Heiligabend auf dem Regierungsbalkon

Liebe Gemeinde,

Es geschah im ersten Jahr ihrer Regierungszeit. Die neue Herrscherin stand auf dem Balkon ihres Palastes und blickte hinab. Unter ihr die Lichter der großen Stadt und in der Ferne das weite Land ausgebreitet vor ihr bis zum Horizont.

Sie war unsicher. Was sollte sie nur tun? Sie hätte nie gedacht, dass es so schnell gehen würde.

Auf allen Kanälen waren sie zu hören. Selbst hier draußen konnte man ihnen nicht entkommen. All die Stimmen – als ob sie aus den Tiefen der Strassen, aus den Geräten in den Häusern und Schaufestern zu ihr aufsteigen würden.

Sie kamen unaufhaltsam näher wie zwei große feindliche Heere. Morgen schon würden sie vor ihrem Palast stehen.

Von der einen Seite die Gewerkschaftsführer mit ihrem großen Heer und von der anderen Seite die Lobbyisten aus der Wirtschaft mit ihren mächtigen Verbündeten.

Wenn ihr doch nur der große Befreiungsschlag gelänge. Aber wie – was sollte sie tun. Sie brauchte dringend mehr Unterstützung.

Da – hinter ihr auf dem Balkon – ein kurzes Räuspern. Ihr wichtigster Berater tritt zu ihr.

Verlassen wir eben mal den Regierungsbalkon und gucken uns die gleiche Szene noch einmal an. Nur etwa 2800 Jahre vorher. Wieder steht ein Herrscher auf dem Balkon seines Palastes und guckt in die Ferne. Auch er befürchtet die Ankunft von zwei feindlichen Heeren. Nur das es sich bei ihm wirklich um Soldaten handelt.

Auch er ist unsicher – und fragt seinen Berater um Hilfe.

Dieser Berater heißt Jesaja und ist von Beruf Prophet. Ein Mann, der ihr immer ungeschminkt die Wahrheit sagte. Hören wir doch mal was er sagt.

„Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, egal was – er wird dir helfen.“

Der Herrscher stutzt: „Ich will kein Zeichen fordern, das darf ich nicht, damit würde ich den Herrn versuchen.“ Da sprach Jesaja: „Jetzt hör mir mal zu. Reicht es denn nicht, dass du die Menschen mürbe machst, musst du den auch noch meinen Gott mürbe machen. Wenn du also partout zu ängstlich bist, um von Gott ein Zeichen zu fordern, dann pass jetzt gut auf. Gott wird dir ein Zeichen geben. „Siehe eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.“

Ende der Geschichte.

Und so stehen sie alle miteinander da. Die Herrscher und Herrscherinnen von damals und heute und mit ihnen wir alle hier und andere in unzähligen Weihnachtsgottesdiensten. Und hören die gleiche Geschichte von diesem Kind, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt und von drei Königen angebetet wird. Gott kommt in die Welt als ein kleines Baby – und das ist das Zeichen, mit dem wir alle unsere Probleme lösen können.

Jetzt werden Sie zu Recht fragen, wie denn ein kleines Kind all das, was bei uns im Argen liegt, wieder ins Lot bringen soll.

Genau das soll es aber gar nicht, es soll uns ja dazu ermutigen und befähigen, es selber zu tun. Es soll uns die Hoffnung und den Mut wiedergeben. Kein Herrscher kann sein Volk zu seinem Glück zwingen. Wenn wir hier alle nicht mitziehen, dann bewegt sich gar nichts.

Und deswegen ist das Kind in der Krippe seit 2000 Jahren und auch davor das Bild dafür, wie Gott unter uns Menschen wirkt. Das kleine Kind in der Krippe, unschuldig, schutz- und hilfsbedürftig. Komplett angewiesen auf die Menschen um es herum.

Jeder hier, der mal ein Baby auf dem Arm hatte oder sogar bei einer Geburt dabei sein durfte, wird das sofort verstehen. Ein Baby bedarf ganz viel – es ist hilfs- und schutzbedürftig. Aber es gibt und schenkt auch ganz viel, nämlich Erfüllung.

Und deswegen ist das Kind in der Krippe das Bild dafür, wie Gott auf der Erde wirkt. Das Kind bewegt uns, dass wir uns einsetzen, selber Verantwortung übernehmen, uns in die Pflicht rufen lassen. Wenn ich mein Kind auf dem Arm habe, weiß ich, dass ich mit aller Kraft für es sorgen muss, alle meine eigenen Belange stehen hinten an. Und gleichzeitig bin ich von ganz tief Innen erfüllt mit Liebe, Zuneigung und Sinn.

Gott – der Starke, der Mächtige, der Schöpfer, der Herr – kommt in die Welt als ein Kind,

angewiesen und schutzbedürftig.

Das ist das Zeichen.

Für uns. Einfach mal alle Stärke fallen zu lassen. Keine Rolle zu spielen, die vorgegeben wird. Loslassen.

Wenn die sog. Starken ihr Angewiesensein offen zeigen dürfen, dann können alle anderen plötzlich ganz neue Stärke gewinnen. Dann können alle anderen plötzlich zeigen, was sie zu geben haben.

Und woher nehmen wir die Kraft und den Mut dazu?

Eigentlich ist es ganz einfach. Überlegen Sie mal, wann jemand zu Ihnen zuletzt gesagt hat „ich liebe dich“. Eine Partnerin oder Partner oder ihr Kind, wer auch immer. Führen Sie sich diesen Moment einmal genau vor Augen. Und sehen Sie dabei in die Augen desjenigen der zu Ihnen sagt: „Ich liebe dich“.

Genau solche Augen sind es, die aus der Krippe auf jeden von uns blicken. Das Kind, Gott, sagt: „Ich liebe dich.“

So ein Satz kann ein ganzes Leben verändern, er macht einen anderen Menschen aus mir. Ich muss ihn nur annehmen. Ihn mir sagen lassen. „Ich liebe dich.“ Wenn ich das tue, dann bin ich auch in der Lage aufzustehen und die Welt um mich herum zu verändern. Einfach weil ich selber verändert bin.

Das ist die Kraft aus der Krippe. Das ist das Zeichen des Kindes für uns Menschen.

Wir haben die Wahl. Wir nehmen diese Liebe an. Verändern uns und bewegen dann auch etwas.

Oder wir lassen es bleiben. Aber dann dürfen wir auch nicht mehr klagen über die Umstände, die Ungerechtigkeiten und all die andern Dinge, über die wir uns so gerne aufregen.

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