Wir haben noch etwas zu erwarten

Und es wird ein Reis hervorgehen heißt es in der Prophetie des Jesaja, die wir vorhin gehört haben. Die Christenheit hat diese Prophetie aufgenommen und geradezu trotzig gesungen: Es ist ein Ros entsprungen, wie wir eben auch. Das was den Vätern und Müttern verheißen ist, so bekennen wir ist an Weihnachten geschehen: Gott selber hat sein Versprechen eingehalten. Er selber hat die Menschen besucht. Ihm waren die Menschen diese Zuwendung wert.

Wer ehrlich mit den Hoffnungen und Visionen der Prophetinnen und Propheten umgeht, muss bekennen. Nicht alles, was zugesagt war ist in Erfüllung gegangen. Es herrscht kein Frieden: Zwischen den Menschen nicht und mit der Natur auch nicht, wenn wir nur daran denken, wie vor genau einem Jahr die Nachrichten aus Südostasien uns erschüttert haben. Eine gigantische Flutwelle überschwemmte en Lebensraum von vielen Menschen, zerstörte Lebensräume und Menschenleben. Es ist keineswegs so, dass mit Weihnachten alle Wünsche erfüllt werden. Die Zeit der Wünsche und Träum bleibt. – bis heute!

Unser heutiger Predigttext ist so eine Vision von dem, was noch geschehen kann, von dem, was wir noch erarten dürfen nach Weihnachten vom Advent Gottes, der kommen wir, sein Volk zu besuchen. Der Seher Johannes, der auf die Insel Patmos verbannt war hat dort eine große Vision. Aus der stammt unser Abschnitt:

[TEXT]

Der Seher blickt zurück auf eine große Katastrophe. Er sieht einen großen Kampf zwischen den Mächten, die zerstören sollen und der Macht des Lammes, der Macht des menschgewordenen und als Mensch gekreuzigten Gottes. Aber er sieht aus der großen Katastrophe eines solchen Kampfes eine neue Zukunft wachsen. Jesus Christus ist der Überwinder, das wehrlose Lamm ist der Sieger, das hilflose Kind in der Krippe der Sohn Gottes.

Das Lamm ist ein phantastisches Bild: Das arme wehrlose Tier, das zur Schlachtbank geführt wird, erinnert an das Kind in der Krippe, dem der mächtige Herodes nach dem Leben trachtet, erinnert aber auch an Gewaltlose aller Zeiten. Menschen wie Martin-Luther King, Gandhi, Korczak oder Mutter Teresa gab es zu allen Zeiten. Menschen, die auf Stärke verzichteten, die nicht zu den Waffen griffen, um Unrecht zu beseitigen. Und immer wieder haben die Mächtigen versucht sie zu beseitigen, verbannt oder getötet.

In Jesus hat Gott schon in der Krippe deren Weg vorgebildet und ihn bis zum Kreuz beibehalten: Ein Zweiglein ist aus dem toten Stamm gewachsen, ein Ros ist entsprungen. Die Hoffnung hat nun einen Grund. Aber der Friede Gottes ist noch im Werden. Voller Schmerz denken wir heute an den schrecklichen 2. Weihnachtstag 2004 zurück. Eine gigantische Flutwelle, hervorgerufen durch ein Seebeben überschwemmte Thailand, Sri Lanka, Indien und tötete Tausende von Menschen, mehr als beim Terrorangriff auf das world trade center.

Die unbeschwerte Weihnachtsstimmung war mit einem Mal dahin. Gebannt starrten Menschen auf Bilder, die nur schwer zu verstehen waren. Dieses Leid, dieser Tod – das passte nicht zur Stimmung, das passte nicht zur Verheißung vom Frieden auf Erden.

Dazu heute diese Vision von Heil – ein Heil, das in dem Kind in der Krippe begonnen hat. Visionen – Träume und Hoffnungen – ein gigantischer Wunschzettel, der zu Weihnachten passt: Der Wunsch, dass Jesus Christus selber auf dem Thron sitzt und ihm alle die Ehre erweisen und so leben, dass jeder merkt: Bei dem / bei der ist Weihnachten geworden.

Das ist für mich das Wesentliche an Weihnachten, dass man spürt: Da ist etwas geschehen – und das nicht nur vor 2000 Jahren. Da geschieht etwas, das uns heut noch verändern will. Dass uns dauernd neu die Erfahrung vermitteln will: Gott ist nicht der Starke Blitzeschleuderer und nicht der, der Vernichtung will. Es gab vor Jahren jene unheilige Tendenz, die versuchte Aids als gerechte Strafe Gottes für falsches Verhalten darzustellen – und es gab vor einem Jahr auch kurz den unheiligen Versuch, den Tsunami als Gottes gerechte Strafe hinzustellen.

Gott will weder Leid noch Tod noch Vernichtung. Er ist Kind geworden, dass wir das Leben haben. Er ruft uns an seine Krippe, damit wir wissen: Wir haben noch etwas zu erwarten – und daraus die Kraft gewinnen, unser Leben neu auszurichten als Menschen, die er beschenkt hat.

Darum läst er uns heute auch an seinen Tisch, dass wir mit ihm essen und Trinken und als seine Tischgenossen nie vergessen den Armen zu begegnen und Frieden zu schaffen. In dem Kind in der Krippe sollen die Menschen versöhnt werden, wenn sie das Kind anblicken, können sie lernen mit den Elenden zu leiden – mitleiden das heißt auf griechisch: sympathein. Sympathie zu empfinden für die, die sie brauchen. Der Tsunami hat auch eine beispiellose Hilfelawine ausgelöst. Dafür dürfen wir dankbar sein.

Das Singen soll in diesem Gottesdienst nicht zu kurz kommen, weil es Ausdruck dessen ist, was der Seher von der Gemeinde erwartet: Dass sie singend sich zum Herrn bekennt, ihm lobt und dankt für sein Zuwendung und damit die Welt ansteckt. Singend gegen all das Elend dieser Welt vom Kindermord bis zum Tsunami.

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