Lebensweisheit

Liebe Gemeinde,

in diesen Tagen geht Weihnachten zu Ende. Wir schmücken äußerlich alles wieder ab und auch innerlich bleibt Weihnachten zurück. Es ginge auch nicht anders, die Stimmung vom Heiligabend kann man nicht konservieren und längst ergreifen uns andere Stimmungen. Die Faschingszeit steht vor der Tür, wir planen den nächsten Sommerurlaub, mancher bestellt schon Sämereien, das Jahr ist voll im Gange. Was war dann eigentlich Weihnachten. In einem Magazin las ich, dass in Zeiten der Verunsicherung der Mensch mehr für Kitsch offen ist. Ob Gartenzwerg oder Karl Moik, Heimatfilme oder die Serien auf allen Sendern, das Niveau ist unter der Gürtellinie und trotzdem brauchen es die Menschen. Ist das mit Weihnachten vielleicht ebenso? Einmal im Jahr genehmigter und sogar von den Kirchen veranstalteter Kitsch? Niemand muss sich schämen, weils die ganze Welt macht? Und dann kommt alles wieder in Kistchen bis zum nächsten liebevoll gestalteten Auftritt in 50 Wochen.

In seiner Neujahrsansprache hat Sachsens Ministerprä­sident Milbradt unter anderem das Jahr 2005 darum als erfolgreich bezeichnet, weil Sachsen bei der PISA-Studie so gut abgeschnitten hat. Also beim Vergleich, wie gut die Schüler in der Kopf-Arbeit sind. Zugespitzt gesagt, je intelligenter, desto besser. Logisches Denken beweist den Erfolg unserer Schulen. Beim Misserfolg werden dann gern die Ausländerkinder eingerechnet und die sozial schwachen Viertel. Die gleiche hochgelobte Schule aber jagt kleine Kinder vorzeitig aus dem Bett, an der gleichen hochgelobten Schule sagen 90% der Schüler: Lehrer sind böse Menschen, an der gleichen hochgelobten Schule aber wird gekifft, geraucht, geschlagen. Und kein Verstand kann da was richten. Irgendwas stimmt da ja wohl nicht. Und ausgerechnet da setzt dieser Text aus dem zweiten Jahrhundert an. Schon damals, immerhin waren ja auch Geist und Verstand im alten Griechenland ein hoher Maßstab, schon damals haben die Christen mit ihrer Botschaft dieser Einseitigkeit gegen gehalten. Was töricht vor der Welt ist, gilt bei Gott. Die Weisheit der Weisen wird zur Torheit. Weil, so schließe ich weiter, die Weisheit niemals ausreicht zum Leben. Die ebenfalls kitschigen Boulevard-Zeitungs-Berichte über die Promis bestätigen das übrigens. Und wer jetzt bei Weihnachten anfängt, an der Krippe und dann das Leben dieses Jesus weiter verfolgt, der wird entdecken, dass er ausnahmslos bei den Menschen gewesen ist, die nicht zu den Oberschichten gehörten. Und diejenigen, die aus diesen Schichten zu ihm kamen, sind in der Regel abgestiegen und haben sich erniedrigt. Und darüber lesen wir im Kolosserbrief dann eben diese Zusammenfassung, dass Leben sich dann auftut, wenn wir Menschen zu unserer Niedrigkeit stehen. Die beste Lektion sind diese gelehrten Leute aus dem Morgenland. Sie wollen den neuen König begrüßen und gehen selbstverständlich dorthin, wo Könige geboren werden. Und sie müssen es lernen, und ich kann mir ihre Verwunderung gar nicht genug vorstellen, dass sie auf falscher Fährte sind und dass sie dann, wie es bei Luther heißt, hocherfreut wurden, als sie in einem popeligen Haus vor dem unehelichen Kind einfacher Leute standen. Später hieß es dann, wenn Jesus kam: Diesem Haus ist Heil widerfahren. Und was da geschieht, kann man eben nicht erklären oder in intelligente Worte fassen. Manchmal hat das die Kirche vergessen, sie war der Treffpunkt der besseren Leute.

Weihnachten ist zu Ende. Aber nicht das, was Weihnachten in aller Beschaulichkeit und manchmal auch Kitschigkeit sagen will. Genau genommen ist es der Anfang, ein ganzes Jahr lang dieser Botschaft nachzuspüren. Nichts anderes machen wir ja in unseren Gottesdiensten. Das Kirchenjahr geht der Frage nach, was ist eigentlich aus dem kleinen Jesuskind geworden. Einer nämlich, der sich allen Maßstäben der Welt entgegen gestellt hat, einer, der gesagt hat: zuerst bist du Mensch, ob reich oder arm, intelligent oder einfach denkend. Wie sähe dann eine Pisa-Studie aus, die Schulen danach beurteilt, wie sehr der Schüler Mensch sein darf. Die Wirtschaft würde sicherlich die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, unser Land aber würde am Ende gewinnen. Auch an Intelligenz, denn die hat ihren wirklichen Nährboden in der Erfahrung: ich bin wer. Und ich bin geliebt. Wirtschaft und Schulsystem werden wir in ihrer Kurzsichtigkeit kaum ändern können, aber wir können uns einen neuen Blick auf die Menschen um uns her schenken lassen. Eltern können im Elternabend ein anderes Menschenbild einbringen, Schüler könnten ihren Lehrern sagen, dass sie sie gerne mögen möchten und Großeltern könnten ihre Enkel dann belohnen, wenn sie sich menschlich verhalten haben und nicht allein den Noten einen Geld-Wert geben. Und dazu kann man dann auch noch sagen: wegen Weihnachten. In diesem Sinne wünsche ich uns eine lange und gute Nachweihnachtszeit.

drucken