Aus den Wüsten in die Zukunft

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

das wäre ein Versprechen am Anfang diesen Jahres:

der Blick über die Grenze, über den Fluss in die Zukunft – ein Blick in das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließt. Die Zeit des Umherirrens und das Wanderns, der Sorgen und der Mühen ist vorbei, wir müssen nur hinübergehen, den ersten Schritt tun hinein in das gelobte Land.

Das neue Jahr 2006 ist erst wenige Stunden alt, die Zahl der ersten Schritte ist also noch und überschaubar. Aber dürfen wir die Situation so einfach gleich setzen?

Reizvoll fände ich es schon, denn die Lage ist eigentlich unvergleichbar und doch so ähnlich.

Wir stehen an einer Schwelle. Ein neues Jahr liegt vor uns und außer unseren Plänen, die wir schon gemacht haben, ist wohl so ziemlich alles noch offen. Keiner kann heute schon voraussagen, was dieses Jahr denn alles bringen wird. Dabei würden wird das gerne wissen und ein wenig in der Zukunft lesen. Aber was hinter uns liegt, das wissen wir ganz genau. Die Jahresbilanzen sind geschlossen. Politiker, Wirtschaftsforscher, wir als Privatpersonen haben unsere Bilanz gezogen und dabei sicher so manche Wüste entdeckt. Politisch und wirtschaftlich liegt ein unruhiges, turbulentes Jahr hinter uns. Jahr 1 mit Hartz IV, 25.000 Bedarfsgemeinschaften und 30 % Arbeitslosigkeit in der Uckermark. Regierungswechsel und Dauerwahlkampf gehören ebenso dazu wie Naturkatastrophen oder schmerzhafte Veränderungen in unserem eigenen privaten und gemeindlichen Umfeld. Es lohnt sich und es ist wichtig, die Wüsten zu benennen und dann die Grenze, an denen wir stehen, wahr zu nehmen. Mit Josua gesprochen: die Wüste ist Wirklichkeit und sie gehört immer wieder zum Leben dazu, aber wir stehen jetzt am Rande der Wüste, die immer nur begrenzt Zufluchts- und Lebensort sein kann. Vor uns liegen Zukunft und Aufbruch. Ich denke, dass uns allen solch eine Perspektivverschiebung gut tut. Schaut nicht immer nach hinten und verlängert den Schmerz der Wüste, sondern schaut nach vorn, weil Gott uns Zukunft verheißt und Zukunft schenkt. Wir dürfen aufbrechen und wir müssen aufbrechen! Denn so wie mit Mose der alte Anführer in der Wüste geblieben ist, so müssen auch wir jetzt allem Anschein nach neuen Autoritäten, anderen Konzepten folgen. Die alten Antworten helfen nicht weiter. Gerade in den drängenden Fragen der Gesellschaft spüren wir, dass die alten Antworten nicht mehr tragen. Mehr Wachstum und höhere Gewinne steigern zwar die Rendite, senken aber nicht die Arbeitslosigkeit. In der Wüste ist die Gefahr ja groß den falschen Göttern zu folgen. Und wenn eine Gesellschaft nur noch der Ökonomisierung Vorschub leistet, schafft sie sich ihr eigenes goldenes Kalb, um dass sie tanzt, und verliert dabei den Menschen mit seinen Bedürfnissen und auch das rechte Verständnis von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch Arbeit und Anerkennung aus dem Blick. Auch gemeinnützige Arbeit, auch Familienarbeit und nicht nur Erwerbsarbeit sind im guten Sinne des Wortes Arbeit, die anerkannt werden muss und anerkannt werden kann.

Auch mit den alten Konzepten der Gemeindearbeit als eine begleitende und betreuende Kirche – das trifft ja besonders für die evangelischen Landeskirchen zu – werden wir den Trend hin zu einer kleiner werdenden Kirche nicht abwenden. Neue Ansätze, missionarische Aufbrüche sind notwendig, Veränderungen in den Strukturen unserer Gemeinden stehen womöglich an, Prioritäten müssen neu gesetzt werden, allein schon wegen knapper werdender finanziellen Mittel. Aber das ist alles kein Grund zur Klage, sondern Anlass zum Aufbruch. Denn die Zukunft unter unseren Füssen gehört uns, ist uns von Gott anvertraut, viel mehr noch sie ist von Gott benannt und bereitet!

