Das Einfache ist das Schwerste

Liebe Gemeinde!

Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass der Satz, der in unserem Predigttext am einsichtigsten scheint, zugleich der umstrittendste ist: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. schreibt Paulus, und ausgerechnet damit eckt er an. So einfach es klingt, so viele „Wenn“s und „Aber“s bringt man ihm entgegen, vor allem aus der Ecke der Judenchristen, zu denen er sich ja selbst zählt, und die sich schwer damit tun, die Heidenchristen so anzunehmen, wie sie sind: Die Taufe allein genügt nicht, fordern sie, ihr müsst noch etwas dazu tun, müsst euer Leben komplett ändern und Juden werden! – Die anderen aber kontern: Ihr nehmt die Gnade Gottes nicht ernst, wenn ihr solche Werke des Gesetzes fordert. Gern respektieren wir euren Sonderweg, aber lasst uns so, wie wir sind, akzeptiert uns so, wie wir euch gelten lassen, als eine Möglichkeit unter mehreren, Glauben zu leben, nicht als die alleinseligmachende. So streiten sie, auch in Rom – und so sieht sich Paulus als Vermittler, als Mahner zur Einheit, ausgerechnet er, an dem sich doch immer wieder die Geister scheiden.

Ein Ruf als Versöhner eilt ihm nicht gerade voraus (im Chorgewölbe ist er mit einem Schwert dargestellt, weil er notwendige Trennungen konsequent vollzog und – so wissen wir aus der Apostelgeschichte – eine ziemlich scharfe Zunge hatte, der so manche spitze Bemerkung entglitt.). Als er sich deshalb um den Auftrag bemüht, die Mission auf der Iberischen Halbinsel voranzutreiben, schreibt er vorsichtshalber einen Brief nach Rom, von wo er sich Unterstützung erhofft, so wie er sich von der Gemeinde in Antiochia hatte aussenden lassen nach Kleinasien, und versucht, einige der Gerüchte klarzustellen, die über ihn im Umlauf sind, und seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, indem er die wichtigsten Aussagen seiner Theologie darlegt, erklärt, was er will und meint, was er bekennt und glaubt, das freilich ohne faule Kompromisse und ohne Gefälligkeiten nach der einen oder der anderen Seite.. Nicht zuletzt deshalb ist der Römerbrief zu einem Kerndokument für die Kirche geworden.

Natürlich hat sich Paulus im Vorfeld ein wenig schlau gemacht über die Gemeinde in Rom. Dabei kommt ihm zugute, dass er dort schon eine ganze Menge Leute kennt, allen voran Aquila und Priska, Andronikus und Junia und all die anderen, die er ausführlich grüßen lässt am Ende seines Briefes, die ihn aber natürlich auch weiterempfehlen sollen. Durch diese früheren Gemeindeglieder aus Korinth und Ephesus weiß man in Rom umgekehrt natürlich inzwischen auch schon allerlei über Paulus – und dabei ist auch einiges Negative:. Nicht nur, daß er ein ehemaliger Verfolger der Gemeinde ist. Vielmehr hat er sich auch in seiner Tätigkeit als Missionar eher den Ruf eines kompromisslosen Einzelkämpfers erworben – man denke nur an den sogenannten Antiochenischen Zwischenfall -; Konflikte mit den Säulen der Jerusalemer Urgemeinde hatten in der jungen Kirche die Runde gemacht, mit Petrus und dem Herrenbruder Jakobus stehe er regelrecht auf Kriegsfuss!

Ja, man erzählt sich allerhand über diesen Apostel: Er gilt als unstet, wechselt häufig die Stelle; man wundert sich, wenn er es wenigstens einmal zwei Jahre irgendwo aushält. In einer neuen Gemeinde legt er zwar immer wieder furiose Starts hin, denen dann aber ebenso regelmäßig katastrophale Zeiten folgen, die in Korinth sogar zu Gemeindespaltung führten. Immer wieder erzählt man sich von Spannungen in der Zusammenarbeit mit anderen. Nun gut, er hat durchaus auch Erfolge zu verbuchen, hat etliche Gemeinden gegründet, auch das eine oder andere Wunder vollbracht – aber sein Gesundheitszustand war schlecht (man sagt, dass er Epileptiker war) und schließlich: Er war alleinstehend! Keine Pfarrfrau würde mitkommen und ihn in seiner Arbeit unterstützen! Seine Predigten sind zwar meistens überzeugend, geraten aber hin und wieder zu lang: aus der Troas war zu hören, dass er einmal bis nach Mitternacht geredet habe – mit dramatischen Folgen für einen jungen Zuhörer (Apg 20). Außerdem wirft man ihm vor, dass er zu wenig vom Gesetz redet und von der Beachtung der jüdischen Gebote. „Billige Gnade“, sagen da manche – man müsste viel mehr darauf hinweisen, dass nur diejenigen das Ewige Leben bekommen, die sich auch beschneiden lassen, die erst gute Juden werden, um als Christen anerkannt zu werden von den anderen.

