Ein großes Ja steht über unserem Leben

Liebe Gemeinde,

Wie würde es Ihnen gehen, wenn lange angekündigter Besuch einfach nicht kommt, sich zum zweiten Mal ankündigt und dann wieder nicht kommt? Würden da irgendwann leise Zweifel sich regen? Will der oder die uns eigentlich wirklich besuchen? War die Ankündigung eigentlich ernst gemeint? Oder hat da einer nur "ja"gesagt, aber heimlich "nein" gedacht?

So eine Szene bildet den Hintergrund für unseren heutigen Predigttext. Was war da passiert? Der Apostel Paulus hatte der Gemeinde in Korinth schon seit längerer Zeit einen Besuch versprochen. Die Gemeinde lag ihm sehr am Herzen. Aus verschiedenen Gründen hatte er seine Reise mehrmals aufgeschoben. Nun nagten die Zweifel in Korinth: Meint es Paulus eigentlich ernst mit seinem Versprechen? Oder sagte er nur "ja", meint aber "nein". Wieviel bedeuten wir ihm eigentlich wirklich? Können wir ihm vertrauen?

Dahinter steckte ein noch tieferes Misstrauen: Vielleicht meint er ja auch in seiner Botschaft gar nicht, was er sagt. War er etwa doch kein ernst zu nehmender Apostel, wie manche schon bezweifelten?

Paulus antwortet auf diesen starken Vorwurf mit den vorhin gehörten Versen. Er weist den Vorwurf grundsätzlich zurück und ruft sich Gott dafür zum Zeugen an. "Gott ist mein Zeuge, dass unsere Verkündigung an euch nicht ja und nein zugleich ist". Da schließt er seine Mitarbeiter Silvanus und Timotheus mit ein. Nicht ja und nein zugleich. Nicht einmal so und dann wieder das Gegenteil davon. Sie ist eindeutig. Sie hat immer wieder denselben Inhalt: Jesus Christus als Verkörperung der Liebe und Gnade Gottes. "Es war Ja in ihm!", schreibt Paulus. Und weiter: "Auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja." Dann zieht er eine Linie über Christus, die Taufe und den Heiligen Geist, spannt den Bogen durch die Geschichte des Heils und landet am Ende wieder bei seiner verschobenen Reise, deren Aufschub er konkret begründet.

Warum dieser Text heute am 4. Advent, könnten wir uns fragen. Was verbindet die verschobene Reise des Paulus mit unseren Hoffnungen und Ängsten in den letzten Tagen vor Weihnachten? Die Antwort steckt wohl vor allem in den beiden eben zitierten Versen: (19+20) "Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus … war nicht ja und nein, sondern es war Ja in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja …"

Zwei gewaltige theologische Aussagen. Eine Fülle von Erfahrungen und erlebten Geschichten steckt in diesen dogmatisch dichten Sätzen. Unsere Aufgabe ist es, uns ihren Inhalt zu erschließen.

Da ist die Rede von den alten Verheißungen Gottes. Sie ziehen sich von Anfang an durch das Alte Testament, die Hebräische Bibel, die ja Jesus wie auch Paulus kannten. Bereits in der allerersten Erzählung steckt Verheißung: Gott schafft die Erde, die lebenden Wesen, zum Schluss die Menschen und sagt Ja zu seinen Geschöpfen. Allein nur auf uns Menschen bezogen bedeutet das:

– Gott sagt Ja zu dem Leben des winzig kleinen hilflosen Säugling, der irgendwo in eine Babyklappe geschoben wird

– genauso zu dem zittrigen alten Menschen, der nicht mehr selbst den Löffel halten kann

– Gott sagt Ja zu dem verstörten Menschen, dessen vertraute Beziehung gerade leidvoll zerbrochen ist und der keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht

– selbst zu dem, der einen sehr zwielichtigen Weg gegangen, sich aber von diesem Weg abgewendet hat – Gott verordnet nicht die Todesstrafe und lehnt das letzte Gnadengesuch nicht ab.

Gott sagt ja zu uns – trotz aller Verstrickungen, trotz aller Irrwege unseres Lebens. Gott will, dass wir leben.

Ich denke, das ist wohl die großartigste Aussage, die über uns gemacht werden kann: Wir sind von Gott gewollt und bejaht. Gott will, dass wir leben.

Das ist nur eine der uralten Verheißungen. Auch andere Verheißungen waren dem jüdischen Volk vertraut : Da gab es die alte Verheißung, dass Gott Rettung für sein Volk schicken würde. Diese Erwartung wuchs besonders in den Jahrhunderten vor Christi Geburt. Gottes Eingreifen wurde als Sendung eines Retters, eines Messias erwartet.

