Knaller und Raketen – Feuersäule und Wolke

Liebe Gemeinde!

In einigen Stunden gibt es deutlich sichtbare Zeichen am Himmel. Feuersäulen und Wolken. Die Knaller und Raketen als Zeichen für das anbrechende neue Jahr. Und Gott? Was hat der denn für Zeichen? Haben Sie eins gesehen in den letzten zwölf Monaten? Ist Ihnen Gott irgendwo ganz besonders begegnet? Am letzten Tag im Jahr wenigstens sollten wir uns Zeit nehmen, darüber nachzudenken. Wahrscheinlich fallen Ihnen eher Momente ein, wo Sie sich besonders gottverlassen gefühlt haben.

Zu biblischen Zeiten hatte es das Volk Gottes offenbar leichter. Aber auch sie haben sich immer wieder von Gott verlassen gefühlt und oft gedacht: "Jetzt ist er weg, jetzt hat er uns endgültig in die Wüste geschickt!" Zum Beispiel nach der Flucht aus Ägypten:

Hören wir den Predigttext aus 2. Mose 13:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, das wäre schon toll, wenn wir ein solches Zeichen hätten für das kommende Jahr: Eine solche Säule, die vor uns herwandert, damit wir immer wissen: Gott ist bei uns. Dann wären wir vielleicht nicht so in Erklärungsnot, wenn andere uns fragen: "Wo ist denn euer Gott? Ich habe von ihm noch nie etwas bemerkt in meinem Leben. Ich komme ganz gut ohne ihn zurecht – und jeder muss sowieso seinen Weg alleine finden." Vielleicht haben wir einfach in die falsche Richtung geschaut, in jedem Unglück des Vergangenen einen Beweis für Gottes Abwesenheit entdeckt.

Ich war im letzten Jahr oft auf der Autobahn unterwegs. Und da gibt es so ein großes leuchtendes gelbes "M", ein Zeichen, auf das meine Mitreisenden meist ganz besonders achten. "Ich hab Hunger – und da ist eine Ausfahrt", Sie wissen vielleicht, welches Zeichen ich meine. Ich selbst habe auf dieses Zeichen eigentlich früher nie geachtet, für mich ist es untergegangen in einem ganzen Meer von Leuchtreklamen.

Ich habe mir überlegt, ob eine Feuersäule oder eine Wolkensäule mitten in unserer von Markenzeichen belebten Welt überhaupt noch wahrgenommen würde. Würden wir eine Wolkensäule nicht völlig anders deuten? "Da verbrennt wieder irgendwer illegal Abfälle" oder so. Und eine Feuersäule in der Silvesternacht beispielsweise würde kein Mensch für den lebendigen Gott halten.

In der Wüste, wo es nichts gibt, was ablenkt, da ist das etwas anderes. Da kann man Gott leichter wahrnehmen. Vorsicht also, wenn Sie vielleicht beim Rückblick auf Ihr ganz privates Jahr sagen: "Ein Zeichen Gottes habe ich da nie bekommen." Vielleicht haben Sie es einfach nicht bemerkt. Wie war das mit dem "Schutzengel", bei dem Sie sich bedankt haben, als Sie aus der Ausfahrt fuhren und eben knapp dem Crash entgangen sind? Oder mit der Untersuchung, vor deren Ergebnis Sie solche Angst hatten und die Ihnen dann bescheinigte, dass die Befürchtungen sich nicht bewahrheitet haben.

Ich persönlich habe im vergangenen Jahr recht oft erfahren können, dass Gott mir den Weg gezeigt hat – und das hängt nicht unbedingt mit meinem Beruf zusammen. Klar, es ist nicht immer alles so gelaufen, wie ich es geplant hatte, aber verblüffend oft haben sich Probleme auf völlig andere Weise gelöst. Ich gehöre eher nicht zu den Menschen, die in allen möglichen Ereignissen leicht ein Zeichen Gottes sehen. Und ich weiß auch, wie sehr man sich irren kann und wie gefährlich solche Deutungen sein können.

Dennoch habe ich manchmal gemerkt, dass Gott besser weiß, was ich brauche, als ich selbst. Stresswochen liegen hinter mir, ich habe so viel um die Ohren und mag eigentlich gar nichts mehr hören. Da werde ich auf einmal krank, das passt mir überhaupt nicht in den Kram, weil ja noch so viel zu erledigen wäre. Und dann geht gar nichts mehr: Mittelohrentzündung und Fieber. Ich muss die Pause machen, die ich schon lange gebraucht hätte.

