Mein Ägypten

Unser heutiger Predigttext führt uns in die Anfangszeit des Volkes Israel. Eben sind die Israeliten der ägyptischen Sklaverei entronnen. Aber damit sind sie noch längst nicht am Ziel. Denn Gott führt sie nicht den direkten Weg nach Kanaan ins Gelobte Land. Aus gutem Grund! Die direkte Route entlang der Mittelmeerküste führt durch dicht besiedeltes und befestigtes Gebiet – Kämpfe über Kämpfe wären hier zu bestehen. Darum mutet Gott ihnen den Umweg über die Wüste zu. Jetzt lagert das Volk Israel erst einmal am Rand der Wüste. Und weiß: Da müssen wir durch. Die Wüste ist von alters her ein unheimlicher Ort – menschenleer, schweigsam, kahl. An dieser Schwelle zwischen Ägypten und dem Weg ins neue Land gibt Gott ihnen ein Wegzeichen.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, an diesem Abend nehmen wir Abschied von einem Jahr. 2005 geht unwiederbringlich zu Ende. Zum Jahreswechsel gehört das Bilanzieren, sowohl in der Geschäftswelt als auch in Politik und Medien. Überall werden Gewinne und Verluste aufgelistet, bedeutende Ereignisse zusammengestellt. Aber wir ziehen auch persönliche Bilanz. Wahrscheinlich fallen uns die Höhepunkte und außergewöhnlichen Ereignisse als erstes ein, aber ist nicht im Alltag auch viel Leben und kleines Glück versteckt gewesen? Wir denken an Krisen- und Krankheitszeiten, aber auch an viele Wunder der Bewahrung, die wir erlebt haben.

Der Altjahrsabend hat seine besondere Stimmung, seine festen Rituale und Bräuche: Besuch – gutes Essen, Sekt, Feuerwerk, im Fernsehen der obligatorische Silvestersketch: „Dinner for one“. Doch in aller Feierstimmung sind wir an diesem Abend anders als sonst, irgendwie sensibler. Wir spüren, dass wir die Zeit – unsere Lebenszeit – nicht festhalten, nicht aufhalten können. Und das bringt uns ins Fragen, bringt uns an Lebensfragen.

Vier grundlegende Lebensfragen möchte ich in der Predigt aufgreifen und von ihnen aus in ein Gespräch mit unserem Predigttext treten.

1) „Mein Ägypten!“ – was möchte oder muss ich hinter mir lassen und wie geschieht es?

Ägypten – das war Schufterei unter glühend heißer Sonne, Angst vor Willkür und Gewalt. All das liegt hinter dem Volk Israel. Gott sei Dank! Doch wie schwer fällt es ihnen, Ägypten wirklich hinter sich zu lassen.

Kaum tauchen auf dem Weg durch die Wüste die ersten Versorgungsschwierigkeiten auf, sehnen sich viele Israeliten schon wieder zurück: „Wären wir nur in Ägypten geblieben; dort sind wir wenigstens satt geworden.“ Wie schnell ist vergessen oder verdrängt, was die Unterdrückung tagtäglich bedeutet hat!!!

Kennen wir das nicht von eigenen Lebenserfahrungen?

– Da gibt eine Frau ihre Wohnung auf und zieht ins Altersheim. Und wenn dann die ersten Enttäuschungen kommen, wie leicht verklärt sich dann die Vergangenheit: „Ach, wie herrlich war das in der eigenen Wohnung!“. Dabei vergisst sie, dass sie ja zum Schluss vieles nicht mehr auf die Reihe brachte und ständig von der Angst begleitet war, ihr könnte etwas zustoßen.

– Da gibt ein Mann sein Single-Dasein auf und geht eine neue Beziehung ein. Doch wenn dann die ersten ernüchternden Erfahrungen kommen, wie leicht verklärt sich dann die Vergangenheit: „Ach, wie herrlich war das Single-Dasein, diese königliche Unabhängigkeit!“ Dabei verdrängt er, wie hart ihm die Einsamkeit manchmal zusetzte, wenn nach einem erlebnisreichen Tag niemand auf ihn wartete oder wenn er krank war.

Was ist Ihr Ägypten, Ihre Vergangenheit, der sie immer noch nachhängen und die sie hindert, sich auf das Heute einzulassen? Vielleicht ist es dran, die alten Vorbehalte aufzugeben, sich nicht länger in Vorwürfen zu verstricken: „Hätte ich doch lieber…“, „wie konnte ich nur…!“ Könnte das nicht der befreiende Schritt in Ihrem Leben sein, zu den schicksalhaften Weichenstellungen oder den einmal getroffenen Entscheidungen zu stehen und darauf zu vertrauen, dass mit Gottes Hilfe Gutes daraus entstehen kann.

