Ein Zeichen

Müde stand Josef am Balken gelehnt und blies sich ein wenig warme Luft durch die Hände. Es war kalt geworden an diesem Abend. Aber es war auch ruhig geworden. Herrlich ruhig. Josef sog die kalte Luft in seine Lungen und schaute über die Schulter zu seinen Lieben. Das Neugeborene war endlich eingeschlafen. Das Kind war so überdreht von all dem Trubel, dass Maria Mühe hatte, es zur Ruhe zu bringen. Fast gleichzeitig mit dem Kind war Maria eingeschlafen; vor Erschöpfung. Die vielen Menschen mit ihren Geschenken und guten Wünschen. Das war zuviel, das waren sie ja alle nicht gewohnt.

Josef überlegte. War jetzt also wieder Alltag? War jetzt wieder alles wie vorher? Er wünschte es sich sehr, aber tief im Herzen wusste er bereits, dass es keinen Alltag gegen würde.

Jetzt spürte auch Josef die Müdigkeit in den Gliedern. Wäre nur Gott müde gewesen, als seine Frau empfangen hatte. Wäre Gott nur müde gewesen, hätte er geschlafen und hätte er ihnen alles das erspart. Ich bin ein guter Handwerker, ich will auch ein guter Ehemann und Vater sein. Aber dieser Trubel, dieses außergewöhnliche Leben, das jetzt vor mir steht, das wollte ich nie.

Josef gähnte als er über die Müdigkeit Gottes nachdachte. Da fiel im plötzlich eine Geschichte aus dem Jesajabuch ein, die er bereits als kleiner Junge im Thoraunterricht gehört hatte. Wie war das noch gleich? Da spricht Gott, der Herr mit Ahas, dem König von Juda.

Josef überlegte, nach und nach fiel ihm die Geschichte wieder ein:

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Josef dachte nach. War er auch so ein ermüdender Nörgler. Einer der ständig Gott und die Menschen anklagt, mit seinem Schicksal hadert, Beweise wünscht, dass das alles richtig und gottgewünscht ist, was hier passiert?

Josef musste gähnen und sein tiefes Gähnen ging in ein Schmunzeln über. Entschuldigung Gott, du machst mich auch ziemlich müde mit dem Leben, dass du mir hier gründlich veränderst. Das murmelte er leise vor sich hin.

Gott, du hast ganz schön Humor, mit mir, mit uns, mit diesem lächerlichen Stall willst du in die Weltgeschichte eingreifen. Und doch ist hier das von dir versprochene Zeichen.

Josef beschloss, seiner eigenen Müdigkeit nachzugeben. Nun da er wusste, dass Gott niemals schlafen würde, war ihm wohler zumute. Der nächste Tag würde kommen und er würde das zukünftig ereignisreiche Leben genauso meistern, wie das ereignislose zuvor. Dieses Zeichen war ihm genug und es würde ihm genug sein, bis ans Ende seiner Tage.

Liebe Weihnachtsgemeinde, manchmal wünschen wir uns große aufregende Maßnahmen Gottes und sind dabei blind geworden für seine kleinen Zeichen, die unseren Alltag begleiten. Wir jammern über den Alltag und sehen nicht, wie reich wir ständig beschenkt sind. Oft genug viel reicher als durch ein abwechslungsreiches turbulentes Leben. Niemand hat der Krippenszene etwas zugetraut. Noch heute würde niemand einen Religionsgründer in Armut erwarten, obwohl wir die Geschichte kennen. Im Kleines will Gott mächtig und wirksam sein. So klein, dass es manchmal uns Theologen peinlich ist. Denn es wirkt oft allzu kitschig. Es klingt so wenig nach großem Entwurf.

Andererseits muss ich mich selbst immer wieder fragen: Was sind die wichtigen Momente in meinem Leben, wann empfinde ich Glück, wann trägt mich der Glaube, wann weiß ich mich getragen und von Engeln behütet. Es ist selten dann wenn ich großes leisten will. Es ist fast immer dann, wenn alltägliches gelingt, wenn kleine Dinge aufkeimen, wenn ein guter Moment aufblitzt.

Wie Josef möchte ich mich darum heute Abend an den Balken lehnen, in den Stall blicken und wissen, dass das Zeichen da war und immer da bleibt: Gott ist niemals müde. Er ist in seinem Sohn gekommen und ist stets wach und aufmerksam mein Leben mit allen Höhen und Tiefen zu begleiten und zu segnen.

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