Gott braucht uns alle

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus, liebe Gemeinde,

heute am 1. Weihnachtstag ist das große Gefühl der heiligen Nacht verflogen, vielleicht ist noch eine schöne Erinnerung an den gestrigen Tag geblieben. Wollen wir einmal sehen was im Licht des hellen Tages von der Weihnachtsromantik noch übrig bleibt. Wollen wir einmal sehen, ob da noch etwas ist, was uns durch die nächsten Tage und vielleicht sogar durch das nächste Jahr, möglicherweise sogar durch unser ganzes Leben hindurch tragen kann.

Ich glaube der heutige Predigttext hat da etwas zu bieten. Ich lese 1. Johannes 3,1-2:

[TEXT]

Wir sind Gottes Kinder. Das ist die Fortsetzung der Weihnachtsgeschichte. Gott ist als Kind in die Welt gekommen, Gott ist hier geboren worden, um uns ganz nahe zu sein. Und das ist die Folge, das ist das Ergebnis von Gottes Handeln: Wir sind Gottes Kinder geworden.

Das Familienbild für das Verhältnis von uns Menschen zu Gott ist riskant. Unsere Beziehung zu Gott als ein Verwandtschaftsverhältnis zu beschreiben, lässt mir den Atem stocken. Dieser Johannes ist ein mutiger Mann. Wusste er, was er alles an Erinnerungen in uns aufruft, wenn er davon redet, dass wir Gottes Kinder sind, dass Gott also wie ein Vater oder eine Mutter zu uns ist. Hat er an all die Menschen gedacht, die von ihren Eltern übel misshandelt worden sind. Was die empfinden, wenn sie Gott im Bild der Mutter oder des Vaters sich vorstellen. Hat er eine Vorstellung von den widerstreitenden Gefühlen, die er damit auch bei Menschen, die ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben, abruft? Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß dass in diesem Bild: Wir sind Gottes Kinder, Gott uns sehr nahe kommt. Und ich weiß, dass darin eine große Sehnsucht stecken kann gerade für Menschen, die nicht so gute Erfahrungen mit ihren Eltern gemacht haben. Gott als guten Vater oder als gute Mutter zu erleben kann ein sehr starkes Gefühl von Geliebt sein hervorrufen, gerade weil dies in der Kindheit vermisst wurde.

Also versuchen wir uns einmal einzulassen, auf das, was Johannes meinen könnte, wenn er uns zuspricht: Auch wenn wir noch nicht wissen wie es einmal sein wird und wer wir sein werden: Wir sind schon Gottes Kinder!

Dieses Bild ist ein bewegliches Bild. Es rechnet mit Veränderungen, es enthält eine Entwicklung. „Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden,“ schreibt Johannes. Genauso ist es bei der Geburt eines Kindes. Ein neues Menschenwesen kommt auf die Welt. Und es ist noch nicht klar, was aus ihm werden wird. Es ist ein Junge oder ein Mädchen, es ist größer oder kleiner schwerer oder leichter, es hat braune oder blaue oder grüne Augen, aber es kann noch alles mögliche werden. Jetzt direkt nach der Geburt ist es auf andere Menschen – normalerweise seine Eltern – angewiesen. Es braucht Liebe und Zuwendung, es braucht etwas zu trinken und neue Windeln. Es ist vollständig abhängig. Aber es ist schon im Stande mit den Menschen um es herum in Beziehung zu treten, es schreit, es sieht die anderen an, und es löst den Wunsch es zu beschützen und zu lieben aus. Wenn wir das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen mit dem eines Babys zu seinen Eltern vergleichen, dann müssten wir sagen: Wir sind Kinder Gottes bedeutet, dass wir abhängig sind von Gott. Ohne Gott sind wir nicht lebensfähig. Wir sind auf Gott angewiesen für unsere Ernährung und Kleidung und Wärme und Schutz, wir sind auf die Beziehung zu Gott angewiesen für unser emotionales Überleben. Ohne Beziehung zu Gott sind wir so gut wie tot. Das ist eine ziemlich radikale Aussage. Aber sie stimmt – und zwar für alle Menschen, ob sie nun an Gott glauben oder nicht. Wir sind angewiesen auf die Luft zum atmen und auf den Erdboden, der trägt. Ohne das können wir nur wenige Minuten überleben. Wir sind darauf angewiesen, dass die Pflanzen hier auf der Erde wachsen. Wir brauchen auch die Tiere. Nur so haben wir etwas zu essen. Wir bleiben immer abhängig von dieser Erde, die Gott geschaffen hat, damit wir wie alle anderen Lebewesen darauf leben können. Schon für das pure körperliche Überleben sind wir von Gottes schöpferischem Handeln abhängig. Und als Wesen, die auf Beziehung angelegt sind, brauchen wir andere. Wir sind nicht frei und unabhängig. Wir überleben gefühlsmäßig geistig und körperlich nur mit anderen zusammen. Und wenn, wie eine amerikanische Theologin einmal gesagt hat, Gott die Macht in Beziehung ist, dann können wir gar nicht ohne Gott überleben. Sie meint damit das Gleiche wie Johannes, wenn er sagt Gott ist die Liebe. Kein Mensch kann ohne Liebe leben. Und wenn Gott das ist, was zwischen uns geschieht, wenn wir lieben, dann können wir eben auch nicht ohne Gott leben. Wir können uns zwar von Gott abwenden, aber in dem Moment wo Gott sich auch von uns abwendet sind wir tot. Zum Glück tut Gott das nicht. Und deshalb leben wir noch. Das zu wissen ist gut. Es tut uns gut, diese Wirklichkeit wahrzunehmen. Es tut uns gut zu wissen, wie sehr wir auf Gott angewiesen sind. Mir hat einmal jemand gesagt: „Ich übe jeden Tag immer mehr von Jesus Christus abhängig zu werden!“ Mich hat das sehr beeindruckt. Ich finde das eine gute Übung. Es ist eine Übung im sich selbst annehmen als ein Wesen, das geboren ist hier ein Stück Weg auf dieser Erde gehen wird und das dann sterben wird. Das zu wissen bereichert das Leben. Es ermöglicht aufzustehen mit dem Gedanken: Ich freue mich auf den Tag mit Dir Gott.

