Ein anderes Fundament

Liebe Gemeinde,

Sie alle kennen sicherlich noch diese Werbung im Fernsehen: da sitzen zwei Männer in einem Café und prahlen mit ihren Errungenschaften:

– Meine Frau, mein Auto, mein Haus, mein Pferd, mein Bankkonto usw.

Und einer grinst selbstzufriedener als der andere. Jeder von den beiden versucht, so viel wie möglich mitzunehmen, um es sich so angenehm wie möglich zu machen: „Haste was, biste was.“

Da frage ich mich, ob dies alles Bestand im Leben hat, ob ich mich darauf verlassen kann oder ob es mich irgendwann verlässt?

Meine Frau (oder mein Mann) kann mich verlassen. Aus unterschiedlichen Gründen.

Mein Auto ebenso. Irgendwann gibt es seinen Geist auf.

Mein Haus. Ist es stabil genug gebaut? Oder wird es einstürzen?

Mein Pferd. Auch es wird älter und wird seine Kräfte einbüssen.

Mein Bankkonto. Bei den Preisen heutzutage wird es auch bald keine Junge mehr machen.

Was hat wirklich Bestand in meinem Leben, und worauf kann ich mich verlassen? Darum geht es in unserem heutigen Predigttext. Er steht im Matthäusevangelium im Kapitel 7, die Verse 24-27.

……….

Liebe Gemeinde,

das Bild vom Hausbau ist vielen von uns bekannt, und jeder, der schon einmal selber gebaut hat, weiß, wie wichtig das Fundament ist, auf dem ich mein Haus baue. Ohne gutes Fundament ist das ganze Haus nichts wert und wird über kurz oder lang zusammenfallen.

Jesus überträgt dieses Bild vom Hausbau auf unser Leben.

Was ist das Fundament meines Lebens, worauf baue ich, und auf wen oder was kann ich mich verlassen? Und welche Rolle spielt der Glaube in meinem Leben? Wie sieht ein Fundament überhaupt aus?

Nehmen wir doch einmal ein durchschnittliches Lebensgebäude:

Mann, Frau und zwei Kinder, die Ehe läuft so leidlich mit den üblichen Hochs und Tiefs, keine besonderen Vorkommnisse, also geordnete Verhältnisse.

Kinder in der Ausbildung, ordentlich geraten, weder in der Drogenszene, noch in politische Extreme abgerutscht,

nette Wohnung, leidliche Nachbarn, finanzielles Auskommen –

Na ja, im Vergleich zu manchen bescheiden, im Vergleich zur Dritten Welt – superreich:

Sozialversichert, krankenversichert, invalidenversichert, rentenversichert, haftpflichtversichert, diebstahlversichert, rechtschutzversichert, außerdem Zusatzversorgung, in einigermaßen stabilen politischen Verhältnissen lebend…..

Ist das alles Fels? Tragfähiges Fundament, unerschütterlich, krisensicher, bombensicher, terrorsicher?

Diese stichwortartige, sicher nicht umfassende Beschreibung traf auf manchen unter uns mit kleinen Abweichungen zu. Und doch spüren wir: auch unser so stabil gegründetes Lebensgebäude kann sehr schnell zusammenstürzen.

Oft haben wir doch das Gefühl, dass gerade die Menschen, die keine Rücksicht auf andere Menschen nehmen, am Weitesten kommen.

Wenn ich mich durchsetzen kann und meine Ellenbogen einsetze, dann bin ich erfolgreich und habe auf dem Arbeitsmarkt die besten Chancen. Der Manager, der die meisten Arbeitsplätze wegrationalisiert, ist der Beste, weil er den Profit des Unternehmens am Meisten steigert. Und das Hauptargument für solches Handeln ist dann die Globalisierung und die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt.

Die Frage nach Gott wird da überhaupt nicht gestellt. Der Glaube hat in so einer Welt nichts zu suchen, der ist etwas für sogenannte „Spießer“ und „Kleinbürger“, die täglich brav ihre Arbeit tun.

Verantwortungsgefühl für andere Menschen und die Frage nach der Mitmenschlichkeit sind da nicht gefragt.

