Nichts als Christus, den Gekreuzigten

Liebe Gemeinde,

kein Wunder, dass Paulus hier ins Stottern kommt. Gar nicht so lang ist’s her, dass er als Saulus, von sich und seiner Frömmigkeit total überzeugt, mit aller Kraft und regelrecht brutalem Eifer gegen diese so verrückte Botschaft und deren Vertreter gekämpft hat. Mit innerer Genugtuung hat er damals der Steinigung von Stefanus zugeschaut. Ja, wer sich solch einer Botschaft verschreibt, muss einfach elendlich scheitern! Für Saulus war klar: einer, der so lax mit den Geboten Gottes umgeht wie dieser Mann aus Nazareth; einer, der sich vorwiegend mit dem Bodensatz der Gesellschaft zusammentut; einer, der am Kreuz so schändlich und ohnmächtig endet, der wird und kann niemals der sein, durch den der heilige Gott sich in dieser Welt durchsetzen will, der kann und wird niemals der Messias, der Gesandte Gottes sein,
der Gottes Reich aufrichten, alles neu machen wird. Das ist einfach geradezu wider-sinnig, das macht absolut keinen Sinn. –

Und da hatte er doch Recht, der Saulus!?

Wie können denn Leute mit gesundem Menschenverstand glauben, dass in dem so grausigen Tod dieses Jesus von Nazareth die eigentliche Hoffnung auf wirkliches, echtes Leben begründet liegt! Wie können Menschen, die nicht schwärmerisch abheben, die mit offenen Augen in dieser Welt leben, wirklich glauben, dass Liebe stärker ist als die Macht der Herrschenden, als das Gesetz des Starken, als das Kalkül der Besitzenden.

Nein, mit dieser Botschaft ist kein Staat zu machen. Mit dieser Botschaft erreiche ich nicht Menschen, die wissen, wo’s lang geht, die sich in der Blüte ihres Schaffens und Leistens befinden. Mit dieser Botschaft lassen sich auch keine Jugendlichen gewinnen, die zu den Winners und nicht zu den Loosers gehören wollen, die gerade dabei sind, ihre Kräfte zu erkunden und zu erproben, die vom Leben noch alles erwarten. Nein, vom Scheitern wollen die nichts hören, die fragen nach Gelingen, nach „wie pack ich’s“, was kann ich erreichen?, die stehen in den Startlöchern und erwarten den Geschmack des Sieges. Und sie haben ein Recht darauf!

Ja, es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als zunächst festzuhalten: das „Wort vom Kreuz“ ist und bleibt sperrig. Das Kreuz selber hat nun mal keinen Handgriff Und ist kein Schmuckstück. Und damit bleibt auch die Rede von diesem Zentrum des Christenglaubens sperrig, kann nur mit Stocken, Stolpern und Sprüngen – wenn überhaupt – gelingen. Und wo es plötzlich rund und griffig wird, wo es folgerichtig und einleuchtend, angenehm annehmbar erscheint, da wo die Predigt davon zu flüssig und einfach von den Lippen geht, sollten wir äußerst vorsichtig hinhören.

Denn, liebe Gemeinde, der Blick auf Paulus, zeigt doch: diese Botschaft ist gerade nicht das Ergebnis von klugem Nachdenken und eifrigem Studieren, nicht die Intelligenz, die Vernunft ist die Quelle, aus der sich diese Erkenntnis speist. Sie kommt vielmehr aus dem Zerbruch. Sie ist die Erfahrung eines Menschen, der sein Lebens- und Glaubenskonzept mit einem Schlag in Scherben sah. Und das war nicht nur ein kleiner Klaps auf die Schultern. Diese Erfahrung hat ihn, den selbstgerechten Saulus, regelrecht aus dem Sattel geworfen, alles, wofür er sich eingesetzt und gekämpft hatte, schien plötzlich nichtig und irrelevant. Das wirft um – das stürzt in eine tiefe tiefe Lebens- und Glaubenskrise. Und wer das schon erlebt hat, weiß: das hat er sich nicht gewählt, so wie man nie Zerbruch, Leiden, Scheitern wollen kann, das ist ihm widerfahren – mitten auf dem Weg. Als er dort regelrecht auf die Schnauze fiel und in das Angesicht des Gekreuzigten sah.

Aber das, was er dabei erlebte, das hat ihn ganz neu inspiriert, ganz neu in Bewegung gebracht. Denn hier erlebte er, Es ist die Liebe – nicht das Gesetz, es ist die Hingabe – nicht die Leistung, es ist das Ergriffen werden – nicht das Begreifen, was uns Menschen erst wirklich lebendig macht, was uns Menschen auch noch an unserem Ende trägt und weiter bringt.

Und das kann nun wahrlich nicht von unserem Kopf, von unserer Vernunft erfasst werden. Das ist nicht etwas, was wir überhaupt mit unseren natürlichen Sinnen erfassen können. Denn es geht um etwas, „was kein Menschenauge gesehen und kein Ohr gehört hat“, sondern was denen widerfährt, die lieben – Gott lieben.