2. Welchen Sinn haben meine Umwege?

Gott ist nicht der Garant, dass alles glatt läuft im Leben und ich immer den direkten Weg zum Ziel finde. Das erfährt das Volk Israel hautnah. Gott erspart ihm nicht den beschwerlichen Umweg durch die Wüste.

Umweg – das Wort hat keinen guten Klang. Und ich will Umwege auch nicht schön reden. Häufig sind sie einfach ärgerlich und lästig: „Warum muss das denn sein!“. Umwege können Menschen auch zermürben: „Die 30. erfolglose Bewerbung, ich kann jetzt einfach nicht mehr!!!“ Welche Umwege hatten Sie in diesem Jahr zu gehen? Mit welchen Gefühlen denken Sie daran zurück?

So hart uns Umwege manchmal ankommen, wir sollten nicht vorschnell ein negatives Urteil über sie fällen. Umweg = Irrweg? Nein, so einfach stimmt die Gleichung nicht. Es ist eine Gleichung ohne Gott gemacht. Haben Sie das nicht auch schon erlebt, dass Umwege Sie in besonderer Weise für Gotteserfahrungen öffneten. Vielleicht war es eine Lebenskrise oder eine Krankheitszeit, in der Sie viel stärker als sonst ihre Angewiesenheit spürten und in der Sie rettende Erfahrungen machten, die sich tief eingeprägt haben.

Zwei kleine Beispiele:

Eine Frau erzählt: Als ich in der Schule sitzen blieb, da habe ich eine neue Lehrerin bekommen, die mein Leben entscheidend geprägt hat.

Eine Familie berichtet: Das werden wir nie vergessen, wie wir uns in den Bergen hoffnungslos verlaufen hatten. Und dann tauchten aus dem Nichts andere Wanderer auf – wie rettende Engel und halfen uns weiter. An diese Erfahrung müssen wir so oft denken. Sie gibt uns heute noch Kraft und Gottvertrauen. Und mit unseren Rettern von damals haben wir heute noch Verbindung.

Nein, Umwege müssen keine Irrwege sein, denn Gott kann auch aus dem Bösesten, auch aus großen Schwierigkeiten Gutes entstehen lassen (vgl. Bonhoeffer: Glaubensbekenntnis). Wo und wie hat sich Gott auf meinen Wegen und Umwegen, die ich in diesem Jahr gegangen bin, gezeigt? Vielleicht war ich zu schnell mit meinem Urteil „sinnlos“ und es gibt da noch etwas zu entdecken…

3) Feuersäule und Wolke – Wo waren und sind Gottes Wegzeichen auf unseren Wegen?

Eine ganz neue, unerhörte Gotteserfahrung kündigt sich in unserem Text an. Der Gott Israels zeigt sich als Weggott, als einer, der mit unterwegs ist. Das war in der damaligen religiösen Umwelt etwas noch nie Dagewesenes. Die Gottheiten hatten ihren festen Ort: eine Quelle, eine Höhle, ein heiliger Berg oder ein Heiligtum. Dort waren sie präsent. Dort konnten die Menschen sie aufzusuchen.

Aber Israel erlebt nun etwas ganz Neues und Großartiges: „Seht, Gott macht sich mit uns auf den Weg. Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Gott ist sich nicht zu schade, selbst in die Wüste mit zu ziehen. Tag und Nacht geht er mit – geht er voraus! Da braucht uns doch nicht länger Angst und Bange zu sein!“

Hier stoßen wir schon auf den „Immanuel-Gott“, den Gott, der uns beisteht, den Gott, der sich mit seinem Volk verbündet. Von hier ist leicht ein Bogen zu schlagen zu Weihnachten, zur Geburt Jesu, über der die alte prophetische Verheißung steht: „’Die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den wird man Immanuel nennen.’ Der Name bedeutet: ‚Gott steht uns bei’.“ (Matth. 1, 23). Und später verbürgt dieser Jesus uns dann im Namen Gottes: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Gott gibt Wegzeichen! „Und der Herr zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.“ (V. 21).

