Hoffnung

Liebe Gemeinde,

vielleicht warten Sie heute, am dritten Adventssonntag, auf einen richtig verheißungsvollen, harmonischen, positiven Predigttext. Es reicht schon, wenn draußen nicht alles friedlich ist, werden Sie denken, da soll doch zumindest in der Kirche eine Lösung für alle Spannungen angeboten werden. Aber auch Gemeindelben unter wartenden Christen ist von Konflickten nicht frei, das war schon zu Zeiten des Apostels Paulus so.

In der Gemeinde in Rom war von harmonischer, friedlicher Stimmung nichts zu merken. Da gab es große Meinungsverschiedenheiten und offene Konflikte darüber, ob man Fleisch essen dürfe oder nicht, denn nachdem Kaiser Claudius alle Juden aus Rom verbannt hatte, gab es auch keine Fleischer mehr, welche die Tiere nach biblischem Gebot schlachteten und das Fleisch "koscher" zubereiteten. Da gab es diejenigen, die einen starken Glauben hatten und sagten: Nichts kann uns anhaben, klar können wir auch Fleisch essen, das im Angesicht anderer Götter geschlachtet wurde. Und es gab die Ängstlichen und Schwachen im Glauben, die sagten, das dürfe man nicht. Beide Parteien meinten, sie seien im Recht, beide Parteien hatten gute Argumente. Und so hing in der Gemeinde der Segen schief, die Beziehung war alles andere als harmonisch und einträchtig. Wie gesagt: Alles andere als gemütliche Adventsstimmung. Die Gemeinde drohte zu zerbrechen.

In diese Situation hinein schreibt der Apostel Paulus:

[TEXT]

Adventszeit daheim

Bestimmt können Sie sich noch erinnern, wie Sie die Adventszeit erlebt haben, als Sie Kind waren. Vielleicht verklärt sich manches im Laufe der Jahre, aber ich haben die Adventszeit zu Hause deutlich vor Augen. Die Plätzchen, die meine Oma buk und die durch das ganze Haus dufteten. Ich erinnere mich an das Singen mit den Eltern und dem kleinen Bruder bei Kerzenschein, an die Spannung beim Öffnen einer jeden Tür im Adventskalender, an die Basteleien, wenn wir Stroh-Sterne für den Baum gebügelt haben und wenn ich für meine Eltern gemalt und gedichtet habe, immer eifrig bemüht, dass sie mich nicht erwischten, es sollte ja eine Überraschung werden. Ich erinnere mich an das wohlige Gefühl, wenn bei Räucherkerzenduft, und Eisblumen am Fenster, mein Vater Kastanien auf dem Ofen geröstet hat und mein Bruder heiser und begeistert sang: "Als ich bei meinen Schafen wacht …"

Ein wohliges Gefühl.

Jetzt müsste, so denken Sie wohl, in mir eine Sehnsucht nach früher aufsteigen. Vielleicht ist das ja bei Ihnen so. Ich telefoniere jeden Sonntag mit meiner Mutter. Sie ist 83 Jahre alt und backt auch in diesem Jahr wieder Plätzchen. Aber wenn ich mir vorstelle, dass wir heute zusammen leben würden, dann wird mir mulmig. Einander so annehmen wie wir sind, das haben wir beide nie so richtig geschafft. Bei den vielen kleinen Streitigkeiten, an denen wir uns im Alltag Jahrzehnte lang aufgerieben haben, ist allerdings eine Gemeinsamkeit geblieben: Einmütig mit einem Munde Gott loben, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, das kriegen wir hin.

Die Lektüre der Passage aus dem Römerbrief allerdings hat mich ins nachdenken gebracht über die Einmütigkeit. Gerade im Advent neigen wir ja dazu, eine dicke Schicht Zuckerguss über unsere Beziehungen zu ziehen. Darum aber kann es nicht gehen.

Ich habe in diesem Advent bei einer Verlosung etwas Wunderbares gewonnen. Den Kalender "Der andere Advent". Darin habe ich einen kurzen Text gefunden über das, was gemeint ist mit dem "einander annehmen": Einem Menschen vergeben heißt nicht, das, was er getan hat, für ungeschehen erachten, nicht wahrhaben wollen oder schlicht vergessen. Vergeben kann unter Umständen bedeuten, gerade nicht zu vergessen. Vergeben heißt: die Vergangenheit eines anderen keinen Einwand dagegen sein zu lassen, dass ich ihn annehme. Vergebung heißt nicht das Ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld." (Otto Hermann Pesch)

In unserem Predigttext geht es ja um Zwistigkeiten in der Gemeinde in Rom, wo zwischen sogenannten Heidenchristen und Judenchristen unterschieden wurde und immer wieder die Frage aufkam, wer denn zu den Starken oder den Schwachen in der Gemeinde gehört.

Er formuliert hier noch einmal, was Juden und Griechen, Starke und Schwache verbindet: Die Hoffnung.

Die Hoffnung, welche sich daraus ergibt, dass Gott die Verheißungen, die er einst den Vätern gegeben hat, neu bestätigt und in Kraft gesetzt hat durch Christus. Durch die Erfüllung dieser Verheißungen in Christus haben auch die "aus den Heiden stammenden" Menschen Zugang zu Gott. Das Ziel dieser Hoffnung ist das gemeinsame und harmonische Lob Gottes mit einer Stimme aus den vielen Kehlen der Juden und aller anderen Völker, egal, ob von Schwachen oder Starken im Glauben.

