Aus dem Zentrum der Macht strahlt Gesang!

Liebe Konfirmanden, liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Rätsel und Geheimnisse umgeben uns:

– unergründliche Beobachtungen in der Natur wie das Wunder, dass keine Schneeflocke einer anderen gleicht,

– Menschen, die sich aufgrund einer Alters-Demenz vollkommen verändern oder deren Verhalten auf uns rätselhaft wirkt,

– Entwicklungen im Leben, die höher sind als alle Vernunft und die uns eigenartig vorkommen,

– scheinbare Zufälle, seltsame Fügungen bei denen Menschen zusammen kommen, deren Begegnung Weichen stellt. Das ganze Leben erscheint uns manchmal wie ein „Buch mit sieben Siegeln“.

Rätsel und Geheimnisse locken uns. Dabei steckt, denke ich, in uns allen der Wunsch, die Entwicklungen im Leben erklären zu wollen. Wir möchten gern wissen, warum etwas so ist wie es ist. Wir suchen nach Gründen, wozu etwas gut sein soll, was wir als schlecht empfinden oder was uns traurig macht. Wir verzweifeln angesichts mancher widersinniger Entwicklungen, die uns erschrecken lassen. Hätten wir doch immer den entsprechenden Schlüssel für das „Buch mit den sieben Siegeln“.

Rätsel und Geheimnisse umranken uns auch, wenn wir Gottesdienst feiern. Heute morgen kann uns vieles wie ein „Buch mit den sieben Siegeln“ vorkommen: anspruchsvolle Lesungen, verdichteter Glaube in den Kirchenliedern, feierliche Worte, die nicht alltäglich sind: der König der Ehre, Herr Zebaoth, Maranatha.

Hier in der St. Petri-Kirche schaut uns über dem Altar aus dem modernen Ostfenster ein „Buch mit sieben Siegeln“ an. Dieses Kirchenfenster strahlt mit seinen Farben rätselhaft in unsere Gottesdienste und auf alle stillen, betrachtenden Augen. Der heutige Predigttext aus der Offenbarung des Johannes bildet die Vorlage für dieses Ostfenster. Der Seher Johannes, der sich von seiner jüdischen Herkunft her an das Gebot hält: Du sollst dir kein Bildnis machen, der Seher Johannes beschreibt staunend, was ihm in einer bewegenden Vision einleuchtet und woran er mit allen seinen Sinnen teilhaben darf, ein Anfang wie der erste Advent, der Anfang einer Kette von Visionen. Er hat uns kein Bild gemalt. Johannes fasst seine erste Vision in Worte:

„[TEXT]“

Liebe Gemeinde, dieses gewaltige Erlebnis, diese persönliche Erfahrung des Johannes ist die Vorlage für viele Künstler gewesen, die an Kirchenwänden und -Kuppeln Christus als den Allherrscher, den Pantokrator in Bildern, Mosaiken und Ikonen dargestellt haben. Doch alle diese Kunstwerke bilden etwas ab und halten etwas fest, das nicht im Sinne des Sehers Johannes gewesen sein kann. „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist!“ Johannes malt hier kein Bildnis, weil er von dem biblischen Bildnis-Verbot weiß. Das, was er schaut, drängt sich ihm auf. Er hat starke, eindrucksvolle Visionen, die ihm durch Mark und Bein gehen, die sein Inneres in der Tiefe berühren und erschüttern.

Wir sollten uns gleichfalls davor hüten, nun in uns ein festes Bild einzuprägen wie einen Kupferstich. Johannes schaut etwas Lebendiges, eine himmlische Feier, einen himmlischen Gottesdienst, der alle Sinne anspricht und unsere evangelischen Gottesdienste um ein Vielfaches an Feierlichkeit überbietet. Er hört Harfenmusik, es duftet nach Weihrauch. Der Augenblick ist alles. Kein Foto kann diesen wunderbaren Moment festhalten. Was Johannes schaut, braucht unsere ganze Aufmerksamkeit und braucht unsere ungeteilte Wahrnehmung.

Es gibt Texte in der Bibel, die immer wieder gelesen werden wollen, Worte, die immer wieder sorgsam gehört werden müssen, Worte, die „wiedergekäut“ werden müssen, damit einem der ihnen inne wohnende Sinn aufgeht. Ich musste dieses 5. Kapitel der Offenbarung sechs, siebenmal lesen, bevor seine Vision anfing, lebendig zu werden. Diese tiefe Erfahrung, dieser tiefe Einblick in eine andere Welt verändert das Leben. Meine Predigt kann nur einige Gesichtspunkte vertiefen.

