Tag ist nicht ohne Nacht

Liebe Gemeinde!

Jetzt sind sie wieder im vollen Gange: Die Weihnachtsmärkte und Weihnachtsfeiern (eigentlich ja Adventsfeiern), die Lichterketten an Bäumen, Laternen und Fenstern, die Glühweinstände die fröhliche Weihnachtsmusik in Kaufhäusern und Supermärkten. Die Adventszeit ist eine fröhliche und stimmungsvolle Zeit geworden, hell und mit viel Licht.

Und doch haben wir eben die ersten drei Strophen eines sehr ernsten Adventsliedes gesungen, dass Jochen Klepper in dunkler Zeit 1938 verfasst hat. In diesem Lied gibt es den Tag nicht ohne die Nacht, das Frohsein nicht ohne die Tränen, die Erlösung nicht ohne die Schuld.

Und so gibt es den Advent für viele Menschen auch nicht ohne die dunklen Seiten, obwohl der Advent in den Innenstädten und auf den Weihnachtsmärkten so eine helle, freundliche und stimmungsvolle Seite bekommen hat. Nicht für alle ist der Advent eine Zeit der Vorfreude. Ich denke da z.B. an trauernde Menschen die in diesem Jahr zum ersten mal Weihnachten feiern müssen ohne einen geliebten Menschen. Oder an die Menschen, die im Streit mit ihrer Familie liegen, bei denen Versöhnung in weiter Ferne liegt und die nun mit Schrecken an das „Fest der Liebe“ denken. Ich denke an die Menschen, die gerade erst von einer schweren Krankheit erfahren haben und nicht wissen wie es weitergeht. Oder an die Menschen, die allein sind und denen ihre Einsamkeit besonders an Weihnachten schmerzhaft bewusst wird – alle Jahre wieder. Oder an die Menschen, die unzufrieden sind mit sich selbst und ihrem Leben und nicht wissen, wie sie sich oder andere annehmen können… Diese Reihe könnte fortgesetzt werden und sie zeigt: Nicht für alle Menschen ist der Advent eine Zeit der frohen Erwartung. Vielleicht fällt die innere, seelische Dunkelheit in dieser Zeit auch deswegen mehr ins Gewicht, weil es äußerlich überall so hell und strahlend ist.

Advent kann dann auch zu einer Zeit verzweifelten Wartens werden, darauf dass sich etwas ändert, dass Leben neu wird, dass die Nacht schwindet und insofern kann Advent, das Warten auf die Erlösung zu jeder Zeit im Jahr sein, zu jeder Zeit im Leben eines Menschen.

Um die Klage von Menschen, die in genauso einer, manchmal verzweifelten Situation sind, geht es heute im Predigttext. Da klagen Menschen, die ihre Heimat verloren haben, ihre Mitte und ihr geistliches Zentrum, die nicht mehr zurecht kommen mit ihrer sie bedrängenden Wirklichkeit. Es sind Menschen, die sich von Gott verlassen fühlen, vom Leben selbst vergessen. Der Prophet Jesaja hat ihnen seine Stimme geliehen und der Ruf in ihrer Klage: Wo ist nun, Gott, deine Macht? ist bis heute nicht verstummt. Es sind die Menschen vom Volk Israel, die verschleppt wurden in ein fremdes Land, die ihre getöteten Freunde und Verwandten zu betrauern haben und die darüber hinaus mit erleben mussten, wie der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Beim Propheten Jesaja ist die Klage darüber, die Gott direkt anspricht, aufgeschrieben: Ich lese uns Jes 63,13-Jes 64,3:

[TEXT]

So, liebe Gemeinde, klagen Menschen, die sich von Gott verlassen fühlen und die dennoch nicht Gott los geworden sind. So klagen Menschen, die in ihrer Klage die Hoffnung nicht völlig aufgegeben haben. Es ist eine Klage die weiterführt, die Gott und dem Leben etwas zutraut, eine Klage die sein muss, die aber nicht beschwichtigt nach dem Motto: „Es wird schon wieder! Kopf hoch! Die Zeit heilt Wunden!“ Auch resigniert diese Klage nicht und sagt: Es ist eben Gottes Wille, das müssen wir so hinnehmen. Und diese Klage erliegt auch nicht der Versuchung das unerklärliche Leid erklären zu wollen, denn das geht nicht. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum, „Warum gerade ich!“, „Warum wir?“ „Warum so schlimm?“ muss vor Gott eine offene Frage bleiben. Niemand kann darauf eine rationale Antwort geben. Und dennoch darf die Klage sein, damals wie heute. Dennoch dürfen wir Gott in den Ohren liegen. Dennoch dürfen wir wissen, dass wir Gott schon längst am Herzen liegen, auch wenn wir das manchmal nicht wahrnehmen können. Dennoch können wir mit Erwartungen leben, dass sich etwas ändert, dass Leben neu wird. In dieser Erwartung drückt sich eine Sehnsucht aus, die unser Leben übersteigt und die ein wirksames Mittel ist gegen Resignation und Aufgabe. So wird die Klage selbst zur Hoffnung und die Nacht trägt schon den neuen Tag in sich. Wie wir Klagen können ohne zu resignieren und ohne bitter zu werden, können wir an der Klage vom Volk Israel lernen.

