Redenskunst

Liebe Gemeinde,

kürzlich habe ich in Aschersleben unseren Bischof predigen gehört. Er sprach in einem Schulgottesdienst. Und er sprach so überzeugend, so klar und einleuchtend und auch so spannend über Jakob und die Himmelsleiter, dass ich am Schluss gesagt habe: "So möchte ich auch predigen können." Es blieb so ein Gefühl, alles, was ich sage, ist zu kompliziert und erreicht diejenigen, die zum Gottesdienst kommen, nicht wirklich. "Worüber hat denn der Pfarrer gesprochen?", habe ich schon manchmal jemanden gefragt, der begeistert von einem tollen Gottesdienst erzählt hat. "Naja, genau weiß ich das nicht – aber es war schön". Das umreißt eine Schwierigkeit, die der große evangelische Theologe Karl Barth so beschreibt: "Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Wer "Jesus Christus" sagt, der darf nicht sagen: "Es könnte sein", sondern: Es ist. Aber wer von uns ist in der Lage "Jesus Christus" zu sagen? Wir müssen uns vielleicht begnügen mit der Feststellung, dass Jesus Christus gesagt ist von seinen ersten Zeugen. …

In dieser Lage war schon der Apostel Paulus, der eben nicht mehr zu den allerersten Zeugen gehörte. Er schrieb im Jahr 55 n. Chr. An die Gemeinde in Korinth:

[TEXT]

"Schwieriger Text", sagen die Kollegen und jammern über die Predigtreihe dieses Jahres, in der es von weniger bekannten Bibelstellen wimmelt. Aber im Grunde sagt Paulus etwas sehr einfaches. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten (…) und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Nicht die Spitzen-Rednerkunst macht es aus, ob sich jemand überzeugen lässt, nicht die große Show, sondern allein Gottes Kraft. Stimmt das denn wirklich? Dann wären alle inneren Kämpfe, die ein Prediger auszustehen hat, ja müßig. Oft genug fragt man sich ja: Bin ich wirklich in der Lage, bin ich wirklich geeignet, Menschen für Gottes einmalige Liebe und Treue zu interessieren? "Furcht und Zittern", wie es Paulus hatte, das überkommt einen da schon manchmal.

Da habe ich zum Beispiel bei einer Beerdigung Menschen vor mir, die vorher gesagt haben: "Wir sind nicht gläubig, das sagen wir ganz ehrlich." Nur dem Verstorbenen zuliebe haben sie sich auf eine christliche Bestattung eingelassen. Und nun kann ich ihnen mehr und nicht weniger mitgeben als die Hoffnung aller Christen, die Gewissheit "mit dem Tod ist nicht alles vorbei." Ich kann nur sagen, was unser Glaube ist: Jesus hat gesagt: "Ich lebe – und ihr sollt auch leben". Und ich werde ganz traurig, wenn ich mir vorstelle, dass tröstende Worte, die dahin verweisen, wo alle Tränen getrocknet werden, vielleicht gar nicht trösten können – einfach, weil die Trauernden den Gedanken an das ewige Leben nicht an sich heranlassen. Und sie können sich nicht einlassen auf die Vorstellung, dass derjenige, von dem der Abschied gerade so schwer fällt, nun erkennt »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Manchmal möchte man da schon jemanden "überreden" können. Einfach, weil man selbst denkt: dem anderen ginge es besser, wenn er glauben könnte.

Ich habe mich gerade in solchen Situationen oft gefragt: Was eigentlich ist das, womit ich Menschen zu überzeugen suche? Handwerkliche Technik? Was ist vielleicht eigenes Geltungsbewusstsein? Was Freiraum des Heiligen Geistes? Wie viel Offenheit habe ich für andere Predigten? Und entspricht mein Verhalten, ganz allgemein, eigentlich meinem Predigen? Wie authentisch bin ich in meinem Reden? Da kann man ins Schwitzen kommen, genau wie es Paulus ergangen ist.

Im gleichen Brief hat Paulus ja die berühmte Aussage gemacht: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen reden könnte und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle."

Die Liebe, so glaube ich, ist der Kern, den wir bei allem Reden nicht vergessen dürfen. Da kann eine Verkündigung noch so brillant sein, mit Overhead-Projektor, mit Symbolen, mit Licht – wenn Gottes Liebe nicht spürbar wird, dann bleibt sie kalt. Aber es ist ja gar nicht so leicht, deutlich zu machen, dass im Mittelpunkt unseres Glaubens der gekreuzigte Christus steht, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft, wie Paulus betont.

