die es in der Welt gibt, sollen nicht gelten als Barriere im Reiche Gottes, sondern wir sollen uns ansehen, als würden wir den Bruder und die Schwester in Christo ansehen.

Das alles, liebe Gemeinde, ist kein Programm, schon gar kein Programm, welches sich für eine Partei eignen würde. Es ist eher eine Einstellung, ein Versuch, die Welt von einer anderen Warte an zu sehen. Möglicherweise ist es eine Haltung, die mit Demut zu tun hat, einer der wichtigsten christlichen Tugenden. Auf jeden Fall ist eine Lebensweise, die mit dem Eingreifen Gottes in diese Welt rechnet, eine Hoffnung, dass Ungerechtigkeit, Tod und Leid, Schmerz und sinnloses Blutvergießen auf Dauer keine Berechtigung haben und diese Dinge ein Ende finden werden.

Deswegen beten wir zu Gott, dass auch am zweiten Sonntag nach dem Fest der Erscheinung des Herrn wir immer wieder gekräftigt werden in dieser Haltung, in dieser Hoffnung, damit wir uns nicht den Herrschern dieser Welt gleichstellen, die vergehen, sondern reden und handeln von und in der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist.

Dazu helfe uns Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

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