Da ist zuerst die Bitte. „Sieh dir das an, Gott, schau vom Himmel herab, aus deiner heiligen Wohnung. Zerreis den Himmel und komm zu uns und sorge wieder für Ordnung und Gerechtigkeit. Wende dein Antlitz uns wieder freundlich zu, lass leuchten dein Antlitz über uns.“ Bitten dürfen gehört zum Glauben untrennbar dazu. Bittend verlassen wir uns auf Gott hin und bringen Belastendes vor ihn. Ein Glaube, der nicht (mehr) bittet, traut Gott nichts (mehr) zu. Bitten ist Ausdruck der Hoffnung und der Sehnsucht, dass Gott und sein Reich zu uns kommen, dass Leben neu werden kann.

Und dann steht da die Klage. Sie beschreibt die Situation. Wir haben dich und deine guten Wege, Gott, verlassen, aber warum lässt du das zu? Guck dir das an, wie dein dir bestimmtes Volk vertrieben worden ist und wie dein Heiligtum zerstört wurde. Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Fast schon könnte man meinen, du hättest nie mit uns zu tun gehabt, wir wären nie dein Volk, deine geliebten Geschöpfe gewesen. Diese Klage hat befreiende Kraft. wer so fragt und klagt sucht Orientierung und Wegmarken, an denen sich das Leben neu ausrichten lässt. Wer aber auf das Klagen verzichtet, verzichtet auf den Protest im Namen des Glaubens und lässt sich abspeisen mit Sätzen wie: Das ist eben so! Wer nicht klagt und bittet verharrt in der Nacht und der Dunkelheit seines Leben ohne je die Kraft zu finden, die uns und unsere Vernunft weit übersteigt.

Das dritte Element im Bunde mit Bitte und Klage ist die Erinnerung: „Du Gott bist doch unser Vater, unser Erlöser, so ist von alters her dein Name, du kannst doch Dinge wie Feuer oder Wasser verändern. Wir wissen doch, dass du denen wohl tust, die auf dich harren, die auf dich warten, die Erlösung und Veränderung von dir erwarten.“ Das Volk Israel erinnert Gott und sich selbst an seine Verheißung, an seine Zusage, da zu sein und mit uns zu sein, daran, dass er wie ein guter und liebevoller Vater mit uns umgehen will, dass er unser Erlöser ist. Und das können wir auch: Auch wir können Gott und uns selbst immer wieder daran erinnern, dass wir getauft sind und zu seinem heiligen Volk gehören trotz allem. Wir können ihn und uns an seine früheren Wohltaten und Barmherzigkeit erinnern und an ihn appellieren, sie auf’s Neue zu erweisen, weil er Gott ist, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen.

Bitte, Klage und Erinnerung helfen uns und den Menschen, die ich vorhin erwähnt habe, nicht in der Dunkelheit zu versinken und die Traurigkeit, das Schwere und das Leid unseres Lebens nicht resignativ hinzunehmen. Bitte, Klage und Erinnerung verbinden uns vielmehr mit der Kraft, die unserem Leben Hoffnung gibt – trotz allem. So werden aus Hoffnungslosen und Verzweifelten, Menschen im Advent, Menschen die warten, dass Gott den Himmel zerreist, Menschen, die von Gott etwas erwarten und ihre Hoffnung auch dann noch (oder gerade dann) auf ihn setzen, wenn sie sich von ihm verlassen fühlen und vom Leben betrogen.

Advent: Warten auf Weihnachten, Erwarten, dass Gott sein Versprechen wahr macht und den Himmel zerreist und auf die Erde kommt um Mensch unter uns Menschen zu sein und sein Reich hier bei uns aufzurichten. Advent: Warten und Wissen, dass die Nacht schon im Schwinden ist und ausgespielt hat, dass der Morgenstern in der Krippe von Bethlehem auch meine Angst und Pein, mein Leid und Elend mit Licht, Hoffnung und Kraft erfüllen will. Advent: Warten und erwarten, dass Gott die von ihm Verlassenen wieder zurückholt, ihnen nahe sein will und alle Tränen trocknet.

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