Gernots Flucht

Liebe Gemeinde,

in einer Zeit, in der die Worte „Du Opfer“ unter Jugendlichen zum Schimpfwort geworden sind, mag es nicht angebracht sein, vielleicht harmlos wirkende Geschichten zu erzählen. Wir wollen aber nicht vergessen, dass wir Weihachten feiern. In dieser Zeit dürfen zumindest in Geschichten Wunder und Bewahrung geschehen und Engel zu beobachten sein. Vielleicht schließt sich ja beides auch nicht aus. In Auslegung des Predigttextes hören wir die Geschichte:

"Gernots Flucht"

Gernot liebte die Zeit mit Großmutters Geschichten. Viele davon handelten vom Heiland und dessen Engeln. Das süßlich Fromme nahm der Bub gelassen hin, da er stets auch Geschichten voller Gefahr für deren Helden hören durfte.

Zum Beispiel jene von den vier Reitern, die die Welt durchzogen einzig danach trachtend, dem Unheil Raum zu erobern. Des Heilands Heer der Engel verstand es in Großmutters Erzählung jedoch vortrefflich, den finsteren Rittern zu wehren. Und Gernot sehnte sich danach, ein Soldat Christi zu werden.

Großmutter kannte viel vom Leben und dieser Welt. Sie wusste die Namen aller Pflanzen und verstand es auch, über Sterne zu sprechen. So erklärte sie ihrem Enkel, was es mit dem hellen Band auf sich habe, dass in klaren Nächten am Himmel zu sehen war. Schaudernd vernahm der kleine Bub, hier handle es sich um die unschuldig zu Tode gekommenen Seelen auf ihrem Weg zum himmlischen Vater. Die weißen Gewänder der Gerechten spiegelten nächtens das Licht aus der offenen Himmelstür zur Erde herab. Man nenne es Milchstraße, hatte Großmutter hinzugefügt und zugleich eingestanden, sie wüsste nicht, woher dieser Name käme.

In mancher Nacht betrachtete Gernot allein und ehrfurchtsvoll die Heimkehr der Opfer. Dann aber beschäftigte es Ihn sehr, was er von Großmutter auf seine Frage hin, warum denn jede Nacht so viele Seelen zu Gott hin auf dem Wege wären, hören musste. Es sei soviel Krieg auf dieser Welt, hatte sie gesagt, und jeden Tag stürben unschuldige Menschen. Die Engel des Herrn aber geleiteten diese unglücklichen Opfer schon vor der Auferstehung aller heim zum himmlischen Vater, der über sie kein Gericht spräche.

Unruhe kam auf in Gernots Dorf, als die Hirten von vorbeiziehenden Reiterhorden berichteten. Großmutter hatte die Farbe des Pferdes erfragt, auf dem der Hauptmann geritten sei, und fiel in großen Schrecken als die Männer ihr „weiß“ zur Antwort gaben. Nach langem Drängen Gernots endlich flüsterte sie ihm ihre Angst ins Ohr, ein Reiter dieser Farbe bedeute Krieg.

Der Bub jedoch vermochte die Angst seiner Großmutter nicht zu teilen. Krieg bot ihm die ersehnte Gelegenheit, sich als Mann zu erweisen. So war Gernot erzogen worden. Und außerdem musste er Mechthild, seine Schwester vor allem schützen, was deren Leben nur bedrohen könnte.

In jenen Tagen zweifelte Gernot an Großmuttis Verstand., da er ihr täglich berichten musste, in welchen Farben die Menschen sich kleideten. So erfrug sie, ob viel Rot zu sehen sei und man schon Schwarz entdecken könnte. Ihre wirre Rede davon, dass nach blassem Reiter sich Geschrei erheben würde, verstand er nun wirklich nicht mehr. Großmutters Mahnung, er solle als Bub höchst aufmerksam die Wege seiner Schwester beachten, rief jedoch Angst in ihm hervor.

Am Heiligen Abend brachen alle Erwachsenen zum mittenächtlichen Gebet in die dem Dorf vor gelagerte Marienkapelle auf. Die Kinder aber mussten daheim bleiben.

In jener Nacht wurde Gernot vom Lärm geweckt. Er hörte das Hämmern der Hufe unzähliger Pferde. Zu der Zeit am Heiligen Abend, als die Reiter das Dorf erreichten, war es spät und dunkel. Alle Erwachsenen hatten in der Kapelle ihr heiliges und friedvolles Werk gerade begonnen. Gernot aber schlich ins Freie. Von Ferne vernahm er grausames Geschrei und bald auch sah er Feuerschein am Himmel. Dort, wo die Eltern waren und alle Erwachsenen hatten sich die Pforten der Hölle aufgetan.

