Hübsch bescheiden bleiben

Liebe Gemeinde,

das "Auge isst mit", sagt man. Je appetitlicher die Mahlzeit sich auf dem Porzellan präsentiert, desto eher sind wir geneigt, vor Genuss die Augen zu verdrehen.

Form und Inhalt hängen stets zusammen. War das nicht so? Ein schlichter Kochlöffel wird zum wertvollen Präsent, wenn er mit Goldbändchen und adretter Schleife in Zellophan verpackt unter dem Christbaum liegt.

Höfliches Auftreten mit wohl gesetzten Worten hat Zukunft, hört man sagen. Wer von uns legte wirklich keinen Wert auf das Äußere, die höfliche Geste und nettes Benehmen? Im Internet können Sie den Vordruck für einen "Abmahnung wegen unpassender Kleidung am Arbeitsplatz" runterladen. Wollen Sie, liebe Gemeinde, nun endlich protestieren? Wollen wir nicht endlich gemeinsam aufschreien: "Es kommt doch auf das Innere an! Es kommt doch darauf an, wie es jemand meint. Wichtig ist seine Seele, seine Ehrlichkeit und dass er aufrichtig ist. Äußerlichkeiten sind doch egal.“ Wir könnten uns auf Paulus und sein heute auszulegendes Zitat aus dem 1. Korinther-Brief berufen.

„Ich kam nicht mit hohen Worten. War bei euch in Schwachheit“, ruft er der Gemeinde in Erinnerung. Als ich bei euch war, fehlte doch jeder äußere Glanz: "Den göttlichen Schatz des Evangeliums überbrachte ich euch eingewickelt in wertloses Packpapier. Ich stammelte und stotterte vor euch von Christus." Es geht hier nicht um höfliches Herunterspielen der eigenen Fähigkeiten. Es geht nicht um wohl erzogen demonstrierte Bescheidenheit des Genies. Für Paulus geht es um etwas sehr Wesentliches.

"Vergesst nicht die Niedrigkeit unseres Herrn. Der Herr der Welt hat sich nieder gebeugt vor den Menschen, ihnen dienend die Füße zu waschen. Vergesst nicht diese Demut vor dem Leben. Vergesst nicht, dass er am Kreuz hing, die Sünde der Welt zu erleiden. Vergesst nicht, welche Macht in seiner barmherzigen Liebe liegt. Die Liebe, die ihn vor den Augen der Welt so ohnmächtig erscheinen lässt."

Paulus hatte durchaus Anlass, an den in Christus gelegten Grund der Gemeinde zu erinnern. Wie sagen wir so schön? Es „menschelt“ halt überall. Es menschelt auch unter dem Dach der Kirche. Es menschelt überall dort, wo unsereins anzutreffen ist.

„Das ist ihm wohl zu Kopfe gestiegen“, stellt man von einem Menschen fest, der sich auf einmal für etwas Besseres hält. Neu gewonnene Macht, beruflicher Erfolg oder einfach nur schlichtes Glück haben für manchen Menschen etwas Berauschendes. Und als hätten sie ein Leben lang darauf gewartet, steigt ihnen der Erfolg einem Bierrausch gleich zu Kopf.

Paulus aber hatte nicht vergessen, was in der Bibel zu lesen steht über diejenigen, denen ihre Macht – oder in unserem gleich erklingenden Beispiel – ihre Frömmigkeit zu Kopf gestiegen war:

„Die Schriftgelehrten sitzen gerne obenan bei Tisch und in den Synagogen und haben es in gerne, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen – sagt Jesus – denn einer ist euer Meister. Ihr aber seid alle Brüder.“ (Mt 23,6 ff) Und wenig später folgt dieser Satz, den sie wahrscheinlich kennen, liebe Gemeinde: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt der; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.“

Paulus gehört nun zu denen, die erkannt haben, dass sich unsere Welt nur dann ändern wird und nur dann wirklich ändern lässt, wenn wir im Glauben an Christus von diesem menschlich allzu menschlichen Drang, einander zu degradieren, befreit werden.

Paulus gehört auch zu denen, die sehr entsetzt auf die Wiederkehr des allzu Menschlichen in den Gemeinden reagieren. Und so ruft er uns nun zurück in die Demut Christi. Dass wir uns die christliche Demut bewahren, darauf kommt es an. Uns allen ist doch die Versuchung bekannt, überheblich zu werden und uns für etwas Besseres zu halten.

