Ein Hoch auf die Liebe!

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag ist ein Lied: das sogenannte „Hohe Lied der Liebe“ aus dem 1. Korintherbrief, 13. Kapitel. Lieder sind zum Singen da. Sie ermuntern uns zum Einstimmen und Mitsingen. Deshalb bitte ich Sie, dass Sie nach jedem Abschnitt des Textes einstimmen in das Lied, was wir vorhin gelernt haben: Ubi caritas et amor. Die Orgel wird uns dazu begleiten.

[TEXT – unterbrochen von Ubi Caritas]

Liebe Gemeinde, ein Hoch auf die Liebe! Das ist die Grundmelodie dieses Liedes.

Überschwänglich, wie ein Verliebter, dichtet Paulus eine Hymne auf die Liebe. Und, wie das so ist bei einem Verliebten: Er redet in Superlativen:

– sie ist die Schönste!

– sie ist die Beste!

– keine ist so wie sie!

– ohne sie kann ich nicht leben!

– sie ist unsterblich!

Vielleicht denken wir: Lieber Paulus – du übertreibst. Vor lauter Liebe bist du blind für die Realität. Denn in Wirklichkeit ist das doch ganz anders mit der Liebe. Liebe hält nicht alles aus. Liebe hört auf:

– wenn Ehepartner sich lang genug wehgetan haben

– wenn Eltern und Kinder sich lang genug angeschrieen haben

– wenn Freunde sich oft genug im Stich gelassen haben

Dann hört Liebe auf.

Denn Liebe ist sehr verletzlich und erträgt eben nicht alles. Sie zerbricht unter Belastungen. Manchmal scheint sie im Laufe der Jahre auch einfach abhanden zu kommen. Nur Heilige haben eine grenzenlose Liebe, die alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält.

Im Friedensgebet des Heiligen Franziskus kommen Sätze vor, die uns vielleicht schwer über die Lippen gehen:

„Ach, Herr, lass du mich trachten: nicht, dass ich getröstet werde, sondern, dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern, dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern, dass ich liebe.“

Sind diese Sätze, für sich betrachtet, nicht unmenschlich?

Ist es denn nicht ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen, geliebt, verstanden, getröstet zu werden? Sollte Gott von uns wirklich selbstlose Liebe verlangen, die nichts für sich, aber alles für den Anderen will?

Wie ist dann das höchste Gebot zu verstehen: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“?

Und was ist mit Menschen, die es immer nur gut mit Anderen meinen und ihre eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse auf dem Altar der Nächstenliebe opfern? Sind es nicht oft schwierige, ja anstrengende Zeitgenossen?

Eine Frau erzählt von ihrem Ehemann: „Er geht regelmäßig in den Gottesdienst. Aber immer, wenn er zurückkommt, ist er furchtbar schlecht gelaunt und meckert an allem herum.“ Das ist doch widersinnig! Der Gottesdienst soll doch den Menschen aufbauen, ermutigen und stärken zu neuer Liebe…

Aber vielleicht hört dieser Mann in allem nur die Forderung: Du solltest mehr für Andere tun und nicht so egoistisch sein… Vielleicht hat er ein Idealbild von sich selber, das er nie erfüllen kann. Und das macht ihn unzufrieden, ungerecht, lieblos gegenüber Anderen.

Liebe Gemeinde, man kann das Hohe Lied der Liebe so missverstehen: Das man sich immer nur klein und schlecht fühlt, weil man bei aller Anstrengung dieses Ideal von Liebe niemals erreichen kann.

Aber hören wir genau hin. Was ist die Grundmelodie dieses Liedes? Eben nicht: du musst…du sollst…du darfst nicht…, sondern die Grundmelodie dieses Liedes ist: die Liebe ist…die Liebe tut…die Liebe kann…

Die Liebe ist das Subjekt des Handelns, nicht wir. Sie ist die Kraft, die Großes schafft. Manchmal freilich auch mit uns und durch uns. Die Liebe ist kein Ideal, das wir erreichen müssen, sondern eine Wirklichkeit, die wir erfahren können.

Einen Schlüssel zum Verstehen dieser Liebe finden wir im 1. Brief des Johannes, Kapitel 4, Vers 16. Da heißt es: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. …die Liebe Gottes ist in Jesus Christus erschienen.“

In der Liebe bleiben oder in Christus bleiben, das ist, wie wenn wir in einem Raum bleiben, der eine gute Luft, eine gute Atmosphäre hat. Das tut uns gut, und wir können Anderen gut tun.

