Wie Gras und Blume

Das Wort der Heiligen Schrift für die heutige Predigt finden wir in den Psalmen des Alten Testamentes, Psalm 103,14-18. Im Bedenken des menschlichen Wesens schreibt der Psalmist folgendes:

[TEXT]

„Das Schlimmste von allem ist, das ich nun alleine bin. Es ist niemand mehr da, mit dem ich reden kann“ – so hat es mir vor einiger Zeit ein Trauernder tief bedrückt berichtet. Viele von Ihnen, die Sie diesen Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag besuchen, haben einen Menschen verloren: Einen Vater, eine Mutter, eine Großmutter, ein Kind, eine Tante, einen Freund, eine Freundin, eine Bekannte – verloren! Sie könnten viel berichten über den Menschen, den sie verloren haben, darüber, was er ihnen bedeutet hat und was sie ihm bedeutet haben, und darüber, wie er oder sie verstorben ist. Vieles kann man dazu sagen. Doch am Schluss und am Ende bleibt dieser eine Satz: Er oder sie ist nicht mehr da! Kann es noch eine einfachere und zugleich tiefere, eine oberflächlichere und zugleich berührendere Beschreibung der Bedeutung des Todes geben als diese: Er oder sie ist nicht mehr da! Ich erinnere mich an einen Jugendfreund: ein sportlicher Typ in den mittleren Lebensjahren, das Leben noch vor sich, er spielte Vollyball in der Bundesliga, hatte einen eigenen kleinen Betrieb aufgebaut, wir gingen noch gemeinsam essen und freuten uns über das Leben, sprachen über dies und das – und dann kam der Krebs. Und heute denke ich manchmal: Er ist nicht mehr da!

Der Psalmbeter kommt zu der gleichen Erkenntnis: Der Mensch ist wie Gras und Blume und wenn der Wind über sie weht, dann sind Gras und Blume nicht mehr da; und die Stätte, die Gras und Blume als ihren eigenen Ort und ihre eigene Stätte betrachtet haben, kennt sie nicht mehr! Die Stätte an der Gras und Blume wuchsen, weiß nichts mehr von ihnen – es ist so, als hätte es dort niemals etwas gegeben! SIE SIND NICHT MEHR DA!

Die Trauer, liebe Gemeinde, über den Verlust eines Menschen, ist auch Trauer über dieses „Er oder sie ist nicht mehr da!“ Vielleicht haben sich manche von ihnen schon vorher gedacht: Wie wird es sein, wenn er oder sie einmal nicht mehr da ist? Und dann kam der Tag, es kam die Stunde – und nun: „nicht mehr da!“ „Warum nicht da? Hätte es nicht anders sein können? Warum gerade jetzt? Warum in diesem Alter? Wie werde ich ohne ihn und ohne sie leben?“ Wo die Blume gestern noch ihren Ort hatte und so wunderschön blühte, dort ist heute nichts mehr! „Nicht mehr da“ – bei diesem Gedanken weht auch über uns Lebende und Hinterbliebene der Hauch der Vergänglichkeit und der Hauch des Nicht-Seins, denn: WIR SIND STAUB! „Gott weiß, was für ein Gebilde wir sind, er gedenkt daran, dass wir Staub sind!“ Gibt es ein ernüchterndes Bild für die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit des Menschen als dieses: STAUB? Otto Michel, einer der ganz Theologen des 20. Jh., in Heidelberg lehrend, soll einmal im Blick auf den Tod resignierend gesagt haben: „EINE EWIGKEIT STAUB!“

Das Wunderbare des heutigen Predigttextes sind seine beiden Seiten: Einmal der Mensch als Staub – doch dann: der Mensch in der Gnade Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit! STAUB, ja STAUB – aber durch Gnade Gottes EWIGKEIT!

