Was bleibt von Weihnachten?

Liebe Gemeinde,

Der Text fängt euphorisch an. Er nimmt uns in unserer Weihnachtsstimmung ernst. Wir finden uns hier zusammen unter dem Weihnachtsbaum und haben Weihnachtslieder gesungen. Heute ist ja der eigentlich Feiertag, das Weihnachtsfest. Doch die Nacht der Nächte liegt schon hinter uns. Und wir haben diese Nacht gefühlsmäßig alle mitgebracht. Doch damit heißt es auch für das heutige Weihnachtsfest: Wir feiern ein Ereignis, das hinter uns liegt. In der heiligen Nacht gebiert Maria das göttliche Kind. Es ist der Erlöser, er ist erschienen, damit er die Sünden der Welt wegnehme.

Wir leben von diesem Ereignis, dass man auch die Menschwerdung Gottes nennt. Gott kommt zu uns in die Welt, damit die Liebe Raum gewinnt und der Teufel keine Macht mehr hat. Wir leben von diesem Ereignis, auch wenn diese heilige Nacht vorüber ist. Weihnachten heißt: Die Botschaft breitet sich aus, wie es ja auch in der Weihnachtsgeschichte gesagt wird von den Hirten: Lukas 2,20 „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, …“ Doch diese Botschaft hat uns nun erreicht. Ist sie bei uns wirklich angekommen? Macht sie unser Herz froh? Hat sie eine Wirkung in unseren Familien? Wo finden wir die Realität der Weihnachtsbotschaft in unserem Volk und Land? Das Kind in der Krippe. So arm ist der Erlöser geboren? Das Kind, in Windeln gewickelt. So angewiesen auf Fürsorge, wie jedes kleine Kind ist Gottes Sohn angekommen. Vernehmen wir durch Gottes Armut und Schwachheit die Botschaft von Weihnachten?

Seht also, welch eine Liebe uns der Vater erwiesen hat. Gott ist Mensch geworden, uns zu Gute. Er ist nicht im fernen Himmel geblieben, er ist auf die Erde gekommen zu uns, um uns zu erlösen aus Angst und Schmerz, aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. So also lässt sich der Predigttext aus dem 1. Johannesbrief aufgreifen und auf Weihnachten Beziehung: Das Kind von Bethlehem, im Stall geboren, arm und Windeln gewickelt, Gottes Menschlichkeit und Armut gibt den Ton an.

Natürlich platz dieser Text aus dem 1. Johannesbrief auch ein wenig herein in unsere Weihnachtstimmung. Denn er trägt schwere Worte in diese kleine Krippe: Kinder Gottes, die Liebe, die Welt, das Jetzt, die Sünde. Wenn ich diesen Text heute auf die Weihnachtsgeschichte beziehen, dann müsste es doch fast so sein, als ob hier nicht von Jesus als dem Kind Gottes die Rede ist, sondern von uns allen, die wir durch unsere Taufe zu Kindern Gottes geworden sind. Und ich denke, dass ist auch der eigentlich Knüller der christlichen Botschaft. Wir sind Gottes Kinder im Glauben. Gott nennen wir einfach den Vater, weil er uns zu seinen Kindern macht. Kinder Gottes in dieser Welt zu sein, das ist eine Gabe und eine Aufgabe.

Zunächst sind wir Geschöpfe wie alle anderen auch. So wie Jesus unscheinbar in der Krippe lag und ganz normal in die Windeln gemacht hat. Wir tragen keinen Button: Kind Gottes. Manche versuchen das ja mit einem Fisch auf dem Auto. Aber was ist, wenn sie geblitzt werden? Kinder Gottes sind wir durch Jesus. Weil Jesus Gottes Kind war, können wir es durch den Glauben werden. In der Welt sind wir noch under Cover, getarnt. Aber andererseits kann es auch nicht anders sein, als das es offenbar werden wird, was wir sind.

Die Liebe Gottes ist das große Thema des 1. Johannesbriefs. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm und auch an anderer Stelle. Das ist die Botschaft, dass wir einander lieben sollen. Gott hat selbst geliebt, indem er den Weg frei gab zur Geburt seines Sohnes. Gottes Liebe soll und wird die Welt erneuern. Doch dann heißt es immer wieder: Das ist noch nicht offenbar geworden. Obwohl es andererseits kaum anders ginge als dass wir Gott gleich sein können, wenn seine Liebe die Unsrige geworden ist.

Es mag ja vielleicht etwas zu schlicht erscheinen, wenn man die ganze Botschaft im Wort Liebe zusammenfasst, doch was gibt es andererseits schöneres? Weihnachten ist also das Fest der Liebe. Doch vielleicht nicht so ganz im kitschigen Sinn der Weihnachtsstimmung, sondern darin, dass es unser Leben in das Licht dieser Liebe bringt. Darum ist hier die Rede von der Sünde. Die Liebe Gottes deckt unsere Sünde auf und nimmt sie uns aber auch weg. Von Gott aus gesehen ist die Sünde kein Grund, uns nicht zu lieben. Gott ist nicht nachtragend oder eifersüchtig, sondern er liebt uns und gibt uns diesen Titel: Kind Gottes.

