Eine andere Welt ist möglich

Liebe Weihnachtsgemeinde am 2. Feiertag,

Gott sei Dank, höre ich manche sagen. Gott sei Dank ist Weihnachten allmählich vorbei. Die Klippen sind umschifft. Die Familienfeiern sind gut gegangen. Niemand ist zu sehr aus der Rolle gefallen. Die Geschenke sind gut angekommen. Das Essen war gut.

Gott sei Dank. Sehr gründlich und ernsthaft gemeint ist das der Tenor unseres Predigttextes. Dieses Gott sei Dank ist sehr umfassend, sehr grundlegend, sehr leidenschaftlich. Und dieses Gott sei Dank steht am Ende dieser alten Welt. Und wir bedenken es heute, weil mit Weihnachten ein neuer Anfang für alle möglich wird. Eine andere Welt ist möglich (Attac-Slogan). Eine neue Welt hat schon begonnen.

[TEXT]

Vor unseren Augen entsteht die Schlussszene eines großen Welttheaters. Ein großer Engelchor und ein menschlicher Chor in weißen Kleidern und mit Palmen in den Händen singen im himmlischen Thronsaal Loblieder. Alles wird gut. Am Ende wird die göttliche Güte siegen über alle Ungerechtigkeit, Demütigung, Erniedrigung, Folter, Terror und Angst, Hunger und Verzweiflung, Krankheit und Tod.

Die alte Aufzählung wird ersetzt durch eine neue Aufzählung des Gotteslobs. Das alte ist vergangen, alles ist neu geworden. Das alte Lied verstimmt und ein neues Lied durchdringt die Welten. Vom Himmel her wird die Erde neu gestaltet. Und auch das Totenreich und die Tiefe werden einbezogen in diesen neuen Anfang für alle.

Diese Vision des Glaubens entsteht mitten in der Verfolgung. Sie will Mut machen. Es gibt Schichten der Wirklichkeit, die nicht direkt vor Augen sind. Und doch sind sie viel wirksamer als manche angeblich so harte Wirklichkeit.

Weihnachten – ein neuer Anfang für alle. Unser Predigttext redet von allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Die Weihnachtsgeschichte redet von den Weisen aus dem fernen Land. Von den Hirten, die ausgegrenzt sind und doch dazu gehören. Von der unverheirateten Schwangeren, die nicht verstoßen wird. Von der Flucht nach Ägypten und dem Kindermord, mit denen der Auszug aus der alten Welt beginnt. Eine neue Welt wird geboren – aber dabei gibt es die Wehen. Es ist ein langsamer und schmerzhafter Weg. Das alte wehrt sich und schlägt zurück. Und dass die verschiedenen Menschen mit den verschiedenen Sprachen und Ansichten wirklich zu einer neuen Gemeinschaft werden, das gibt erhebliche Probleme, wie man überall im neuen Testament sehen kann.

Liebe Weihnachtsgemeinde, wir haben eben in den Engelschor mit eingestimmt. Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.

Wir versuchen damit, an dieser himmlischen Wirklichkeit teilzuhaben. Dieser Lichtglanz von Weihnachten soll in unseren Alltag kommen. Und mit unseren Gottesdienst versuchen wir teilzuhaben an diesem himmlischen Lobgesang. Damit der neue Anfang einer neuen Welt auch bei uns wirksam wird.

Ein neuer Anfang für alle. Alle sollen so verändert werden, dass sie in den Lobgesang einstimmen können. Niemand soll ohne dieses Glück leben müssen. Alle sollen es von ganzem Herzen singen können: Ehre sei Gott in der Höhe. Oder auch noch leidenschaftlicher: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Jetzt ist Weihnachten bald vorbei. Die ungewöhnliche Zeit zwischen den Jahren beginnt. Dann das Feiern an Silvester und die guten Vorsätze, die Hoffnungen und Befürchtungen für 2006. Und dann kommt der Alltag wieder. Wie kann in unserem Alltag etwas von diesem neuen Anfang für alle wahr werden? Wie können wir einstimmen in den himmlischen Lobgesang, damit unser Leben mehr wie ein Lobpreis Gottes wird, weniger wie ein altes Klagelied?