In der Liebe bleiben, das ist, wie wenn wir uns dem Wasser anvertrauen. Wir spüren: es trägt uns, ohne dass wir viel dazutun. Es kommt dabei zu einem geheimnisvollen Miteinander. Da ist nicht mehr zu trennen, was Gott tut und was wir Menschen.

Die Liebe können wir nicht einfach machen. Wir können nicht über sie verfügen wie über einen Besitz. Paulus benutzt dafür ein besonderes Wort. Er sagt: Die Liebe ist ein Charisma, eine Gnadengabe. Und zwar die höchste und wichtigste unter den verschiedenen Gnadengaben Gottes.

Die erste Strophe des Hohen Liedes hat so etwas wie einen Kehrvers. Dreimal heißt es: ohne die Liebe wäre ich nichts.

Liebe Gemeinde, wir könnten an dieser Stelle Strophen dazudichten: Zum Beispiel: Wenn ich mit Engelszungen redete, wenn ich hier jeden Sonntag eine mitreißende Predigt hielte und die Kirche immer voll wäre bis auf den letzten Platz, und hätte die Liebe nicht – so wäre ich nichts. Wenn ich als Lehrer/Lehrerin täglich sechs Stunden vor meiner Klasse stünde, meine Kräfte und meine Nerven verzehrte mit diesen anstrengenden, schwierigen Kindern, und hätte die Liebe nicht – so wäre ich nichts.

Aber ehrlich gesagt, manchmal ist das doch so:

– wir leisten ungeheuer viel

– wir machen unsere Arbeit wirklich gut

– wir tun vorbildlich unsere Pflicht,

aber in uns ist keine Liebe.

– wir sind höflich, nehmen aber nicht wirklich Anteil am Anderen

– wir antworten richtig, geben aber nichts von uns persönlich

Vielleicht geht es uns selber nicht gut dabei, aber wir schaffen es einfach nicht, uns zum Andern hin zu öffnen, ihm Liebe zu geben.

Dann, liebe Gemeinde, kommt es darauf an, dass wir trotz allem an die Liebe glauben. Auch dann, wenn wir sie nicht in uns spüren, ist sie da. Auch dann, wenn wir sie in den Worten und im Verhalten des Anderen nicht mehr wahrnehmen, ist sie da. Denn es gibt eine Liebe, die hängt nicht von uns Menschen ab.

„Gott hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ So sagt Paulus im Römerbrief, Kapitel 5, Vers 8.

Das heißt: Gottes Liebe ist nicht die Antwort auf unsere Liebe. Er hat uns zuerst geliebt. Seine Liebe hat ihre Quelle in sich selbst. Seine Liebe bleibt lebendig, auch wenn die Liebe zwischen Menschen tausendfach stirbt.

Ja, die Liebe zwischen Menschen hat Grenzen:

– sie verkümmert, wenn sie nicht erwidert wird

– sie erstickt, wenn eine Lawine von Unrecht sie unter sich begräbt

– sie erstarrt, wenn Leid und Schmerz kein Ende nehmen

Aber es gibt sie, die gnadenhafte Erfahrung, dass ein Mensch an einem absoluten Tiefpunkt sagen kann: aber ich glaube trotz allem, dass es sie gibt: die Liebe Gottes.

Ein Vater, der seine einjährige Tochter durch plötzlichen Kindstod verliert, kann sagen: „Und ich glaube doch, dass Gott ein barmherziger Gott ist.“

Eine junge Frau, die den Kampf gegen ihren Krebs verlor, konnte kurz vor ihrem Tod sagen: „Und ich glaube doch, dass Gott die Liebe ist.“

Die Liebe Gottes hat Christus aus dem Dunkel des Grabes herausgeliebt. Sie kann auch uns aus unseren Gräbern herauslieben und wieder zurückholen in den Strom des Lebens.

Das Hohe Lied der Liebe – ich weiß nicht, wer von uns es ehrlichen Herzens mitsingen kann. Vielleicht würden wir es etwas leiser und verhaltener anstimmen. Vielleicht würden wir auch ein anderes Lied von der Liebe schreiben. Auf jeden Fall wäre es so etwas wie ein persönliches Glaubensbekenntnis.

Ein Naturwissenschaftler hat ein persönliches Glaubensbekenntnis formuliert, das er jedes Jahr überarbeitet und so verändert, dass er es ehrlichen Herzens sagen kann. Der erste Satz seines Bekenntnisses lautet: „Ich versuche zu glauben an einen Gott, der die Liebe ist, der mehr liebt, als ich ablehnen oder hassen kann.“

Mein erster Satz wäre: „Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.“

Und wie wäre Ihr erster Satz?

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