Die Vorbereitung

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute wieder einen festlichen Gottesdienst, der im Tiefsten begründet ist durch den ersten Advent. Wir sind heute hier – am Anfang und Beginn des neuen Kirchenjahres -, um uns vorzubereiten auf die Ankunft unseres Herrn, die wir wie jedes Jahr zum Weihnachtsfest feiern wollen. Jedes freudige oder jedes wichtige Ereignis braucht eine Vorbereitung. Die meisten von Ihnen kennen das aus eigener Erfahrung: wenn eine Geburt ansteht, z.B., dann wird in der Regel bei dem ersten Kind einiges an Vorbereitung stattfinden. Sei es, dass man anfängt zu planen, wo das Kind denn schlafen soll, ob es genügend Kleidchen hat für den Anfang. Vielleicht wird die werdende Mutter auch Geburtsvorbereitungskurse oder ähnliches machen. Mit Geschwistern wird man darüber reden, wie es sein wird, wenn nun noch ein Bruder, eine Schwester mit in die Familie kommt.

Aber Vorbereitung gilt auch für anderes. Ein Kollege von mir erzählte mir kürzlich, wie er seinen einen großen Urlaub im Jahr plant. Der Kollege unternimmt immer eine große Schiffsreise und sucht sich gezielt Gegenden aus, in denen er noch nicht war. Mindestens ein halbes Jahr vor der Reise beginnt er mit dem Lesen von Reisebeschreibungen, Kultur und Geschichte der Gegend, in die er fährt. Einmal, so erzählte er, ist eine Reise vom Veranstalter her ausgefallen. Das war zwar schade für ihn, aber er sagt, er hatte schon so viel Vorfreude bei der Vorbereitung und die könne man ihm nicht mehr nehmen.

Eine interessante Einstellung, liebe Gemeinde: bewusste Vorbereitung, bewusste Vorfreude, wenn es auf ein großes Ereignis zugeht. Unser Predigtwort von heute spricht auch von einer Vorbereitung, von einer Ausrichtung auf ein großes Ereignis hin. Die Szene, die die Heilige Schrift dabei als Bild benutzt ist sehr eindrücklich. Johannes auf Patmos sieht in einer großen Vision den himmlischen Thronsaal, wie er sich darauf vorbereitet ein Buch zu öffnen und später darin zu lesen. Nur einer aber ist würdig genug, dieses Buch mit den sieben Siegeln aufzutun. Hören wir also das Predigtwort aus der Offenbarung des Johannes im fünften Kapitel, die Verse eins bis 14:

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as für eine Beschreibung, liebe Gemeinde. Welche Vorbereitung steht für dieses Ereignis an. Sie wissen es: das Buch mit den sieben Siegeln wird aufgetan und es wird gelesen werden die Geschichte der letzten Zeit der Menschen, der Untergang der alten Welt und die Sicht auf die neue Welt, das neue Jerusalem, im dem Tod und Leid keine Macht mehr haben. Diese Woche sprach ich in der Schule darüber, dass dies eine der grundlegenden Hoffnungen und Visionen des Christentum seien und eine Schülerin widersprach mit den Worten: "Das ist doch alles gar nicht realistisch. Das Böse wird immer in der Welt bleiben. Da glauben Sie doch wohl selber nicht dran." Tja, liebe Gemeinde, vielleicht ist dies ja eines der Geheimnisse des Glaubens. Natürlich glaube ich nicht an Bilder, die ja nur Beschreibungen sein können dessen, was jemand inhaltlich zu fassen sucht. Mit welchen Worten soll er es sonst ausdrücken, als in den Worten der Tradition, die schon seit Jahrtausenden von Frieden und Gerechtigkeit reden. Aber es bleibt dennoch bei der Hoffnung, bei den Inhalten, von denen sich Johannes der Seher, berührt fühlt. Und ich glaube, liebe Gemeinde, dass dieser Inhalt, diese Hoffnung die Kraft hat, die Welt zu verändern. Nicht gleich, nicht auf einen Schlag, aber doch Schritt für Schritt. Dass diese Hoffnung in den Herzen der Menschen anfängt, Wärme und Licht auszubreiten und dann immer weiter auch nach außen dringt und den Menschen umgestaltet hin zum Bild Gottes, als das er ja gedacht war. Wie aber den Menschen antworten, wie der Schülerin, die – obwohl getauft – vielleicht vom Kern des christlichen Glaubens keine Ahnung hat und nicht berührt worden ist? Ich habe es so versucht – immer in dem Wissen, dass ich nicht mehr geben kann als Hinweise und persönliche Erzählungen – der eigentliche Glaube wird von Gott unverfügbar geschenkt werden. Ich habe gesagt, dass das schlimmste für den Menschen ist, ohne ein Ziel, ohne eine Hoffnung zu leben. Dass es wichtig sei, sich über sein Leben Gedanken zu machen, einen Sinn im Leben zu erkennen und ihn auch benennen zu können. Nicht bloß getrieben zu sein und die einzigen Impulse zu bekommen etwa durch die Werbung oder durchs Fernsehen, sondern selber etwas zu begreifen, was mir im Leben wichtig ist. Nicht bloß etwa Familie zu gründen und Kinder zu kriegen, weil es alle so machen. Nicht bloß mal sehen, was nächste Woche passiert und hineinschlittern in etwas, was man nicht selber gestalten möchte oder kann, sondern anders: den Sinn seines Lebens benennen lernen und an diesem Sinn Entscheidungen treffen zu können für oder gegen das eine oder andere.

