Wer warten kann, bereitet sich auch vor

Liebe Gemeinde,

können Sie noch warten?

Ich habe dieses Plakat aus dem Schaukasten in Bützow genommen. Mitte November hatte ich es hingehängt. Es gehört zur Aktion der evangelischen Kirche „Advent ist im Dezember“, die dazu einlädt, nicht schon Wochen vor dem 1. Advent mit dem Essen von Dominosteinen und Lebkuchen anzufangen, sondern zu warten, bis es wirklich Advent geworden ist.

Wie gesagt, ich habe das Plakat heute herausgenommen. Ich denke aber schon seit einer Woche, seit dem ersten Advent und noch mal mehr seit dem 1. Dezember: „Du musst dieses Plakat rausnehmen, jetzt braucht ja niemand mehr zu warten“. Jetzt brauchen wir nicht mehr zu warten, jetzt ist Advent und Dezember und bald schon Weihnachten. Jeder darf jetzt nach Herzenslust Lebkuchen essen.

Ich bin froh, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, das Plakat herauszunehmen, auch wenn ein Schaukasten immer aktuell sein sollte. Ich bin froh, dass ich jeden Tag mindestens zweimal, auf meinen täglichen Wegen, an diesem Plakat mit dieser Frage vorbeigekommen bin und ich möchte heute mit ihnen über diese Frage nachdenken: Können wir noch warten?

Ich denke, die meisten von uns können gut auf den ersten Advent warten. Wir halten uns zurück und kaufen keine Dominosteine im September, wir bremsen die ungeduldigen Kinder und beobachten alle verfrühte Weihnachtsdekoration in den Kaufhäusern mit einem Hauch Selbstgefälligkeit, denn wir wissen ja genau, worauf es beim Advent ankommt. Wir holen die Weihnachtsdekoration zum rechten Zeitpunkt aus der Kiste, in der wir sie das Jahr über aufbewahrt haben. In diesem Jahr ist mir allerdings eine gewisse „Adventsroutine“ aufgefallen, bei mir und bei anderen. Selbst die Kinder wissen schon ganz genau, worauf sie warten sollen. „Da hängen dann wieder die Päckchen“ sagt meine Tochter, die Päckchen ihres Adventskalenders, den wir als Eltern in einem gewaltigen Kraftakt von Einkaufen, Einpacken und Aufhängen für beide Kinder hergestellt haben. „Hast du schon geschmückt?“ fragt mich eine – ebenfalls leicht erschöpfte – Mutter. Wir schmücken zwar nicht vor dem ersten Advent, aber ob wir die „Adventsroutine“ nun zum richtigen oder zum verfrühten Zeitpunkt abspulen, ist ja eigentlich auch egal. Können wir noch warten? Oder ist Advent und Weihnachten die Zeit, in der wir uns hauptsächlich davor fürchten, Er-Wartungen anderer zu enttäuschen? Erwartungen der Kinder, der ganzen Familie, nicht zuletzt der Kirchengemeinde? Können wir noch warten?

Heute ist der zweite Advent und am zweiten Advent denken wir in der Tradition unserer Kirche an den anderen zweiten Advent, an das zweite Kommen Gottes in unsere Welt. Der erste Advent liegt in zweifacher Hinsicht hinter uns: Es war der letzte Sonntag, es ist die Geburt Jesu der erste Advent, die erste Ankunft Gottes in unserer Welt gewesen.

Der zweite Advent, auf den wir warten, ist die Wiederkunft Jesu Christi, wie wir sie im Glaubensbekenntnis formulieren: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen …“ Gott kommt wieder in unsere Welt, aber warten wir darauf tatsächlich noch?

„Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“

Das ist keine Beschreibung der Situation im Osten Deutschlands nach 40 Jahren verordneter Gottlosigkeit, der Situation in einer der am meisten säkularisierten und entkirchlichten Regionen der Welt. Es ist die Erfahrung, die Gottes geliebtes und auserwähltes Volk mit seinem Gott macht. Der Himmel über ihnen scheint geschlossen zu sein. Keine Spur von ihrem Gott, der im Himmel wohnt und von dort aus regiert. Er zeigt sich nicht, der Himmel bleibt zu.

Gottes geliebtes Volk lebt unter einem geschlossenen Himmel. Es gibt keine Verbindung zu ihm, nichts mehr, worauf sie sich berufen könnten.

Selbst ihre große Tradition, die lebendige Erfahrung, die ihre Väter und Mütter mit Gott gemacht haben, haben für sie keine Bedeutung mehr. „Abraham weiß von uns nichts und Israel kennt uns nicht“. Wir sitzen hier und der Himmel ist zu, Gott lässt sich nicht blicken. Eine Erfahrung, in der wir uns wieder finden können. Es gibt drei verschiedene Wege, mit der Erfahrung des geschlossenen Himmels umzugehen, die gleichzeitig etwas über unsere Fähigkeit zu warten sagen.

Der erste Weg: Unter einem geschlossenen Himmel leben und werden wie Leute, über die Gottes Name nie genannt wurde. Wir sind hier im Osten Deutschlands umgeben von solchen Menschen. Gottes Name ist über ihnen nie genannt worden, wie es bei der Taufe für jeden Menschen geschieht. In ihnen ist keine Erwartung mehr. Nicht die Erwartung, daß vor dem Beginn ihres Lebens oder nach dem Ende ihres Lebens etwas da war und da sein wird, die Erwartung, dass sie aus guten Händen kommen und in gute Hände zurückgehen.

Auch nicht die Erwartung, dass sich irgendwie und irgendwann das große Ganze, der Zusammenhang und der Sinn über alle Unfertigkeiten und Bruchstücke diesen Lebens hinweg zeigen wird. Das ganze Leben, diese kurze Spanne zwischen Geburt und Tod, spielt sich unter einem geschlossenen Himmel ab. Niemand blickt auf. Niemand wartet. Dem Leben fehlt Spannung und damit auch die Kraft, etwas zu verändern. Ich bin überzeugt, dass die fehlende Kraft, die fehlenden Visionen in unserer Umgebung auch etwas mit dem geschlossenen Himmel und der Unfähigkeit, noch etwas erwarten zu können, zu tun haben.

Der zweite Weg, mit dem geschlossenen Himmel umzugehen, das scheint unser Weg zu sein.

Wir glauben als Christen, dass sich der Himmel schon einmal geöffnet hat, dass Gott in Jesus Christus zu uns gekommen ist. Daran erinnern wir uns gerne, besonders in der Adventszeit. Aber vorher und nachher und manchmal auch mitten im Advent leben wir doch weiter so, als hätte sich der Himmel wieder geschlossen und wir wären alleine zurückgeblieben.

Wir wissen zwar nun genauer, wie Gott ist und was er für uns tut und von uns will, aber wir leben so, als hätte Gott sich uns einmal gezeigt und sich dann wieder in den Himmel zurückgezogen. Die Erwartung eines zweiten Advents, die Erwartung der Wiederkunft Christi gehört nicht zu den Fragen unseres Glaubens, die uns am meisten beschäftigen. Auch die Theologen haben sich an diesem Punkt auffällig zurückgehalten, die Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen wird nur sehr zögerlich behandelt. „Das eschatologische Büro ist meist geschlossen“ hat ein berühmter Theologe einmal gesagt. Dabei beobachten wir, dass Glaubensgemeinschaften, die sich ausdrücklich mit dieser Frage beschäftigen, wie etwa die Zeugen Jehovas, Menschen anziehen.

