Der Himmel steht offen

I. Die Vergangenheit: die Ankunft Gottes in unserer Welt

Liebe Gemeinde, es gibt nichts größeres und zugleich unbegreiflicheres, als das, was wir in diesen Tagen feiern: der unerreichbar ferne und unbegreifbare Gott, kommt mitten hinein in unsere Welt. Aus den Augen eines hilflosen Kindes schaut er uns an, lässt sich bestaunen von einfachen Hirten, lässt sich greifen, umarmen und streicheln von einer blutjungen Mutter, voller Angst angesichts einer so bedrohten Zukunft.

Und dabei – strahlendes Licht, das die dunkle Nacht erhellt und Freudenlieder, die die Totenstille durchbrechen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

So malt Lukas – wie wir soeben gehört und gesungen haben – das Bild von der Ankunft Gottes in unserer Welt. Christen glauben, dass in dieser Nacht vor 2000 Jahren erfüllt wurde, was die Juden seit Jahrhunderten schmerzvoll erwarteten: die Trennung zwischen Gott und Mensch aufgehoben, Leben wieder heil, Friede im umfassenden Sinn.

Wer jedoch diese Hoffnungen ernst nimmt, die ja gerade in der Weihnachtszeit besonders lebendig werden, kann nicht anders als Fragen: Was ist denn schon anders geworden. Wo ist er denn – dieser Friede, wo ist es – dieses Heil?

Wird doch in dieser Zeit der Graben zwischen unserer Sehnsucht und unserer Wirklichkeit besonders spürbar. Und werden wohl deshalb gerade in der heiligen Nacht mehr Tränen geweint als in sonst einer Nacht. Wenn wir nur daran denken, wie uns genau vor einem Jahr die Nachrichten aus Südostasien aus unserer Weihnachtsstimmung gerissen haben. Oder wenn wir unsere Ohren nicht verschließen vor den stummen und lauten Schreien unzähliger Kriegsopfer. Und wenn wir unsere eigene tiefe Verunsicherung nicht übergehen angesichts erschütterndem persönlichen Leids in nächster Nähe. Nein, unser Leben ist noch lange nicht heil.

Und trotzdem: etwas hat sich verändert: „der heut schließt auf sein Himmelreich …“ so haben wir gesungen. Der Himmel hat sich geöffnet, und Gott ist herabgestiegen – wie wir es mit Worten von Paulus gesprochen haben – hat sich in Jesus Christus mitten hinein in unsere Tränen, in unsere Erschütterung, in unsere Friedlosigkeit begeben. Und – das ist erst das eigentlich Neue, die wirkliche Wende der Zeit: er hat diese Tür nicht wieder hinter sich zugemacht. Der Himmel hat ein Loch und dieses Loch hat sich nicht mehr geschlossen.

Seither haben wir freien Blick in den Himmel. Wir sind zwar noch nicht dort, aber wir haben sehen das Ziel, auf das der Weg hinzielt, der dort im Stall von Bethlehem begann.

Wer wie ich leidenschaftlich wandert, weiß wie der Blick auf den Gipfel die letzten Kräfte mobilisieren kann! Da sind die gegenwärtigen Mühen fast vergessen, denn das Herz, die Seele ist eigentlich schon dort, trägt schon das wundervolle Panorama in sich, spürt schon die unendliche Weite des Horizontes, der sich dort oben endgültig eröffnet. Und das beflügelt ganz neu.

II. Die Zukunft: Unsere Ankunft in Gottes Welt

Dem Seher Johannes war nun ein solcher Blick in die Zukunft gegönnt. Und dieser Blick gab ihm die nötige Kraft, seinen Glauben an das Weihnachtsgeschehen nicht aufzugeben, auch wenn seine Lebenswirklichkeit mehr als dagegen sprach: Viele seiner Freunde und Mitstreiter gefoltert und hingerichtet, die Christen unter massivem Druck, wenn sie nicht vor den Insignien der römischen Macht die Knie beugten, er selbst verschleppt und verbannt auf die völlig karge und ausgestorbene Insel Patmos. Nichts von „Frieden auf Erden“. Kaum ein Grund für „O du fröhliche, o du selige …“

Aber er ließ es sich nicht nehmen, noch immer den Kopf zu heben, und nach dem offenen Himmel zu suchen. Und was er da zu sehen bekam, hat er im letzten Buch der Bibel zu einem grandiosen Bild gestaltet.

Ich lese aus Offenbarung 7,9-17:

[TEXT]

Auf den ersten Blick mag dieses Bild fremd und sperrig scheinen. Doch schauen wir genauer, dann könnte man fast meinen, die Öffnung des Himmels steht genau über dem Stall von Bethlehem und das Weihnachtsbild der Vergangenheit werfe sein Spiegelbild voraus in die Zukunft.

