Es wird viel passieren!

Liebe Gemeinde!

Wir haben es eilig. Nur noch drei Wochen bis Weihnachten. Und wir haben noch soviel zu erledigen. Wir laufen durch die Stadt, klappern die Geschäfte ab, einmal den Sonnenwall [Anm.: Geschäftsstraße in Duisburg] rauf und runter, dann zu Karstadt …, ach wie dumm: was wir unbedingt noch brauchen, das gibt es hier gar nicht. Also dann doch noch zu Roßkothen [Anm: bekanntes Spielzeuggeschäft in Duisburg], die haben die größere Spielzeugauswahl, da hätte man gleich dran denken können. Wie gut, dass die Geschäfte so lange geöffnet sind, sonst würden wir es nicht schaffen. So können wir uns sogar noch eine kleine Pause gönnen, vielleicht eine Tasse Kaffee oder heißen Tee in einem der schönen Duisburger Cafés. Aber danach, nichts wie weiter, und backen, das müssen wir ja auch noch. Fast könnten wir klagen, wie viel wir noch zu tun haben. Aber es sind noch drei Wochen.

Wir haben noch Zeit. Wir müssen noch warten. Und nicht allen wird diese Zeit durch Hektik verkürzt. Viele sitzen alleine zu Hause, die Tage werden nicht kürzer, sondern immer länger, das mit dem Laufen klappt nicht mehr so gut, der Weg in die Stadt ist zu weit geworden, vielleicht sorgt nur noch der Fernseher dafür, dass man etwas mitbekommt von der Welt. Die Frage ist nur, ob sich das wirklich lohnt? Was bekommen wir mit von der Welt in den Fernsehnachrichten? Zu viel Leid, zu viel Not, Katastrophen und Kriege in der Welt – auch in der Vorweihnachtszeit. Und in unserem Land? Die Finanznot des Staates so groß, dass man eigentlich nicht mehr weiß, wie das noch weitergehen soll, nur eines scheint sicher zu sein: die Reichen werden Reicher und die Armen ärmer, das Leben wird härter, das Leben wird kälter. Da kann man eigentlich nur noch klagen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist eine solche große Klage. Eine große Klage, die ein ganzes Volk vor Gott bringt. Vor über zweitausend Jahren. Die Städte sind zerstört, Fremde herrschen über das Land, Jerusalem liegt in Trümmern, auch das Heiligtum, der Tempel, ist zerstört. Diese Klage findet sich beim Propheten Jesaja, im Kap. 63, Vers 15 bis Kap. 64, Vers 3.

[TEXT]

Beim ersten Hören sind das verstörende Worte. Gottes Barmherzigkeit hält sich hart gegen das Volk, er lässt sein Herz verstocken, dass es ihn nicht mehr fürchtet. Nun sind sie wie Leute, über die Gottes Name nie genannt wurde, die nicht mehr mit ihm in Verbindung gebracht werden – von Gott verlassen fühlen sie sich. Wenn er doch nur vom Himmel sehen würde auf das Elend und sogar hinunter käme, dann wäre es so, als ob der Himmel zerrissen würde und selbst die Berge würden zerfließen: wie bei einem Vulkanausbruch. Das wäre ein Großereignis, die einzige Nachricht des Tages, und nicht nur eine gute in all dem Elend, sondern sogar die beste, die man sich vorstellen könnte: Alles wäre dann anders. Da lohnt es sich schon, zu klagen. Und zu hoffen. Und zu erwarten, dass etwas passiert.

Und über zweitausend Jahre später? Man könnte meinen, auch heute gilt: Volksklagelieder haben Konjunktur. Bei uns auch wegen der Konjunktur. Aber es ist wohl nicht ganz so dramatisch: unsere Städte haben kein Geld mehr, aber sie sind nicht zerstört und immerhin haben wir jetzt auch wieder eine Regierung. Wir können uns in Kirchen und Gemeindehäusern zu Gebet und Gottesdienst versammeln, und wenn wir die Hälfte davon verkaufen müssen, dann bleibt immer noch eine Hälfte übrig – jedenfalls: es ist nichts zerstört und es liegt nichts völlig in Trümmern. Vielleicht jammern wir manchmal mehr, als wir wirklich klagen würden. Und wenn wir jammern, beschäftigen wir uns wohl eher mit uns selbst. Wir jammern ja keinen an. Wenn wir klagen würden, würden wir anklagen. Einen Jammer bringt man nirgendwo hin, eine Klage kann man vor jemanden bringen. Das Volk damals vor zweitausend Jahren brachte seine Klage vor Gott.

Vielleicht können wir uns da etwas abgucken, besser gesagt, wohl „abhören“: Wo ist denn nun dein Eifer und deine Macht? klagte das Volk, auch deine große herzliche Barmherzigkeit ist nicht mehr erkennbar. Aber du bist doch unser Vater, denn Abraham weiß von uns nichts, was könnte uns unsere Vergangenheit trösten, nur du bist unser Vater und unser Erlöser, warum tust du denn nichts?