Wir warten noch, wir wissen um die Bedeutung des Advents und die Spannung, die das Warten-Können mit sich bringt, aber auch uns fällt es schwer, über Weihnachten hinaus zu warten. Manchmal geht es uns noch schlechter als denen, für die sich der Himmel noch nie geöffnet hat, weil wir wissen, was Gott für seine Menschen möchte und wir gleichzeitig sehen und spüren, wie wenig davon Wirklichkeit geworden ist. Dass Gott sich uns nicht zeigt, wir seine Macht nicht erfahren, macht uns natürlich mehr zu schaffen als denen, die gar nichts mehr erwarten oder noch nie erwartet haben. Der geschlossene Himmel ist eine Anfechtung für unseren Glauben und wir können nicht ewig von der Erinnerung an den einmal geöffneten Himmel leben.

Der dritte Weg, unter dem geschlossenen Himmel zu leben, ist der Weg, den Gottes Volk geht. Sie unterscheiden sich in ihren Erfahrungen nicht von uns, im Gegenteil, es geht ihnen äußerlich noch viel schlechter: Sie haben alles verloren, sie sind entwurzelt, vertrieben, haben ihre Heimat verloren und sitzen in der Fremde als politische Gefangene.

Aber sie unterscheiden sich von uns darin, dass sie warten können, daß sie dem geschlossenen Himmel zum Trotz von Gott etwas erwarten. Sie rufen ihn, sie liegen Gott in den Ohren: Schau herunter vom Himmel, zeig dich uns, Gott, mit deiner Leidenschaft und Macht.

Sie machen Gott verantwortlich für ihre Entfremdung von Gott: „Warum lässt du uns abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?“

Es ist ein intensives Gespräch mit Gott, sie bitten ihn, sie beschweren sich bei ihm, sie erinnern ihn an das, was er schon für sie getan hat, wohl wissend, dass sie davon nicht ewig leben können.

Sie erwarten von Gott, dass er kommt und den Himmel öffnet, weil sie wissen, dass wir Menschen von unserer Seite aus den Himmel nicht aufreißen können, so sehr wir es auch versuchen mögen. Sie warten darauf, dass Gott handelt, mit ihrer ganzen Kraft. Sie können warten, von Gott etwas erwarten und dieses Warten verändert ihr Leben.

Wenn wir so warten könnten, so auf Gott warten könnten, würde sich auch unser Leben verändern. Keine „Adventsroutine“ mehr, sondern gespannte Erwartung auf Gott, der in Jesus Christus zu uns gekommen ist und wiederkommen wird.

Seit Jesus Christus wissen wir sehr genau, was Gott von uns erwartet. Auch im neuen Testament gibt es genügend Vorausblicke auf das Wiederkommen Christi, auf sein Gericht über das, was wir getan und nicht getan haben, nur blenden wir sie gerne aus, weil wir es unter dem geschlossenen Himmel eigentlich ganz gemütlich gemacht haben.

Wir regen uns auf über Menschen, die zu früh Lebkuchen kaufen, aber unsere eigene Sattheit und Zufriedenheit fällt uns dabei gar nicht mehr auf. Aber Gott, auf den wir warten, erwartet etwas von uns. Daraus bekommt unser Leben Spannung, unsern Handeln einen Sinn und auch mit unseren ungelösten Fragen können wir uns an Gott wenden, in der Hoffnung, dass es bei ihm Antworten gibt, auch wenn keiner jetzt schon die Antworten kennt.

Für den zweiten Advent Gottes gilt genau das gleiche wie für die Adventszeit: Wer warten kann, bereitet sich auch vor. Gottes Willen tun ist wichtiger als Sterne ausschneiden und Plätzchen backen und verändert das Leben nicht nur in den kurzen Wochen vor Weihnachten.

Advent ist nicht nur im Dezember, „Advent ist immer“ (Ernst Bloch). Wer warten kann, lebt sein Leben nicht nur im Blick zurück und nach vorne und vor die eigenen Füße, sondern im Blick auf den offenen Himmel. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ (Lk 21, 28).

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