Schein-Werfer

Ihr Lieben,

kennt ihr so einige richtig schlaue Leute? Hörtet ihr sie? Wie ist es euch da ergangenen? Ward ihr begeistert? Endlich jemand, der mich mit seinem Wissen beeindruckt und der mir über alle meine Zweifel hinweghilft und sagt, wo lang es geht!

Oder?

Seid ihr euch so richtig blöd vorgekommen, da steht einer vor mir , der weiß so viel und zeigt mir damit ,wie armselig ich bin, wie ich da so rumstochere in der Welt, versuche etwas zu kapieren und versteh doch nur Bahnhof. Ich komme mir plötzlich so klein vor und dann bekomme ich einen Hass und manchmal weiß ich nicht einmal, wem mein Hass eigentlich gilt. Ich weiß nur, dieses Gefühl, in die dumme Ecke gestellt zu sein, macht mich traurig und macht mich wütend. Ich will nicht traurig sein, ich will mir nicht blöd vorkommen und ich will nicht behandelt werden, wie einer, der in bisschen blöd ist, dem man alles erklären muss und der doch nichts versteht.

Ihr Lieben, möglicherweise war so ungefähr die Situation, als der Apostel Paulus die Zeilen an die Menschen schrieb, die in der damals berühmten Hafenstadt Korinth eine kleine Gemeinde waren. Korinth war eine multikulturelle Stadt, wie wir das heute nennen würden. Und Korinth war eine Stadt der sozialen Gegensätze. Im Grunde eine richtige Hafenstadt, so wie Hafenstädte heute auch noch sind.

Es wird so gewesen sein, dass in der ersten Zeit zu dieser Gemeinde vor allem Menschen gehörten, die ansonsten kein besonders großes Stück vom Kuchen des Lebens abbekommen haben. Es waren also weder die Reichen noch die Gebildeten, noch die Mächtigen, die zunächst zu dieser Gemeinschaft gehörten. Sondern es waren die, die des Trostes in ihrer trostlosen Welt bedürftig waren.

Aber dann muss sich dort etwas geändert haben. Die Gemeinde wurde auch für andere interessant. Für Leute, die wohlhabend und gebildet waren. Diese Leute kamen zur Gemeinde und dann wollten sie aber in der Gemeinde auch etwas zu sagen haben. Sie wollten bestimmen, wo es lang geht und sie wollten anderen sagen, was falsch und richtig zu glauben – und dann auch zu wissen ist. Einer weiß es so, der andere besser so. Der kleine Mann und die kleine Frau in der Gemeinde schauen nach links zu dem einen und nach rechts zu dem anderen und sie verstehen gar nichts mehr. Zur Gemeinde gehören sie, weil sie die gute Nachricht von Jesus Christus gehört hatten und diese Botschaft ihnen Kraft und Zuversicht für ihr Leben gegeben hat. Was ist davon übrig geblieben, zwischen dem weisen Menschen zu Rechten und dem weisen Menschen zu Linken? Die Antwort ist: Menschen , die völlig überfordert waren und völlig irritiert und gar nicht mehr verstehen konnten, was nun das Evangelium, die Gute Botschaft wäre, von der sie sich einst zu freien, von Gott geliebten Menschen, gemacht fühlten.

Ihr Lieben, davon hat der Apostel Paulus gehört. Vielleicht hat er, dort, wo er gerade war, Besuch bekommen. Der hat es ihm erzählt. Paulus war frustriert, alles war so geworden, wie es gerade nicht sei sollte. Es war wie überall in der Welt, die Schlauen spreizen sich mit ihrer Weisheit von den weniger Schlauen und zeigen denen, wie beschränkt sie sind. Also hat er sich hingesetzt. Paulus und hat einen Brief geschrieben. Er wollte etwas richtig rücken. Das ging nun mal nur so. Telefoniere ging nicht, nicht offiziell und auch nicht mit einem Handy unter der Bettsdecke. Emails gab es auch nicht. Nur den Brief. Einen Brief zu schreiben war eine ziemlich teuere Sache. Briefpapier gab es noch nicht, Papyrus war teuer und Pergament, Tierhäute noch teurer. Wenn man einen Brief erhielt, erhielt man eine Kostbarkeit. Und die gab man weiter, dem Nachbarn dem Freund, dem Gemeindeglied. Die Briefe des Paulus werden eine ganze Zeit von Christ zu Christ weitergeben worden sein. Und weil den Christen das, was Paulus ihnen geschrieben hatte, sehr wichtig war, haben sie es wieder abgeschrieben und immer wieder und weitergeben und wieder abgeschrieben, da hatte sich das Original wohl längst in Wohlgefallen aufgelöst. Jedenfalls ist die Post des Paulus so bis in unsere Zeit und bis an alle Enden der Welt getragen worden.