„Gott? Glaube? Wer oder was ist das? ICH brauche so was nicht.

Mitmenschlichkeit? Anderen helfen, an Andere denken? Phhh, alle denken nur an sich, nur ich denk an mich. Wenn das jeder macht, ist an alle gedacht.“

All das sind Aussagen und Sprüche, bei denen es mir eiskalt den Rücken herunter läuft.

Was passiert denn, wenn ich bei diesem Rennen nach Profit und im Kampf um den besten Arbeitsplatz oder die besten Plätze im Sport nicht mehr mithalten kann, wenn ich zu alt bin oder krank werde und die Leistung, die von mir gefordert wird, nicht mehr bringen kann? Dann werde ich ganz schnell aussortiert und selber wegrationalisiert.

Und was ist es dann, was mich trägt? Können meine Macht, mein Geld und der Spaß, den ich hatte, dann wirklich helfen?

Wenn der erste Sturm kommt und an meinem Lebenshaus rüttelt, dann fällt es wie ein Kartenhaus zusammen.

Dann stehe ich ganz allein da ohne Halt und weiß nicht mehr, wo ich hingehöre.

Dann ist all das, was für mich das Wichtigste im Leben war, unwichtig.

Dann zerrinnt das Fundament meines Lebenshauses wie Sand unter den Füßen und ich komme ins Schleudern.

Gegen solch einen Lebensentwurf setzt Jesus das Bild vom Haus, das auf Felsen gebaut ist. Und mit diesem Felsen meint er das Vertrauen auf Gott, den eigenen Glauben und auch das Handeln nach Gottes Willen.

Wenn ich versuche, bei jeder großen Entscheidung, die ich in meinem Leben zu treffen habe, danach zu fragen, wie Gott es sich wünschen würde, werde ich darauf achten, wie weit meine Entscheidung das Leben anderer Menschen beeinträchtigt. Z. B. wenn ich einen herausragenden Posten angeboten bekomme, was aber zur Folge hat, dass mein Partner seine Arbeitsstelle aufgeben muss, dass meine Kinder die Schule wechseln müssen und wir alle Freunde und Bekannte verlassen, dann kann ich diese Entscheidung nicht einfach so fällen, sondern muss mich absprechen mit meiner Familie und vielleicht auch verzichten. Dann geht es mir nicht nur um mich selbst, sondern ich achte auch auf die Menschen, mit denen ich lebe.

Die Frage bleibt: „Wo ist der Fels, auf den wir uns gründen können?“ Es geht um Grundsätzliches, auf welchen Grund wir unser Lebensgebäude setzen. Hier müssten wir nun eine Grundsatzdebatte führen. Jesus selbst hat einmal den Grund genannt, auf den er seine Kirche gründen will: den Glauben.

Als Petrus sich zu ihm bekannte und sprach: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“ da antwortete ihm Jesus: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“

Die katholische Kirche interpretierte diese Textstelle so, dass sie sagt, Petrus ist der erste Bischof von Rom gewesen, also gilt diese Zusage dem jeweiligen Bischof von Rom, dem Papst.

Diese Auslegung halten wir Evangelischen nicht für sachgemäß, denn nicht die Person Petrus ist der Fels, sondern der Glaube des Petrus ist der Fels. Deswegen werden auch an anderen Stellen des Neuen Testamentes a l l e Apostel als Grund und Fundament der Kirche genannt.

Nicht Personen, sondern der sie erfüllende Glaube ist das Fundament.

Das wir mit dieser Auslegung nicht falsch liegen, geht daraus hervor, dass die Person Petrus – und die Nachfolger auf dem Papststuhl allemal – vielfach versagt haben und alles andere als felsenfest waren.

Denken wir an die Geschichte vom sinkenden Petrus oder an die dreimalige Verleugnung des Petrus.

Nicht Menschen sind das Fundament der Kirche, sondern der Glaube.

Mit dem Glauben als Fundament meines Lebens und meinem vor Gott verantworteten Handeln verliere ich nicht den Boden unter den Füßen, sondern kann mich auch in den schlimmsten Stürmen des Lebens getragen fühlen.