Was hat es mit der Feuersäule auf sich? Man kann über eventuelle Naturereignisse spekulieren, die sich hinter dieser Erscheinung Gottes verbergen: z.B. Gott im Vulkanberg mit Rauch und Feuer… Doch die eigentliche Aussage liegt viel tiefer. Der Schein der Feuersäule sagt den Israeliten: „Auch in den finsteren Wüstennächten bin ich für euch da. Starrt nicht trostlos vor Euch auf den Boden. Sondern schaut nach vorn auf das Licht der Feuersäule. Seht, wie es die Nacht erhellt. So bahne ich euch den Weg. Fasst Mut!“

Heute Nacht werden unsere Feuerwerke die Silvesternacht erleuchten – doch immer nur für kurze Augenblicke. Gottes Feuerschein ist von anderer Art, von anderer Qualität. Er erleuchtet auch unsere Wüstennächte. Die Nacht, da wir in Mutlosigkeit gefangen sind. Oder die Nacht, da wir um zerstörerische Gedanken kreisen. Selbst in der Nacht unseres Todes leuchtet dieser Feuerschein! Und er sagt uns: „Verzagt nicht! Es gibt für euch einen Weg, einen Weg ins Leben.“

Was ist für uns im zu Ende gehenden Jahr diese leuchtende Feuersäule gewesen? War es ein Wort aus der Bibel, das für uns wie Licht in der Nacht war und Hoffnung und Lebensmut zurückgebracht hat? War es eine Begegnung, die uns manches in neuem Licht sehen ließ? Gott gibt Wegzeichen – auch im neuen Jahr! Freilich, seine Liebe und Fürsorge für uns erscheint nicht immer als mächtige Feuersäule am Himmel, sondern oft auch in kleinen Gesten und Fingerzeigen, die unsere Tage und Nächte licht und hell werden lassen. Darum ist es gut, im neuen Jahr achtsam auf Gottes Wegzeichen zu sein – vielleicht noch achtsamer und gespannter als im zu Ende gehenden Jahr.

4. Wer, was wird mir im neuen Jahr auf den Fersen sein und wie gehe ich mit den „Verfolgern“ um?

Die Schatten des Alten ragen ins Neue. Das erfährt das Volk Israel hautnah. Auch als sie aus Ägypten schon heraus sind, lässt Pharao sich nicht einfach abschütteln. Er bleibt ihnen auf den Fersen.

Welche alten Verfolger begegnen mir auch im neuen Jahr? Diese Verfolger können ganz unterschiedliche Namen und Gesichter haben: Ein ungelöster Konflikt, der mir so sehr zu schaffen macht – Meine eigenen Perfektionszwänge, mit denen ich mich unter Druck setze – Fehler aus der Vergangenheit, die ich mir nicht verzeihen kann – Verluste, über die ich nicht hinweg komme – ein Enttäuschungssumpf, aus dem ich nicht herauskomme…

Wer oder was ist mir auf den Fersen? Welcher Lebensschatten verfolgt mich und will mir den Weg in die Freiheit verstellen?

Alte Verfolger gibt es – wahrscheinlich in jedem Leben. Die entscheidende Frage ist: Wie gehen wir mit ihnen um? Wie viel Macht wollen wir ihnen geben?

Hier kommt nun noch einmal die Wolkensäule ins Spiel. In der Fortsetzung unseres Predigttextes wird erzählt, dass sie sich zwischen Israel und seine Verfolger stellt: „Auch die Wolkensäule, die sonst immer vor ihnen war, stellte sich hinter sie, so dass sie zwischen den Ägyptern und Israel stand. Auf der Seite der Ägypter war sie dunkel, aber auf der Seite der Israeliten erhellte sie die Nacht. So konnten die Ägypter den Israeliten die Nacht über nicht näher kommen.“ (Ex. 14, 19f.).

Was für uns ein verheißungsvolles Bild, auch für das neue Jahr: So wie die Himmelswolke zwischen Israel und dessen Verfolger getreten ist, so will Gott zwischen uns und unsere Verfolger treten, damit wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist. Manchmal braucht es einfach den Mut, einen klaren Trennstrich gegenüber dem Vergangenen zu ziehen: Ich spiele in diesem unguten Konflikt nicht mehr mit. Ich verabschiede mich von diesem Bild der immer Perfekten, immer Starken! Ich lasse mich von dieser Enttäuschung nicht länger fertig machen. Manchmal schaffen wir das auch nicht alleine, mit unserem Verfolger fertig zu werden. Und dann ist es gut, für das neue Jahr in die Tat umzusetzen, was wir vielleicht schon länger erwogen hatten: Ich hole mir jetzt endlich seelsorgerliche oder therapeutische Hilfe und bleibe nicht länger Opfer.

Zum Schluss: Wie aktuell ist dieser uralte Text! Wie geschaffen für dieses Innehalten auf der Schwelle. Was gibt er uns alles mit – an Denkanstößen und Ermutigung zum Gottvertrauen! So begleitet er uns in die letzte Nacht des alten Jahres und lässt uns beherzt aufbrechen ins neue Jahr hinein.

drucken