Also Paulus hat einen Brief geschrieben und jetzt geht es darum darüber nachzudenken, was hat er denn dieser Gemeinde in Korinth geschrieben, in der sich die Weisen mit ihren Weisheiten breit gemacht hatten. „Erinnert euch „sagte er, „Habe ich euch zugetextet, als ich zu euch kam?" „Nein, das konnte ich gar nicht, weil mir die Worte viel zu schwer von den Lippen kommen!". Paulus war nicht wie die in der geschliffenen Rede geschulten Philosophen der Griechen. Er hat nicht überredet und er hat nicht überrumpelt. Er hat einfach von Jesus Christus erzählt und er hat gefragt: Worum geht es denen, die zu euch gekommen sind, wollen sie von Jesus Christus Zeugnis ablegen oder wollen sie viel mehr ihre eigene weise Beredsamkeit unter Beweis stellen?

Und dann vergleicht Paulus die Weisheit der Menschen und die Weisheit Gottes. Wahrscheinlich müssen wir die „Weisheit der Menschen" in Anführungszeichen setzen. Es ist wie Ironie. Denn es erweist sich, mit der Weisheit der Menschen ist es so eine Sache. Ohne Zweifel gibt es Menschen weise Menschen. Aber der wirklich weise Mensch ist sehr bescheiden. Seine Weisheit macht ihn zu jemandem, der staunt und der erkennt, wie unvollkommen er in all seiner Weisheit ist. Und aus dieser Erkenntnis heraus tritt er seinem Nächsten nicht als der Überlegene gegenüber und nicht als einer, der ihn mit seiner Wortgewalt erdrückt. Er tritt ihm gegenüber als einer, dessen höchste Erkenntnis die Erkenntnis ist, dass es nur eine Weisheit gibt, das ist die Weisheit des Vollkommenen, die Weisheit Gottes. Paulus klagt also jene Leute an, die von der Weisheit Gottes reden, aber eigentlich mit ihrer eigenen Weisheit prahlen. Die sich nicht demütig auf den Weg der Erkenntnis des Willens Gottes machen, sondern in der Gemeinde, untereinander Machtspiele betreiben.

Und darum höre ich bei den Worten des Paulus sehr genau hin, weil ich weiß, wir sehr meine Kirche, die gelehrten Männer und Frauen meiner Kirche, der Versuchung ausgesetzt sind im Namen Gottes die eigenen Weisheit glänzen zu lassen. Sie geben vor, die Heilige Schrift zu erforschen, den Willen Gottes zu verkünden, sind aber in Wahrheit die ganze Zeit damit beschäftigt Scheinwerfer aufzubauen, die sie dann in tollem Licht erscheinen lassen sollen. Manchmal ist das zum Kotzen und manchmal muss man selber auch aufpassen, nicht der Versuchung zu erliegen ein bisschen heller zu erscheinen. Man muss sich wundern, wie viele Kirchen es gibt und oft wie wenig Einigkeit. Kirchenferne Menschen können darüber nur lachen. Wenn wir auch gerne sagen wollen, dass Vielfalt manchmal bereichert, müssen wir auch sagen, dass diese Vielfalt schlimm ist, wenn sie das Ergebnis gelehrte Eitelkeit oder schlichten Machtkampfes unter den Christen ist.

Wir hüten uns vor denen die es ganz genau wissen und die sagen: „Das Heil verkündigen nur wir!" Im Gegenteil, wir erinnern uns, wie Paulus die Korinther mit dem prophetischen Wort des Jesaja daran erinnert hat, dass unsere Augen blind sind und unsere Ohren taub und nur der Geist Gottes offenbar machen kann, was dem Menschen aus einer eigener Weisheit heraus verschlossen bleibt. Darum beten wir: „Herr erleuchte uns!", statt uns selbst zu beleuchten.

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