Behütet sein

Liebe Gemeinde,

wir sind heute hier in einem Gottesdienst zusammen gekommen, der ausnahmsweise einmal nicht vom Kirchenjahr her bestimmt wird, sondern vom Kalenderjahr. Ende des Jahres 2005 und Blick auf das neue Jahr 2006. Die Menschen verbinden viel mit diesem Wechsel von einem Jahr in das nächste, so dass es durchaus Sinn macht, dass wir heute gemeinsam Gott anrufen. Für uns als Christen ist es aber dennoch gut, wenn wir im Hintergrund die Festzeit sehen, die wir gerade eben gefeiert haben und in der wir noch eine Weile stehen: es ist die Weihnachtszeit, die Ankündigung eines Retters und Helfers für uns Menschen, die wir Gott in unserem Glauben Antwort geben wollen.

Ich meine, das entlastet uns alle vor allzu großen Erwartungen an diesen Jahreswechsel. Vielleicht sind ja heute auch Menschen unter uns, die sich etwas vorgenommen haben, was im Jahre 2006 endlich anders werden soll. Z.B.: ich will mit dem Rauchen aufhören – ein guter Vorsatz. Oder: ich will weniger Alkohol trinken – auch das bestimmt ein guter Vorsatz. Oder: ich will dieses Jahr mehr Spenden geben für Leute, die es dringend nötig haben. Alle diese Dinge kennen Sie vielleicht auch von sich selber, gute Vorsätze werden sie genannt und ich kenne sogar den einen oder anderen, der es geschafft hat, seine guten Vorsätze zu halten. Aber, liebe Gemeinde, bürden Sie sich nicht zuviel auf. Erstreben Sie nicht Unerreichbares, sondern wagen Sie lieber voller Vertrauen die kleinen Schritte, damit das auch Wirklichkeit werden kann, was Sie sich gesetzt haben.

Die Kirche, die christliche Gemeinde kann Sie nur ermutigen, wenn Sie in Ihrem Leben etwas ändern wollen hin zu einem Besseren. Aber, und das ist mir ganz wichtig, das ist nicht die eigentliche Aufgabe einer christlichen Gemeinde, wenngleich dies viele vermuten. Die Kirche ist kein Moralapostel, der statisch festschreiben möchte, was gut oder was falsch für den Einzelnen ist. Die Kirche redet, wenn sie redet, von Beziehungen der Menschen untereinander und, was immer damit zusammenhängt: von den Beziehungen Gottes mit den Menschen. Also, um im Beispiel zu bleiben: wahrscheinlich ist es für die Gesundheit eines einzelnen Menschen durchaus sinnvoll, wenn er das Rauchen aufgibt, aber die Einladung dies zu tun, wird Ihnen nicht die Kirche machen, sondern wohl eher Ihre Gesundheitskasse, in der Hoffnung damit das Krankheits- und damit dann auch das Kostenrisiko zu verringern.

Was aber soll die Kirche sagen zu solchem Jahreswechsel? Das wichtigste wird wohl sein, den Blick etwas zu weiten. Nicht nur zu sagen: „Ja, ja: im Jahre 2006, da wird alles anders werden, besser natürlich, konzentrierter, erfolgreicher, eben einfach schöner!“ Solche Sätze leben von der Futur-Form und haben die Schwierigkeit, dass sie manchmal die Gegenwart außer Acht lassen. „Wenn ich erst mal eine eigene Wohnung habe, dann…“; „Wenn ich erst mal meinen Führerschein habe, dann…“; „Wenn ich erst mal im Ruhestand bin, dann…“. Kennen Sie diese Satzstruktur: jetzt habe ich es noch nicht, aber wenn dieser oder jener Zustand – meist ein äußerlicher – erreicht ist, dann wird es irgendwie besser und schöner? Leider, liebe Gemeinde, fällt deswegen bei Manchen die Gegenwart völlig hinten runter und die Zeit, die diese Menschen gerade im Augenblick leben, scheint ihnen irgendwie verloren und sinnlos, weil das, was Tolles kommen soll, ja eben erst kommen wird, wenn ein anderer Umstand eingetreten ist.

Die Kirche wird den Blick also weiten, zunächst in die Gegenwart und fragen: „Lebst du denn jetzt schon so, dass deine Zeit dir sinnvoll erscheint? Hast du jetzt schon etwas, worauf du dich freuen kannst und wofür du dankbar sein kannst?“ Die Heilige Schrift formuliert es so: „Kaufst du deine Zeit jetzt schon aus?“

Aber die Weitung des Blickes ist damit noch nicht abgeschlossen. Nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit soll in den Blick geraten. Hören Sie, liebe Gemeinde, unter diesem Blickwinkel unser Predigtwort für den heutigen Altjahrsabend aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 13, die Verse 20-22:

[TEXT]

