Aufbruch der Gemeinden

Liebe Gemeinde,

als Predigttext für Silvester hören wir einen Abschnitt aus dem 2.Buch Mose, Kap.13, direkt nach dem Auszug aus der ägyptischen Sklaverei. Es gibt biblische Texte, die richten sich an einzelne Christen, und solche, die richten sich an uns als Gemeinschaft. Dazu gehört auch dieser Bericht. Ein zu Silvester üblicher Rückblick und Ausblick also, den ich mit den Augen unserer Gemeinde lese, und da der Auszug Israels nun weit mehr als dreitausend zurückliegt, interpretiere ich ihn frei auf unsere Situation:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, es ist nicht zu übersehen, dass wir uns mit unseren Gemeinden landauf, landab im zurückliegenden wie auch in den nächsten drei Jahren an einer wichtigen Schnittstelle befinden. Da sich noch keine gravierende Besserung auf dem Wirtschafts- und Arbeitsmarkt abzeichnet und noch immer Menschen aus den Kirchen austreten, sind die Gemeinden an Grenzen gelangt, wo sich ohne deutliche Veränderungen nur noch wenig einsparen lässt, um die steigenden Kosten den sinkenden Steuereinnahmen anzupassen.

Die äußerliche Gestalt fast aller Gemeinden wird sich kurzfristig ändern, bei vielen sogar radikal. Zum Teil war es länger abzusehen, zum Teil kommen die Entscheidungen auch überraschend. Das verursacht bei den engagierten Gemeindegliedern und Mitarbeitern verständlicherweise Sorge, ja sogar Angst. Was wird kommen? Was wird uns bleiben?

Das Volk Israel befindet sich in unserem Abschnitt auch am Scheideweg. Lange hat Mose beim Pharao gerungen um eine Ausreiseerlaubnis. Endlich, nach den zehn Plagen bzw. Naturkatastrophen, konnte er sie nicht mehr verweigern, und wütend lässt er seine billigen Arbeitskräfte ziehen. Doch was nun? Jetzt, wo die Freiheit lockt, ergibt sich die Frage: Wohin?

In Ägypten mussten sie schwer schuften, wurden geschlagen, blieben Fremde. Aber sie hatten satt zu essen, mussten nichts organisieren oder entscheiden. Nun die Qual der Wahl: Wohin sollen wir? Wer besorgt zu essen für so viele Flüchtlinge? Der Auszug war abzusehen und kam dann doch überraschend. Was wird kommen? Was wird uns bleiben?

In den letzten Jahrzehnten konnten die Gemeinden gut arbeiten. Unsere Vorgänger haben in den 60er und 70er Jahren hier vieles aufgebaut, ausgebaut, umgebaut. Unsere Generation hat die undankbare Aufgabe, möglichst unauffällig abzubauen. Geben wir es ehrlich zu: Wir waren etwas bequem geworden, haben uns mit den Gebäuden und dem Personal abhängig gemacht von den Kirchensteuern, haben verlernt, über den Kirchturm zu schauen, haben mit unseren Gruppen und Kreisen oft im eigenen Saft geschmort.

Nun werden wir zum Auszug aus dieser bequemen Abhängigkeit gezwungen. Wir müssen den Auszug möglichst geordnet organisieren und wissen nicht: Wohin genau geht der Weg? Dauert er ein Jahr oder zehn? Immerhin kostete die Israeliten der Umweg durch die Wüste vierzig Jahre. (Gut, vielleicht war es etwas weniger, aber jedenfalls eine nicht planbare Zeit.)

Gemeinsam ist den Israeliten und uns, dass wir uns auf Gottes Führung verlassen dürfen. Wenn wir nur genau hinhören und um seine Weisung bitten, dann wird er sie nicht verwehren. Beim Auszug aus Ägypten merken wir deutlich. Gott ist kein Navi-System, das den kürzesten und schnellsten Weg wählt. Gott denkt taktisch. Er kalkuliert bei seiner Routenplanung die Leidensfähigkeit seines Volkes, und die scheint limitiert zu sein. Also lieber länger und dafür still durch die Wüste als kürzer, aber durch Kämpfe zermürbt.

Welchen Weg nehmen wir als Gemeindeleitungen heute? Lieber schnelle und radikale Einschnitte, die morgen weh tun, aber hoffentlich in zwei Jahren verdaut sind? Oder eine sanfte Entwicklung, die auch viel Kraft kostet, aber auf wenig Widerstand stößt? Damals mussten alle einen Weg nehmen; heute gibt es verschiedene Routenplanungen.

Gott handelte weise, doch auch in den Wüstenjahren hörte Mose häufig das Gestöhne: „Ach, in Ägypten hatten wir richtig Fleisch zu essen! Hier gibt`s nur Schonkost! Wie lange müssen wir denn noch? Sollen wir nicht doch lieber wieder zurück?“ Die älteren Gemeindeglieder kennen dieses Gefühl nur zu gut. Gerne erinnern sie sich an Zeiten, als die Frauenhilfe noch doppelt so groß und voller Schwung war, als man für Gemeindeausflüge drei Busse brauchte, als die Gottesdienste gut besucht waren und die Kirche sich Schloss Kranzbach als noch leisten konnte. Wo Kirchen, Kindergärten und Gemeindehäuser aufgegeben werden müssen, da wird dieses Stöhnen einkehren und lange nicht verstummen.