Selbst wenn ich das Gefühl habe, das Wasser steht mir bis zum Hals und mein ganzes Leben gerät aus den Fugen, kann ich darauf hoffen, dass Gottes Hand mich davor beschützt, in der Verzweiflung zu ertrinken.

Wenn mein Glaube an Gott der Fels und das Fundament meines Lebenshauses ist, dann kann ich auch im schlimmsten Sturm bestehen.

Nun ist aber wichtig zu beachten, dass es in unserem Text nicht nur um den Glauben als den festen Grund geht. Wir sind geneigt zu sagen: “Hören und Glauben des Evangeliums, das ist das Entscheidende.“ Hier aber wird gesagt: „Wer hört und tut!“

Wir Protestanten sind in der Versuchung, die Taten als unwesentlich zu be-trachten, damit wir uns nicht durch gute Werke den Himmel zu verdienen versuchen. Aber hier am Ende der Bergpredigt wird ausdrücklich davor ge-warnt, es beim Hören allein zu belassen.

Wenn das Evangelium das Herz erreicht hat, aber vom Herzen aus nicht die Hände regiert, dann ist es nicht das wahre Evangelium gewesen. Ein Evangelium, das nur das Bewusstsein oder die Gefühle erreicht, nicht aber auch unser Tun und Lassen bestimmt, wäre ein verkürztes, verfälschtes Evangelium. Geht es uns nicht allen ähnlich? Mit dem Tun des Bösen haben wir nicht so große Probleme. Nur am Tun des Guten habert’s!

Glaube und Tun gehören zusammen wie das Einatmen und Ausatmen. Das eine hat das andere zur Voraussetzung und zur notwendigen Konsequenz. Wer nur einatmet, erstickt daran. Wer nur ausatmen will, wird bald merken, dass das gar nicht geht.

Zum Abschluss will ich Ihnen eine Geschichte vorlesen, die ich zu unserem Bibeltext gefunden habe.

Es geht darum, wie wichtig Glaube und Vertrauen ist, und man sich nicht allein darauf ausruhen, sondern auch etwas dafür tun muss. Dass man nicht verzweifeln und nicht die Seiten wechseln soll, auch wenn’s mal nicht so läuft, obwohl man auf Fels gebaut hat.

Und siehe, da war ein Mann, der baute sein Haus auf einen Fels.

Als er mit dem Bau des Hauses fertig war, lachte er und sagte: „Ach, wie weise bin ich doch, dass ich mein Haus auf einen Fels gebaut habe, und wie dumm ist mein Nachbar, der sein Haus auf Sand gebaut hat; denn es steht geschrieben, dass ein Platzregen fällt und die Wasser kommen und die Winde wehen und stoßen an die Häuser. Und das Haus, das auf Fels gebaut ist, fällt nicht, doch das Haus, das auf Sand gebaut ist, tut einen großen Fall.“

Und der Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hatte, ging lachend hinein und schloss die Tür. „Jetzt ruh’ ich mich aus und warte auf die Sturmwarnung“, sagte er, „denn mein Haus ist sicher auf Fels gegründet.“

Er wartete und wartete…und er wartete. Nichts passierte. Es kam kein Regen, keine Wasser, kein Wind – nicht einmal eine sanfte Brise. „He! Moment mal!“ sagte der Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hatte. „Es soll doch ein Sturm kommen und das Haus, das auf Sand gebaut ist, soll einstürzen. Das weiß schließlich jeder!“

Also beobachtete er den Himmel und hoffte auf einen Hurrican oder zumindest auf einen schweren Hagel. Aber es kam nichts. „So was“, sagte der Mann, völlig verblüfft. „Ich bin sicher, dass der Sturm jede Minute kommen wird. Der Mann, der sein Haus auf den Sand gebaut hat, muss jetzt schon ziemlich nervös sein. In dieser wackeligen Bruchbude hat er bestimmt große Angst.“