Beide Seiten, liebe Gemeinde, kann ich heute aus unserem Predigtwort dazu hören. Die Entscheidung, sich von Christus lenken und leiten zu lassen, ganz so, wie die Beschreibung im Himmel es vorsieht: er allein ist würdig, dieses Buch des Lebens aufzutun und darin zu lesen. Das Zweite aber ist die Vorbereitung, die die Menschen dazu anstellen sollen. Nicht einfach irgendwie hinnehmen, dass Jesus mit meinen Leben etwas zu tun haben soll oder will, sondern sich darauf vorbereiten, diesen Sinn als tiefsten Sinn in meinem Leben gelten zu lassen. Ganz so, wie es der himmlische Thronstaat in den Bildern von Johannes dem Seher auch tut. Die Ältesten fallen nieder vor dem Lamm und beten es an. Die Engel um den Thron Gottes her sprechen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Alle Geschöpfe auf Himmel und auf Erden und unter der Erde und im Meer – alles, was damals vorstellbar war – spricht ebenso: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Zu Beginn unseres neuen Kirchenjahres, in Erwartung der Feier der Geburt unseres Heilandes zeigt uns dieses himmlische Bild, wie auch wir uns vorbereiten können. Indem wir uns zusammentun, so wie wir es heute tun, im Gottesdienst, in gläubiger Gemeinschaft und anbeten den, der die Macht über unser aller Leben hat. Wir sprechen ihm Lob und Ehre, Preis und Ruhm aus und bewundern seine Herrlichkeit. Die andere Seite liegt nicht allein in unserer Hand: zum Glauben zu kommen, zu akzeptieren, dass der Sinn unseres Lebens in Christus geborgen liegt: das alles ist mit reiner Vernunft und Rationalität und eigener Entscheidung allein nicht zu erreichen. Da sind wir angewiesen auf die Hilfe unseres Herrn, der in uns den Glauben wachsen und reifen lässt.

Aber die andere Seite: die Vorbereitung, die Antwort: das liegt in unserer Hand. Denken wir daran, wenn wir den Advent gestalten – die Wartezeit auf unseren Heiland. Denken wir daran, ihn in die Mitte zu stellen unseres Denkens und Handelns, unseres Redens und Wünschens. Haben wir dieses Bild des himmlischen Thronrates vor Augen und lassen Sie uns versuchen, ihm nachzueifern. Die Liturgie der Ostkirchen stellt sich das ganz konkret auch beim Abendmahl vor, so wie wir es bewusst zu Beginn des neuen Kirchenjahres feiern: wir steigen auf Erden ein und haben teil an diesem Geschehen im Himmel. Denn nur einer, liebe Gemeinde, ist würdig, das Buch meines Lebens zu öffnen, die sieben Siegel zu brechen und in mein Innerstes zu blicken und es zu lesen von Anfang bis zum Ende. Diesem einen, dem Sohn Gottes, dem Lamm, das um unsertwillen sich am Kreuz geopfert hat, diesem einen sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen – so sei es. Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

So bewahre der Friede Gottes, der weiter reicht als unser Verstand es fassen kann, eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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