Alle Liebe, die ich habe

Liebe Gemeinde,

"von dir hört man ja gar nichts mehr. Hast du keine Zeit mehr für deine besten Freunde?", mit diesem Vorwurf bin ich in den letzten Wochen häufiger konfrontiert worden. Ich habe es einfach nicht geschafft, alle Erwartungen zu erfüllen, die meine privaten Bekanntschaften an mich stellen: Einladungen zu gemütlichen Abenden bei Kerzenschein und guten Gesprächen zum Beispiel. Geburtstags- und Krankenbesuche gehören zu meinem Beruf, abends die Sitzungen auch, und sonntags nachmittags, wenn alle einander zum Kaffee besuchen, komme ich gerade aus dem letzten Gottesdienst und will erst mal nach Hause. Und auch die Adventstermine in den Kirchengemeinden haben dazu beigetragen, dass in diesem Jahr eben fast nichts fertig geworden ist – weder der Bastelkalender für meine Eltern noch das Paket an die Neffen und Nichten. Eine Menge Erwartungen, die ich nicht erfüllt habe.

Dem Apostel Paulus muss es ähnlich gegangen sein. Er hat einen Termin nicht einhalten können: seinen Besuch bei der Gemeinde in Korinth. Er hat dafür Gründe, durchaus tragfähig. Die sind den Korinthern bekannt. Aber wie es so ist, Sie kennen das sicher auch: Dann wird leicht gesagt: Der ist unzuverlässig, unglaubwürdig und er verspricht Dinge, die er nicht halten kann." So etwas ist schon im privaten Zusammenhang schwierig genug. "Du hast es aber versprochen", sagen Kinder vorwurfsvoll, wenn der geplante vorweihnachtliche Kinobesuch ausfallen muss oder wenn man am freien Tag doch noch mal weg muss und keine Zeit hat für die Plätzchenback-Aktion. Ein solches Nein schmerzt ja denjenigen selbst, der absagen muss.

Genau oder zumindest ähnlich verhalten sich manchmal Gemeinden, die Kirchengemeinden heute so ähnlich wie damals die Korinther. An ihren Pfarrer haben sie ähnliche Erwartungen wie die Korinther an Paulus und seine Mitarbeiter. Möglichst soll er alles regeln, vom gesamten Gottesdienst bis zu allen Krankenbesuchen, vom Haushaltsplan bis zur Beaufsichtigung des Architekten. Da die Pfarrbereiche immer größer werden, ist es überlebensnotwendig, manchmal auch "nein" zu sagen und seine Grenzen zu setzen. Alle Erwartungshaltungen kann kein Mensch befriedigen. "Aber es steht doch in der Bibel: Dein Ja sei ein wirkliches Ja und dein Nein ein wirkliches Nein", das kommt in einem selbst dann manchmal hoch, wenn man merkt, man hat auch die Erwartungen an sich selbst zu hoch gesteckt und muss nun einen Rückzieher machen. Und dann möchte man wie Paulus rufen:

18 Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

Vielleicht geht es Ihnen, liebe Gemeinde, auch ganz privat jetzt vor Weihnachten so, dass Sie nicht wissen, wo Ihnen der Kopf steht. Ein Riesen-Essen ist geplant, die Geschenkwünsche der Kinder sind so, dass Sie nicht wissen, woher das Geld dafür nehmen – und im Grunde fühlen Sie sich mit allem hoffnungslos überfordert und würden am liebsten weglaufen. Die meisten Streitereien zu Weihnachten entstehen, das haben Psychologen festgestellt, aus überzogenen Erwartungshaltungen, sei es an sich selbst oder an andere. Irgendwo muss es da doch noch einen Kick geben bei dem Fest, einen Höhepunkt, der dann ausbleibt… und dann fliegt der Christbaum vielleicht schon am 2. Feiertag aus dem Fenster, als Symbol für enttäuschte Erwartungen.

Es ist immer das Gleiche: Da stehen wir kurz vor Weihnachten zwischen Vorfreude und Stress, zwischen Sehnsucht und Frust. Viele von uns sagen: "Diesmal mach ich es anders!", und schaffen es doch nicht. In diesem Durcheinander sind wir oft weit weg von Gott. Zumindest käme es uns nicht so von Ungefähr in den Sinn, den komplizierten Gedankengang eines Apostels Paulus zu machen: Gott hat ein für allemal "Ja" zu uns gesagt, und zwar, indem er uns seinen Sohn geschickt hat . Jesus ist das fleischgewordene Ja auf alle Gottverheißungen hin.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.