Liebe Gemeinde, geordnet wie eine Armee – so heißt es – zog das Volk los. Das bedeutet: Niemand muckte auf. Alle waren einverstanden mit der Richtung. Keiner drängelte oder trödelte. Ob wir das auch so hinbekommen, dass alle Gemeindeglieder an einem Strang ziehen und gemeinsam die notwendigen Veränderungen bewältigen? Hoffentlich reicht der Schwung, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, auch wenn er steinig wird. Sich wie eine Armee zu ordnen, bedeutet ja auch: eine gute Leitung zu haben, de von Gottes Wort geleitet die richtigen Entscheidungen treffen und Rücksicht auf alle nehmen.

Und dann ein neben den ungesäuerten Broten als Reiseproviant fast vergessenes Mitnehmsel: Mose nahm die Gebeine Josefs mit. Als Vorläufer quasi der mittelalterlichen Sammelei von Reliquien und Heiligenknochen gehen die Gebeine von Stammvater Josef mit auf die beschwerliche Reise in Erfüllung seines letzten Wunsches. Gerade Josef, der in Ägypten als Ausländer Karriere gemacht hatte, wusste, dass dieses Land nie die Heimat seines Volkes werden würde.

Liebe Gemeinde, was nehmen wir als unverzichtbar mit auf den Weg der Gemeinden, wenn wir zum Beispiel mit anderen Gemeinden Pfarrer teilen oder fusionieren, wenn wir längere Wege zu Gemeindehäusern haben? Die Paramente oder die Liturgie mit Wiedererkennungswert? Das schöne Wandbild der Männergruppe oder die Bestuhlung? Den kräftigen Gesang der Gottesdienstgemeinde oder die verbliebene finanzielle Rücklage? An was hängen wir?

Kommen wir zum zentralen Motiv unseres Predigttextes: der Wolken- und der Feuersäule. Liebe Gemeinde, dazu lässt sich schwer eine Entsprechung in der aktuellen Situation unserer Gemeinden finden, schon gar nicht technischer oder naturwissenschaftlicher Art. Die Wolkensäule bei Tag und die Feuersäule bei Nacht sind nicht wörtlich zu verstehen; sonst hätte das Volk Israel keine vierzig Jahre für eine Strecke von dreihundert Kilometern benötigt. Doch diese Naturphänomene haben die Israeliten auf dem langen Marsch als klare Wegweiser erfahren.

Dieses Bild von Wolke und Feuer wirkt wie eine Metapher für jene innere Kraft, die Menschen brauchen, um auch lange und beschwerliche Wanderungen auf sich nehmen zu können. Der Wind, der die Wolkensäule tagsüber vorantreibt, und das Feuer, das nachts den Wandernden scheint, sind an anderer Stelle der Bibel Symbol für Gottes Geist, der Menschen befähigt, die schwierigen und beschwerlichen Wege ihres Lebens bewältigen zu können.

Wolkensäule und Feuersäule sind Bilder dafür, dass Menschen die Orientierung behalten und auch in der Hitze der Wüste und in der Finsternis der Nacht nicht daran zweifeln, dass sie auf dem richtigen Wege sind. Die Wolke steht dabei für Leichtigkeit und Durchlässigkeit, mit anderen Worten für Gelassenheit und innere Freiheit. Das Feuer steht für Liebe, Wärme und Klarheit. Beides sind Gaben der göttlichen Gegenwart, die zu unseren inneren Kräften werden. Ziel dieser Phänomene war – so sagt unser Text -, dass das Volk Tag und Nacht wandern konnte – in der unerträglichen, lähmenden Hitze tagsüber ein unschätzbarer Vorteil.

Liebe Gemeinde, die Gabe der Wolken- und Feuersäule erhielten die Wanderer, als sie ein Lager aufschlugen. Unverzichtbar sind die Pausen und Unterbrechungen des Weges. Gerade dann, wenn wir viel zu bewältigen haben, gerade dann, wenn wir lange Strecken vor Augen sehen, müssen wir inne halten, uns unterbrechen lassen in unserem alltäglichen Laufen. Gerade dann müssen wir uns auf unsere inneren Kräfte besinnen und auf ihre Quellen. Genau das tun wir hier zu Silvester: eine Pause einlegen, im Abendmahl Kraft tanken und gute Gedanken bekommen, um gestärkt ins Neue Jahr zu gehen, in eine für uns ungewisse Zukunft, aber mit der Orientierung, mit der schon das Volk Israel loszog.

Das Abendmahl, das wir gleich feiern, knüpft an die alte Passahtradition an, an die letzte Nacht vor dem entscheidenden Aufbruch in ein neues Land, in eine neue Zeit, in die Freiheit. Jesus hat dieses Mahl, diese Vergegenwärtigung des Alten Bundes Gottes mit Mose umgedeutet auf den Neuen Bund Gottes durch seinen Tod und seine Auferstehung, die direkt bevorstehen.

Alles wird anders. Dafür ist das Abendmahl in der letzten Nacht vor dem entscheidenden Aufbruch der Jünger das Zeichen. Dieses Zeichen sollen wir immer wiederholen, so wie das jüdische Volk das Passahmahl wiederholt. Erinnern sollen wir uns an die Befreiung von Sklaverei und von Schuld durch Gott, an die Wegzehrung für eine lange, beschwerliche Reise, die aber an ein lohnendes Ziel führt. Auch wenn wir es noch nicht kennen – Gott kennt es. Für jeden von uns persönlich. Für uns als Gemeinde. Die Zeichen an diesem Silvesterabend stehen auf Aufbruch. Stärken wir uns.

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