Was Johannes da sieht und malt, könnte fast den Titel tragen: „das zukünftige Weihnachten“. Es ist zwar zu vielschichtig und vielgestaltig, als dass wir alle Details auf einmal wahrnehmen könnten, aber lassen Sie uns heute den Blick wenigstens auf drei Ausschnitte richten:

1. Ein Lamm auf dem Thron

Als erstes fällt mir der herrschaftliche Thron im großen Königssaal ins Auge. So ganz anders als die Futterkrippe im ärmlichen Stall von Bethlehem. Aber sehen Sie, wer da oben sitzt? Ein Lamm! – Ich glaube, viele von uns brauchen nicht lange, um bei diesem die Gesichtszüge des hilflosen Jesuskindes in der Krippe zu entdecken. Und es schaut uns genauso liebevoll an wie der erwachsene Jesus die Kinder und Frauen, und all die anderen, die sich nach Liebe und Zuwendung sehnten. Kein Schlagstock, keine Wirtschaftssanktionen, keine Bomben in der Hand, um seine Macht durchzusetzten. Nein, immer noch verzichtet der Herrscher der Welt auf alle uns so vertrauten Zeichen weltlicher Macht.

Eine klare Absage an alle Machtstrategien, die allein auf Stärke und Vergeltung, Leistung und Durchsetzungskraft setzen. Es ist die Umkehrung aller Werte unserer Welt, wo es als Zeichen der Schwäche gilt, dem die Hand zu reichen, der mich verletzt, angreift oder mobbt, wo die ins Abseits gestellt werden, die warum auch immer nicht mehr funktionieren, wo Alte und Kranke zum Kostenfaktor werden, wo tausende Menschen auf die Straße gesetzt werden, und gleichzeitig stolz der Zuwachs von Milliarden-Gewinne bekannt gegeben wird, wo die Gesetze der so genannten Wirtschaftlichkeit die Gesetze der Menschlichkeit längst ersetzt haben.

Ja, der Weltenrichter ist das Lamm, das in äußerster Bedrohung sagte: steck dein Schwert weg und dessen letztes Wort war: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Das ist zugleich eindrücklichster Widerspruch gegen alle ängstliche Erwartung, dass uns irgendwann einmal gnadenlos die Rechnung serviert wird.

2. Weiße Gewänder als Zeichen des Heils

Damit sind wir schon beim zweiten Bild-Ausschnitt: wir sehen unzählige Menschen aus aller Welt um den Thron versammelt. Nicht der großen Zahl, auch nicht der Internationalität

ja Globalität der zukünftigen Himmelsgemeinschaft, will ich heute meine Aufmerksamkeit schenken, sondern der Kleidung. Weiße Kleider – Zeichen der heilen Welt – alle tragen sie das. Und sie rufen: „das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt.“ Denn – die Kleider hat niemand von ihnen selbst mitgebracht, sie sind Gottes Weihnachtsgeschenk an sie – und mit ihnen auch an uns.

Wir brauchen uns also nicht selbst um unsere „weiße Weste“ sorgen. Wir brauchen uns nicht optimal präsentieren mit unseren Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen. Wir brauchen uns nicht selbst darstellen. Denn: „Der Cherub steht nicht mehr dafür …“ das bedeutet: kein Wächterengel steht mehr vor der Tür, der uns, durch eigene oder fremde Schuld, Beschmutzten den Eintritt verwehrt. Nur der auf dem Thron steht vor uns – und der sagt: „Willkommen – Du darfst kommen, wie du bist, aber – Du bleibst nicht, wie du bist, Siehe, ich mache alles neu!

„… Gott sei Lob, Ehr und Preis! Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ Alle Beschädigungen, aller Schmutz des Lebens gehören der Vergangenheit an. Die Wunden, die uns zugefügt wurden, wie auch die Wunden, die wir zugefügt haben. Auch wir niemand mehr hungern noch dürsten. Eben alles Leiden in und an dieser Welt wird ein Ende haben.

Und fast am tröstlichsten ist für mich: wir werden das alles nicht mehr verdrängen, werden es nicht mehr verbergen oder verleugnen, und auch nicht mehr beschönigen müssen, wir müssen letztlich auch nicht alles be- und verarbeitet haben, Wir dürfen und sollen es mitbringen. Denn es wird ja wieder heil!

Nur – wer ist in der Lage, dieses Heil zu schaffen? Ganz sicher nicht wir selbst, wie groß auch unsere Beharrlichkeit und unser Durchhaltevermögen sein mag. Aber sicher auch nicht ein König, der über allem thront, unberührbar von Blut, Leid und Tränen. Dieses Heil kann nur das Lamm schaffen, „das geschlachtet ist“, denn das weiß am besten, was Un-heil ist.

