Leben nach Gottes Weisheit

<i>[Für diese Predigt habe ich die Predigthilfe im Deutschen Pfarrerblatt, die "Werkstatt für Liturgie und Predigt" und auch die Praxiserprobung "Bibel in gerechter Sprache" benutzt.]</i>

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für heute führt uns nach Korinth im Jahr 55 nach Christus.

Lassen Sie mich etwas über die Stadt Korinth erzählen: Die Nachrichten über die christliche Gemeinde dort in den Briefen des Paulus und in der Apostelgeschichte des Lukas ergänzen einander. Korinth war Großstadt und Hafenstadt. Ihren Aufschwung verdankt sie ihrer Lage, auf der schmalen Landzunge zwischen zwei Meeren (Adria und Ägäis), dem Isthmus von Korinth. Zwei römische Kaiser, Gajus und Nero (54–68) hatten versucht einen Kanal zu bauen. (Der 1. Kor. Brief wurde 55 geschrieben) Dazu waren Unmengen von Taglöhnern, Gelegenheitsarbeitern und Hafenarbeitern nötig. Das waren auch die Menschen der christlichen Gemeinde, arme Leute aus der Unterschicht – dazu einige wenige »Hochwohlgeborene«.

Dann gab es natürlich auch die "Konkurrenz", Menschen, die an die griechischen Götter glaubten: Ein großer Aphrodite-Altar stand oberhalb der Stadt auf dem Akrokorinth. Dort lebten etwa 1000 Mädchen im Dienst der religiösen Prostitution. Das Wort »korinthisieren« war gebräuchlich zur Bezeichnung sexueller Unmoral.

Kann man eine solche Gemeinde überhaupt mit einer unserer heutigen Kirchengemeinden vergleichen? Und haben uns Texte aus einem Brief, der vor fast 2000 Jahren nach Korinth geschickt wurde, überhaupt etwas zu sagen? Ich denke schon.

Paulus kennt die Gemeinde Korinth sehr gut. Er wirkte dort 1 1/2 Jahre als Missionar und verdiente seinen Lebensunterhalt als Zeltmacher. Er erinnert die Empfänger des Briefes an ihren sozialen Status, und wie sie in die Gemeinde von Gott gerufen wurden. Das Wort »klesis« (Berufung) hängt zusammen mit »ekklesia« (die herausgerufene Schar.) Und Ekklesia ist das Wort für Kirche, heute noch.

[TEXT]

oder der gleiche Text aus der Übersetzung in gerechter Sprache:

Seht doch eure Berufung an, Geschwister: Es sind nämlich nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele aus den Elitefamilien unter euch. Vielmehr hat Gott das Törichte der Welt erwählt, um das Weise zu beschämen; und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen; Und das Unedle und das Verachtete der Welt hat Gott erwählt, die als Nichts gelten, um diejenigen, die etwas sind, zu Nichte zu machen. Das geschieht, damit sich kein Mensch von Gott auf Grund von Wohlstand und Erfolg unabhängig wähnt, denn durch Gott seid ihr mit dem Messias Jesus verbunden, der uns von Gott her zur Weisheit geworden ist und zur Gerechtigkeit und Heiligung und Befreiung. So geschieht, was geschrieben steht: "Wer groß sein will, preise die Größe Gottes."

Liebe Gemeinde, ich habe mich entschieden, diese moderne Übersetzung zu nehmen, weil wir dadurch besser verstehen, was der Apostel anspricht als aus der Sprache Martin Luthers, die geprägt ist von der gesellschaftlichen Struktur des ausgehenden Mittelalters. Paulus schreibt an die Gemeinde, weil dort ein paar Missstände ausgebrochen sind. Missstände, die wir nur allzu gut kennen: einige Leute kamen sich ein bißchen besser vor als die anderen. Sie es, weil sie mehr hatten, vornehmer und gebildeter waren oder auch, weil sie als erste dabei waren.

