Verzage nicht, fürchte dich nicht!

Liebe Gemeinde,

immer noch feiern wir das Weihnachtsfest, wenngleich die Welt schon wieder dabei zu sein scheint, den nächsten event in den Blick zu nehmen. Wir bleiben dabei: Christ ist geboren. Die Welt verändert sich mit seinem Kommen und bekommt ein Ziel, eine Richtung, von der her wir unsere Hoffnung für unser Leben und Sterben beziehen.

Hören wir das Predigtwort für den heutigen Feiertag aus der Offenbarung des Johannes im siebten Kapitel, die Verse neun bis 17:

[TEXT]

Die Quelle des Lebens, liebe Gemeinde, und das Bild vom Abwischen aller Tränen ist das Ziel unseres Predigtwortes. Das wird geschehen, wenn Christi Macht sich durchgesetzt hat, am Ende der Zeit, am Ende der Welt.

Ich betone deshalb, dass dies das Ziel ist, weil unser Predigtwort erst den Weg dorthin weist. Ja, es geht gewissermaßen den Weg Christi mit uns durch, um auf jenes Ziel zu verweisen. Die Gottesdienste nach dem Heiligen Abend sind dazu gut geeignet, sich vorzuhalten, dass mit der Geschichte Christi auch erst unsere Geschichte beginnt. Die Geburt, liebe Gemeinde, die Geburt des Jesusknaben war ein Akt der Liebe Gottes, der sich nicht zu fein war, ganz tief in unsere Welt hinabzusteigen. An einen kalten, zugigen und armen Ort. Eltern, die nichts darstellten vor der Welt und eine Kindheit, von der uns nicht viel Nennenswertes überliefert ist. Gott aber wollte auf diese Weise zu den Menschen kommen, schon um zu Anfang zu zeigen: "ich werde für Gerechtigkeit und Ausgleich Sorge tragen – dass die Hungrigen, die Dürstenden, die Armen und die Kranken, die Behinderten und Benachteiligten, die Ausgestoßenen und die Schwachen noch zu ihrem Recht kommen. Dass nicht allein der Maßstab zählt, den die Welt an sie anlegt. Aber, liebe Gemeinde: diese Geburt markiert nur den Beginn der großen Geschichte, die für uns alle wichtig geworden ist. Es kommen hinzu: Leiden und Tod, Verspottung und Sterben – am Ende aber: die Auferstehung, der Sieg über den Tod und damit über die Sünde. Das Ziel, in dem uns Jesus Christus vorausgegangen ist. In seiner Auferstehung erst haben wir die Hoffnung für unser Leben gewonnen.

Warum sage ich das an Weihnachten – wäre es nicht besser ein Thema für Ostern? Ja, Sie haben Recht, liebe Gemeinde: darum geht es an Ostern, aber Weihnachten ist für die Christen immer mehr als nur das "Fest der Liebe" – es ist der Beginn der Heilsgeschichte und wir stellen uns hinein in diese Geschichte und erleben sie nach – wir erinnern uns Jahr für Jahr, in der Hoffnung, dass diese Geschichte Gottes mit meiner eigenen Lebensgeschichte etwas zu tun haben möchte.

Deswegen ist diese himmlische Szene so gestaltet, wie wir sie gehört haben: eine große Schar ist versammelt – mehr als man zählen kann, und zwar aus allen Völkern und Nationen: mehr vielleicht, als wir uns manchmal vorstellen können, wer da alles einst dazugehören wird. Sie haben weiße Kleider an als Zeichen der Unschuld oder besser der gesühnten Schuld: sie sind rein geworden in Christus und sie beten an das Lamm. Christus ist das Lamm Gottes, ein unschuldiges Tier als Symbol für den unschuldigen Menschen, der freiwillig das Sterben auf sich nahm, damit die Menschen gerettet werden könnten. Deswegen heißt es später auch: sie haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes.

