Halte zu uns, Gott!

Liebe Adventsgemeinde am 2. Advent,

der Weihnachtsmarkt und der 1. Advent liegen hinter uns. Die Adventskalender wurden begonnen. Die Kinder sind voller Vorfreude auf all die Geschenke und gleichzeitig ungeduldig. Sie müssen sich im Warten üben, bis das Türchen mit der Nummer 24 geöffnet werden darf. Immerhin gibt es übermorgen schon den Nikolaus, ein kleiner Vorgeschmack auf Weihnachten. Allmählich kommt Weihnachten immer näher. Die Hälfte der Kerzen am Adventskranz brennt schon. Die Frage der Geschenke und wer mit wem wann Weihnachten feiert, muss allmählich geklärt werden.

Gleichzeitig wollen wir uns innerlich auf das Fest des Friedens einstellen. Denn all das Vorbereiten hilft uns ja – uns innerlich darauf einzustellen, dass wir wieder Kinder sein dürfen. Tief in unseren Herzen sind wir Kinder Gottes. Wir warten darauf, dass das göttliche Kind, Jesus, in uns geboren werden kann, damit wir menschlicher, sanfter und friedlicher werden. Damit wird auch unsere ganze Umgebung menschlicher, sanfter und friedlicher, denn wenn wir uns ändern, ändert sich auch unsere Welt.

Unser Predigttext will uns helfen, uns auf Weihnachten, das Fest des Friedens einzustimmen. Ich lese Jesaja 63,15-64,3:

[TEXT]

Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab! Ein tiefer Seufzer ist das. Ein geplagtes Volk hofft auf Erlösung. Wenn du doch endlich kommen würdest, Gott. Wir wissen, du würdest uns wohl tun und unsere Feinde müssten zittern. Wir wissen, dass du die Macht hast. Zeig sie doch endlich und ändere unsere Situation. Wir haben viel Wohlstand und sind doch unglücklich. Wir haben Angst davor, dass wir wirtschaftlich abstürzen. Wir tun das Gute nicht. Nicht nur bei Pisa und beim Fußball sehen wir schlecht aus. Komm doch wieder zu uns, Gott!

Manchmal wirkt es nicht, als würde der Himmel zerrissen, damit der wohltuende Gott kommt. Manchmal wirkt es, als würden unsere Probleme uns zerreißen. Kennen Sie das: Sie fühlen sich völlig hilflos und ohnmächtig. Die Probleme wachsen Ihnen über den Kopf. In Ihnen ist Wut, aber die steigert nur die Verwirrung. Es ist wie eine Zerreißprobe. Sie wissen nicht, in welche Richtung Sie gehen sollen. Ein Teil von Ihnen will wütend werden – aber Sie haben oft genug die Erfahrung gemacht, dass Wut nicht weiterhilft. Ein Teil von Ihnen will nur noch den Kopf in den Sand stecken. Einfach die Decke über den Kopf ziehen und am besten nicht mehr aufstehen. Aber Sie wissen: das hilft nicht weiter. Sie würden gerne das Problem zerreißen wie ein altes Stück Stoff – aber es ist nicht so einfach zu handhaben. Es ist wie eine tiefe Erschütterung, in der ich stecke. Es ist, als ob die Erde bebt. Meine alten Sicherheiten zerbröseln. Eben noch schien alles in Ordnung zu sein und dann – eine Nachricht später, ein Streit weiter, ein Glas zuviel, eine Kreditaufnahme zuviel, eine 5 zuviel, eine Kürzungsrunde später – plötzlich ist alle Ruhe, alle Sicherheit, alle Harmonie – dahin. Und was jetzt. Hilflos und ratlos stehe ich da, und weiß nicht weiter.

Erschütterung. Und nicht nur wenn wir persönliche Krisen durchleben müssen werden wir erschüttert. Auch wir als Gesellschaft leben in einer Zeit der Erschütterungen. Nehmen wir die erschreckende Nachricht wahr, dass als Folge der Erderwärmung der Golfstrom seit 1998 um ein Drittel geringer und gleichzeitig langsamer geworden ist. Das beschert uns kältere Winter. Und es bringt unsere Welt in Unordnung. Und das, wo wir schon mit den viel kleineren Problemen wie Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit, schlechten Schulen, mangelnden Lehrstellen und überlaufenen Unis nicht gut zurechtkommen.