Wer so klagt, erwartet noch etwas. Wer so klagt, erwartet noch sehr viel. Und wer so klagt, der weiß auch um Gottes große und herzliche Barmherzigkeit. Denn: Niemand hat je gehört von einem Gott und niemand hat je einen Gott gesehen, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Als Luther die Bibel übersetzte, konnte „harren“ auch heißen: rufen oder schreien. Es geht hier also um einen Gott, der denen wohl tut, die nach ihm schreien. Das wusste bereits das Gottesvolk in größter Not vor über zweitausend Jahren.

Und das wissen wir heute umso mehr. Denn der Ruf ist nicht ungehört geblieben. Die Sehnsucht nach dem Erlöser, der vom Himmel herabsieht und hinunterkommt, ist nicht ungestillt geblieben. Sonst würden wir in drei Wochen nicht Weihnachten feiern. Sonst wäre nicht schon der Advent eine Zeit der Vorfreude und Besinnung.

Aber hat sich sonst etwas geändert? Haben wir also eigentlich keinen Grund mehr zu klagen? Haben wir auch keinen Grund mehr, noch etwas zu erwarten? Not und Leid in der Welt, Krankheit und Einsamkeit auch unter uns: natürlich haben wir da Grund zu klagen. Und keinen Grund, das eigene Leiden zu ersticken in dem Satz: „Aber man darf ja nicht klagen.“ – Als ob sich das nicht gehörte. Als ob es ja doch nichts nützte. Als ob man nichts mehr erwarten könnte. Weihnachten gibt es schon. Und sogar Ostern. Nicht nur das Kind in der Krippe, sondern sogar den Auferstandenen, der den Tod besiegt hat. Mehr kann man wohl kaum verlangen, nach noch mehr zu rufen und zu schreien, wäre ja geradezu maßlos.

Kinder – je kleiner sie sind – haben damit weniger Probleme. Kein Säugling macht sich Gedanken über Maßlosigkeit, wenn er alle zwei Stunden schreit, wenn er Hunger hat. Oder wenn ihm etwas wehtut. Oder wenn er die Nähe der Eltern spüren und in den Arm genommen werden will. Selbst wenn es Nacht ist.

Kinder erwarten wie selbstverständlich, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Wie könnte es auch anders sein. Und mit welcher unglaublichen Spannung und Vorfreude erwarten Kinder an Weihnachten, dass es endlich losgeht: dass sich die Tür zum Wohnzimmer öffnet, dass endlich Bescherung ist.

Da können wir uns etwas abgucken. Die unbedingte Erwartung nämlich, dass unsere Klagen gehört werden, dass unsere Sehnsüchte nach dem Ende aller Not und allen Leidens erfüllt werden. Und dass da noch etwas ganz anderes passieren wird. Dass noch viel mehr kommt. Weihnachten ist erst ein Anfang, das Geschenk, dass Gott herabgestiegen ist in unser menschliches Elend – und mit dem Kind in der Krippe so ganz anders als erwartet. Und es wird noch viel mehr passieren.

Denn wir haben auch das Geschenk der Verheißung erhalten: die Verheißung, dass Christus wiederkommt und dass dann alles anders ist: ein neuer Himmel und eine neue Erde. Auch das wird überwältigend anders sein als alles, was wir erwarten. Dieses Geschenk ist noch nicht ausgepackt, aber es liegt schon für uns bereit.

So sind wir immer noch Wartende und Erwartende. Wir sind gleichsam klagend Wartende und hoffend Erwartende. Beides gehört zu uns als Christen: die Klage über den jetzigen Zustand der Welt und die Hoffnung, dass Gott alles neu machen wird. Klagen und Hoffen – beides können wir in Gelassenheit tun. Denn wir glauben, dass unser Rufen und unser Hoffen nicht vergeblich sind. Diese Gewissheit haben wir gemeinsam mit dem Volk, das vor über zweitausend Jahren klagte. Und diese Gewissheit erlaubt uns Gelassenheit, sie verkürzt unser Warten. Die Tage werden wieder kürzer, denn sie sind von Hoffnung ausgefüllt. In dieser Hoffnung bestehen wir den Alltag, wenn er beschwerlich ist.

Und in Hoffnung und Gelassenheit begegnen wir auch der Hektik des Alltags. Denn die größten Geschenke brauchen wir nicht mehr selbst einzukaufen, wir haben sie bereits erhalten.

Wenn Sie sich also in der Adventszeit zwischendurch den Besuch im Café gönnen, bestellen Sie ruhig auch ein Stück Kuchen, bleiben Sie ein bisschen länger und genießen die Erwartung auf das, was noch kommt.

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