Da ist noch ein Dritter

Liebe Gemeinde,

Jesus ist auf seiner letzten Reise nach Jerusalem und erfährt gerade jetzt zum Teil erbitterten Widerstand. Zunächst in Samarien, aber schließlich auch im jüdischen Volk. Er begegnet vielen Menschen, aber es sind nicht alle bereit, ihm nachzufolgen. Was heißt für uns heute „Nachfolge“?

„Nachfolge“ heißt für mich, sich aufmachen, aufbrechen, sich einen neuen weg zeigen lassen. Aber, ist das denn so einfach? Leben wir nicht mehr oder minder alle lieber unseren alten Trott, die bekannte, eingefahrene Schiene, tagein-tagaus die gleichen Rituale, die gleichen Traditionen? Das, was ich habe, kenne ich, das jagt mir weniger Angst ein, weil es mir bekannt ist. Warum soll ich von der Sicherheit in die Unsicherheit gehen? Jesus sagt in unserem Text: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Der Blick zurück, der tut nicht immer gut. Der kann Leben verhindern, blockieren. Wenn einer immer nur sieht, was früher besser war. Oder dass schon früher nichts geklappt hat. Oder wenn einer nicht vergeben kann. Nicht, dass es immer falsch wäre, dieser Blick. Manchmal ist es ganz hilfreich, zurückzuschauen. Bilanz zu ziehen. Wer überhaupt nicht zurückschaut, der kann auch nur wenig lernen. Sören Kirkegart sagt: „Das Leben können wir nur vorwärts gehen, aber verstehen nur im Rückblick.“ Der Blick zurück kann auch dankbar und gnädig machen. Aber, er kann eben auch verbohrt machen und starr.

Lots Frau ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gutes Beispiel dafür. Sie, die sich nach der untergehenden Stadt Sodom umschaut, erstarrt zur Salzsäule.

Und auf der anderen Seite ist der Urvater Abraham wohl der Garant dafür, dass der Blick nach vorn Leben ermöglicht. – Abraham, der sein gesichertes Leben in Ur aufgibt, weil Gott ihm erscheint und ihn ruft. Und loszieht in ein fernes Land, bloß auf die Verheißung hin, dass Gott ihn segnen wird.

Schauen wir uns doch mal die drei aus dem Predigttext an. Die vor dem Schritt in die Nachfolge stehen, und achten darauf, was Jesus ihnen sagt:

Der Erste, der Begeisterte

„Jesus, ich komm mit dir, egal, wo du hingehst!“

So ruft er von sich aus. Er ist voll motiviert, voller Tatendrang, bereit, sofort und freudig aufzubrechen. Vielleicht hat er gerade ein Wunder miterlebt, eine Heilung oder eine beeindruckende Predigt gehört. Begeistert und mitgerissen lässt er alles steh’n und liegen und will ganz ernst machen.

Begeisterte gibt es auch heute noch: Nach einem gelungenen Gemeindefest, einem Kirchentag, einer Bibelwoche, einer tollen Predigt, nach ProChrist, der Satelitten-evangelisation oder nach einer überraschend schnellen Genesung. „Ja, jetzt mach’ ich ganz ernst, bringt mich niemand mehr vom Glauben ab, jetzt wird alles anders.“ So klingen Begeisterte. Sie sehen ein herrliches Leben als Kinder Gottes vor sich: – Glück – Freude – Sonnenschein.

Doch Jesus sieht auch die Gefahr, die dahinter verborgen ist. Er bremst den Mann: „Du willst mir folgen, wohin ich gehe? Weißt du, was du da sagst? Der Weg mit mir ist kein Schweben auf Wölkchen. Mit mir gehen ist oft unbequem, es kann hart sein. Wer mit mir geht, stößt auf Widerstände und lässt sich auf einen unbekannten Weg ein.“ „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegt.“

Will Jesus den Begeisterten abschrecken? – NEIN! – Aber – ernüchtern! Ersoll klar sehen. Nachfolge ist nicht immersüß und leicht, heißt nicht immer ruhig, sicher und geborgen leben. Es kann auch heißen: Ungewiss, einsam, schutzlos, ohne äußere Sicherheit sein. Manchmal fehlt die Nestwärme. Bisweilen erfährt man erbitterten Widerstand. Der Weg Jesu ist auch ein Kreuzweg. Das soll jeder wissen, der ihn geht. Wer einen solchen Weg mit falschen Vorstellungen beschreitet, wird schnell aufgeben.