Es fällt ihnen schwer, zu begreifen, dass vor Gott jeder immer wieder neu beginnt. Das fällt uns auch manchmal schwer. Denjenigen, die jeden Sonntag in den Gottesdienst kommen und auch noch ehrenamtlich viel tun zum Beispiel, die könnten ja auf den Gedanken kommen, ein gutes Stück näher an Gott dran zu sein als die, die zwar getauft sind, irgendwann als Kind, aber dann eine lange Wegstrecke Gott aus den Augen verloren haben und ihm dann, zum Beispiel in einer schwierigen Lebenssituation, auf einmal wieder begegnen. Oder diejenigen, die vielleicht noch gar nicht getauft sind, weil ihre Eltern keinen Wert auf Christentum gelegt haben. Und jetzt, als Erwachsene oder Jugendliche, lernen sie jemanden kennen, der sie mitnimmt in eine Gemeinde. Da kann es zu Gesprächen kommen, in denen sich herausstellt, dass jemand kaum eine Ahnung von all den vielen Gestalten aus der Bibel hat, die dem anderen ganz vertraut sind. "Wer ist eigentlich dieser Apostel Paulus?", das hat mich schon mehr als einmal jemand gefragt. Und im Taufunterricht für Erwachsene kommen auch ganz elementare Fragen, die christlich Sozialisierte den Kopf schütteln lassen. Zum Beispiel: "Warum heißt das Abendmahl und wird meistens morgens gemacht?"

Manchmal sind es Schwellenängste, die Menschen von Kirche fernhalten. Wenn da Fremdwörter kommen wie Liturgie oder Ordination, wenn Sonntage Namen haben wie "Quasimodogeniti" oder wenn von Epiphanias und Trinitatis gesprochen wird, stellt sich die Frage: Muss man Latein und griechisch können, um Christ zu sein?

Es gibt ganze Pfarrerdynastien, gerade in unserer Landeskirche. "Meine Vorfahren waren seit 1560 Pfarrer", hat mal ein Theologieprofessor zu mir gesagt. Ist der nun ein Auserwählter?

Leider fallen einem in solchen Momenten Sätze wie der des Paulus nicht ein: Vielmehr hat Gott das Törichte der Welt erwählt, um das Weise zu beschämen; und das Schwache der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu beschämen; Und das Unedle und das Verachtete der Welt hat Gott erwählt, die als Nichts gelten, um diejenigen, die etwas sind, zu Nichte zu machen.

Oder habe ich den Platz im Himmel schon gepachtet, wenn ich immer mal wieder eine dicke Spende gebe, die ich praktischerweise auch noch von der Steuer absetzen kann? Manchmal schüchtern ja solche wohlhabenden Spender Kirchengemeinden ganz schön ein. Früher konnten sich die Reichsten in der Kirche die besten Sitzplätze kaufen, heute scheint es mir eher so, als denkt mancher: "Wenn ich so viel Kirchensteuer zahle und auch noch spende, brauche ich nicht mehr selbst hinzugehen zum Gottesdienst." Besonders in den alten Bundesländern leben Gemeinden in "guten" Wohngegenden von solchen Gemeindemitgliedern. Vielleicht seufzen Sie nun ein bisschen neidvoll: "Wenn wir nur ein paar davon hätten, brauchten wir uns um die Kirchensanierung keine Sorgen mehr zu machen. Dann sähe es hier ganz anders aus." Aber worum geht es denn wirklich? Worum müssen wir uns sorgen? Klar ist es schön, eine Kirche zu haben, in der es warm ist, nicht zieht und in der die Scheiben intakt sind. Und noch wichtiger: an der wir mit funktionierenden Glocken ein bißchen Öffentlichkeitsarbeit machen können. Öffentlichkeitsarbeit wofür aber?