Aber das Bild: „Wir sind Kinder Gottes“ ist damit noch nicht ausgeschöpft. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ändert sich ja im Laufe des Lebens. Wenn die Eltern ihre Sache gut gemacht haben, und die äußeren Umstände glücklich sind, dann werden die Kinder groß und nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Sie werden unabhängig von den Eltern und vielleicht werden sie selbst welche, die ihrerseits Kinder haben und versorgen. Dabei bleiben sie aber weiter die Töchter und Söhne ihrer Eltern. Wie ist es wenn wir das auf unser Verhältnis zu Gott übertragen? Gott als gute Mutter oder als guter Vater entlässt uns in die Freiheit. Wir entscheiden selbst über unser Leben. Wir entscheiden selbst über unser Handeln. Wir erwerben uns ein Stück Unabhängigkeit und das ist gut so. Gott respektiert unsere Freiheit und unsere Unabhängigkeit und zwar in einem unvorstellbaren Maß und selbst wenn sie uns ins Verderben führt. Gott freut sich daran, dass wir etwas ausprobieren, dass wir unsere Gaben und Fähigkeiten entfalten und etwas damit anfangen. Gott freut sich über unsere Ideen und unsere Lebenslust. Gott ist gespannt auf das was ihm oder ihr von unserer Seite entgegen kommt. So wie sich Eltern freuen, wenn die erwachsenen Kinder gut im Leben zurecht kommen und sich etwas eigenes aufbauen.

Orientierung für ein gutes Leben, haben wir von Gott bekommen. Und jetzt sind wir dran, unsere Phantasie und unsere Kraft einzusetzen, um das weiterzuführen, was Gott mit uns angefangen hat.

Wir sind Kinder Gottes. Es gibt noch eine dritte Phase im Verhältnis von Kindern und Eltern. Das ist dann, wenn die Eltern alt werden. Vielleicht werden sie dann pflegebedürftig. Dann sind die Kinder gefragt, etwas zu organisieren, damit die alten Eltern versorgt werden. Dann hat sich die Abhängigkeit der frühen Kindheit umgedreht. Jetzt sind die Eltern schwach und von den Kindern abhängig geworden. Was heißt das, wenn wir auch diesen Lebensabschnitt auf der Verhältnis von Gott und Menschen übertragen? Üblicherweise wird das nicht getan. Können wir sinnvoll davon reden, dass Gott von uns abhängig ist? Ich glaube schon. Denn das ist ja ein Teil der Weihnachtsbotschaft, dass Gott Mensch geworden ist, dass Gott sich freiwillig von uns abhängig gemacht hat. Jesus ist geboren. Und damit ist Gott so in die Welt gekommen, dass er von den Menschen hier abhängig wurde. Er hat Maria gebraucht, um aufzuwachsen. Er hat seine Freundinnen und Freunde gebraucht, um seine Botschaft weiter zu geben. Und am Ende, nein nicht ganz am Ende, ist er den brutalen Machtverhältnissen hier auf der Erde zu Opfer gefallen. Nicht ganz am Ende. Denn ganz am Ende erwies sich das Ende als Anfang. Gott hat angefangen uns Menschen zu brauchen, um hier eine Welt zu schaffen, in der alle gut leben können.

Dazu braucht Gott uns alle. Dazu braucht Gott unserer aller freiwillige Zuwendung zu ihm oder ihr und zueinander.

Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Aber jetzt schon gilt. Wir sind Kinder Gottes. Wir sind vollständig abhängig von Gott. Wir sind frei, um eigene Entscheidungen zu treffen. Gott braucht uns, um eine Welt zu schaffen, in der alle gut leben können. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Alle drei Sätze sind Auslegungen des einen Bildes: Wir sind Kinder Gottes. Und sie gelten alle gleichzeitig und ergänzen einander. Wir sind Kinder Gottes! Freuen wir uns daran, und richten wir uns danach.

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