Der Zweite

Hier in unserem Evangelium ist ganz anders. Ich würde ich den „Zögerer“ nennen. Er sagt nicht von sich aus, dass er mitkommen will. Jesus muss ihn erst ansprechen, persönlich einladen: “Folge mir nach!“ – Und auch da zögert er noch: „Ja, ich würde schon, aber da gibt es etwas, was mir im Augenblick noch wichtiger ist, als dir nachzufolgen. Ich muss erst noch meinen Vater begraben.“ Wir hätten alle vollstes Verständnis, würden ihn entschuldigen: „Natürlich, begrabe deinen Vater.“

Und doch gilt nach Jesu Worten: „Wer ihm nachfolgen will, der darf sich nicht allzu häuslich niederlassen. Er sollte beweglich bleiben, offen für die Gegenwart und für die Zukunft.“

Gut, das lässt sich ja noch verstehen. Aber wie ist es mit den Toten, die ihre Toten begraben sollen? Das kann doch nicht bedeuten, Begräbnisse seien unchristlich. Menschen, die einen Angehörigen verloren haben, dürfen natürlich Abschied nehmen und dürfen in den Riten, die ihre Kultur dafür gefunden hat, auch ihren Trost suchen. Gerade die Beerdigung kann einem, der zurück geblieben ist, helfen zu verstehen, was geschehen ist. Und ein Grab, zu dem ich mit Blumen gehen kann, kann ein Ort werden, an dem ich den Verlust zu tragen lerne, ein Ort, von dem aus ich dann, wenn es Zeit ist, weitergehen kann in eine neue Zukunft, in ein neues Leben.

„Wenn ihr den sucht, der das Leben will, dann sucht das, was dem Leben dient.“ Das soll euer Maßstab sein. Und das kann durchaus mal etwas ganz anderes, etwas völlig Neues sein.

Das ist gar nicht so leicht. Wir wollen das festhalten, was wir erreicht haben und sich stolz darauf. Aber für einen Christen kann unter Umständen Nachfolge bedeuten, das Sichere aufzugeben. Es kann der Moment kommen, wo ich gefragt werde: „Das oder das? Was ist dir wichtiger? Haben oder Sein? Stillstand oder Bewegung?“

Es ist schockierend wie hart Jesus da sein kann: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“

Da ist noch ein Dritter.

Den „Unentschlossenen“ möchte ich ihn nennen. Auch er wird von Jesus in die Nachfolge gerufen. JA, sagt auch er. Und fügt, genau wie der „Zögerer“ ein „Aber“ hinzu: “Ja, Herr, ich will dir nachfolgen, ABER erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.“

Wieder kann man fragen: Ist das denn nicht verständlich? Es ist doch nur ein kleiner Aufschub. Was macht es schon, wenn ich erst morgen komme? Genauso denken viele – die auch vom Glauben – von Jesus angesprochen sind. Klar ist mit der Glaube wichtig – ABER. Über dieses kleine Wort stolpern viele.

Junge Leute sagen oft: „Ich finde das schon gut, als aktiver Christ hast du Ziele, hast du etwas, was dich hält. ABER, da gibt es so vieles, was mir wichtig ist, was ich auch noch erleben möchte. Das Kino, meine Freunde, mein Sport, das brauche ich alles.“

Bei den Älteren klingt das schon ein wenig anders: „Ich hätte schon Interesse, ABER ich bin müde, habe so viel Stress, die Familie sehe ich sowieso zu wenig.“

Über dem Abschied nehmen vom Alten vergeht die Zeit: Jahre, Jahrzehnte, ein ganzes Leben. Oft gelingt der Abschied von den liebgewordenen Gewohnheiten gar nicht, und aus der Nachfolge wird nichts.

Niemand weiß, wie sich die Angesprochenen, von denen Lukas erzählt, entschieden haben. Ihre Antwort auf Jesu Worte wird nicht überliefert, bleibt offen. Und gerade so werden diese Worte an mich, und an jeden, der sie liest oder hört, weitergereicht.

„Wie hälst du es damit? Richte dich in dieser Welt nicht so häuslich ein, dass dunicht mehr aufbrechen kannst! Dein Zuhause ist das Reich Gottes, das vor dir liegt. Hänge dich nicht an Dinge oder Werte, die längst tot sind. Suche nach dem Lebendigen! Schau nicht ständig zurück auf die gute, alte Zeit. Freu dich auf das, was Gott mit dir vor hat, dir verheißen hat!“

Im Reich Gottes sein Zuhause finden wird wohl nur, wer Jesus nachfolgt, seine Weghilfe annimmt. Wer sich andauernd an Altem festhält und immer aufhalten lässt, „wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Wer vergangenen Zeiten nachtrauert, der verliert das Ziel aus den Augen. Wir dürfen mit Jesus neu aufbrechen, ohne zurückzusehen. So lange wir auf ihn hören und sehen, kann uns von dem neuen Weg nichts abhalten.

Wer früher einen alten Pflug in die Erde gedrückt hat, hinter einem Pferd oder Rind, der durfte sich dabei nicht umsehen, sondern nur nach vorne sehen. Der musste das

Ziel im Blick haben. Jesus sagt: „Siehe, ich mache alles neu. – Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.“ Manchmal sehen wir das Reich Gottes, das Ziel noch nicht. Aber Nachfolge hat auch etwas mit „Vertrauen“ zu tun. Mit dem Vertrauen: „Herr, der Weg, den du mich führst, auf den du mich leitest, der ist gut und macht mich heil.“

Wir müssen nicht überschwänglich begeistert sein, dürfen aber auch nicht zögern oder unentschlossen bleiben. Wer seinen Weg mit Jesus geht, in seinem Sinn nach dem Maßstab der Liebe und der Barmherzigkeit handelt, wird gesegnet, dessen bin ich gewiss!

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