Bange machen gilt dabei nicht.

Sicher kann ich Josua gut verstehen: jede neue Herausforderung macht unsicher. Verantwortung kann schwer auf den Schultern liegen. Keiner kann und sollte sie immer allein tragen. Es tut gut, wenn viele mit ihren Gedanken, Gebeten und Taten mithelfen. Es ist wichtig dabei gerade die zu begleiten, bei denen wir spüren, dass sie sich mit ihrem Leben und seinen Aufgaben und Herausforderungen schwer tun. Immer mehr Menschen sind den Anforderungen des täglichen Lebens nicht mehr gewachsen und sind auf Begleitung und Beistand angewiesen. Junge und Alte trifft das gleichermaßen. Im Grunde genommen sind wir alle, auch die gestandenen und erfolgreichen Lebensprofis auf Beistand angewiesen. Es ist eine der größten menschlichen Lebenstäuschungen zu glauben, dass wirklich jeder seines Glückes Schmied ist. Mose war nichts ohne Gott, Josua ist bei seiner Aufgabe nichts ohne ihn.

Deswegen steht im Mittelpunkt der Erzählung und als Leitspruch für das Jahr 2006 und als Glaubenserfahrung eines ganzen Volkes eine wunderbare Verheißung an Josua, an das Volk Israel, an alle Menschen des Glaubens: Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen!

Größeres kann uns doch eigentlich nicht zugesagt werden. Die Zukunft in die wir gehen ist Gottesland, weil Gott mit uns geht. Nichts kann uns aus Gottes Hand reißen, keine Gefahr, keine Krise, keine Veränderung, keine Herausforderung können Gott von unserer Seite vertreiben, er verlässt uns nicht. Sollten wir ihn nicht wahrnehmen, dann haben wir ihn aus dem Blick verloren oder ihm den Rücken zugekehrt.

Josua hat diese Zusage sehr persönlich genommen. „Dir, mit deinem besonderen Auftrag, mein Volk in das gelobte Land zu führen, sage ich zu, mit dir zu sein.“ Das hat ihm Mut gemacht Ja zu seinem Auftrag zu sagen. Ich kann mich an genügend Begebenheiten in meinem Leben erinnern, wo ich vor Herausforderungen und neuen Aufgaben stand, mich fragte, ob ich es denn überhaupt leisten kann, was da von mir erwartet wird, und wo ich dann über genau diese Zusagen Gottes an Josua gestolpert bin und mir klar wurde: ich darf das jetzt als Zusage für mich werten. Für das, was Gott mit mir und mit uns vorhat, schenkt er mir und uns die nötige Kraft und verspricht uns seine Nähe. Es gibt darum keinen Grund sich zu fürchten. Die diesjährige Jahreslosung ist kein Appell, kein Vorschlag, keine Lebensweisheit fürs Poesiealbum, sondern eine Verheißung fürs Leben, kein Versprechen einer problemlos verlaufenden Biografie oder steilen Karriereleiter, keine Kranken- oder Unfallversicherung, aber das Versprechen einen verlässlichen Freund an unserer Seite zu haben in den Herausforderungen des Jahres, in den Neuanfängen in der Familie, im Freundeskreis, im Beruf oder in der Schule, in unseren Gemeinden. Auf eines ist Verlass: auf Gottes Treue und auf seine Nähe.

Das hat er jedem einzelnen von uns zugesagt in der Taufe. Und darauf dürfen wir uns auch berufen.

Aber wir sollten uns davor hüten, es uns zu leicht mit dieser Verheißung zu machen. Sie ist kein Selbstläufer, kein Wellnessangebot. Anfang Februar erinnern wir an den 100.Geburtstag Dietrich Bonhoeffers. Ihm haben wir nicht nur so wundervolle Texte wie „von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist mit uns am Abend und am Morgen“ zu verdanken, ein Text, den er als Weihnachtsgeschenk seiner Familie und seiner Verlobten schrieb, und der ein wunderbare Paraphrase zu unserer Jahreslosung ist, sondern auch die eindringliche Mahnung an den Protestantismus, es mit der Gnade nicht zu leicht nehmen. Es gibt keine billige Gnade, an der wir uns einfach bedienen können in allen Lebenslagen, es gibt nur eine teure Gnade, denn sie hat ihn, Gott, alles gekostet, nämlich seinen Sohn, mit dem er uns aber alles schenken will – umsonst.