Genau an dieser Stelle liegt auch das Problem der Gemeinde in Rom (wohlgemerkt, Paulus hat es nicht erst hineingetragen, er findet es vor!): Unter der glatten Oberfläche dieser Gemeinde gären und brodeln die Spannungen zwischen zwei ganz unterschiedlichen Teilen, nämlich der Judenchristen auf der einen und der Heidenchristen auf der anderen Seite. Während die einen immer noch streng die israelitischen Gesetze befolgen, gehen die anderen, die vorher dem Kaiserkult huldigten, eher locker mit Speisevorschriften und Reinigungsritualen um. Die Judenchristen kennen sich blendend aus im Alten Testament, ihrer Heiligen Schrift – die Heidenchristen sind meist nicht so bibelfest, zeigen sich experimentierfreudig in ihren Zugängen zum Evangelium – was natürlich die Konservativen im anderen Lager provoziert! Dieser mehr an der Innerlichkeit orientierte Gemeindeteil möchte sich selbst immer noch als eine Gruppierung innerhalb des Judentums ansehen, doch die sozial engagierten ehemaligen Heiden geben sich bereits politisch-provokant den Namen christianoi – Christen. Und während man nach außen, gegenüber der mehr oder weniger interessierten Öffentlichkeit so tut, als wäre alles in Ordnung, toben hinter den Kulissen die Machtkämpfe.

Keine leichte Aufgabe für die Gemeindeleitung, die die verschiedenen Richtungen zusammenhalten soll! Wie soll sie vorgehen? Welcher Seite darf sie zustimmen, welcher muss sie Einhalt gebieten? Ist vielleicht eine vorläufige Trennung der richtige Weg (und die Bildung von Richtungsgemeinden) – oder haben etwa beide Recht und müssten nur ein wenig aufeinander zugehen? Wer sollte den Anfang machen, welche Schritte wären nötig? Wie kann es gelingen, einander gegenseitig mit Respekt und Achtung vor der Frömmigkeit und dem Glauben des anderen zu begegnen, ohne dass der sich verstellen oder verbiegen muß? Oder lässt man es einfach laufen wie bisher? – Das aber ist mit einem wie Paulus nicht zu haben. Er packt die Probleme an, wo er sie sieht, er prüft das, was er vorfindet, am Evangelium, bildet sich sein Urteil von Christus her, und so appelliert er an die Römer: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!

Nicht wenigen unter uns ist dieser Vers aus dem heutigen Predigttext vertraut und wichtig, womöglich weil er als Trauspruch über ihrer Ehe steht. Und das, was der Satz meint, das ist ja für ein gelingendes Leben in Partnerschaft und Familie ungeheuer wichtig. Einander annehmen, das heißt nicht: die Fehler und Schwächen des anderen zähneknirschend in Kauf nehmen. Das heißt auch nicht, sich total aufopfern für den andern, der diese Gabe dann zwar mehr oder weniger dankbar annimmt, aber nichts zurückgeben kann. Nicht umsonst stellt Paulus hier eine Art Dreisatz auf: Nehmt einander so an, wie Christus euch angenommen hat: So wie er an den Anfang seiner Verkündigung das Evangelium vom Kommen des Gottesreiches gestellt hat, so sprecht euch gegenseitig Liebe und Versöhnung zu – baut keine Hürden und Hindernisse auf, stellt keine Vergleiche an, knüpft an die Zugehörigkeit zu eurer Gemeinschaft keine Bedingungen. Wenn wir kleine Kinder taufen, dann ist damit keine Vorleistung verbunden, dann wird ihnen zugesprochen, dass Christus auch für sie gestorben und auferstanden ist, dann werden auch sie als Erlöste angesprochen, als Gottes Kinder und Erben seines Reiches – ganz unabhängig davon, wie sie einmal dieses Leben gestalten werden, wie sie ihren Glauben leben und welche Frömmigkeitsform sie für sich finden. Freilich wünschen wir uns, dass sie ihr Leben nach Gottes Willen führen – aber die Taufe gilt ohne Vorbehalte und nicht auf Widerruf, sie behält ihre Gültigkeit und sie hat ihr Recht um eben dieses Jesus Christus willen, der uns angenommen hat zu Gottes Lob, bedingungslos und so wie wir sind.