Indem wir das tun und so sind, entfernen wir uns zugleich von Gott. Dieser Zusammenhang wird vor allem im Johannes-Evangelium herausgestellt. „Wie könnt Ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt?“ fragt Jesus dort (Joh 5, 44) und betont: "Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“ (Joh 5,41). Wer sich gegen Menschen innerlich erhebt, der erhebt sich auch gegen Gott. In der klassischen Theologie nannte man das, was hier dahinter steckt die Todsünde des Stolzes. Eine Sünde, zu der jeder Mensch fähig ist. Meine Armut kann ich genauso zur Mauer gegen Gott errichten wie meinen Reichtum. Meinen beruflichen Erfolg kann ich genauso gegen Gott wenden, wie mein ständiges Versagen.

Also müssen wir alle Kumpel sein? Jeder darf dem anderen vertraulich auf die Schulter klopfen? Es gibt durchaus christliche Gemeinschaften, die diese Art persönlicher Vertrautheit aller mit allen zu leben versuchen. Unsere Art kann das nicht sein. Liegen wir also grundsätzlich daneben? Nein, es geht nicht darum, dass wir so tun, als wären wir alle die besten und die liebsten Freunde. Dass wir uns Demut bewahren, darauf kommt es an, wenn wir in Christus leben wollen. Dass wir einander dienen mit unseren Gaben und diese nicht gegen andere wenden.

„Das Auge isst mit“, sagt man. Wir hätten Paulus falsch verstanden, wollten wir ihn zum Kronzeugen der Distanzlosigkeit machen. Wir hätten ihn falsch verstanden, wollten wir aus seiner Erinnerung an seinen unsicheren und zaghaften, gestammelten und gestotterten Auftritt in Korinth für uns Nachlässigkeiten in Sprache und Auftreten herleiten.

Sollte ich etwa so verkündigen? „Voll krass der Jesus. Musst an ihn glauben, ei. Kriegst echt viel power. Und inne Herz haste echt viel Mut.“ Das würden sie keinen Gottesdienst lang aushalten.

Paulus trennt Form und Inhalt, um beides unterscheiden zu können. Aber er sagt nicht, dass Christen formlos werden sollten. Sicherlich, er trennt beides, um aufzuzeigen, wie sehr wir uns von Form auch blenden lassen. Aber er war sich auch dessen gewiss, dass der Glaube als Inhalt der Seele die Kraft hat, Menschen neu zu formen nach dem Bild Christi.

Weil unser Bibelzitat die „Weisheit des Glaubens“ von der „Weisheit der Welt“ absetzt, hat man unseren biblischen Text auch als Waffe gegen menschliche Vernunft und Wissenschaft verwendet. Hier gilt das Gleiche. Natürlich neigt manch kluger Kopf dazu, hochmütig und überheblich zu werden. Aber Paulus hatte trotzdem nichts gegen kluge Christen.

Thomas v. Aquin, der große Gelehrte der mittelalterlichen Theologie beachtete eine biblische Figur stets besonders, nämlich den mit Christus am Kreuz hingerichteten Verbrecher. Und zwar den von den beiden, der sich in der Stunde seines Todes flehentlich an Christus wendete. Dies sei der einzige Mensch, von dem man mit Gewissheit sagen könne, er sei im Paradiese, denn der Herr selbst sprach es ihm zu: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Dieser einfache Mensch brauchte keine Theologie, keine Wissenschaft, keine dicken Bücher und war doch ein frommer Mensch.

Thomas v. Aquin hat tausende von Seiten geschrieben und dicke, theologische Bücher verfasst. Über aller Klugheit, die auch dem Glauben eignen sollte, gab er aber stets zu bedenken, dass nicht unser Wissen und unsere Wissenschaft uns rettet, sonder der schlichte, einfache Glaube. Und so war sich der klügste der mittelalterlichen Theologen nicht zu schade dazu, in diesem armen Menschen ein Vorbild zu sehen. Es wäre aber verkehrt, wollten wir daraus schließen, es bräuchte unsere intellektuelle Anstrengung nicht, den Glauben zu bedenken.

„Das Auge isst mit“, sagt man. Wir Christen werden ja auch beobachtet, wie wir uns anderen gegenüber verhalten. Schade, wenn uns jemand ob unserer Frömmigkeit wegen für hochnäsig halten müsste. Da hätten wir ihm die Mahlzeit des Glaubens verdorben. Wir sollten also hübsch – bescheiden bleiben.

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