Erwartungen und Enttäuschungen

Liebe Gemeinde,

das Weihnachtsfest rückt immer näher. Der vierte Advent gibt uns das an: dieses Jahr heißt es noch eine Woche warten, dann ist der Heilige Abend da. Wenn Sie Kinder haben, dann werden Sie es wissen. Bis zu einem gewissen Alter wächst auch die Spannung der Kinder, wie es denn dieses Jahr werden wird und natürlich, was für Geschenke es denn am 24. gibt. Erst später werden dann die Jugendlichen cooler, wie man es heute so nennt, und versuchen ihre Gefühle zu verbergen – oft, indem sie erst mal ganz den Rummel um Weihnachten ablehnen und so tun, als könne ihnen das Fest nichts anhaben.

Aber auch die Erwartungen mancher Erwachsenen steigen und wachsen auf dieses Fest hin. "Vielleicht gelingt es uns ja dieses Jahr, wieder ein wenig heile Familie zu sein." "Vielleicht hat ja wenigstens dieses Jahr mein Mann wieder ein bisschen Zeit für mich und wir verbringen ein paar Tage ohne zu streiten."

Die dritte Gruppe aber hat das schon hinter sich. Die Erwartungen sind zu oft enttäuscht worden und für sie ist Weihnachten nicht mehr als eine böse Erinnerung daran, wie kalt und einsam das Leben doch sein kann. Alle Versprechungen von Liebe und Harmonie, von Wärme und Geborgenheit haben sich spätestens am Heiligen Abend, wenn alle zu Hause bei Ihren Liebsten sind, aufgelöst und wieder – ja wieder – ist man alleine und spürt es umso bedrängender, als die Optionen, die Einsamkeit zu verdecken, am 24.12. so gering wie nur möglich geworden sind.

Erwartungen und Enttäuschungen. Davon kann ein Leben viel erzählen und selbst, wer nicht an Jesus als den Christus glauben kann, wird zugestehen müssen, dass die Christen an Weihnachten ein Fest feiern, was sinnbildlich dieses Hin und Her verdeutlicht. Waren da nicht die gläubigen Juden, die sich einen Messias erhofften, der sie von der Fremdherrschaft befreien sollte? Und gekommen war einer, der ganz anders Friede-Fürst sein wollte, als sie es sich dachten. Waren da nicht die drei Magier, die den Herrscher der Welt suchten und etwas anderes, nämlich ein kleines Kind in Windeln gewickelt erblickten? Exemplarisch sind das zwei Gruppen, von denen ich heute reden will. Die, die bereit waren, ihre Erwartungen an das anzupassen, was ihnen geschenkt worden ist – so wie die drei Könige. Und die, die nicht fassen konnten, dass ihre menschlichen Erwartungen anders erfüllt wurden, als sie es sich immer erdacht hatten.

Auch das Neue Testament erzählt diese Geschichten und in unserem heutigen Predigtwort werden wir mitten hinein genommen. So hören wir das Predigtwort aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther im ersten Kapitel, die Verse 18-22.:

[TEXT]

Was war geschehen, dass Paulus solches schreiben musste? Vielleicht wissen Sie es noch: Paulus als der größte Reisende in Sachen Glauben seiner Zeit, besuchte allerhand wichtige Metropolen der damaligen Welt. Aufgrund seiner Predigten dort geschah das Unglaubliche: Gemeinden bildeten sich in freudiger Erwartung, dass nun alles anderes, v.a. aber besser werden solle. Solch eine Gemeinde bildete sich auch in Korinth, wo Paulus lange Station machte. Aber er musste weiter und die Gemeinde blieb mit ihrer Führung nun sich selbst überlassen. Und freilich: Fragen und Konflikte taten sich auf. So, wie übrigens bei jeder Gruppe, die sich neu findet, um ein gemeinsames Interesse herum. Die Spaltungen und Diskussionen in der Gemeinde waren größer und heftiger, als wir es heute vermuten würden, in dieser goldenen Anfangszeit. Paulus wurde gerufen, er sollte erklären und schlichten und die Dinge wieder in Ordnung bringen. Paulus versprach zu kommen und kündigte es mehrmals an. Aber er kam nicht, oder zumindest erst viel später als erwartet. Die Gemeinde ist enttäuscht. Und so schreibt Paulus die Worte, die wir eben gehört haben. "Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist."

Nicht Ja und Nein zugleich. Wie soll das verstanden werden? Wichtig scheint doch nur zu sein, dass er nicht – wie erwartet, ja wie er es selbst angekündigt hat – gekommen ist. Wichtig scheint doch nur zu sein, dass er uns enttäuscht hat. So werden es viele Korinther gesehen haben. Und dennoch beharrt Paulus ganz eigentümlich darauf, dass hinter seinen Worten noch mehr steht als er selbst.

Viele Menschen, die der Kirche fern stehen, messen die Kirche an dem, was sie eigentlich von ihr erwarten. Im Grunde eine paradoxe Situation. Die Kirche – so sagen sie – müsste doch menschenfreundlich sein, sie müsste die Ethik Jesu umsetzen, sie müsste in Tat und Wort übereinstimmen. Und die Kritiker fordern damit etwas, was sie selbst nicht einhalten können, weil sie übersehen, dass die menschliche Natur so nicht geschaffen ist. Denn sie ist leider durchsetzt mit dem, was wir das Böse nennen und ist unterworfen dem, was wir die Sünde nennen. Das ist keine Entschuldigung übrigens, so wie es auch für Paulus keine Entschuldigung gewesen sein kann, aber es gibt doch eine Erklärung. Selbst der beste Wille führt nicht immer zum gewünschten Ziel. Selbst das gut gemeinte Wort bewirkt nicht immer Gutes. Selbst die festlich gestimmte Gemeinde an Weihnachten wird nicht Leid und Schmerzen von Enttäuschten lindern können, sondern sie im Gegenteil noch verstärken, weil die Gemeinde fröhlich ist, die Enttäuschten aber traurig.