Vielleicht steht am Anfang einer sinnvollen Änderung das Erschrecken. Die Probleme zerreißen uns. Und es hilft nicht weiter, unsere Wut zu äußern über das, was schlecht läuft. Niemandem ist mit Politikerbeschimpfung gedient. Und die Haltung „Nach uns die Sintflut“ kann für Christen keine Möglichkeit sein. Es geht ja den Menschen nicht wirklich gut, die bewusst die Augen verschließen und möglichst viel mit ihrem Geländewagen und Bleifuß durch die Gegend fahren.

Vielleicht müssen wir erst erschüttert werden, um aus der Lähmung und Resignation heraus zu kommen. Vielleicht müssen wir erst erschrecken über uns selbst. Es ist nicht damit getan, dass wir nur andere verantwortlich machen.

Auch Advent ist eine solche Zeit der Erschütterung. Dass mich die Probleme zerreißen – vielleicht macht es mich offen für den Gott, der den Himmel zerreißt, um uns Menschen zu erreichen mit seiner großen, herzlichen Barmherzigkeit. Ich kann leider Weihnachten, das friedliche Kind in der Krippe, das als göttliches Kind Friede auf Erden bedeutet, nicht einfach so haben. Und mit einer schlechten Vorbereitung kann Weihnachten nur schlecht wirken. Die Erschütterung bringt mich dazu, Dinge neu zu sortieren. Der erste Schritt, ist die Probleme einzeln anzusehen, und dann Schritt für Schritt die Hilfe zu finden, die nötig ist. Manchmal hilft dazu ein Gesprächspartner, um das was mich überwältigt hat in Worte zu fassen. Dann kann ich den Berg von Schwierigkeiten in einzelne kleine Häufchen sortieren. Und ich kann ihn nach und nach bewältigen. Ich kann mich konzentrieren und einen Teil auch erst mal liegen lassen. Ich kann im Gebet manches abgeben und den Mut und die Energie bekommen auch manches anzugehen. Dazu hilft auch, sich zu erinnern. Früher mal da hat Gott mir geholfen. Früher mal das habe ich es noch geschafft. Die Erinnerung macht mir Mut. Außerdem entdecke ich vielleicht, wie ich mein Problem früher schon einmal gelöst habe. Dann kann ich daraus lernen, wie ich das heute hinkriege. Und ich beginne zu hoffen, dass es Rettung gibt, dass die Dinge wieder besser werden können. Wenn ich die Dinge, die mich belasten Gott anvertraue, dann wechsle ich den Blick darauf. Ich sehe die Dinge aus größerem Abstand wie ja auch Gott die Dinge aus größerem Abstand sieht. Und schon davon wird manches Problem kleiner. Die Erschütterung des Advents tut uns gut. Es ist hilfreich, dass wir uns vom kommenden Gott erschüttern lassen. Es nützt uns auf Gott zu warten und uns auf sein Kommen vorzubereiten.

An den Kindern können wir sehen, dass die Zeit der Erwartung und Vorbereitung wichtig ist. Den Kindern fällt es schwer zu warten. Der Wunschzettel ist geschrieben. Und dann 24 Türchen. Jeden Tag nur eins. Das dauert. Von den Kindern können wir lernen uns nach Weihnachten zu sehnen. Wir können an ihnen sehen wie sehr wir die Erlösung brauchen, wie sehr das Fest unsere Seelen beruhigen kann, wenn wir uns vorher auf die Erschütterung eingelassen haben. Jeder hat halt die Vorbereitung, die für sie oder ihn dran ist. Ohne Vorbereitung kann Weihnachten nicht richtig wirken bei den Kindern nicht und bei uns Erwachsenen auch nicht.

Liebe Gemeinde, ich kann nur sagen: beten bereitet uns vor. Dadurch kommt der Gott, der den Himmel zerreißt, in die Probleme, die uns zerreißen. Indem wir bitten, von ganzem Herzen Gott bitten: Komm, Gott, zerreiß den Himmel. Komm in unsere Probleme, in unsere Situation, aber vor allem in unsere Herzen. Verändere uns und heile so die Welt. Komm, mit deiner großen, herzlichen Barmherzigkeit. Wenn wir so voll Hunger bitten – dann wird unser Hunger gestillt werden. Wenn wir so voll Durst flehen – dann wird unser Durst gestillt werden. Die Bibel ist voll von dieser Verheißung, voll von diesem Versprechen. Und die Erfahrung von Christinnen und Christen in aller Welt und zu allen Zeiten spricht dafür. Und auch ich selbst und viele mit denen ich gesprochen habe, haben das erlebt. Deshalb lassen Sie uns von ganzem Herzen singen: O Heiland reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.

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