Reiß die Himmel auf!

Das eben gesungene Lied: 7,1-5 ‚O Heiland reiß die Himmel auf’ ist eigentlich ein flehendes Gebet mit alttestamentlichem Hintergrund. Das Gebet, das Gott selber die Trennung zwischen ihm und seinem Volk aufhebt, eine Verbindung schafft, die uns den Zugang zu ihm erleichtert. Dieses Gebet gründet auf unserem heutigen Predigttext.

Es ist ein Gebet des alten Israels. Es bringt uns nahe, dass wir auch bei aller eigenen Schuld und Verstricktheit in schuldhaften Zusammenhängen etwas erwarten dürfen. In dieser Leidenschaftlichkeit, in der sich das schuldig gewordene Israel an Gott wendet, dürfen auch wir uns an Gott wenden und von ihm etwas erwarten:

[TEXT]

Das Gebet beginnt mit einer Erinnerung an die guten Zeiten, bevor unser Text beginnt. Unser Text ist dann eine Vergegenwärtigung der schlechten Zeiten Israels und über allem und in allem das Glaubensbekenntnis: Gott ist mit uns! Und Gott ist Einzig. Unser Text ist Teil der Wehklage des Volkes wegen der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 587/86 vor Christi Geburt.

Ursprünglich gehört dieses Gebet nicht in den Advent, nicht in die Erwartung, sondern die Zerstörung des Tempels, die Trauer um das Verlorene auch um die eigene Schuld. Daran schließt sich die Bitte: Gott möge herabfahren und alle zur Einsicht und zum Glauben bringen. Hier leidet jemand an Gott – bis zur Grenze des Erträglichen, und ist sich doch gleichzeitige seines Gottes gewiss. Das ist für ihn keine Frage, dass es Gott gibt, dass er es ist, der seine Hand über ihm hält, egal was geschieht. Aber um so drängender die Frage nach der Gewalt in der Welt. Ich erinnere mich da an unsere Bibelstunden, wo immer wieder Menschen sind, die nicht fertig werden mit diesem Gott und doch immer wieder die Nähe seiner Botschaft suchen, sich mit ihr auseinandersetzen, um ihre eigenen Antworten zu finden und so dem Gott der Bibel zu begegnen. Nicht Gott steht in Frage, aber wie ihn verstehen, wie ihm nahe kommen oder ihn nahe kommen lassen, das ist eine Frage, die Menschen umtreibt, eine Frage, die das Warten auf Gott prägen kann.

Da sind Menschen voller Trauer über das, was zerstört am Boden liegt, das historische Jerusalem genauso wie ihre Träume von einem lieben Gott, der niemandem weh tut, und ihre Träume, dass sie das Leben alleine meistern können und keine Hilfe brauchen

Und dann bin ich auf einmal mitten drin im Advent 2005: Ich erlebe den Advent auch als Zeit, in der Menschen am Boden liegen, sich wie gerädert fühlen. Ich erlebe den Advent von Menschen, die sich seelisch und körperlich am Boden fühlen, weil sie mit ihrer Arbeit nicht fertig werden, aber auch weil sie mit ihren persönlichen Lebensumständen, ihrer Einsamkeit oder ihren Konflikten nicht fertig werden.

Viele Menschen erleben einen anderen Advent, als ihn die Medienwelt gerne schön malt. Sie müssen Leistung bringen, dass Weihnachten wird, sie müssen richten und merken gar nicht, dass sie sich selber dabei vergessen. Sie richten die Wohnung, die Tiefkühltruhe, den Vorratsschrank, schmücken das Haus innen und außen und machen Termine für Besuche bei Verwandten und Bekanten. Sie warten auf Weihnachten, aber sie vergessen, dass sie auch warten könnten auf den Herrn der Weihnacht, auf Gott, der Mensch geworden ist für die Menschen und der ihnen versprochen hat, wiederzukommen.

Warum ist Gott den Menschen nicht in den Arm gefallen, als sie anfingen sein Kommen zu missbrauchen für ihre Gefühle, für ihre Geschäfte, für ihre Sehnsucht nach Gemütlichkeit? Warum fällt Gott uns nicht in den Arm, wenn wir nur noch gemütliche stimmungsvolle Feiern veranstalten und uns gegenseitig unter Druck setzen. Warum greift Gott nicht ein, wen in seinem Advent die Einsamen immer einsamer werden? Warum stört uns Gott nicht, wen wir vor lauter Festtagsstress keine Zeit mehr haben einander wahr zu nehmen als Menschen, die Hilfe brauchen, als Menschen, die sich nach Zuwendung sehnen?

Es gibt einen ‚gefühlten’ Abstand zwischen Gott und den Menschen, den die Menschen seit alten Zeiten versuchten zu überbrücken, indem sie einen Turm bauten, ein goldenes Kalb, einen Tempel, hohe Kathedralen. Das Lied vom Heiland, der die Himmel aufreißen lassen soll, ist ein Gegenbild. Es ist ein gesungenes Gebet, das Gott uns einen Zugang eröffnet zu ihm. Das ist Advent: Warten auf den Zugang zu Gott. Das ist aber auch Advent: Wissen, dass wir diesen Zugang in Jesus Christus schon haben. Aber noch fehlt und der direkte Zugang – er besteht mehr in der Erinnerung der Kirche und der Menschen, die sich in ihr versammeln. Darum bleibt ‚gefühlte Gottesferne’ ein Thema.

Das Geheimnis des Advents heißt Warten können: Warten auf Weihnachten und warten auf eine Zukunft, die uns geschenkt wird – in dem ewigen Advent, den Gott uns verheißt. Darum auch beten mit dem alten Volk Gottes um Erlösung der unerlösten Welt.

Gleichzeitig sind wir aber auch schon Beschenkte in seinem Advent. Wir dürfen etwas erwarten. Wir müssen nicht in der Klage verharren, sondern dürfen aufstehen, wie unser Wochenspruch uns nahe legt, unsere Köpfe erheben, weil unsere Erlösung naht. Durch Jesus Christus haben wir einen Zugang zu Gott und eine Hoffnung, dass menschliches Leben unendlich viel wert ist, viel mehr als wir selber in unserem Leben erkennen können. Advent ist immer da wo Menschen von Gott etwas erwarten. So können wir Advent feiern, miteinander fröhlich sein ohne Stress zu machen. Nicht das Essen oder den Schmuck in den Mittelpunkt stellen, sondern die Menschen, die er uns als Schwestern und Brüder zur Seite stellt. Und ihn erwarten, der unser Leben erlösen will.

Wir erwarten, dass das endgültig geschieht und singen darum unsere adventlichen Lieder wie 16,1-5: Die Nacht ist vorgedrungen

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