Mit anderen Worten. Der Mensch bleibt hier auf Erden ein Mängelwesen. Unsere Botschaften, die wir uns senden, sind immer noch erklärungsbedürftig. Unsere Versprechen sind immer bedroht von der Nichterfüllbarkeit. Unsere Erwartungen sind immer mit dem Schatten der zukünftigen Enttäuschung belegt.

Für die Korinther war das erst zu lernen. "Was! Der neue Glaube macht aus uns keine Lichtwesen?", so fragten sie? "Was! Der neue Glaube krempelt uns nicht völlig um und wir haben mit ihm schon alles, was uns versprochen wurde?", so empörten sie sich. Nein, liebe Gemeinde. Das alles tut der Glaube nicht. Das alles tut auch das Weihnachtsfest nicht. Vertrauen Sie nicht auf die Bilder der Werbung und der Geschichten, die jetzt alle Tage auf Sie hernieder prasseln, egal, ob Sie fernsehen, Radiohören oder Zeitung lesen. Das "Fest der Liebe" verwandelt diese Erde nicht. Es macht keine Familien heil. Es schafft nicht die Ruhe und Behaglichkeit und die Harmonie zwischen Menschen, die sonst im Jahr über ganz anders miteinander leben und miteinander umgehen. Nein, liebe Gemeinde – das alles wird nicht passieren. Und v.a. werden auch die Zahl und die Qualität der Geschenke daran nichts ändern. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind lässt nicht eben nicht ausdrücken mit dem Preis, den das Spielzeug gekostet hat. Und der Glanz eines weihnachtlich geschmückten Raumes kann nicht den Glanz der Beziehung zwischen den Menschen ersetzen, wenn diese sich ehrlich zugetan sind.

Dies alles schreibt Paulus seiner Gemeinde in Korinth. Aber er bleibt dabei nicht stehen. Er geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: wir Menschen können das nicht erreichen, das Eindeutige, das Vollkommene. Aber mein Wort, das ich euch gebracht habe, kam ja nicht aus mir, es geht tiefer und ich darf es euch nur überbringen. Es ist das Wort von Christus selber, dem Sohn Gottes, dem Auferstandenen. Alle Verheißungen ruhen in ihm. In ihm wohnt das vollständige Ja.

Was Paulus damit macht, ist uns die Last der Erwartung etwas zu nehmen. Er sagt: geht hin zu diesem Jesus von Nazareth, den wir euch als den Sohn Gottes gepredigt haben und seid bereit, wie es die Heiligen drei Könige getan haben, eure Erwartungen anzupassen an das, was er euch schenken wird. In ihm wird es keine Enttäuschung geben. Dafür, liebe Gemeinde, gibt es keinen Vergleich, der mir zum Weihnachtsabend einfallen würde. Denn natürlich ist es gut und schön und auch wirklich eine Freude, dass wir uns gegenseitig Dinge schenken können an diesem 24.12. Aber diese Dinge machen es doch nicht aus! Im Hintergrund steht doch das frohe Geben, der Wunsch, dem anderen eine Freude zu machen. Oder auch einfach nur mit ihm zusammen sein zu können und fröhlich sein zu dürfen. Weil Jesus an seinem Tag der Geburt beschenkt worden ist, schenken auch wir uns – als ein Zeichen, einen Hinweis auf das eigentliche, das große Geschenk Gottes.

Wie aber soll das gehen? Ist das nicht doch zu verkopft, zu unrealistisch? Paulus gibt seinen Korinthern einen Rat. Er sagt: denkt an das Wichtige: wir sprechen Amen zum Lobe Gottes. Amen heißt auf Deutsch: "Ja, so ist es." Es ist eine Formel der Bestätigung. Ja, so will ich es auch für mich annehmen. Christus kommt in unsere Welt, um uns das Licht zu bringen. "Ja, so ist es." Christus verspricht uns eine bessere Zukunft, die schon hineinbricht in unsere Leben, wenn wir bereit sind, es zuzulassen. "Ja, so ist es." Christus erfüllt mein Leben mit einem neuen Sinn, jenseits dessen, was mir andere vorschreiben wollen. Er ist die wahre Freiheit. "Ja, so ist es."

Paulus macht damit deutlich: Auf dein Ja kommt es an, ob die Erwartung zu einer Enttäuschung werden wird oder nicht. Auf dein Ja, ob du bereit bist, dich zu diesem Christus, dem Sohne Gottes zu halten oder nicht. Weihnachten in all seiner veräußerlichten Form weist darauf hin, wie es sein kann, wenn Menschen von dieser Botschaft berührt und verändert werden. Freude auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Am letzten Sonntag im Advent, der Zeit der Vorbereitung wünsche ich Ihnen ein solches, inneres Ja zu diesem Glauben. Ich bin der festen Überzeugung mit unserem Predigtwort: wer auf ihn vertraut, der wird reich beschenkt werden und der wird es spüren bereits in dieser Welt.

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