Die andere Wirklichkeit

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Mich begleitet in diesem Jahr ein Wort des lateinamerikanischen Befreiungstheologen Leonardo Boff. Ich hab es an den Anfang unseres Familienrundbriefes gesetzt, weil es mir hilft, von Weihnachten und seiner Wahrheit zu reden. Leonardo Boff hat geschrieben: „Die Enge unserer Welt , in die Gott eintrat, hat einen gesegneten Ausgang und ein glückliches Ende. Es lohnt sich Mensch zu sein. Gott wollte einer sein“.

Das ist so ein Satz zum Ausschneiden oder Aufschreiben, damit der Blick drauf fällt und man ihn nicht vergisst. Er ist ganz nah an dem, was Johannes in seinem Brief mit dem heutigen Predigttext versucht seinen Lesern, also seiner Gemeinde klar zu machen.

Die Enge dieser Welt, ihre Engstirnigkeit, ihre Blindheit zeigt sich für Johannes darin, dass sie nicht begreifen kann, dass Gott wirklich Mensch geworden sein soll. Für viele war das ein Verrat am Göttlichen, das viel zu rein ist, als dass es sich mit Menschlichem einlassen könnte. Christus ein Mensch – unmöglich. Der Mensch ein Mensch – nicht erstrebenswert. So an manchen Orten der Zeitgeist.

Sicher ist das nicht mehr unser Problem. Mit solchen theologischen Spitzfindigkeiten, die wir kaum verstehen, geben wir uns nicht ab. Die Enge und Engstirnigkeit heute aber geht viel weiter und ist noch viel grundlegender.

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Familie, der Geschenke, des Friedens – oder schlichtweg das Fest. Ich wünsch dir was, ruft der eine über die Straße seinem Kumpel zu. Weihnachtsgrüsse 2005 . Nur manchen kommt in den Sinn: da war doch was.

Sie singen vom Rentier Rudolf oder von den klingenden Schellen am Schlitten. „Da ist der Weihnachtsmann gestorben“ las ich als Antwort eines Kindes auf die Frage nach der Bedeutung des Weihnachtsfestes.

Aber ich will jetzt nicht ins Lamentieren verfallen. Es ist leicht über die fehlende Bildung oder den Traditionsabbruch zu klagen. Ich kann und will niemandem die Schuld dafür geben. Denn es scheint in der Natur der Sache zu liegen, dass Weihnachten zwar schnell mit aller Krippen- und Kerzenscheinromantik die Herzen erreicht, aber die Menschen sich schwer tun, zu begreifen, dass damit für den Rest der Zeit etwas ungeheures geschehen ist. Weihnachten wird von der Welt jenseits des 24.,25.+26.Dezember nicht wahrgenommen, damals nicht und heute nicht. „Gott ist Mensch geworden“ lautet die klare Botschaft, die an die Hirten ergeht und die die Weisen aus dem Morgenland vorfinden. Aber sie ist immer schon fraglich gewesen.

Sicher: zu vieles spricht ja auch eine andere Sprache. In der Enge dieser Welt zerstören immer noch Krieg und Menschenverachtung die Zukunftshoffnungen so vieler. Die Globalisierung bringt zwar ungeahnte Möglichkeiten, verhindert aber bis heute nicht, sondern verursacht unbeschreibliche Armut und damit unzählige Menschenschicksale.

Familien zerbrechen, Krankheiten durchkreuzen alle möglichen Pläne. Jeder kann von seinen kleinen oder großen Katastrophen erzählen. Viele leiden gerade an Weihnachten an diesem tiefen Widerspruch zwischen dem Gesang der Engel „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen“ und den täglichen Nachrichten über Selbstmordattentatein Jerusalem oder Bagdad und der eigenen Lebensgeschichte.

„Die Welt kennt ihn nicht, die Welt sieht ihn nicht, die Welt steht in keinem Verhältnis zu Gott, sie ist in Sünde.“ Das mag in unseren Ohren fremd und unverständlich klingen, meint aber genau diese Erfahrung.

Die Tatsache, dass Weihnachten ist, reicht allein nicht aus. Das feste, überlieferte Datum im Kalender reicht nicht aus, um diese Welt zu verändern. Es braucht dazu mehr. „Seht“, „seht hin“ lautet der eindringliche Appell. „Seht hin und singt laut eure Lieder“ könnte es auch heißen, damit wieder deutlich wird, was da ungeheuerliches geschehen ist. Gott ist Mensch geworden. Alle sollen es sehen und hören!

Seht, welche große Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen – und wir sind es auch. Es lohnt sich Mensch zu sein. Gott wollte einer sein. Das ist die andere, neue Seite der Wirklichkeit. Man muss nur hinsehen.

Gott ist Mensch geworden. Da geht es nicht um die Entzauberung Gottes, dass er zu einem Produkt menschlicher Phantasie und Vorstellung wird, sondern um die Überbrückung dieses garstigen Grabens, als wäre er für uns nicht erreichbar, als wären wir Menschen und schon gar jeder einzelne mit seinem Schicksal und seiner Geschichte nur eine Fußnote im Werden und Vergehen aller Dinge. Nein, Gott ist Mensch geworden, weil ich und jeder andere hier ihm wichtig sind und weil er uns in unserem Alltag nahe sein will.

Wir heißen Gottes Kinder und wir sind es auch. Also will auch er nicht nur eine Fußnote unseres Lebens, sondern ein fürsorgliches Gegenüber sein.

Deshalb kann es gar nicht anders heißen als „Seht“, „schaut doch hin“ Nichts kann uns aus der Hand Gottes reißen. Nichts kann die Tatsache außer Kraft setzen, dass Gott uns liebt, weder Tod noch Teufel (um mit einer alten Redensart zu sprechen).

Es lohnt sich hinzuschauen, es lohnt sich ihm zu vertrauen. Kind Gottes zu sein, Gott Vater zu nennen beschreibt eine Beziehung. Beziehung braucht Vertrauen und Beachtung, eine Beziehung will gepflegt sein. Deshalb erinnern wir mit diesem und mit jedem anderen Weihnachtsfest an die untrüglichen Zeichen der Liebe und der Fürsorge Gottes. Weihnachten ist Beziehungspflege.

Mit dem Kind in der Krippe hat es begonnen und mit dem Leben des Jesus von Nazareth ist es deutlich sichtbar geworden und mit Kreuz und Auferstehung ist es besiegelt worden. Seht welche große Liebe uns der Vater der erwiesen hat. Es lohnt sich Mensch zu sein, er wollte einer sein.

Die Gestalt unserer Welt wird sich ändern, wenn Menschen hinsehen und Gottes menschliches Angesicht erkennen. Es stimmt eben nicht mehr das der Mensch dem Menschen ein Raubtier ist, sondern auf den Spuren Jesu, in der Nachfolge, als Mensch des Glaubens ist er ein Nächster, ein Bruder, eine Schwester.

Es macht den Menschen groß, dass Gott Mensch geworden ist. Jeden Menschen macht es groß. Den Armen und den Reichen, den Klugen und den Einfältigen, den vor Kraft strotzenden und den mit seinen Handicaps kämpfenden. Was da für eine gesellschaftliche Sprengkraft drin steckt, wenn wir diese Botschaft ernst nehmen und die Wahrheit dieser Botschaft leben!

Also schauen wir immer wieder hin, mit ungeteilter Aufmerksamkeit, ohne nachzulassen: Seht, welche große Liebe uns der Vater erwiesen hat, dass wir Gottes Kinder heißen und sind es auch.

Es lohnt sich Mensch zu sein, Gott wollte einer sein!

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