Er lachte selbstgefällig und sah zu dem Haus hinüber, das auf Sand gebaut war. Er erwartete, dass sein Nachbar ängstlich auf und ab schreiten und sich über den Sturm Sorgen machen würde. Aber der Nachbar lachte und freute sich und baute mit seinen Freunden Sandburgen vor dem Haus. Sie schienen alle viel Spaß zu haben. „Das ist unerhört!“ sagte der Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hatte. „Diesen Leuten sollte es ganz schlecht gehen und nicht gut. Sie sollten in meinem Haus um Unterschlupf bitten, um dem Regen, dem Wasser und dem Wind zu entkommen.“

Er hörte sich weiterhin den Wetterbericht an und hoffte auf einen Sturm, aber der Himmel blieb klar. Eines Tages hörte er jedoch Geräusche von nebenan. Man hörte Klopfen und Schreien. „Aha!“ sagte sich der Mann. „Jetzt ist der Sturm doch gekommen und das Haus meines Nachbarn auf dem Sand ist eingestürzt. Wie groß wird der Fall sein!“ Aber als er zum Fenster lief, entdeckte er, dass sein Nachbar das Haus auf dem Sand in ein Luxus-Strandhotel umbaute. Der Nachbar grinste von einem Ohr zum anderen, er trug einen teuren Anzug, blätterte in Broschüren und gab Anweisungen an eine Gruppe von Arbeitern. Schon bald hielt ein schickes Auto vor dem Haus, eine wunderschöne Frau in einem Nerzmantel stieg aus und gab dem Mann einen Kuss.

„Wo bleibt der Sturm?“ brüllte der Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hatte. „Der kluge Mann baut sein Haus auf Fels, der Törichte baut es auf Sand, und dann kommt ein Platzregen. Das weiß doch jeder!“

Und siehe, der Platzregen kam, aber er fiel nur auf das Haus, das auf Fels gebaut war. Kein Tropfen fiel auf das Haus, das auf Sand gebaut war. „Warum ich?“ jammerte der Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hatte. „Mein Haus steht zwar fest, aber ich muss einiges reparieren, die Dachrinnen sauber machen und den Keller auspumpen. Und was macht mein Nachbar? Nichts.“

Und so ging es in den folgenden Monaten und Jahren weiter, und der Mann, der sein Haus auf Sand gebaut hatte, wurde immer vermögender, immer erfolgreicher und immer glücklicher. Der Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hatte, reparierte, säuberte die Dachrinnen und pumpte seinen Keller aus.

Schließlich, nach dem Jahre vergangen waren, zuckte der Mann hilflos mit den Achseln. „Ich geb’s auf!“ sagte er. „Ich hab gewartet und gewartet, den Himmel beobachtet, repariert, gesäubert und ausgepumpt. Auf mein Haus ist Regen in Rekordhöhe gefallen, aber auf das Haus meines Nachbarn hat’s noch nicht einmal genieselt. Jeder Trottel merkt, dass kein Sturm kommen wird.“ Und damit packte er seinen Koffer und ging nach nebenan in das luxuriöse Strandhotel.

„Wenn man nicht dagegen ankommt, muss man eben mitmachen“, sagte er. Doch genau in dieser Nacht kam der Platzregen und die Wasser und die Winde wehten und stießen an die Häuser. Das Haus, das auf Sand gebaut war, tat einen großen Fall. Das andere fiel nicht, denn es war auf Fels gegründet. Schade nur, das niemand zu Hause war.

Soweit die Geschichte.

Man sieht es von außen den verschiedenen Häusern nur schwer an, wie es mit ihrem Fundament bestellt ist. Der Vernünftige und der Unvernünftige sind im Gleichnis solange nicht zu unterscheiden, bis klar wird, dass der eine auf Fels und der andere auf Sand gebaut hat.

Was uns die Stürme überstehen lässt, ist nicht dies, dass wir etwas anderes bauen als unsere nichtchristlichen Mitmenschen, sondern, dass wir auf einem anderen Grund bauen, darauf nämlich, dass Christus uns annimmt, uns vergibt und uns in seine Nachfolge ruft, uns ein neues Leben schenkt und uns die Kraft gibt, nicht nur Hörer, sondern auch Täter des Wortes Gottes zu sein.

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