Kürzlich hat jemand beklagt, dass in einem Gottesdienst geklatscht wurde. Geklatscht wurde für Kinder, die sich sehr viel Mühe beim Krippenspiel gegeben hatten. Und die Kinder haben sich über das Klatschen gefreut. "Man muss die Kinder Demut lehren", meinte ein Mann aus der Gemeinde. Aber das, was in frommen Kreisen unter Demut läuft, verursacht mir oft Unbehagen. Es hat etwas Aufgesetztes und Gekünsteltes oder auch Bedrückendes. Und ich denke, so wie mir geht es da vielen, die deshalb auf Distanz von Kirche gerückt sind, weil ihnen zu wenig echte und spontane Freude rüberkommt.

Dafür oft aber so ein Appell: "Ich gönne mir ja nichts – und wer das nicht genauso macht, der hat nicht begriffen, worum es geht."

Gott erhöht niemanden, nur weil dieser sich kleiner gemacht hat. Und niemand wird von Gott nur deshalb hoch geschätzt, weil die Welt ihn mit Spott übergießt. Gottes Erwählungshandeln lässt sich so billig nicht beeinflussen. Denn die Bedingung, die Gott für die Erhöhung zu ihm setzt, ist keine, die Menschen selber machen könnten. Weder dadurch, dass sie nach außen besser tun, als sie eigentlich sind, noch dadurch, dass sie sich niedriger frömmeln, als sie sich in Wirklichkeit wissen. Gott alleine erschafft seine Kirche, genauso wie er die Welt erschaffen hat: Aus dem Nichts. Nur darum geht es Paulus in unserem Predigtwort.

Kein Mensch besitzt einen Ausgangspunkt, vom dem aus er an Gott anknüpfen könnte. Keine Eigenschaft, kein Charakterzug, kein Wissen und auch keine Niedrigkeit schaffen es aus sich selbst heraus, zu Gott zu gelangen. Diesen Nullpunkt sollen die Korinther begreifen, darum ging es Paulus. Diesen Nullpunkt auch heute wieder zu betonen, legt das Predigtwort nahe. Somit kann sich "kein Mensch vor Gott rühmen", auch nicht in der verdrehten Weise, sich des Nichts-Rühmens zu rühmen. Zu wissen, dass Gott seine Kinder aus freier Wahl annimmt und ihnen als Geschenk sein Reich zusagt, das soll die Ausgangsposition aller Christen bleiben.

Um Missverständnisse zu vermeiden. Das Evangelium bleibt die frohe Botschaft für alle, die in dieser Welt benachteiligt sind, sei es aus eigener oder aus fremder Schuld. Weil Gott das Leid nicht will, ist die Hoffnung berechtigt, dass er Recht schaffen wird all denen, die an seinen Namen glauben. Aber gerade deswegen ist es unsinnig, heute nach all denen blicken zu wollen, die in der Wahl Gottes übergangen worden sind, damit wir als Kirche oder Gemeinde oder gar als berufene Einzelne ihnen zu ihrer göttlichen Erwählung verhelfen. Nein: Gott allein wird diese Umwertung eines Tages vornehmen, nicht die Menschen. Kirche ist nicht das Reich Gottes, keine Amtskirche, keine Freikirche kann das sein. Kirche ist ein wanderndes Gottesvolk schon seit mehr als 2.000 Jahren, mit wandelnden Geschmäckern, Moden, Zeitgeisterscheinungen und mit ihren Irrungen und Wirrungen. Was alleine bleibt, ist das Licht, das seit Epiphanias, zu deutsch der Gotteserscheinung, vor dieser Kirche herzieht: Jesus Christus.

Ich erinnere daran, wie Jesus frei war von Angst um den morgigen Tag, Gesundheit, Zukunft oder Todesangst, weil er Gott vertraute. Die Erlösung, durch die wir mit ihm verbunden sind, ist nicht die Befreiung von allen Sorgen und Nöten. Sondern dass wir frei werden wie er, Gott zu vertrauen, um unser Leben gestalten können nach seiner Weisheit.

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