Paulus hat ein Leben voller Brüche hinter sich. Vom Verfolger zum Berufenen. Er hat etwas hinter sich, was vielen Menschen sehr schwer fällt: seine Irrtümer zu erkennen. Und er steht zu seiner Vergangenheit – auch das fällt nicht jedem leicht. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn auch in meinem Leben ist nicht alles glatt gelaufen, es hat einige Sackgassen gegeben, in die ich mich verrannt habe. Und wenn man so etwas hinter sich hat, fragt man sich: "Kann ich denn überhaupt da vorne stehen und predigen?." Mal ehrlich: Sind Sie nicht auch manchmal skeptisch, wenn einer keine blütenreine Vergangenheit hat? Und würden Sie nicht vielleicht von einem Pastor ein heiligmäßiges Leben erwarten, und zwar von Jugend auf?

Von mir wird sich doch keiner überzeugen lassen – das ist so ein Gedanke, der sich immer wieder einschleicht. Es ist ja gar nicht so leicht, sich selbst die eigene Biographie zu vergeben, auch, wenn man weiß, dass Gott uns durch Jesus schon längst vergeben hat.

Wie unendlich erleichternd ist es da, zu wissen, dass das gar nicht meine Aufgabe ist, durch meine Vorbildhaftigkeit oder meine Redekunst zu überzeugen. Ich muss niemanden einwickeln wie ein Versicherungsvertreter. "Wir predigen nicht uns selbst, sondern unsern Herrn Jesus Christus", sagt Paulus. Und zwar den gekreuzigten Christus, das setzt er hinzu. Der hat schon alles für mich erledigt. "Naja, besonders attraktiv ist diese Botschaft ja auch nicht", das habe ich schon manches Mal von Leuten gehört, die mit mir über Sinn und Unsinn des Christseins diskutiert haben. Die einen finden es eine ziemlich sadistische Tour von Gott ("falls es ihn denn überhaupt gibt"), seinen Sohn solche Quälereien durchstehen zu lassen, schließlich hätte er bestimmt andere Möglichkeiten gehabt, die Menschheit zu erlösen, wenn er denn allmächtig ist. Auf solche Argumente antwortet Paulus:

Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

Andere, die zwar an einen wie auch immer gearteten Gott glauben, aber mit dem Christentum ihre Probleme haben, regen sich darüber auf, dass da so eine Schuld- und Leidenstheologie aufgebaut wird, bei der den Menschen ein schlechtes Gewissen eingeredet werde. Mit all diesen Argumenten hat sich bereits Paulus auseinandergesetzt:

"Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen, die berufen sind, aber als Gottes Kraft und Gottes Weisheit." (1,23) Diese Predigt des Paulus ist anstößig, weil das nicht passt – in jüdischen Augen und Ohren (oder in unseren). Ein Messias, der alles zurecht bringen soll, der gekreuzigt wird. Anstößig weil: Wo bleibt denn da die Allmacht Gottes, das Wunder, die Rettung, der Ausweg.

Diese Predigt des Paulus ist eine Torheit, weil das nicht passt – in den Ohren der Griechen (oder in unseren). Das ist keine Erfolgsgeschichte. Keine Siegerehrung findet statt. Das ist nicht einmal logisch, seine Sache immer weiter zu verfolgen, auch wenn sie gescheitert ist. "Das ist Dummheit", werden vernünftige Menschen sagen: Also auch kein Gott, der alles weiß?

Es geht darum, dass wir in uns das erfahren, was Jesus erfahren hat. Unser Leben steckt auch voller Höhen und Tiefen, voller Scheitern. Und wir können für uns mitnehmen, wenn wir Jesus betrachten:

Der Gottverlassene ist der, auf den Gott sich verlässt; der Geschmähte ist der Gesalbte; der, der seine Würde verloren hat, ist der Gewürdigte; der, der verraten und verkauft wurde, ist der Retter/Erlöser; der Hingerichtete ist der Auferstandene. Vielleicht hilft uns das, unseren eigenen Platz im Leben zu finden und zu erkennen, dass uns Gott vielleicht genau dort hingestellt hat, wo es nicht so einfach, so erfolgversprechend zugeht und wo wir nicht unbedingt für alles, was wir tun, sofort Lob und Dank bekommen. Und es hilft uns, dort Worte oder auch Töne und Lieder zu finden, wo Verstand und Wissenschaft versagen: da, wo Menschen aus Trauer und Schmerz verstummen. Der Glaube an den Gekreuzigten ist auch der Glaube an den Auferstanden. Und wenn wir Jesus Christus predigen, dann wissen wir, dass er sagt: "Ich lebe – und ihr sollt auch leben". Ein größeres Versprechen gibt es nicht.

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