Auch unsere Jahreslosung ist deshalb kein Freibrief für Sorg- und Gedankenlosigkeit, sondern Gottes Verheißung fordert uns ganz.

Dreifach konkret wird das für Josua:

· „Sei getrost und unverzagt oder sei stark und mutig“ lautet die erste Konsequenz, am Ende ja noch einmal gesteigert: ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seiest. Gott erwartet, ja gebietet uns Unverzagtheit, Entschlossenheit, Mut zur Entscheidung und zur Tat als Folge seiner Gegenwart. Davon kann ich uns allen nur eine gehörige Portion wünschen. Entschlossenheit, neue Wege zu gehen, Vertrauen in die Zukunft zu setzen, von der Zukunft etwas zu erwarten tut uns als Gemeinden , aber ebenso auch als Gesellschaft gut. Wenn es diesen positiven Umschwung unter uns und von uns Christen in dieses Land getragen gibt, dann verändert sich auch unsere Gesellschaft. Unverzagtheit, Mut, Trost und innere Stärke sind wunderbare Früchte des Glaubens. Der Glaube kann uns nicht entmutigen, wenn er Vertrauen auf Gottes Verheißung ist, er kann uns nur stark und aufrecht machen in allen Lebenslagen.

· „Halte dich in allen Situationen an die Weisungen Gottes.“ Auch das gehört zur teuren Gnade, dass das Evangelium nicht vom Sollen und Müssen spricht, sondern von Gottes Zuwendung und Liebe, aber uns dennoch an den Willen Gott verweist, weil er uns erst die Richtung und den Weg für das Leben vorgibt. Gottes Gebote schränken nicht ein, sondern stellen uns in einen weiten Raum, in dem wir miteinander leben, arbeiten, glauben, hoffen. Jedes Gebot ist ein Angebot zum Leben. Regeln schnüren und fesseln nicht, sondern befreien uns füreinander und vor den Gefahren des Lebens. Ich glaube es ist an Zeit, sich von einem falschen, verantwortungslosen Freiheitsbegriff zu verabschieden, der Regeln und Gebote nicht kennt und alles der individuellen Beliebigkeit überlässt. Es gibt Freiheit nur füreinander und diese Freiheit braucht die Orientierung an Gottes klarem Willen zum Leben für alle. Es wird viel von fehlenden Werten und Normen geredet, dabei haben wir sie in unseren Händen anvertraut als Schatz des Glaubens unserer Väter und Mütter und immer wieder hoch aktuell.

· Sie lassen sich allerdings nicht als Paragraphenwerk oder als bedienungsfreundliches Benutzerhandbuch gebrauchen. Ich kann nicht wie im Lexikon oder im Pfadfinderhandbuch nachschlagen, was in welcher Situation richtig oder falsch ist. Mit Gottes Willen muss ich leben und um ihn muss ich ringen. „Betrachte es alle Tage“ mahnt Gott Josua und meint damit nicht nur zeitliche Dichte, sondern meint eben so: du wirst nie fertig damit, herauszufinden, was Gottes Wille und was sein Weg für dich und die anderen ist. Das will immer wieder neu herausgefunden werden, in jeder Situation neu. Das meint ebenso, dass die Bibel kein Buch für das Regal sein will, sondern sie darf ruhig zerlesen daher kommen. Gott spricht zu uns, er erschließt sich uns, er zeigt Weg und Richtung auf. Er will uns nicht orientierungslos lassen, schon gar nicht in so einem Augenblick, wo wir uns anschicken aus der Wüste in lebensfreundliches Land aufzubrechen.

Diese Jahreslosung fordert uns also heraus. Zu neuem Aufbruch aus den Wüsten in ein neues Vertrauen. Gott schenkt uns Zukunft. Sie will aber erst noch gewonnen werden. Das Land liegt vor uns als offenes Jahr mit vielen Seiten, die erst noch beschrieben werden. Es wird viele Aufbrüche, auch manchen Abbruch geben. Wir werden dem Leben und dem Tod begegnen, wir werden Freude und Trauer erleben, Gemeinschaft und Einsamkeit. Wir werden Fragen haben, aber nicht auf alles eine Antwort finden. Aber eines bleibt im Leben und weit darüber hinaus: Gott spricht: ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Darum sei stark und mutig.

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