Bei diesem kurzen Bibelwort ist für uns Heutige der genaue geschichtliche Zusammenhang nur zweitrangig: das Volk Israel zieht durch die Wüste und erlebt in diesen 40 symbolischen Jahren natürlich Einiges. Wichtig aber das Bekenntnis, das es ablegen kann, als es auf diese Zeit der Wüstenwanderung zurückblickt: „Der Herr war immer bei uns: Tag und Nacht!“ Gott hat uns den rechten Weg geführt. Liebe Gemeinde: ist das nicht erstaunlich? 40 Jahre, über eine Generation lang irrt das Volk, das aus Ägypten befreit wurde, umher, nur zwei von denen, die aus Ägypten entkamen, gelangten schließlich in das neue, verheißene Land – selbst Mose starb noch in der Wüste, ohne dieses gelobte Land betreten zu können. Und selbst nach all dem kann das Volk jene Sätze, die wir eben gehört haben, bekennen: Gott war bei mir, Tag und Nacht, er hat mich recht geleitet und geführt. Welche Demut steckt doch in solchen Sätzen! Das also, liebe Gemeinde, wäre das Entscheidende: auch die Vergangenheit im Blick zu behalten und diese Vergangenheit deuten zu lernen oder sich deuten zu trauen! Bekennen zu können, wo Gott mir denn in meinem Leben den rechten Weg gewiesen hat. Wo Gott mir denn in meinem Leben Tag und Nacht beigestanden hat, sichtbar wie eine Feuersäule in der Nacht und wie eine Wolkensäule am Tag – so dass ich sehen und mich orientieren konnte? Dies wäre die Empfehlung der Kirche an die Menschen: den Blick zu weiten für die Zeit, Gegenwart und Vergangenheit in Blick zu nehmen und sie zu deuten im Lichte deines Glaubens. Wer das tut, der darf dann getrost auch die Zukunft in Blick nehmen. Die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten wurde die zentrale Geschichte, an die sich bis heute das Judentum erinnert: Befreiung aus der Sklaverei. Ein großer Theologe hat einmal gesagt, dies wäre der einzige Gottesbeweis, den er kennte: nämlich, dass der jüdische Glaube bis heute noch existiert, obwohl die Menschen doch alles getan haben, um ihre Vertreter auszurotten. Ja, die Juden sind immer mit diesem Bekenntnis, das sie zentral an ihren Festen erinnern und an es denken, in die Zukunft gegangen und die Zukunft, so schwer sie auch gewesen sein mag, hat ihnen Recht gegeben, und sie im Glauben erhalten. Sie wissen es ja vielleicht, liebe Gemeinde, wie stark unser eigener Glaube durch die Mutterreligion, das Judentum, geprägt ist. Viele wichtige Elemente haben wir aus dem Judentum übernommen, wenngleich manchmal etwas umgedeutet. So hat auch Jesus Bezug genommen auf diese alten Erinnerungstraditionen, als er Abendmahl feierte und die Christenheit insgesamt, als sie die Auferstehung Jesu in Blick nahm: auch das Christentum feiert nämlich die eine große Befreiungstat Gottes: der Mensch wurde durch Christi Sterben aus der Sklaverei der Sünde und des Todes befreit – und wir erinnern es sonntäglich: Christus ist für unsere Freiheit ans Kreuz gegangen.

Was will ich damit sagen, liebe Gemeinde? Vor allem, dass die Zukunft, die vor uns liegt, kein unbeschriebenes Blatt ist, keines mit tausenden von neuen Optionen und Möglichkeiten, v.a. keine, die frei wäre von dem, was bisher gelaufen ist. Sondern: die Zukunft, das Jahr 2006 ist mit bestimmt durch das, wie wir jetzt leben und bestimmt durch das, was wir jetzt im Bekenntnis erinnern. Wer sich traut, sein Leben in Gottes Licht zu deuten und zu bekennen: ja, Gott spielt in meinem Leben ein Rolle, der wird anders in das nächste Jahr gehen, weil er weiß, dass Gottes Kraft ihm weiterhin leuchten wird wie Feuer in der Nacht und sichtbar sein wird wie eine Wolkensäule am Tag.

Das Predigtwort für den heutigen Altjahresabend kann uns darin eine Ermutigung sein, sprachfähig zu werden, wenn es um unseren eigenen Glauben geht. Denn das ist ja unsere Bestimmung: dass wir Gott Antwort geben in unserem, ja mit unserem Leben. Jeder von uns aber wird diese Antwort anders füllen müssen, denn jeder von uns geht einen anderen Weg im Leben. Wenn Sie heute zurückblicken, liebe Gemeinde, und Ihr Leben bedenken, dann würde ich mir wünschen, dass Sie darin die Dinge benennen können, die Sie nicht nur Ihrer eigenen Kraft und Ihrem eigenen Vermögen zuschreiben, sondern von denen Sie wissen: hierher hat mit Gott geleitet, hier hat er mich bewahrt, hier bin ich in ihm ermahnt worden. Und dieses kommt hinzu: dass Sie dankbar sein können, für das, was Ihnen so im Glauben widerfahren ist. Das Beispiel der Israeliten, das Beispiel des jüdischen Glaubens ist darin ein hervorragendes – es ist eine anspruchsvolle Vorgabe. Aber ich bin mir sicher, dass diese Hilfe für einen jeden von uns bereit steht, gerade im Blick auf die Zukunft, gerade im Blick auf das neue Jahr 2006. Wer sich von Gott in seinem Leben getragen weiß – und das heißt nichts anderes – wer bereit ist, die Zusage Christi, die wir jeden Sonntag hier im Gottesdienst hören, für sein Leben anzunehmen, zu deuten und zu bekennen, der wird in diesem Sinne auch das nächste Jahr behütet sein. Der darf getrost diesen Jahreswechsel erleben, der darf gewiss sein, dass Gottes Hand ihn nicht fallen lässt. Der darf für sich diese Wort ernst nehmen: „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von ihnen bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“

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