Kirche der Armen

Liebe Gemeinde,

Gerade gut 14 Tage ist es her, da kam Weihnachten über uns wie eine Lawine. Sie hat uns überrollt, auch mit guten Gefühlen durchaus. Endlich einmal wurden wir ernst genommen, als Konsumenten. Als Menschen die bescheiden oder mehr etwas Geld auszugeben haben. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen – so lautet die beliebte, aber vielleicht nicht ganz richtige Übersetzung des Lobgesangs der Engel, der uns noch im Ohr klingt, weil er Sonntag für Sonntag im Gottesdienst wiederholt wird. Und wenn es nun doch anders heißt: Den Menschen seines Wohlgefallens, und damit vielleicht gar nicht alle gemeint sind. Wer sind die Menschen seines Wohlgefallens? Wer ist erwählt, ausgewählt? Wer wird von Gott vorgezogen? Darauf gibt Paulus eine eindeutige Antwort, und dieser Antwort wollen wir uns nach Weihnachten ernsthaft zuwenden. Der Weihnachtsnebel ist verzogen. Es darf wieder Klartext geredet werden. Der Text ist doch eindeutig: Gott zieht die Armen und Schwachen vor. Die Weisen, Mächtigen und Angesehenen sind vor Gott nichts wert.

Einwand: wir haben einen Teil aus einem Brief gehört, den Paulus, der Heidenapostel an die Gemeinde ein Korinth geschrieben hat. Nur: War es wirklich nur eine einzige Gemeinde, oder haben sich schon mehrere Gemeinden gebildet. Korinth war nämlich eine der größeren Städten des römischen Reiches in Griechenland. Vielleicht war es damals schon ganz ähnlich wie heute: Es gibt arme und reiche Gemeinde? Und es gibt arme und reiche Kirchenmitglieder. Die Gemeinden hatten ja keine eigenen Kirchen. Da traf es sich doch ganz gut, wenn einige von den reichen und angesehenen Bürgern der Hafenstadt Korinth sich der frohen Botschaft von Jesus Christus zugewandt hatten. Der Bibelausleger Gerd Theissen dreht die Argumente des Paulus erst einmal um. Egal was Paulus selbst mit seinen Worten sagen wollte, er belegt, dass es überhaupt einige reiche und angesehene Bürger in den frühen christlichen Gemeinde gab. Man nimmt an, dass sie ihre Häuser für die Versammlungen der Gemeinde geöffnet haben. Es gab nicht viele Reiche und Angesehene in der christlichen Kirche, das ist klar. Egal was Paulus selbst meint: Die frühe Kirche war eine Kirche aus Armen und Reichen. Aber so wie es in der Gesellschaft nicht viele Reiche und mehr Arme Menschen gibt, so war das auch in der Urkirche. Es war kein Zirkel in denen Reiche unter sich waren. Es war vielmehr so, dass indirekt die Reichen die Häuser für die armen öffneten, und sei es zum Gebet und zum Abendmahl.

Paulus hätte sich bei ihnen bedanken sollen, denn sie waren wichtig für die Urkirche. Doch stattdessen tritt er sie vors Schienbein: „Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,…“ Wir erinnern uns wieder an das Weihnachtsfest und nicken: „Das liegt es das Kindlein in Heu und auf Stroh. Maria und Josef betrachten es froh. Die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.“

Die heiligen drei Könige, die traditionell ja erst am 6. Januar erscheinen, wenn der Klang der Engel längst verstummt ist, präsentieren uns hier die andere Welt, die Welt des Adels und der Reichen. 14 Tage nach Weihnachten dürfen sie in gehörigem Abstand zu den Hirten dann auch noch kommen, um Gold, Weihrauch und Myrrhe zu bringen. Sie gehören dazu, ja sie stehen für die Fürsten der ganzen Welt, da rund um den Globus das Christkind gefeiert wird.

Also die Kirche ist keine Kirche der Reichen, aber sie gehören dazu. Die Armen scheinen bevorzugt zu werden. Aber die Kirche ist auch keine Kirche der Armen allein. In der guten Mischung liegt die Explosivkraft des Glaubens. Dennoch gibt es schon von der Sklavengeschichte Israels her immer wieder einen Vorrang für die Armen. In den Basisgemeinden Lateinamerikas heißt es sogar: „Für die, die im Elend wie eins Paulus das Evangelium verkünden, gibt es zu allererst die vorrangige Entscheidung für die Armen und die Parteinahme für diejenigen, die in der Gesellschaft oder wegen ihrer Rasse verachtet werden.“

Doch in der Kirche Jesu Christi, seinem irdischen Haus, scheint das in den 2000 Jahren Kirchengeschichte nicht immer allen so bewusst gewesen zu sein. Ja im Gegenteil: Die Kirchenbauten und ihre Ausstattung waren Jahrhunderte lang ein Symbol für Prunk und Angeberei. Und das nicht nur in der katholischen Kirche mit den bekannt prunkvoll ausgestatteten Barockkathedralen. Der Philosoph Sören Kierkegaard lebt in der Landeshauptstadt Dänemarks, in Kopenhagen. Er nahm das höfische Getue der Kirchenoberen und Pfarrer aufs Korn: „In der prachtvollen Domkirche tritt der hochwohlgeborene, hochehrwürdige Geheime General-Ober-Hof-Prädikant auf, der vornehmen Welt auserwählter Liebling; er tritt auf vor einem auserwählten Kreis von Auserwählten und predigt über den von ihm selbst auserwählten Text ‚Gott hat das in der Welt geringe und Verachtete auserwählt’ – und da ist keiner, der lacht.“ Doch damit ruft uns Kierkegaard ja gerade zurück zum Text.

Keiner war ausgeschlossen, es gab Arme und Reiche, Weise und nicht so Kluge genauso wie Angesehene und Unbedeutende. Jeder hatte seine Rolle und seine Aufgabe in der Gemeinde, keiner solle von sich selbst mehr danken als von einem anderen, denn sie waren vor Gott alle gleich. Erwählt ist daher das Schwache und das, was nichts wert ist, damit sich keiner vor Gott rühme. Die Kirche ist kein Arbeiterverein und kein vornehmer Salon, aber die Armen stehen vorn. Ihre gesellschaftliche Rolle ändert sich dadurch nicht.

Außerhalb der Kirche sind die Armen arm und die Reichen reich. Aber in der Kirche stehen die Armen vorn und die Reichen hinten. In der Kirche ist die gesellschaftliche Vorrangstellung nichts wert, damit sich selbst von Gott keiner rühme, keiner mit etwas angebe, dass er sich selbst erworben hat. Das neue Selbstverständnis stammt nicht aus einer gemachten und gekauften menschlichen Würde, sondern es ist einfach gegeben, und zwar mit dem menschlichen Leben von Anfang an. Das, was uns Gott, der Schöpfer, der Grund des Lebens gegeben hat, hat in unserem Leben und auf dieser Welt den allergrößten Wert, das menschliche Leben selbst. Wer sich seines Lebens rühmt und freut, wer dann auch mit anderen teilt, ist auf dem richtigen Weg.

Daher schraubt Paulus die Ansprüche herunter. Weil die Christen die Werte des christlichen Leben nicht aus der Leistung, sondern aus der Gabe Gottes empfangen: „Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«“

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