Das geschieht im Glauben und der Glaube schafft nun ein neues Sein. Das neue Sein hat einen anderen Umgang mit der Sünde als die Welt. In der Welt kommt auf das Unrecht zu recht die Strafe. Die Welt muss sich immer wieder durch Strafe reinigen und sie schafft es trotzdem nicht, die Sünde zu beseitigen. Gottes Umgang mit der Sünde ist Erneuerung. Gott macht uns zu Kindern Gottes in der Taufe und gibt uns einen neuen Geist.

Dazu gehören auch Kraft und Mut, Wissen und Stärke des Glaubens. Das heißt: Christen sind Menschen, die den Weg Gottes aus ihrer eigenen Schuld heraus finden. Aber sie lernen dadurch auch. Glauben ist immer auch ein ständiger Lernprozess. Nur so kann ich den Satz ernstnehmen, den der Johannesbrief überliefert: „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.“ Dieser Satz ist auch sehr hart. Er spricht den sogenannten Status Confessionis aus. Das ist lateinisch und heißt: Der Bekenntnisstand. Wer glaubt, bekennt sich damit zu Christus und unterstellt sich diesen Kriterien. Fallen wir aus dem Glauben heraus, dann kommen wir unter die Macht dieser Welt. Lassen wir uns durch Christus aus der Sünde befreien. Der Status Confessionis ist vielleicht in mancher Sicht hinderlich. Mir kommt es manchmal so vor, als wäre die Christen die ewigen Besserwisser. Da ist tatsächlich Skepsis angebracht. In meinem Leben war es die Atombewaffnung im Nachkriegsdeutschland, die dazu führte die Waffen auf Menschen zur richten, die auch in Deutland lebten, was ich widersinnig und unmenschlich fand.

Außerdem finde ich den Einsatz von Atomwaffen schlicht unmenschlich. Da ist der Status Confessionis gegeben. Der Einsatz von Atomwaffen widerspricht dem christlichen Glauben. Ein anderes Beispiel ist die Entscheidung mancher Christinnen und Christen gegen die Rassenideologie Hitlers. Vor Gott sind alle Menschen gleich geschaffen. Keine Rasse steht über einer anderen, erst recht nicht in religiösem Sinn. Status Confessionis das hieß damals: Man konnte mit Strafen rechnen. Wer ganz hartnäckig Christ blieb, ist umgebracht worden. „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.“

Dieser harte Satz gehört für mich doch irgendwie in die Weihnachtspredigt, weil die Krippe, so denke ich auch recht hart war für Christus. Die ganze Sache mit dem Tannengrün und dem Kerzenschein hätte absolut keinen sein, wenn nicht auch von Konsequenzen gesprochen werden kann. Christsein hat Konsequenzen. Wir sind Kinder Gottes. Im Prinzip nicht unterschieden von anderen Menschen, aber hier und da auch deutlich erkennbar an unseren Entscheidungen. Doch deutlich ist auch, dass sich dies alles nicht verselbstständigen darf. Es geht immer um dem Glauben und um die frage, wer oder was Kinder Gottes in dieser Welt eigentlich sind. Das hat Jesus vorgemacht, bis zum bitteren Ende.

Ich lese in einer Textmeditation: „Was bleibt von Weihnachten? Heißt eine typische Festtagsfrage. Es wird davon abhängen, ob wir bleiben. An der Krippen werden wir nicht stehen bleiben dürfen, soll unsere Freude nicht im Rausch verfliegen. Er ist ja auch nicht in der Krippe geblieben. Das Kind Gottes ist erwachsen geworden, hat ein leben gelebt, ist beseitig worden und doch nicht im Grab geblieben. Bei ihm zu bleiben macht die Weihnachtsfreude vollkommen.

Daher ruft uns Jesus heute in seine Nachfolge. Weihnachten geschieht im Alltag. Dazu schreibt Rolf Krenzer:

Wenn der Schwache dem Starken

Die Schwäche vergibt,

wenn der Starke die Kräfte des Schwachen liebt,

wenn der Habewas mit dem Habenichts teilt,

wenn der Laute bei dem Stummen verweilt

und begreift, was der Stumme ihm sagen will,

wenn das Leise laut wird und das laute still,

wenn das Bedeutungsvolle bedeutungslos,

das scheinbar Unwichtige wichtig und groß,

wenn mitten im Dunkel ein helles Licht

Geborgenheit, helles Licht verspricht,

und du zögerst nicht,

sondern du gehst, so wie du bist, darauf zu,

dann,

ha, dann

fängt Weihnachten an.

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