Wer schon einmal geliebt hat, der weiß, wovon ich rede. Liebe ist nicht mit Verstand und Vernunft zu fassen, warum gerade er? – warum gerade sie? Liebe ereilt einen, Liebe ergreift einen, und zwar mit dem ganzen Sein! Man kann sie nicht machen und auch nicht erklären. Das ist aber auch nicht nötig. Denn Liebe – so auch Gottes Liebe – ist in erster Linie nicht zu verstehen, da gilt es sich hinzugeben und zu leben.

Aber wer schon einmal geliebt hat, der weiß auch von dieser anderen Seite der Liebe, der so schmerzlichen Wirklichkeit, der Wirklichkeit des Kreuzes. Der weiß, dass Liebe immer verletzlich macht. Liebe macht weich, lässt das eigene Herz öffnen, Liebe lässt die Schutzmechanismen fallen, die Masken der Stärke, der Kompetenz, der „ich brauche niemand“, der „selbstist die Frau“ / „selbst ist der Mann“ und welche Mechanismen es da noch geben mag, um ja nicht verletzt werden zu können. Ja, ich bin überzeugt, nur wer schon einmal geliebt hat, der wird auch zu dem Skandalon des Kreuzes, zu dem Geheimnis der tödlich verletzten Liebe Gottes, einen wirklichen Zugang finden können.

Aber das geschieht – wie schon gesagt – nicht bruch- und schmerzlos. Das ist wohl auch der Grund, warum so viele Menschen wirklich echte, tiefe Liebe eher vermeiden. Zu gefährlich ist dieser Weg der Liebe, als dass wir uns so einfach darauf einlassen könnten, zu viel Sicherheitsbedürfnis, zuviel Angst steht dazwischen.

Wenn es uns geschieht, wenn wir ihr nicht mehr ausweichen können, – wie Paulus es nicht mehr konnte – dann müssen wir uns auf einen längeren Weg einlassen, altes ist ja zerbrochen und muss neu geordnet, neu zusammengefügt werden, wir müssen ganz neu gehen lernen.

Wir können das an Paulus so eindrücklich sehen:

Die Begegnung mit der leibhaftigen Liebe Gottes stürzt ihn zunächst regelrecht in die Finsternis. Er sieht nichts mehr – hat keinen Durchblick mehr. Allein kann er sich nicht mehr orientieren. Der, der gewohnt war, zu sagen, wo’s lang geht, muss sich auf die Führung durch andere einlassen. Und ich kann mir vorstellen, das fiel ihm nicht leicht. Der, der den Anspruch hatte, die wahre Sicht aller Dinge zu haben, blickt nichts mehr. Er braucht andere, die ihm helfen, seine Erfahrungen zu deuten, neu Licht in sein finster gewordenes Leben fallen zu lassen.

Dazu brauchts aber ein besonderes Licht, ein Licht, das nur durch einen besonderen Geist gewirkt werden kann – wir nennen ihn deshalb den Heiligen Geist. Denn von sich aus kommt kein halbwegs vernünftiger Mensch auf die Gewissheit, dass das Leben sich durch den Tod hindurch die Bahn bricht. Diese Gewissheit kommt von wo anders her! „Uns aber hat dies Gott geoffenbart durch den Geist!“ – so verweist Paulus auf die Quelle seiner Gewissheit.

Aber an Paulus sehen wir auch, dass es diesen Geist, diese Liebe nicht in homoeopathischen Dosierungen gibt: Stückchen für Schlückchen, jedes Jahr ein bisschen weiser und weiter. Wer sich ernsthaft auf diesen besonderen Geist der leidgeprüften Liebe einlässt, der soll wissen, dass er durch den Tod, durch das Scheitern, durch das Leid hindurch kommt, nicht an ihm vorbei. Gerade weil er das Leben liebt und nicht auf Illusionen baut. Wer ohne den Tod sein Leben sieht, der ist kein Realist. Wer den Tod vermeiden will, wird tödlich für sich selber und andere. So gibt es eben keinen Winkel in unserem Herzen, oder sonntags oder abends oder im Urlaub, wo wir ganz klein mal mit dem Geist der Liebe beginnen können. Leben, Liebe findet immer ohne Hauptprobe statt! [Die Kraft Gottes bricht sich Bahn, wo gestorben wird, wo etwas aufbricht, zusammenbricht. Das Kreuz bleibt seine Signatur. Auch der Auferstandene wird an seinen Wundmalen erkannt, nicht an seinen Muskeln.]

Doch wenn wir uns auf diese Liebeskraft Gottes wirklich einlassen, dann werden auch wir die Erfahrung machen können, unter Schmerzen zwar, und unter Tränen, aber wir werden erfahren: das Kreuz verwandelt sich in ein Lebenszeichen, die Ohnmacht verwandelt sich in Glück, Schmerz ist keine Strafe mehr, Tod kein Fehlschlag, die Leere zur Fülle, das Ende wird zum Anfang. Wo wir am Ende sind, da beginnt die Gewissheit, dass auch uns nichts mehr trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.

[Dann beginnt das ewige Leben, das ja nichts anderes ist als die Liebe, die gewiss durch den Tod hindurch hält.]

Wir werden dann – unter Tränen vielleicht, aber – aus ganzem Herzen singen lernen: In dir ist Freude, in allem Leide, o du süßer Jesus Christ. In dir wir haben, himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.

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