Hier können wir das Staunen lernen: es gibt den Himmel, den Ort Gottes wirklich. Was der Prophet Jesaja in ähnlichen Visionen geschaut hat, das offenbart sich nun dem Seher Johannes. Christus hat sich nicht im Nichts aufgelöst. Er lebt. Johannes sieht inmitten einer Schar von Engeln, Ältesten und Heiligen IHN hereinschreiten, in Gestalt eines geopferten Lammes mit einer Schnittwunde am Hals. Diese Visionen trösten und helfen ihm, denn er ist gefangen auf der Insel Patmos, ein Verfolgter, ein Verbannter, ein Gefangener für Christus, der sich auch für ihn aus Liebe hingegeben hat. Und das Wesen mit der Wunde am Hals – das hört sich ungewöhnlich an – dieses Wesen herrscht:

– sieben Hörner krönen das Haupt zum Zeichen allumfassender Herrschaft und Macht,

– mit seinen sieben Augen hat er umsichtig alles im Blick, nichts kann sich vor ihm verbergen,

– dieses Wesen gründet seine Macht nicht auf Gewalt, nicht auf Soldaten. Seine Herrschaft gründet sich in seiner hingebenden Liebe. Auf eine verborgene Weise, die hier offenbart wird, herrscht eine innere Ordnung der Liebe über alle Menschen und alle Wesen.

Diese Worte des Sehers Johannes nehmen uns mit hinein in einen heiligen Raum, den es längst gibt! In diesem Raum herrscht eine Atmosphäre der Ehrfurcht, der Würde und der Anbetung, eine Stimmung des Staunens und der Verantwortung für die ganze Welt. Diese Erfahrung weckt Ehrfurcht vor der Macht Gottes. Wir beugen uns, beten an, gehen in die Knie wie in der katholischen Messe oder wie Jugendliche in Taizé, die voller Demut und Ehrfurcht vor dem verborgenen Lebendigen das Verneigen und Knien und der in Brot und Wein erfahrbaren Gegenwart Christi wieder lernen. Die Visionen des Johannes lassen uns Anteil nehmen an den Feierlichkeiten im Thronsaal Gottes und können unseren Glauben stärken.

Ich spreche immer wieder mit Menschen, die sich einen persönlichen Gott nicht vorstellen können. Kann es denn Liebe ohne eine persönliche Beziehung geben? Hat nicht der Advent den Sinn, dass wir auf die Ankunft eines persönlichen Gottes warten? Hatte nicht Jesus Christus selbst die Vision von den persönlichen Wohnungen im Hause des Vaters? Wie ein Unbeteiligter, der von draußen einem Gottesdienst lauscht, hören wir aus der Vision des Johannes die Gebete der Heiligen und hören den Gesang aus dem Zentrum der Macht. Wir werden mit hineingenommen in diese himmlische Stimmung. Die Grenzen zwischen jenem himmlischen Gottesdienst und unseren bescheidenen Feiern werden fließend. Wie das Lamm würdig ist, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen, und in die ganze Wahrheit führen kann, wie Johannes gewürdigt worden ist, Zeuge dieser himmlischen Feier zu sein, so sind wir würdig, unseren Teil mit unseren Sinnen und unseren Stimmen zu unseren irdischen Gottesdiensten beizutragen.

Diese Gesänge strahlen in die sichtbare Welt und erinnern mich an den gefangenen Dietrich Bonhoeffer, der in seinem berühmten Gedicht von den „guten Mächten“ den unsichtbaren Raum Gottes beschrieben hat: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, / so lass uns hören jenen vollen Klang / der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, / all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Aus dem Zentrum der Macht strahlt Gesang, liebe Gemeinde. Lassen wir uns auf diese Vision und ihren Klang ein. Diese Visionen des Johannes stärken unseren Glauben trotz aller Rätselhaftigkeit. Ein weiteres Beispiel: Ganz in dieser Linie dichtet Novalis in der 7. Hymne seiner Geistlichen Lieder:

„Wenige wissen / Das Geheimnis der Liebe, / Fühlen Unersättlichkeit / Und ewigen Durst.

Des Abendmahls / Göttliche Bedeutung / Ist den irdischen Sinnen Räthsel;

(Aber wer jemals / Von heißen, geliebten Lippen / Athem des Lebens sog,

Wem heilige Gluth / In zitternde Wellen das Herz schmolz, / Wem das Auge aufging,

Daß er des Himmels / Unergründliche Tiefe maß, / Wird essen von seinem Leibe

Und trinken von seinem Blute / Ewiglich.)“

Seine Hymne endet mit der Sehnsucht nach Teilnahme aller Menschen am himmlischen Gottesdienst:

„Hätten die Nüchternen / Einmal gekostet, / Alles verließen sie, / Und setzten sich zu uns

An den Tisch der Sehnsucht, / Der nie leer wird. / Sie erkennten der Liebe / Unendliche Fülle, Und priesen die Nahrung / Von Leib und Blut.“

Lasst uns einstimmen, wenn wir die adventliche Gegenwart Christi in Leib und Blut feiern, in den Gesang, der uns mit dem Zentrum der Macht verbindet: „Die Herzen in die Höhe – Wir erheben sie zum Herren!“

drucken