Und eben hier sehen wir wieder dieses Kind in der Krippe, das den Weg durch alles Elend und allen Schmutz dieser Welt gegangen, und doch selbst am bitteren Ende davon nicht besiegt worden ist. Nur dieses wird auch uns an diesen Sieg verschaffen können.

So leuchtet hinter diesem großen Zukunftsbild sowohl Weihnachten als auch Karfreitag auf.

3. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“

Dieses weiße Kleid wird uns aber nicht einfach übergestülpt, als hätte es all den Schmutz, all das Leid nie gegeben. Nein, es ist auch jetzt noch einmal präsent, Aber wie das dann sein wird – rührt mich ganz tief an.

Da sehe ich im dritten Bildausschnitt, wie „Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen“ – also auch von meinen.

Ist das nicht wunderbar, der heilige und große Gott, ER, der Schöpfer des Universums, ER macht die mütterlichste aller tröstenden Gebärden, ER wischt den traurigen Kindern die Tränen ab?! „…Es ist alles gut, – ICH bin ja da!“

Der scheinbar unberührbare Gott lässt sich rühren, er übersieht und übergeht meine Tränen nicht, er redet sie auch nicht klein, nein, die Tränen – unsere und die aller – werden gewürdigt, sie bewegen ihn so sehr, dass er sich von seinem Thron herabbewegt, uns ganz nahe kommt, und ganz zart und vorsichtig die Tränen abwischt.

Welch Zartheit, welch Intimität zwischen Gott und Mensch!

Das kann allein der Gott, der selbst bittere Tränen geweint hat – dort über Jerusalem, als er die Verirrungen der Menschen sah, und dort am Grab des Lazarus, als der Verlust seins Freundes ihm das Herz zerbiss und dort im Garten Getsemane, als er vor dem eigenen Leid Angst bekam.

– Das Lamm auf dem Thron,

– das allem Leid und aller Schuld die letzte Macht entzieht

– und das alle Tränen von unseren Augen abwischen wird.

Das ist das endzeitliche Weihnachtsfest, auf das wir schon jetzt einen Blick durch die offene Tür des Himmels werfen können.

III. Die Zukunft kann und will schon Gegenwart werden

Liebe Gemeinde, spüren Sie es jetzt auch, dass damit wirklich Neues geschehen, dass dadurch unser Leben entscheidend anders werden kann?

Haben Sie es bemerkt, dass es beim Blick in den offenen Himmel nicht nur um unsere Zukunft sondern auch um unsere Gegenwart geht?

Wie könnten wir denn leben mit solch einem Ziel vor Augen und dennoch unsere lebens- und menschenfeindlichen Wege weitergehen! Nein, – in diesem Zukunftsbild liegt eine große Kraft, die hineinwirken will in unsere gegenwärtige Welt.

Ja, wo wir das Kind in der Krippe und das Lamm auf dem Thron den Ton für unsere Lieder angeben lassen, werden wir nicht mehr die Lieder der Mächtigen und Einflussreichen unserer Welt mitsingen können. Wer auf den Sieg des Lammes hofft, wer das Heil-Werden der Gequälten erwartet, der kann schon jetzt nicht schweigen und untätig bleiben, wenn Schwache ausgemustert werden, wenn immer mehr durch die Maschen des sozialen Netzes fallen. Der wird sich nicht tatenlos abfinden, dass der Graben zwischen Arm und Reich immer tiefer wird. Der wird nicht mehr mitmachen beim Spiel: wer ist der beste, der stärkste, der erfolgreichste in unserem Land. Er wird die Tränen der Menschen auf der Verliererseite nicht mehr übersehen, sondern mit großen und kleinen Taten dazu beitragen, dass schon jetzt Tränen abgewischt werden. Und wenn er „nur“ schweigend den Arm um den Weinenden legt.

Nicht zuletzt aber kann der Blick in den offenen Himmel uns helfen, uns nicht nur von den leidvollen Erfahrungen gefangen nehmen zu lassen, sondern auch das wahrzunehmen, was sich von dieser Zukunft schon jetzt in unserem Leben abbildet: Die Freundin, die mein verzweifeltes Klagen aushält, das versöhnliche Wort des Kollegen nach heftigstem Streit, die wieder aufblühende Freude am Leben in tiefer Trauer. Wenn wir solch kleine und großen Erfahrungen wirklich wahr-nehmen, das heißt als auch wahren Teil der oft so trostlos scheinenden wirklichkeit annehmen, dann fällt durch diese offene Tür ein Schein aus der himmlischen Zukunft in unsere manchmal so dunkle Gegenwart und wir holen die Wirklichkeit dieses großartigen Ziels schon jetzt in unsere Welt hinein.

So will dieses Bild uns motivieren, nicht resigniert und angstbesessen, sondern getröstet und zuversichtlich, den Weg weiterzugehen, der in Bethlehem begonnen hat.

drucken