Ich glaube, das erste ist, es zu probieren mit dem Loben. Sängerinnen und Sänger haben es da leicht. Es gibt so viel schöne Lieder, mit denen ich ganz nebenbei Gott loben kann und dabei verändert sich meine Stimmung, meine Atmung und mein ganzes Befinden. Wer nicht singen mag, kann es in seinem Herzen sagen. Z.B. kann man in den Wartezeiten in der Kaufhausschlange, an der Ampel, beim Hochfahren des Computers versuchen, sich nicht zu ärgern, sondern im Inneren ein einfaches Gott sei Dank sagen und das mit Überzeugung. Und schon muss ich mich nicht darüber ärgern, dass ich mich an der falschen Kasse angestellt habe und es deshalb 2 Minuten länger dauert. Ich nutze die Zeit zum Beten und Gott loben und mir geht es besser und ich bin entspannter und gelassener.

Schon allein dadurch verändert sich mein Blick. Wir kennen das berühmte halb volle oder halb leere Glas. Und dazu kommt ja noch der Vergleich: hat der andere etwas mehr im Glas? Könnte der mir heimlich etwas wegtrinken? Und hab ich vielleicht das schlechtere oder billigere Getränk im Glas?

Wenn nachher hier Wein ausgegossen wird, dann spielen diese Fragen keine Rolle. Dann können wir entspannt von der schönen Musik und dem Miteinander im festlichen Gottesdienst her einfach genießen und dankbar sein. Ich finde das ein schönes Bild, so beieinander zu stehen und eben nicht die Alltagshektik zu haben.

Wir brauchen solche Bilder des Glücks und der Entspannung. Und wir brauchen Zeiten und Räume, in denen die Bilder wirken können. Das kann ein Urlaub sein, ein Gottesdienst, ein Spaziergang, ein gelingendes Gespräch und Musik, die ich höre oder selbst mache. Und ein Ort der Ruhe, an dem ich beten kann und dabei zu mir selbst finden kann. Zu mir selbst und dabei zu Gott, der mich kennt und in dem ich geborgen bin.

Das Bild von der Musik im Himmel wird ja oft in Witzen zitiert. Die himmlische Musik gilt dabei als etwas langweilig. Und der lobende Sprechgesang der Engel in unserem Predigttext ist ja auch etwas langatmig. Ein Amen vorne und ein Amen hinten und dazwischen sieben Worte: Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserem Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und das wurde gedichtet noch ohne Vorschläge des Computers.

Da ist jemandem das Herz voll. Und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Hier hat jemand die Erfahrung gemacht, dass Gott es wert ist, gelobt zu werden. Denn bei Gott gibt es das Heil. Bei Gott gibt es das, was uns im tiefsten Inneren berührt und glücklich macht. Bei Gott findet unsere Sehnsucht ihr Ziel. Mein Wunsch zu vertrauen findet einen Grund. Meine Hoffnung findet ihre Kraft und ihre Richtung. Und meine Liebe findet ihren Urgrund. Und alles, was ich bin, wird zusammengehalten, verändert und geliebt von dem, der die Liebe ist.

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, wir haben alle die Erfahrung gemacht, dass es berechtigt ist, Gott zu loben. Und wir würden gerne andere an unserem Glück teilhaben lassen. An unserem Glück, glauben zu können.

Ich glaube, wir können es uns leisten, öfters Gott sei Dank zu sagen. Und dann werden wir der Sache unseres Glaubens immer sicherer. Und können mit Überzeugung so handeln, dass auch andere Grund zu haben, Gott sei Dank zu sagen.

Wir in Deutschland können solche Menschen brauchen, die das neue Loblied singen, statt das alte Lied der Klage immer neu zu leiern.

Wir sind heute in der schönen Kapelle mit der wunderschönen Musik natürlich besonders motiviert. Vielleicht nehmen wir dieses Bild von der Musik und dem gemeinsamen Wein danach mit. Es lohnt sich, auch im Alltag Gott sei Dank zu sagen.

Schon das tiefe Ausatmen, das damit verbunden ist, ist heilsam.

Weihnachten: ein neuer Anfang für alle ist gesetzt. Und das gute Ende ist schon ausgemalt als Hoffnungsbild. Wir nehmen jetzt schon Teil an der zukünftigen Welt, wenn wir Gott loben. Wir fangen schon an, das neue und andere zu tun. Das, was zum Heil führt und das alte, vergehende überwindet. Eine andere Welt ist möglich. Gott sei Dank.

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