So deutet sich Paulus die Lösung des römischen Streits vom Christusgeschehen her. Aber er belässt es nicht beim Appell, er will überzeugen, und deshalb zitiert er die Heilige Schrift, um die judenchristliche Seite für seine Argumente zu gewinnen:

«Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!» steht im 5. Buch Mose 32,43, also in der Tora

Jesaja 11,10 – «Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.» – dieser Vers repräsentiert die Nebiim, also die Schriften der Propheten.

«Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.» und «Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!» schließlich stammen aus dem Psalter, aus Psalm 18,20 bzw. Psalm 117,1, und gehören zu den Ketubim, den Weisheits- und Lehrschriften des Alten Testaments.

Dass der Apostel diese Schriftzitate alle aus der Septuaginta übernimmt, zeigt, wie sehr er beiden Gemeindeteilen gerecht werden möchte, denn diese griechische Übersetzung der Heiligen Schrift war auch denen zugänglich, die des Hebräischen nicht mächtig waren – Griechisch war damals die Weltsprache, so wie für euch KonfirmandInnen heute Englisch ganz selbstverständlich ist. Dabei erzielt Paulus mit seinen Beispielen vor allem ein Ergebnis, nämlich dass die ganze damals akzeptierte Heilige Schrift einmütig erklärt: Alle Menschen auf der Erde, auch alle Heiden, werden zum Gottesvolk gehören, gleichberechtigt mit den Juden, wenn der Menschensohn erscheint! Christus, der Messias Gottes, hat die römischen Christinnen und Christen allesamt „angenommen“, hat allen zum Frieden mit Gott verholfen und sie so beauftragt, einander auch gegenseitig zu akzeptieren und gelten zu lassen. Dem irdischen Jesus ist einmal durch pharisäische Gegner der Vorwurf gemacht worden: „Der da nimmt die Sünder an und ißt gemeinsam mit ihnen!“ Jetzt fasst der ehemalige Pharisäer Paulus eben diese Anschuldigung ganz positiv und sieht gerade darin die Quintessenz des versöhnenden Handelns Jesu. Darauf kann die Gemeinde eigentlich nur mit Loben antworten und so den Lobgesang des kommenden Gottesreiches vorwegnehmen! –

Dem Jesajazitat in unserem Predigttext haben wir es, nebenbei bemerkt, zu verdanken, dass dieser Abschnitt aus dem Römerbrief dem heutigen dritten Adventssonntag zugeordnet wurde: «Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.» Der, der damals angekündigt wurde, der ist ja gekommen, der hat seine Herrschaft ja angetreten und der wird wiederkommen; damit hat die Gemeinde in Rom, die in der Naherwartung lebte, täglich gerechnet.

Zunächst aber steht den Römern eine andere Ankunft bevor, die des Paulus in Rom nämlich, jedoch ganz anders, als es vom Apostel beabsichtigt und geplant gewesen ist. Er kommt nicht als freier Mann an, sondern als Gefangener, nach einer elend langen Reise mit Unterbrechungen und Hindernissen. Auf seinen Prozess soll er in Rom warten, und aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass er bis zu seiner Hinrichtung noch mindestens zwei Jahre in der Hauptstadt am Tiber verbracht hat – wohl nicht ganz unbehelligt, aber immerhin unter erträglichen Bedingungen: er durfte Besuch empfangen, auch kleinere Versammlungen abhalten, er predigte, lehrte und schrieb Briefe an die Gemeinden in Kleinasien – kurzum, er tat alles, was damals zur Gemeindeleitung dazugehörte. Und die Gemeinde in Rom hat nun ihn angenommen, diesen nicht ganz pflegeleichten, aber von Christus ergriffenen Prediger des Evangeliums. Und wir können uns vorstellen, dass es beide nicht immer ganz leicht miteinander hatten, die Gemeinde und ihr „Pfarrer“ Paulus, aber wir wissen aus der Geschichte, dass es der Kirche gut getan hat, einen Paulus gehabt zu haben, der so unnachgiebig war, wenn es um die Freiheit der Christen ging, und doch so versöhnend darum werben konnte, von allen Seiten verstanden und angenommen zu werden.

Als „Starker“ im Glauben hat Paulus dort in Rom seine Schwächen zeigen dürfen und ist gestärkt worden in allen gesundheitlichen Problemen, finanziellen Nöten und in den Fragen des schwebenden Gerichtsverfahrens gegen ihn. Als „Schwacher“ hat er andere gestärkt durch die Macht seiner Predigt in der Vollmacht des Heiligen Geistes und durch den steten Hinweis auf die Wiederkunft Christi, der auch wir entgegensehen in allen unseren Stärken und unserer Schwachheit, und auf die wir uns in diesen Tagen des Advent besonders vorbereiten wollen.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes.

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