Eine Frage der Dankbarkeit

Liebe Gemeinde,

heute am 3. Advent steht Weihnachten kurz bevor. Mein Weihnachtsfahrplan steht. Ich weiß, was ich wann tun muss. Die Geschenke sind besorgt. Das Essen ist geplant. Die Zeiten für die Vorbereitung der Gottesdienste auch. Die einzige noch offene Frage ist, wie wird es mit den Menschen werden, denen ich an Weihnachten begegnen werde, und die ich zum Teil sehr selten sehe? Wie wird es mit meinen Eltern, wie mit meinen Geschwistern und den Geschwistern meines Mannes und ihren Ehepartnern und Kindern sein? Um für diese Frage die richtige Einstellung zu bekommen, dazu hilft mir der Predigttext des heutigen Sonntags. Er steht im Brief des Paulus an die Gemeinde in Röm 15,4-13:

[TEXT]

Zu Paulus Zeiten gab es nicht nur in der Gemeinde in Rom sondern in der ganzen Christenheit eine Grundsatzfrage. Die lautete: Wie kann die christliche Gemeinde zusammen leben, wo die Menschen dort aus so unterschiedlichen Erfahrungen und Hoffnungen kommen. Es gab Spannungen zwischen Juden und Nichtjuden, über die Frage, ob Heiden erst Juden werden müssen, um Christen sein zu können. Diese Spannungen führten in manchen Gemeinden bis zur Zerreißprobe. In dieser Zerreißprobe ermahnt Paulus beide Seiten: „Seid einmütig und einträchtig gesinnt. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Und dann beweist er aus der heiligen Schrift unserem Alten Testament, dass beide Gruppen gleich wichtig sind.

Die Situation in unserer Gemeinde heute ist mit der des Paulus damals durchaus vergleichbar. Auch bei uns kommen Menschen zusammen, die sehr unterschiedliche Erfahrungen und Hoffnungen haben. Auch in der evangelischen Kirchengemeinde Messel leben Menschen zusammen, die mehr oder weniger Einkommen haben, die unterschiedliche Ausbildungen haben, die schon immer in Messel gewohnt haben oder neu zugezogen sind. Und es kommen hier Menschen zusammen, die verschiedene Vorstellungen darüber haben, was im Leben wichtig ist und wie sie ihr Leben gestalten wollen. Paulus könnte durchaus auch zu uns gesagt haben: „Seid einmütig und einträchtig gesinnt. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Und wenn ich das zu mir gesagt höre, dann seufze ich erst einmal auf. Jemand anders annehmen, wie Christus mich angenommen hat, um damit Gott zu loben, das finde ich richtig schwer.

Wie kann das gehen? Vielleicht so: Ich möchte Sie mitnehmen auf eine Phantasiereise. Ich bitte setzten Sie sich entspannt in die Bank, (soweit die Bank das zulässt) lassen Sie ihre Schultern fallen, wenn Sie möchten schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich eine Person vor, die Sie nicht besonders gut leiden können mit der Sie ernsthaft Schwierigkeiten haben. Stellen Sie sich vor, wie es sein wird, wenn Sie dieser Person das nächste Mal begegnen. Was wird sie tun? Was wird sie sagen? Was davon geht ihnen besonders auf die Nerven? Worüber werden Sie sich ärgern? Sie haben gute Gründe, diese Person nicht leiden zu können. Diese Person ist wirklich unannehmbar. Es gibt Eigenschaften und Verhaltensweisen an ihr, die Sie anstrengend finden und die Sie wirklich nicht akzeptieren können. Lassen Sie nun diese Person stehen oder sitzen und gehen Sie weg aus der Begegnung. Konzentrieren Sie sich nun auf sich selbst und fragen Sie sich wie ist das mit mir? Welche meiner Eigenschaften und Verhaltensweisen sind für andere schwer auszuhalten? Versuchen Sie sich zu erinnern: Hat sich jemand, der Ihnen nahe steht, schon einmal über etwas beschwert, was Sie getan oder gesagt haben? Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal etwas getan, gedacht oder gesagt, was Sie ganz und gar nicht akzeptabel finden? Falls Sie eine dieser Fragen für sich mit ja beantworten können, was bedeutet es für Sie, dass (wie Paulus es im Römerbrief formuliert): Christus Sie angenommen hat. Dass Christus aushält, was an ihnen schwer auszuhalten ist, dass Christus egal, was Sie schon gedacht, gesagt und getan haben, Sie ganz und gar akzeptabel findet? Was bedeutet es für Sie, von Christus angenommen und geliebt zu sein?