Der Umschwung, liebe Gemeinde, wird angedeutet durch das kleine Wörtchen: „aber“! „Die Gnade aber! des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, usw.“ Das „aber“ stellt den Wendepunkt dar von der Erkenntnis, dass wir Staub sind zu der Hoffnung und letztlich zu jener Gewissheit, dass wir zugleich mit EWIGKEIT beschenkt sind. Nicht nur Staub, sondern Ewigkeit in und durch Gott und Gottes Gnade und Gottes Ewigkeit.

„Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.“

Das „aber“, liebe Gemeinde, dieser Wendepunkt, ist schnell ausgesprochen, doch sie wissen aus eigener Erfahrung und ahnen deshalb was für ein langer Weg es zu diesem ABER sein kann. Aus der Hoffnungslosigkeit in die Hoffnung, aus der reinen Trauer über den Verlust in die Zuversicht der Gnade Gottes auch in solchem Schicksal. Ein Weg mit vielen Auf und Abs, mit Rückschlägen, mit Loslassen und Annehmen und neuen Sinn finden: der eine Mensch durchläuft dieses ABER schnell, der andere kann es nicht finden. Zu diesem ABER sind Sie durch die Worte des Psalmisten eingeladen: Das Aber des neuen Mutes, das Aber des Aufblickens, das Aber der Hoffnung durch und auf die Gnade Gottes! Der ewige Gott ist meine Hoffnung, der Lebendige, aus dessen Hand alles Leben hervorgeht, auch wenn er unbegreiflich ist und auch, obwohl er die Widersprüche des Lebens nicht auflöst: Der lebendige Gott in seiner Ewigkeit selbst ist meine Hoffnung – gegen alles Einreden der Vernunft und gegen den STAUB, der ich bin!

Ein Bild fasziniert mich. Mitten auf einem Grabstein wächst unverfroren und frech eine junge Pflanze. Die Pflanze beherrscht das ganze Geschehen. Sie vermittelt Leben, sie versprüht Hoffnung – angesichts des Todes. Ohne diese Pflanze wäre alles trostlos. Ohne sie würde ich mir vielleicht Gedanken machen über die Besonderheiten des Grabsteins oder über die Namen dessen, der auf der Tafel eingraviert ist. Ich könnte dem Leben des Verstorbenen nachtrauern. Aber die kleine, unscheinbare Pflanze macht mir einen Strich durch die Rechnung. Sie lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie lässt mich nicht los. Sie bestimmt meine Gedanken und beherrscht den Grabstein. Als ich näher hinblicke, fällt mir etwas erstaunliches auf. Die Pflanze ist offensichtlich dabei, den übermächtigen Stein in zwei Hälften zu spalten. Sicher ist das nicht von heute auf morgen geschehen, es hat Zeit gebraucht, Monate und vielleicht sogar Jahre. Aber sie hat es geschafft. Ein Spalt hat sich aufgetan in dem Stein. Ein Spalt der Hoffnung, der darauf hinweist, dass niemand mehr nur sagen muss: Eine Ewigkeit Staub, sondern: Das Leben aus Gottes Hand währet von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Johann Sebastian Bach interpretiert den Psalm 103 in seiner Mottete „Singet dem Herrn ein neues Lied“. Zwischen die Textstücke des Psalmes, in welchem das Vergehen des Menschen wie Gras und Blume beschrieben wird, hat er ein Gebet eingefügt, dessen Zeilen das Vergehen unterbrechen. Es lautet:

„Gott, nimm dich ferner unser an,

denn ohne dich ist nichts getan

Mit allen unsern Sachen.

Drum sei du unser Schirm und Licht,

Und trügt uns unsre Hoffnung nicht,

so wirst du´s ferner machen.

Wohl dem, der sich nur steif und fest

Auf dich und deine Huld verlässt.“

In diesem Gebet lebt das ABER des Psalmisten: Staub, ja, das sind wir – aber zugleich hoffen wir auf Gottes Gnade und durch sie und in ihr ist uns und unseren Lieben EWIGKEIT zuteil.

Bachs Mottete endet darum mit einem Lob:

„Lobet den Herrn in seinen Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Alles, was Oden hat, lobe den Herrn, Halleluja.“

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