Eine harte Schule

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Karl-Heinz ist 43 Jahre alt. Er ist verheiratet mit Christina, 38 Jahre und hat zwei Kinder, Stefan und Monja, 11 und 13 Jahre alt.

Karl-Heinz ist Betriebswirt in einer namhaften Firma. Sein beruflicher Werdegang hatte einen kleinen Umweg genommen: Mit 15 hatte er plötzlich keine Lust mehr zur Schule und machte eine Tischlerlehre. Aber bald danach kam er zur Vernunft, holte das Abitur nach und studierte in Bochum, wo er auch Christina kennenlernte.

Seit einigen Jahren ist er nun schon bei seiner Firma. Da läuft ohne Karl-Heinz gar nichts, der Chef weiß das und bezahlt ihn gut. Aber Karl-Heinz muss viele Überstunden machen, selten ist er vor 8 zu Hause. Oft muss er auf Dienstreise, sogar im Ausland ist er schon gewesen – Karl-Heinz ist viel unterwegs, aber er ist mit sich und der Welt rundum zufrieden. Und wenn er in den Spiegel sieht, rückt er seine Krawatte zurecht und nickt sich aufmunternd zu.

Auch an diesem Tag kommt er erschöpft, aber zufrieden von der Arbeit. Es ist mal wieder spät geworden. Um viertel vor neun schließt er die Haustür seines Bungalows auf und zieht den Mantel aus. Er hört Christina in der Küche klappern, geht zu ihr und gibt ihr einen Kuß in den Nacken. Die Kinder sitzen vor dem Fernseher: ein riesiger Affe hält eine blonde Frau in seiner rechten Pranke, die um ihr Leben schreit.

„Na, Kinder, das ist wohl nichts für euch“ sagt Karl-Heinz und hat die Fernbedienung schon in der Hand. Aber Monja, seine große, hat schon immer gewusst, wie sie ihren Vater um den Finger wickeln kann. „Papilein, wir haben heute Konfus gehabt und der Pastor hat uns so eine blöde Aufgabe gegeben. Kuck mal“ und dann hält sie Karl-Heinz auch schon die Bibel vor die Nase. „ das ist der Predigttext für Sonntag. Wir sollen aufschreiben, was das für uns bedeutet.“

Karl-Heinz weiß immer Rat, Karl-Heinz ist fit in allen Fragen. Er macht sich die Leselampe an und setzt die Brille auf. Dann liest er. Es geht um den ersten Korintherbrief.

26 Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme,

27 sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen.

28 Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: damit kein Mensch sich seiner selbst rühme vor Gott.

Karl-Heinz liest es zweimal und runzelt die Stirn. Er dreht das Buch noch einmal und inspiziert den Umschlag: tatsächlich, die Bibel. Was soll der Schwachsinn? „Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen“ Karl-Heinz fühlt sich angegriffen. Im ersten Moment wird er richtig ärgerlich. Will der Pastor einen Keil zwischen ihn und seine Tochter treiben? Aber er hat sich schnell wieder im Griff, liest den Text noch ein drittes Mal und dann ist er fertig damit. Kein Wunder, dass es den Kirchen so schlecht geht, wenn sie sich an Looser und Dummköpfe hält. Er nimmt sich vor, noch in diesem Jahr endlich aus der Kirche auszutreten.

„Na, Papa, verstehst du den Text?“

„Klar. Da steht, dass du in der Schule schön fleißig sein sollst, damit du nicht als Dummkopf endest.“

„Oh, Papa, du bist blöd! Das hast du dir nur ausgedacht!“

„Stimmt“ grinst Karl-Heinz. „Und nun ist Schluß für euch beide. Ab ins Bett!“

Zur selben Zeit sitzt Edda in ihrer kleinen Wohnung in der Neustadt. Edda hat in ihrem ganzen Leben noch kein Glück gehabt: Der Vater war Alkoholiker, die Mutter starb, als sie 12 war. Als Kind war Edda viel krank, sie hatte Asthma und fehlte oft in der Schule, mit Ach und Krach schaffte sie den Hauptschulabschluss. Dann schien sich das Blatt zu wenden: Sie bekam einen guten Lehrplatz in einer Apotheke. Aber nach einem Jahr starb ihr Lehrherr und niemand wollte sie danach weiter ausbilden.

Mit 17 wurde sie schwanger. Sie nahm sich eine kleine Wohnung und freute sich. Nun wird alles gut, dachte sie, das schaffe ich auch ohne Mann. Und ihr kleiner Malte war das hübscheste Baby, das sie je gesehen hatte. Er war ihr Sonnenschein und ihre Freude.

Malte starb, als er 12 Wochen alt war. Er lag einess morgens tot im Bett. Die Kripo kam und das Jugendamt und sie stellten ihr Fragen und sahen sie zweifelnd an.

Edda ist heute auch 43. Seit dem Tod ihres Sohnes ist sie psychisch krank und lebt von der Sozialhilfe. Sie hat Angst vor Menschen, geht nirgends hin. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt läuft über den PC. In langen Nächten sitzt sie vor dem Bildschirm. Eines Nachts entdeckt sie zufällig beim Surfen die Homepage einer Kirchengemeinde und sie liest den Predigttext für den 1. Sonntag nach Epiphanias:

Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. 28 Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: damit kein Mensch sich seiner selbst rühme vor Gott.

