Warum schaut Gott weg?

Liebe Gemeinde,

letzte Woche sind wir über den Bautzener Weihnachtsmarkt gebummelt. Es ist ja noch einer der Schönsten, wenn man das von Weihnachtsmärkten in unserer Region überhaupt noch sagen kann. Allein das Ambiente der Altstadt macht etwas her und wir sind einfach hin und her gelaufen. Und je mehr wir das taten, desto mehr fiel uns auf, dass sehr viele Menschen gleichgültig gelassen, traurig zwischen den Buden hin und her liefen. Dabei war es nicht der Erschöpfung am 4.Advent, es war ja gerade erst erster Advent, wo die Stimmung noch ganz frisch sein müsste. Freilich, auf der Bühne des MDR trällerten ein paar Volksmusikanten alles mögliche, nur keine Adventslieder, aber nicht einmal das machte Freude.

Hat das etwa etwas damit zu tun, was vor rund 2500 Jahren die Menschen gerufen, geschrien, gebetet haben.

Es ist ein Gebet, wie wir es gar nicht laut sagen würden, eine Klage, wie sie heftiger nicht ausfallen könnte. Nichts davon, dass Gott kommt, das Licht kommt, die Freude kommt, eher ist es die Feststellung – Gott ist weg. Er muß sich rumgedreht haben. Es muß ihm völlig egal sein, wie es uns geht. Und er kriegt noch ordentlich was aufgeladen: warum hast Du es denn zugelassen, dass wir uns abgewendet haben, warum machst du denn mit, dass keiner mehr nach dir fragt.

Da sind die Menschen in einem ganz schönen Zwiespalt. Sie merken, es geht uns nicht gut. Sie merken auch, das hat etwas mit unserer Beziehung zu Gott zu tun, die auf dem Nullpunkt ist. Und dann machen sie das, was Menschen immer machen: Gott ist schuld. Warum hat er denn zugeschaut, als wir in unser Elend gelaufen sind. Ich denke so an die Kirchlichkeit in Deutschland, wie die Stück um Stück über 50 Jahre hinweg abgenommen hat. Nicht nur, dass wir weniger geworden sind, sondern dass auch christliche Ethik, Moral, Auffassungen kaum noch etwas gelten. Gleich neben dem Weihnachtsmarkt ist ja das Kornmarkt-Center, das große Einkaufszentrum. Natürlich müssen die Geschäfte offen sein am Sonntag. Und eine Verkäuferin erzählte uns, dass sie einen ganzen Sonntag die Zeit dort totschlagen musste und nicht einen einzigen Kunden hatte. Und auch andere, ich habe extra gefragt, fanden, gemessen am Umsatz, die Zeit vertan. Und zu Hause warten Familien, Kinder, oder einfach nur ein gemütlicher Tisch. Wie viel Elend wird auf uns zukommen, wenn Gott nirgendwo mehr ernst genommen wird? Aber warum lässt das Gott zu? Warum schaut er weg, wenn wir Menschen ein Ding nach dem anderen verderben? Warum lässt er uns von einem guten Weg abweichen? Der Text gibt keine Antwort. Die müssen wir selber finden. Wir können nur einstimmen in diesen Ruf: Gott, reiß doch den Himmel auf. So sehr, dass die Berge erbeben. Das ist wohl wahr. Es muss wohl erst ganz schön rumpeln, ehe wir zur Besinnung kommen. Gott, dreh dich rum und komme wieder zu uns.

Vielleicht ist das auch ein Weg für uns. Ein Weg, der ja leichter sein müßte, als bei den Menschen damals. Denn zwischen den Menschen von damals und uns liegt Weihnachten. Wo Gott nichts anderes aufgemacht, als den Himmel aufzureißen. Die Berge haben damals nicht gezittert, allenfalls eine junge Mutter um ihr Neugeborenes. Aber 30 Jahre später ging da und dort der Himmel auf, so hat es Jesus sogar gesagt: wo ich bin, ist ein Stück Himmel. Näher konnte Gott nicht kommen. Und er hat eine ganze Menge Verhaltensregeln mitgebracht, eine Ethik sozusagen. Es kann also keiner sagen, er wüsste nicht, wie es geht. Es kann keiner sagen, Gott hätte sich entfernt. Es ist nur eins geblieben. Die Freiheit von uns Menschen, uns zu entscheiden. Uns richtig von Gott abzuwenden oder mit ihm zu leben. Kürzlich waren in der Sächsischen Zeitung Stimmen von Menschen aus unserer Region zu lesen zur Öffnung der Geschäfte im Advent. Alle fanden es gut, eine junge Frau kommt sogar beim Einkaufen erst richtig in Stimmung. Und ich vermute, es sind die gleichen Leute, die eine Woche später klagen würden, wenn sie nach der Adventsstimmung befragt würden und dabei über die Hektik klagen. Was eben noch wie der Himmel auf Erden aussieht, hat sich sehr schnell verwandelt. Denn das wir mal sonntags Ruhe hatten, ist ja nicht altmodisch und überholt, es ist eine, ich möchte sagen, von Gott in uns gelegte genetische Notwendigkeit. Vielleicht sogar dreht sich Gott darum manchmal weg, weil er es nicht mehr sehen kann, was wir mit uns anstellen. Und dann hilft wohl oft nur der Schrei: Gott, reiß den Himmel auf. Und ich bin mir sicher, wenn wir so weit sind, er tuts. Allerdings werden wir noch viel lernen müssen, wie sehr unser Leben und unser Wohlergehen zusammen hängt mit unserer Beziehung zu Gott. Wenn wir das begreifen, wird es uns an vielen Stellen wieder besser gehen.

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