Zwar kennen wir heute die Diskussion um das Fasten oder Fleischessen nicht mehr, aber unsere Gemeinden sind auch von Konflikten nicht frei. Und mancher ist enttäuscht, wenn er schon zu Hause die Harmonie vermisst und dann vor Weihnachten zur Kirche kommt und dort geht es weiter: Soll für ein paar Leute geheizt werden oder halten wir es wie im Mittelalter: Diejenigen, die stark sind, vertragen das Frieren und die anderen sollen sich zusammenreißen oder zu Hause bleiben? Wer darf beim Krippenspiel mitmachen? Auch Kinder, deren Eltern das ganze Jahr nicht nach Gott fragen? Immer schaut jeder genau auf den anderen, was der wohl unkorrekt macht – und ungern fängt man bei sich selbst mit dem Fragen an.

Das ganze Jahr über sind unsere Gemeinden nicht von Differenzen frei. In manchen Orten gibt es bestimmte Reizworte, die man am besten bewusst meidet.

Wir alle wissen, wie eine Bemerkung, ein Streit um verschiedene Ansichten viele Dinge kaputt machen und Beziehungen zerbrechen lassen kann. Und wenn dann noch unser gekränkter menschlicher Stolz ins Spiel kommt, wird es ganz schlimm. Dann kann es passieren, dass Beziehungen ganz zerbrechen, dass man sich Dinge an den Kopf wirft, die einem in nächster Minute Leid tun, die aber im Raum stehen. Vielleicht möchte man auch vergeben, doch nur unter der Bedingung: Ich vergebe, wenn der andere zu mir kommt, um mich um Entschuldigung zu bitten, wenn er den ersten Schritt macht! Könnte ich nicht selbst den ersten Schritt tun? Ich bin es doch, der unter dem Streit leidet. Gott kommt uns immer wieder so weit entgegen – und dann sollten wir nicht fähig sein, einen Schritt auf unsere Nachbarn zuzugehen?

7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Das heißt nicht, zu allem ja und amen sagen, was der andere tut. Das hat Jesus auch nicht getan. Es heißt, den anderen zu akzeptieren trotz bestimmter Differenzen, trotz bestimmtet Dinge, von denen ich denke: So würde ich es nicht machen. Oder: Ob das gut für ihn ist?

Es stimmt zwar, dass Jesus viele Menschen angenommen und akzeptiert hat, wie sie waren, auch wenn sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Er ging auf Zöllner zu, die verachtet waren, weil sie die Reisenden ausnahmen. Er rief Aussätzige zu sich, die wegen ihrer Krankheit als Sünder galten. Er schützte eine Ehebrecherin vor dem Tod durch die Steinigung mit dem Satz an die Männer: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Er wandte sich Kranken zu, aber auch solchen wie dem reichen Jüngling.

Aber Jesus hat nicht alles gut geheißen. So sagte er zu der Ehebrecherin, sie sollen nun nicht mehr weiter Schuld auf sich laden, geheilte Aussätzige hat er zu den Priestern geschickt und die reichen Zöllner zum Teilen aufgefordert.

Einander annehmen im Sinne Jesu heißt, sich dem anderen Menschen auch wirklich zuwenden und die Auseinandersetzung suchen – mit nötigem Interesse und Respekt vor dem Anderen.

Ich möchte zurückkommen auf den Advent meiner Kindheit: Natürlich war da auch nicht alles eine gemütliche harmonische Kette von Tagen. Da gab es den sanften Druck, dass ich meinen Text und das Blockflöten-Stück für das Krippenspiel immer noch nicht geübt hatte. Da war die leidige Stickdecke für Oma, die ich einfach nicht zu Ende bringen wollte – und meine Mutter klagte, womit sie so faule und eigennützige Kinder verdient hätte. Und auch den Heiligabend erwarteten wir nicht ungeteilt froh: Würde es wieder Tränen geben, weil wir das ein oder andere Familienmitglied doch nicht so annehmen konnten, wie es nun mal war: Opa, der immer mal wieder einen über den Durst trank und für die strenge Großtante allzu heiter unter dem Christbaum saß. Heute überlege ich manchmal, wie wir mit den Schwachen in unserer Familie umgegangen sind. Vielleicht ein bisschen so, wie die strengen unter der Gemeinde in Rom, an deren Weitherzigkeit Paulus appelliert?

Warum sind wir oft so wenig barmherzig? Unbarmherzig mit den anderen, aber auch mit uns selbst.

Gewiss haben Sie sich auch viel zu viel vorgenommen in diesen Tagen. Und sind vielleicht unzufrieden, wenn Sie nicht alles schaffen. Machen Sie Atempause und schauen Sie nach innen:

Gott hat uns angenommen mit all unseren Fehlern und Macken und unserer Rechthaberei. Das wird deutlich im Advent und zu Weihnachten: Gott macht sich auf den Weg zu uns. Er, der uns durch das Kreuz schon längst vergeben hat, Er macht den ersten Schritt. Gott ist sich nicht zu schade, zu uns herabzusteigen, zu uns zu kommen, und uns anzunehmen und lieb zu haben, bildlich gesprochen: Er kriecht zu Kreuze, um unsere Beziehungslosigkeit zu beenden, um es Advent werden zu lassen. Ich wünsche mir, dass wir begreifen, was das für unser Leben bedeutet; dass wir das in unserem Herzen annehmen können, dass wir zu Gottes "Ja" zu uns auch "Amen", so soll es sein, sagen können. Lassen Sie mich schließen mit den Worten des Paulus: Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

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