Im Lobgesang der Maria, den wir als Evangelium hörten, ist festgehalten, welche Art von Rettung erhofft und geglaubt wurde: Gott erweist sich als barmherzig gegenüber denen, die ihm vertrauen, zeigt Stärke gegenüber den Hochmütigen, stößt die Gewalttätigen vom Thron, erhebt die Niedrigen, sättigt die Hungrigen, schafft Frieden und Recht. Maria singt davon ein Lied. Sie wartet der Erfüllung dieser Verheißung entgegen, während das Kind Jesus in ihr wächst.

Auch Paulus bezieht die alten Verheißungen auf Jesus Christus: "Auf alle Gottesverheißungen war in ihm das Ja." schreibt Paulus. Ein großer, strahlender Satz voller Staunen. Ein Satz, der das Wunder des Advent in einem Wort zusammenfasst: Ja! Die Verheißungen Gottes wurden zur konkreten Person. In dem Kind Jesus nahm Gottes Versprechen für sein Volk Gestalt an. Jesus verkörperte Gottes Ja und bestätigte es mit seinem Leben. Wir sehen sie vor uns, die Bilder dieses Ja im Leben Jesu: Jesus, wie er die gute Botschaft von Gottes grenzenloser Liebe verkündigt, wie er die Menschen sättigte, wie er Blinde sehend machte und Lahme gehend, wie er zu denen ganz unten ging (damals die Frauen, die Kinder, die unheilbar Kranken, die Fremden), wie er die Menschen aus ihren zwanghaften Verstrickungen herausholte, wie er diesen Weg ging bis in die letzte tiefste Verlassenheit hinein.

Jesus hörte sich in seinen Tagen Geschichten voller Nein an, "Du gehörst nicht dazu!, Du bist nichts wert! Du kannst die Hoffnung aufgeben! Dein Leben hat keinen Sinn!" Geschichten vom Ende. Aber von Gott gesandt, von Gottes Geist erfüllt machte er daraus Geschichten der neuen Anfänge: Blinde sehen, Lahme gehen, den Armen wird das Evangelium verkündigt. Kinder werden ernstgenommen, Frauen geachtet, Hungernde gesättigt, verkorkste Gestalten finden zurück in die Gemeinschaft. Und über allem steht das große Ja Gottes. Jesus bekräftigt mit seinem Leben und mit seiner Verkündigung dieses Ja.

Das gilt auch uns. Auch über unserem Leben soll das Nein nicht siegen – wenn das Nein nach uns greift, wenn es uns mürbe machen und unser Leben in Beschlag nehmen will als Nein einer durchlebten menschlichen Ablehnung vielleicht, als Nein einer zerbrochenen Beziehung, als Nein einer misslungenen Suche nach Arbeit und Erfüllung, als Nein im Erschrecken über die eigenen dunklen Seiten unseres Ich … Solche Erfahrungen des Nein sind schmerzvoll und hart und erscheinen meist sinnlos. Doch auch unser Leben mit all diesen Nein wird hineingeholt in das große Ja Gottes.

Wir wissen ja, der letzte Advent Gottes steht noch aus. Die endgültige Erfüllung von Gottes Verheißungen erwarten wir am Ende der Zeit. Aber schon jetzt scheint das Licht Gottes von Bethlehem her in unser Leben. Es lässt manchmal plötzlich und unerwartet das Ja Gottes in uns aufleuchten und zur Gewissheit werden.

Und wenn wir davon nichts spüren, wenn wir meinen, Gott bleibt uns fern mit seinem Ja in unserer konkreten Wirklichkeit? Wenn uns Zweifel und Resignation überwältigen wollen? Paulus verweist auf zwei Hilfen zur eigenen Vergewisserung:

1) die christliche Gemeinschaft. In der Gemeinschaft erfahren wir: Wir sind nicht allein mit unseren Anfragen und Zweifeln, aber auch mit unseren Fünkchen von Hoffnung.

2) unsere Taufe: Wir sind von Gott gesalbt, gesiegelt, mit Heiligem Geist beschenkt seit unserer Taufe. Mit verschiedenen Bildern beschreibt Paulus dieses wunderbare Geschehen der Taufe, das uns zu Gott gehörig werden lässt und in seinen Schutzraum nimmt – trotz allem, was uns geschieht. In der Taufe hat Gott Ja zu uns gesagt: eindeutig, klar und endgültig. Ein großes Ja steht über unserem Leben trotz aller Nein – und dieses Ja reicht bis an den Himmel. Es ist zum Freuen!

drucken