Edda liest es wieder und wieder. Kann das angehn, steht das wirklich in der Bibel? Sie schlägt nach. Ja, tatsächlich. Nicht die Studierten, nicht die Klugen, nicht die Mächtigen und die Erfolgreichen, nein, genau die anderen werden von Gott in den Dienst gerufen und von ihm gebraucht. Es ist, als ob der Text zu ihr spricht: Edda, du bist gemeint. Edda, Gott braucht dich!

Zehn Jahre sind vergangen. Karl-Heinz sitzt am Computer, der in seiner kleinen Wohnung im Marmeladenviertel steht. Christina hat ihn verlassen, 8 Jahre ist das nun her. Die Kinder hat sie mitgenommen, das Haus musste verkauft werden. Und dann ging alles sehr schnell: Zuerst kam die Kündigung und mit ihr die Not, dann kam der Schlaganfall. Karl-Heinz sitzt im Rollstuhl, morgens kommt der Pflegedienst und für den Rest des Tages ist Karl-Heinz ganz allein. Der einzige Kontakt zur Außenwelt läuft über den Computer. Tag und Nacht sitzt er davor, spielt, surft und chattet und denkt nicht mehr zurück.

In einem Chatroom hat er Edda kennengelernt. Edda ist witzig, sie bringt ihn zum Lachen. Sie kennt alle Spiele und alle Tricks und immer hat sie mehr Punkte als er. Edda ist fit. Sie hat eine feste Anstellung als Beraterin in einem Internetforum bekommen – das ist eine Arbeit, die sie tun kann, ohne raus zu müssen, denn sie ist immer noch nicht gesund.

Die beiden kommen sich näher und Karl-Heinz schreibt ihr von seinem Schicksal.

„Ich kann jetzt gar nichts mehr“ schreibt er. „Ich bin ein Wrack. Es wäre besser, wenn ich sterben könnte. Ich denke oft daran, meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich kann grad noch alleine aufs Klo und mein Arzt meint, dass ich dafür dankbar sein müsse. Meine Kinder wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. Meine Frau lebt mit einem anderen Mann. Ich habe alles falsch gemacht und ich habe alles verloren. Ich bin am Ende. Ich mag nicht mehr.“

Edda ist tief berührt, als sie diese Zeilen liest. „Ich war auch einmal ganz unten“ antwortet sie ihm. „Ganz unten, da, wo es zappenduster ist, wo man nicht mehr aus noch ein weiß. Ich war da, wo man denkt, sterben ist besser als so zu leben. Mir hat der Zufall geholfen, oder besser: der, der Zufälle bewirken kann. Ich habe zum Glauben gefunden. Die Bibel, bzw. ein Abschnitt aus ihr, hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben. Den Text habe ich mir ausgedruckt und gerahmt. Er hängt über meinem Bett und ist mein Trost, wenn ich mal wieder ganz unten bin. Lies ihn doch mal, vielleicht hilft er auch dir.“

Karl-Heinz runzelt die Stirn. Die Bibel – davon hat er eigentlich genug und mit Gott will er nach alldem nichts mehr zu tun haben. Der 1. Korintherbrief – der Apostel Paulus hat ihm jetzt gerade noch gefehlt. Aber er öffnet die Datei und liest, was dort steht:

Seht doch auf eure Berufung, liebe Brüder! Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: damit kein Mensch sich seiner selbst rühme vor Gott.

Karl-Heinz starrt auf den Text. Plötzlich sind alle Bilder wieder da, die kleine Monja, wie sie ihn anstrahlt, Stephan, der auf den Affen im Fernseher stiert, Christina und ihr Lachen in der Designerküche.

„Gott hat mich zuschanden gemacht“ – das ist sein erster Gedanke. „Oja, ich bin zuschanden und alles, was mir wichtig war, hat er zunichte gemacht. Nichts ist mehr wie es war.“ Und er weint und weint und kann gar nicht mehr aufhören.

„Ich habe verstanden, liebe Edda“ schreibt er später. „Es war eine harte Lektion, aber ich habe gelernt, was wichtig ist im Leben. Ich danke dir.“

Weitere 5 Jahre vergehen. Edda und Karl-Heinz sitzen im Stadtpark auf einer Bank und halten sich wie ein jung verliebtes Paar an den Händen. Einer hat den anderen gerettet. Edda ist gesund, mit der Hilfe von Karl-Heinz konnte sie Schritt für Schritt in ein normales Leben zurück kehren. Und auch Karl-Heinz kann sich mit seinem Gehwagen gut helfen. Sie haben eine Selbsthilfegruppe gegründet und erzählen, was sie gelernt haben. Und immer wieder findet jemand ins Leben zurück, weil Edda und Karl-Heinz vorangehen und ihm begreiflich machen: Du bist etwas wert. Gott hat dich lieb und gerade dich will er brauchen.

So hat Gott diese beiden in seinen Dienst gestellt. Es ging über Umwege und durch eine harte Schule. Aber vergessen werden sie es nie.

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