Post aus Korinth

Liebe Gemeinde!

[Brief hochhalten]

Wir haben Post bekommen! Aus Korinth! Auf dem Briefumschlag steht: an die Gemeinde in (Duisburg-)Homberg, links des Rheins, in Deutschland. Und der Absender? Der lautet: Die Gemeinde in Korinth, Hauptstadt der Provinz

Achaia, römisches Reich.

Da ich so neugierig war, habe ich den Brief schon einmal geöffnet. Er schien mir

irgendwie sehr wichtig zu sein. In dem Umschlag waren ein freundliches Anschreiben und eine Kopie.

[Brief öffnen]

Das Anschreiben lautet:

„Liebe Schwestern und Brüder in Christus! Sicher wundert Ihr Euch erst einmal, von uns Post zu bekommen und haltet das kaum für möglich. Post von der Gemeinde in Korinth, die der Apostel Paulus im Jahre 50 nach Christus gegründet hat. Also für Euch vor fast zweitausend Jahren. Wie kann ein Brief eine solche Zeitreise machen? werdet Ihr Euch sicherlich fragen. Das ist kaum möglich, das erscheint töricht zu sein, so etwas geht nicht in der Welt. Sooo langsam ist die Post ja nun doch nicht. Außerdem konnten die in Korinth vor zweitausend Jahren doch gar nicht wissen, dass es einmal eine Gemeinde in Homberg geben wird. So scheint es Euch. So ist es wohl auch in der Welt. Trotzdem haben wir diesen Brief geschrieben. Denn wir wollten Euch etwas schicken. Die Kopie eines Briefes, den wir selbst von Paulus erhalten haben. Oder zumindest einen Teil daraus. Denn dieser erschien uns sehr wichtig. Und wir glauben, dass das, was Paulus dort geschrieben hat, von zeitloser Gültigkeit ist. Es ist also auch für Euch von zentraler Wichtigkeit. Es geht um etwas, was Euch jeden Tag als Christen bewusst sein muss: Nämlich eure Berufung und Erwählung vor Gott. Und dass diese Erwählung nicht auf Euren Leistungen beruht. Denn vor Gott gilt ein anderer Maßstab. Nun aber genug der Vorrede, lest einfach die beigefügte Kopie und Ihr werdet wis-sen, was wir meinen. Es grüßt Euch alle, die Ihr im Gottesdienst versammelt seid, die Gemeinde in Korinth.“

Und der Text, den die korinthische Gemeinde uns mitgeschickt hat, der heutige Pre-digttext, ist aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 1, die Verse 26-31.

[TEXT]

Es geht also tatsächlich um die Berufung und Erwählung durch Gott. Um das, was Gott ausgewählt hat in der Welt. Und das ist etwas völlig anderes als das, was die Welt auswählen würde. Oder, anders gesagt, was man als Mensch normalerweise in der Welt auswählt, was man sich wünscht: zum Beispiel angesehen und mächtig zu sein. Und Macht und Ansehen in der Welt ist etwas, was man dann auch auf keinen Fall wieder aufgeben will. Unvorstellbar geradezu, das wieder abzugeben. Nach einer Wahl zum Beispiel. Nach der Bundestagswahl im Herbst des vergangenen Jahres gipfelte das ja bekanntlich darin, dass der damalige Kanzler im Interview sagte, eine neue Regierung könne nur mit ihm als Kanzler gebildet werden.

So ist es bei uns in der Welt. Hier gelten unsere selbstgemachten Leistungsmaßstäbe. Und wer die erreicht – sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder manchmal sogar im Privatleben – wer stark ist, wer geachtet wird, der ist ein Gewinner. Ruhm und Ehre vor der Welt sind ihm sicher. Zum Beispiel der Mannschaft, die im Sommer in unserem Land Fußballweltmeister werden wird. Im Fußball hat man den Eindruck, nicht nur die Mannschaft wird dann Weltmeister, sondern ein ganzes Land. Wie es 1954 bei uns war, was für ein Gefühl, Weltmeister zu sein, so kurz nach dem Krieg: wir sind wieder wer. Auch 1974 und 1990 war es dann sicher ein tolles Gefühl, Weltmeister zu sein. Und schon im Vorfeld der Weltmeisterschaft gab es allgemeine Erleichterung, als die Gegner der deutschen Herrenmannschaft ausgelost wurden. Costa Rica gehörte dazu. Das werden wir doch wohl schaffen, denken sicher viele. So ein kleiner und schwacher Gegner. Also wenigstens keine Blamage vor aller Welt im ersten Spiel. So ist es bei uns in der Welt.

Bei Gott ist es anders. Er hat das erwählt, was schwach ist vor der Welt. Das, was nichts ist, und das, was nichts gilt in der Welt, das, was hier keinen Ruhm verdient hat. Und damit auch den, der keinen Ruhm verdient hat nach unseren Leistungsmaßstäben, der schwach ist, der keine Leistung mehr bringt in unseren Augen. Unsere eigenen Leistungen gelten nichts vor Gott. Ein Glück – was für eine Erleichterung. Oder besser gesagt: was für eine Gnade Gottes, uns zu erwählen ohne jede Leistung unsererseits. Was für ein Geschenk. Was das bedeutet, wird uns vielleicht erst klar, wenn wir uns das Gegenteil vor Augen führen. Wie wäre es, wenn die Leistungsmaßstäbe der Welt auch vor Gott gelten würden? Wenn wir auch vor Gott als Gewinner dastehen müssten, stark sein und ohne Fehl und Tadel? Da wären wir dann die ganze Zeit damit beschäftigt, uns selbst vor Gott stark zu machen. Und würden vielleicht sogar glauben, wir könnten uns auf diese Weise selbst zu Heiligen und zu Gerechten vor Gott machen, und uns schließlich auch noch selbst erlösen. Und uns damit sehr weise fühlen. Und würden uns dabei nur noch der eigenen Leistungen rühmen können. Auch im Gottesdienst würde das wohl Stress bedeuten: bloß nicht leiser singen als mein Nachbar, das könnte mir dann schon als Schwäche ausgelegt werden. Und bloß nichts weniger in den Klingelbeutel tun, sonst bekomme ich als Gegenleistung auch weniger von Gottes Gnade ab. Am besten, ich komme überhaupt nur, wenn es mir gut geht und das auch jeder sehen kann. Nur keine Schwäche zeigen. Was für ein Stress!

Wie gut, dass es anders ist. Wie gut, dass wir Beschenkte sind. Beschenkt mit Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung durch Jesus Christus. Beschenkt damit, immer zu Gott zu gehören, ohne Gewinnertypen sein zu müssen. Und wenn wir uns dann rühmen wollen, können wir auch das: unser Ruhm und unsere Ehre bestehen genau darin, dass wir zu Gott gehören. Mit allen Fehlern und menschlichen Schwächen, und mit all unseren Ängsten und Sorgen. Mit allem, was uns klein macht in der Welt. Damit hat Gott uns berufen und erwählt zu seiner Gemeinde. In Homberg heute genauso wie damals in Korinth.

Ach, und bevor ich es vergesse: im Anschreiben des Briefes aus Korinth gab es noch ein P.S., das lautete: Ihr lieben Schwestern und Brüder, auch wenn es töricht klingt, aber wundert Euch nicht zu sehr, wenn Costa Rica Weltmeister wird!

drucken