Und nun stellen Sie sich vor, Sie gehen mit diesem überwältigenden Bewusstsein des eigenen Wertes und des geliebt und akzeptiert Seins und auch dem Wissen dass dieses Geliebt werden nicht in jeder Hinsicht ihr eigenes Verdienst ist, zu dieser Person, die Sie nicht leiden können. Ändert sich etwas? Begegnen Sie ihr jetzt anders? Verabschieden Sie sich von dieser Person. Kommen Sie zurück aus ihrer Vorstellungswelt. Schütteln Sie ein wenig die Arme aus. Öffnen Sie wieder die Augen, wenn Sie sie geschlossen hatten.

Ich weiß nicht, ob Sie sich auf diese Phantasie einlassen konnten und an welchen Stellen Sie mitkommen konnten und an welchen Sie ausgestiegen sind. Ich weiß auch nicht, ob sich in Ihrem Erleben der Person, die schwierig für Sie ist etwas verändert hat oder nicht. Ich habe diese Phantasie vor diesem Gottesdienst an mir selbst ausprobiert und bin zu ein paar spannenden Dingen gekommen: Ich habe nämlich bemerkt, dass ich im Bewusstsein des Geliebt Seins ich mich besser von der für mich schwierigen Person abgrenzen konnte, ich habe ihr einfach nicht erlaubt mich so zu nerven, wie sie das bisher getan hat. Ich habe etwas Abstand von der Person gewonnen und auch etwas Abstand von mir selbst und meinem Genervt sein. Und mit dem Abstand ist dann auch etwas mehr Verständnis gekommen. Und jemand den ich mit etwas Abstand verstehe, den kann ich besser annehmen als jemand, der mit entweder völlig fremd ist oder viel zu nahe ist.

Jedenfalls ist der Schlüssel zu dem Verständnis dies Paulussatzes: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ nicht der Anfang, die moralische Aufforderung: „Nehmt einander an!“ Sondern der Schlüssel zum Verständnis dieses Satzes ist der zweite Teil „wie Christus euch angenommen hat zum Lob Gottes“. Es ist und bleibt schwer, jemanden anzunehmen, der einem nicht liegt. Und es ist auch wichtig, dass wir nicht so tun als gäbe es das nicht, als würden wir mit allen Menschen gleichmäßig supergut auskommen. So ist es leider nicht. Jemand anzunehmen, der sich genauso benimmt wie ich es an mir nicht leiden kann, oder jemand anzunehmen, der so verschieden von mir ist, dass ich ihn kaum verstehen kann, ja das ist schwer. Aber es ist eine lohnende Aufgabe. Und sie wird lösbar, wenn ich sie mit dem Bewusstsein angehe, dass ich so grundsätzlich anders als diese Person auch nicht bin. Auch ich bin darauf angewiesen, dass Christus und dass Leute die mit mir zusammen leben oder arbeiten oder von mir unterrichtet werden, mich akzeptieren auch wenn ich Dinge tue, die nicht besonders akzeptabel sind. Ich bin auf Vergebung und auf akzeptiert werden angewiesen. Und es ist einfach eine Frage der Dankbarkeit gegenüber Christus, der mich annimmt, dass ich auch versuche andere anzunehmen. Mehr nicht. Um so mehr ich mir das klar mache, um so größere Chancen habe ich dass es gelingen kann. Und wenn nicht, na ja das kennen wir alle. Wir haben da zum Glück mehr als einen Versuch. Ich wünsche Ihnen für Ihre Weihnachtsvorbereitung, dass Sie auf eine schöne und friedvolle Zeit mit den Menschen zugehen, mit denen zusammen Sie Weihnachten feiern werden.

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