Geistesgegenwärtig lief Gernot zum Dorfplatz und schlug die dort hängende Glocke an. Aus allen Hütten und Häusern kamen die Kinder hervor. Gernot rief sie zusammen und schrie mit wenigen Worten heraus, was an der Marienkappelle sich gerade ereigne. Man müsse fortlaufen in den Wald, hatte er geschrieen und alsbald brach die Kinderschar zur Flucht auf. Einige aber rannten in ihrer Verzweifelung, Hilfe zu bringen und Hilfe zu bekommen von Vater und Mutter den Weg hinab zur Kapelle. Diese hat man niemals wieder gesehen.

Der Kindertross eilte in den Wald. Gernot lief voraus. Mechthild aber zog er hinter sich her. Dann ereignete sich der furchtbare Kampf. Ritter auf fahl aussehenden Pferden sprengten den Kindern entgegen. Und während sie in fremder Sprache brüllten und lachten, hieben sie auf die schwachen Geschöpfe ein mit ihren Schwertern. Da aber tat sich der Himmel auf und Engel stürzten herab. Gernot sah, dass vier Engel um die Waldlichtung herum Aufstellung nahmen. In mächtigen Gesten des Schutzes formten sie einen Raum über den Kindern. Und Gernot sah, wie ein weißer Reiter auf einem Schimmel sich den Höllenknechten entgegen stellte. Mit bloßer Hand griff er in die niedersausenden Schwerter. Selber aber schlug er nicht zu. Aus seinem Mund jedoch kamen Worte und sobald es einem dieser Worte gelang, Ohr und Herz der finsteren Gestalten zu berühren, ließ dieser ab von seinem Todeshandwerk.

Gernot sah in jener Nacht tausende von Horden wilder Reiter durch den Wald ziehen. Menschen aus ferner Zeiten, in Felle gekleidet und mit Keulen bewaffnet machten den Anfang. Römische und griechische Truppen durchquerten in jener Nacht den Wald ebenso wie asiatische Reiterhorden. Bald zogen Soldaten herauf, wie Gernot sie kannte. Danach aber kamen Kämpfer auf eisernen Wagen daher. Schrecklich anzuschauende Burgen auf Kettenrädern, bewaffnet mit Kanonen. Diese Soldaten trugen ein altgermanisches Kreuz auf ihren Fahnen voraus.

Das Gewand des weißen Reiters aber war über und über voll Blut.

Da trat ein Engel an Gernots Seite und löste seinen festen Griff, mit dem er seiner Schwester Arm noch immer umklammerte. Obwohl Gernot die Worte des Engels nicht verstand, begriff er doch, dass dieser seine Mechthild mitnahm auf die helle Straße hin zur Himmelspforte. Denn Mechthild war eingeschlafen.

Danach legte sich große Stille über der Waldlichtung nieder. Gernot erwachte vom Weinen und Gewimmer derer, die überlebt hatten. Mit letzter Kraft sammelten sich die Kinder und liefen die ganze Nacht durch bis in den Morgen hinein.

Endlich aber erreichten sie das Nachbardorf. Hier hatte es keinen Krieg und keine Hölle gegeben. Dennoch waren weder Männer noch Frauen, weder Kinder noch Gesinde zu sehen. Von Ferne aber erklang Musik.. Gernot lenkte seine Gruppe hin zum Gotteshaus. Gerade hatte der Pfarrer die Worte aus der Offenbarung vom Zug der Gerechten hin zu Gott verlesen, da öffnete sich die Kirchentür und die Schar der Kinder in ihren weißen Nachtgewändern zog still in das Gotteshaus ein.

Und Gernot sah einen Augenblick, wie Mechthilds Gesicht sich in Freude auflöste, als sie am Himmelstor anlangte.

Übermorgen steht im liturgischen Kalender unserer Kirche der „Tag der unschuldigen Kindlein“. Dieser wenig bekannte Feiertag gründet in der biblischen Erzählung vom Kindermord in Bethlehem. Er ist allen Kindern und unschuldigen Opfern der Kriege und Gewalt auf dieser Erde gewidmet. Schade, dass deutsche Jungen und Mädchen aus dem ehrwürdigen Begriff vom Opfer einen Fluch gemacht haben.

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