Heute, am letzten Abend des Jahres, da wird uns vielleicht noch einmal unsere ganz persönliche Bilanz bewusst: Enttäuschungen, Misserfolge, zerbrochene Beziehungen, unerfüllte Erwartungen. Manch einer sorgt sich um Gesundheit und Auskommen und fragt sich: "Wie werde ich wohl das nächste Jahr bestehen können?" Vielleicht werfen Sie mal einen Blick auf die Losung des kommenden Jahres, ebenfalls ein Wort aus dem Alten Testament, gesprochen zum Volk Israel: "Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht!"

Wer die beiden Texte im Zusammenhang liest, wird feststellen, dass Gott seine Zusagen an Menschen gibt, die bereit waren, alles stehen zu lassen, um sich aus der Sklaverei zu befreien. Er geht mit dem Volk, das sich aufgelehnt hat gegen die Ägypter, die es unfrei gemacht haben. Welche Zwänge sind es, die uns heute zu Sklaven machen? Ich denke, da gibt es eine ganze Menge. Zum Beispiel die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit. In unserer Gegend ist es die Arbeitslosigkeit und die Furcht davor, die die Menschen zu Sklaven in Gefühlen und Gedanken werden lässt.

Mancher ist bereit, sich alles gefallen zu lassen, nur, um Arbeit zu haben oder seinen Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Da werden Menschen krank gemacht. Fast paradox ist es, dass gleichzeitig Gesundheit so sehr hochstilisiert wird, dass einem Angst und bange werden könnte. "Hauptsache gesund!", wie oft habe ich diesen Satz gehört. Als wäre jemand, der krank ist, nichts mehr wert. Da ruinieren sich Menschen die Gesundheit, indem sie weit mehr arbeiten, als ihnen zuträglich ist, in der Angst um ihren Arbeitsplatz. Und wenn sie dann krank werden, ist der Arbeitsplatz weg, und sie werden noch kranker von dem Stress, den die Arbeitslosigkeit in ihnen auslöst. Wenn das nicht Sklaverei ist! Sicher ist es schwer, zu sagen: "Bis hierher und nicht weiter!" und eine solche Stelle zu kündigen, seine ganze Sicherheit aufzugeben. Sicher ist es auch schwer, dem "Hauptsache gesund" entgegenzusetzen: "Nein, es gibt etwas, was mir wichtiger ist." Der Predigttext macht Mut zum Aufbruch, zum Kündigen der Sklaverei, auch, wenn das Gefahren mit sich bringt.

Wir sind uns manchmal gar nicht bewusst, wie sehr sich solche Abhängigkeiten zwischen uns und Gott schieben, wie wir gar nicht mehr frei sind für ihn und dafür, dass er will, dass wir leben und nicht unter Druck und Angst zusammenbrechen. Und dann sehen wir weder die Feuersäule in der Nacht noch die Wolkensäule am Tag, mit der er sagt: "Ich bin bei dir, wenn du aufbrichst, ich begleite dich, wenn du alles zurücklässt, ich bin der Weg, ich bin Freiheit."

Innerkirchlich merkt man manchmal auch wenig von Aufbruch. Durch die sklavische Abhängigkeit von den schwindenden Steuereinnahmen, die besonders in unserer Landeskirche hier zu immer drastischeren Einsparungen führen, werden Spaziergänge im Gefängnishof noch »Strukturreformen« genannt. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich nach dem Oktober 2006 hier noch arbeiten darf oder wieder wegstrukturiert worden bin. Aber ich bin voller guter Hoffnungen. Selbst wenn es für mich Schluss sein müsste hier, was mich sehr traurig machen würde – es wäre doch schlimm, wenn wir unserem Gott so wenig zutrauen würden, dass wir nun voller Angst ins neue Jahr gehen würden, Sie voller Bangen um die Zukunftder Gemeinden, ich um meine wirtschaftliche Existenz. Ich weiß und ich möchte auch Ihnen diese Gewissheit ans Herz legen: Du musst das neue Land nicht alleine suchen und erobern und nicht aus eigener Kraft und Begabung. Es ist schon alles bereitet, von Gott her. Auch in uns. Ein weites Land ist es, weiter, als wir es uns vorstellen können, mit vielerlei Möglichkeiten (Berge, Wüsten, Weiden, Wasser …). Wir müssen nur wagen, hineinzugehen, es für uns einzunehmen. Jedes Leben, jedes neue Jahr, jeder Tag ist solch ein Land. Klar wüsste nun jeder gerne, wie genau die Zeichen Gottes aussehen. Es wäre prima, wenn es so eine Liste geben würde. Dann ließe sich leicht glauben. Aber das ist nun auch wieder Gott: er möchte, dass wir ihm vertrauen, so wie Jesus, der gesagt hat: "In deine Hände befehle ich meinen Geist."

"Ich lasse dich nicht fallen und ich verlasse dich nicht", hat Gott zu denen gesagt, die bereit waren, aufzubrechen ins Ungewisse.

Es ist gewiss, dass Gott auch uns Zeichen setzt, wenn wir aufgebrochen sind.

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