"Wohl mir, ich bitt in Jesu Namen, der mich zu deiner Rechten selbst vertritt. In ihm ist alles Ja und Amen, was ich v9on dir im Geist und Glauben bitt"", so heißt es im Kirchenlied "Dir, dir o Höchster will ich singen". "Ja und amen sagen", das ist ja heute so ein geflügeltes Wort für "keine eigene Meinung haben, sich willenlos unterbuttern lassen". Es ist aber ein bisschen komplizierter: Gott sagt: "Ja" zu uns – und unsere Antwort auf sein "Ja" ist das Amen, das "so sei es", als Zeichen, dass wir uns freuen über dieses Ja und Gott dafür danken.

Gott ist es, der uns fest macht, sagt Paulus. Gott macht uns so fest, dass wir manchmal ein "Nein" sagen können, das in Wirklichkeit ein Ja ist. Im Falle der Absage des Paulus ist das so. Und sie kennen das vielleicht auch: Ein Kind bettelt und bettelt um ein Computerspiel, von dem Sie der Meinung sind, es schadet ihm. Oder um Süßigkeiten in einem Maße, das nicht mehr bekömmlich wäre. Da ist das Nein ein Ja, um dem Kind die nötigen Grenzen aufzuzeigen. Oder ein Halbwüchsiger will unbedingt eine Zigarette von Ihnen, da ist das Nein ein Ja zur Gesundheit. Auch in der Gemeinde kann ein klares Nein ein Ja bedeuten: Ich will, dass Gemeindearbeit weitergehen kann und überfordere mich deshalb nicht mit Dingen, die ich nicht mehr leisten kann. Vielleicht entfaltet sich gerade dann Eigeninitiative, vielleicht entdecken Menschen verborgene Fähigkeiten und trauen sich etwas zu: Besuchsdienst, Probe eines Krippenspiels, Lektorenarbeit. Das wäre dann das Ja, das von Gott selbst kommt.

Aber wir müssen auch lernen, mit dem Nein zu leben, das von anderen Menschen kommt. Nicht jeder wird zu mir, zu Ihnen, ja sagen können. Kein Mensch kann von allen geliebt werden. Bestimmt wird es auch Korinther gegeben haben, denen der Brief des Paulus nur wie eine fade Entschuldigung vorkam, zumal die Vorgeschichte der Absage ziemlich kompliziert war. Ein "Nein", das mir ganz persönlich entgegengebracht wird, wird vielleicht weh tun, besonders in einer Beziehung. Auch dann, wenn es mir klar wird, dass der andere gar nicht anders kann, wenn er seine eigenen Grenzen wahren will. Aber eines ist sicher, Gott hat nicht "Nein" zu mir gesagt, sein "Ja" hatte einen Namen: Jesus Christus. Und da Paulus "in Christus" ist, der er und auch wir seinen Geist empfangen haben, gilt für ihn, ja gilt für uns, was für Christus gilt.

Und auf noch etwas weist Paulus hin: Du hast Gottes ganzen, eindeutigen Segen. Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt 22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

Mehr Segen kommt nicht. Auch nicht im Advent, auch nicht zu Weihnachten. Worauf wartest du also noch? Es mag noch manches passieren an großen und kleinen Katastrophen. Aber mehr Segen kommt nicht. Du hast bereits alles, was Gott dir geben will.. Vielleicht geht es Ihnen jetzt wie verwöhnten Kindern nach der Bescherung: Was, das soll alles gewesen sein? Das war alles? Aber so ist es. Gott verspricht mir nicht, dass das Essen nicht anbrennt und mit den Kugeln kein Malheur geschieht. Dass der Tannenbaum gerade stehen bleiben wird und alle in der Familie sich vertragen und Opa den Schnaps stehen lässt. Oder auch dass an Weihnachten niemand um’s Leben kommt und nirgendwo eine Katastrophe passiert. Das alles verspricht Gott nicht. Vielmehr sagt er: Obwohl dies alles passieren kann, gehörst du zu mir, denn du bist getauft auf den Namen Jesu Christi. Verlass dich drauf! Auch wenn schlimme Dinge passieren können: Ich habe meinen ganzen Segen über dir ausgebreitet, und nicht nur über dir, sondern über der ganzen Menschheit. Alle Liebe, die ich habe, sagt Gott, habe ich dir gegeben in Jesus. Ein für alle Mal. Das kannst du ruhig feiern, wenn du das Kind in der Krippe feierst. Ein Fest ist das allemal wert. Du kannst dein Herz öffnen für Gott, damit sein "Ja" in dir wirken kann, ihm Raum in der Herberge verschaffen und damit Gottes "Ja" dein Amen entgegensetzen.

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