Liebe Gemeinde, alle, die sie heute hier sind, am zweiten Weihnachtstag, also den dritten Gottesdienst in Folge: Sie wissen das alles schon längst. Warum also soll ich Ihnen das noch predigen? Denn hier geht es um mehr als dogmatische Richtigkeiten und historisches Wissen. Hier geht es um Ihr eigenes, persönliches Leben. Denn das Warten auf die Erfüllung fällt uns allen schwer. Kann es sein, dass wirklich das Heil in diesem Lamm liegt? Warum dauert es dann so lange? Warum kann der Gottlose, der Frevler weiterhin sein Unwesen treiben und das im Jahre 2005 nach Christi Geburt? Hat uns denn der Herr vergessen? Keiner von uns kennt die Stunde, in der die Erlösung da sein wird. Keiner weiß, wann all diese Bilder Wirklichkeit werden für uns ganz persönlich. Deswegen predige ich sie heute, an diesem Weihnachtsfeiertag, weil ich möchte, dass Sie den Mut nicht verlieren und nicht aufgeben, sich an dieses Wasser des Lebens, an diesen Gott, der die Tränen abwischen wird, zu erinnern, und sich an ihm festzuhalten.

Denn wenn Weihnachten zu Ende geht – für viele tut es das bereits am 24.12. nach der Bescherung – dann dringt der Alltag wieder ein und die Sorgen und die Nöte kriechen wieder heran, erst auf leisen Sohlen, dann immer heftiger und stärker, wie ein brüllender Löwe, der sucht, wen er verschlingen kann. Dann ist es gut, zu wissen, dass alle Macht beim Lamm liegt und nicht beim Löwen, das alle Hoffnung in seinem Sieg, in seinem Blut begründet liegt und nicht in dem, was wir sehen und täglich erleben müssen.

Und der Gottesdienst kann Sie anleiten in dieser Übung, er kann Ihnen helfen, sich festzumachen an dieser Hoffnung. Dadurch, dass wir sie wiederholen, dass wir sie gemeinsam sprechen, dadurch, dass wir die biblischen Bilder betrachten und verinnerlichen.

Als der Text der Offenbarung des Johannes geschrieben wurde, wütete eine schlimme Zeit der Verfolgung der Christen und jeder, der seinen Glauben bekannte, musste mit dem Tode rechnen. Das Buch der Offenbarung ist deswegen als ein Trostbuch angelegt: "Tröstet mein Volk", haben wir am Heiligen Abend gehört. Heute geht es in dieser Richtung weiter. Verzagt nicht, lasst nicht ab, bekennt weiter den Namen des Dreieinigen Gottes, haltet fest an der Zusage, die euch überliefert ist.

Und, liebe Gemeinde, seid so frei: formuliert diese Bilder um in euer eigenes Leben. Hunger und Durst, sengende Hitze und verbrennende Sonne: diese Probleme haben die meisten von uns heute nicht mehr zu bewältigen. Was aber sind denn eure Sorgen? Einsamkeit und Lieblosigkeit vielleicht? Der frühe Tod des Ehepartners oder Zwist in der Familie? Depression oder Gefühl der Leere? Ein jeder von euch, liebe Gemeinde, setze heute für sich ein, was ihn oder sie am meisten bedrängt! Und dann hört diese Wort des Johannes aus Patmos neu, wie sie zu euch ganz persönlich sprechen wollen! Verzage nicht, fürchte dich nicht: dir ganz persönlich ist der Heiland geboren worden. Dein Leben wird heil werden!

Und dann, liebe Gemeinde, füllt ebenso für euch ganz persönlich dieses Bild: eine nie versiegende Quelle des lebendigen Wassers! Entstanden ist das Bild in einer Gegend, in der Wasser Mangelware war, schwer zu beschaffen und kaum zu speichern. Umso kräftiger wirkt das Bild: das lebensnotwendige Wasser wird nicht ausgehen.

Was, liebe Gemeinde, brauchen Sie als Lebensnotwendigstes? Als das, was die Not wendet, im wahrsten Sinne des Worten? Weihnachten gibt Ihnen das Ziel an: es wird daran keinen Mangel haben, für dich ganz persönlich. Und noch mehr: Gott wird abwischen alle Tränen!

Und der Friede Gottes, der zu Weihnachten sein Fundament gelegt hat, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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